Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Erstes Hauptstück - 5-10
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- 0:00Unterkapitel 5. Missverständnis des Traumes hier
- 0:05lokalisiert Nietzsche den Ursprung aller Metaphysik im
- 0:08Traum. Er argumentiert, dass der Mensch
- 0:10in den frühen rohen Zeitaltern der Kultur im Traum eine zweite
- 0:14reale Welt kennenzulernen glaubte, ohne den Traum, so
- 0:18seine provokante These, hätte man gar keinen Anlass gehabt,
- 0:21die Welt in 2 Bereiche zu spalten, die Erfahrung des
- 0:24Träumens führte zur grundlegenden Trennung von Seele
- 0:27und Leib. Im Traum scheint die Seele den
- 0:29Körper zu verlassen und eigene Abenteuer zu erleben.
- 0:33Aus dieser Vorstellung entstand die Annahme eines
- 0:35Seelenscheinleibes, eines Geisterhaften Doppelgängers, was
- 0:39wiederum der Ursprung allen Geisterglaubens und
- 0:41wahrscheinlich auch des Götterglaubens ist.
- 0:44Ein zentraler Gedanke, der sich daraus entwickelte, war die
- 0:47Vorstellung vom Leben nach dem Tod, die Menschen schlossen über
- 0:51Jahrtausende hinweg, der Tote lebt fort, denn er erscheint dem
- 0:56Lebenden im Traume. Wenn ein Verstorbener im Traum
- 0:59erscheint, muss er ja in irgendeiner Form weiter
- 1:01existieren. Der Traum ist also nicht nur
- 1:04eine nächtliche Illusion, sondern für Nietzsche die
- 1:07psychologische Wurzel für die fundamentale Spaltung der Welt
- 1:10in eine Diesseitige körperliche und eine jenseitige geistige
- 1:14Sphäre, die Grundlage für alle Metaphysik und Religion.
- 1:19Unterkapitel 6 der Geist der Wissenschaft im Teil, nicht im
- 1:22Ganzen mächtig. Nietzsche unterscheidet hier
- 1:26zwischen der Arbeitsweise der Wissenschaft in ihren
- 1:28Einzelgebieten und dem Anspruch der großen allgemeinen
- 1:31Wissenschaften, insbesondere der Philosophie.
- 1:35Die abgetrennten kleinsten Gebiete der Wissenschaft werden
- 1:38rein sachlich und unpersönlich behandelt, ein Biologe, der eine
- 1:42Zelle untersucht, fragt nicht nach dem höheren Sinn dieser
- 1:45Zelle, die allgemeinen großen Wissenschaften und vor allem die
- 1:48Philosophie als Spitze der Wissenspyramide legen jedoch als
- 1:52Ganzes betrachtet. Immer die Frage auf die Lippen,
- 1:56wozu zu welchem Nutzen? Wegen dieser Rücksicht auf den
- 2:00Nutzen werden sie weniger unpersönlich behandelt als ihre
- 2:03Einzelteile. Jede Philosophie, so Nietzsche,
- 2:06hat unbewusst die Absicht, sich selbst den höchsten Nutzen
- 2:09zuzuschreiben, deshalb gibt es in allen Philosophien so viel
- 2:13hochfliegende Metaphysik und eine solche Scheu vor den
- 2:16scheinbar unbedeutenden Lösungen der Physik.
- 2:20Denn die Bedeutsamkeit der Erkenntnis für das Leben soll so
- 2:23groß wie möglich erscheinen. Hier liegt für Nietzsche ein
- 2:26fundamentaler Gegensatz, Antagonismus zwischen den
- 2:30wissenschaftlichen Einzelgebieten und der
- 2:32Philosophie die Philosophie will genau wie die Kunst dem Leben
- 2:36und handeln möglichst viel Tiefe und Bedeutung geben, die
- 2:40Einzelwissenschaften hingegen suchen nur Erkenntnis und nichts
- 2:43weiter, was auch immer dabei herauskommen mag.
- 2:47Bisher hat es Sunnitsche noch keinen Philosophen gegeben,
- 2:50unter dessen Händen die Philosophie nicht zu einer
- 2:53Apologie der Erkenntnis geworden wäre, also zu einer
- 2:57Rechtfertigung und Verteidigung des Wissens.
- 3:00In diesem Punkt ist jeder Philosoph ein Optimist, der
- 3:03glaubt, dass Erkenntnis den höchsten Nutzen hat, sie alle
- 3:06werden von der Logik tyrannisiert und diese ist ihrem
- 3:09Wesen nach optimistisch unter Kapitel 7 der Störenfried in der
- 3:15Wissenschaft. Dieses sehr kurze Unterkapitel
- 3:19spitzt den Gedanken des vorherigen zu.
- 3:22Nietzsche beschreibt hier den Moment, in dem sich die
- 3:24Philosophie von der Wissenschaft getrennt hat.
- 3:27Dieser Bruch geschah, als die Philosophie die Frage stellte,
- 3:31welches ist diejenige Erkenntnis der Welt und des Lebens, bei
- 3:35welcher der Mensch am glücklichsten lebt.
- 3:38Dies geschah in den Sokratischen Schulen durch die Einführung des
- 3:42Gesichtspunkt des Glücks. Also durch die Priorisierung des
- 3:45menschlichen Glücks über die reine Wahrheitssuche unterband
- 3:48man die Blutadern der wissenschaftlichen Forschung.
- 3:51Die Suche nach der Wahrheit wurde also dem Ziel, glücklich
- 3:54zu sein, untergeordnet und dieser Fehler sonitsche wirkt
- 3:59bis heute nach, die Philosophie agiert als Störenfried in der
- 4:02reinen Wissenschaft, weil sie der Erkenntnis einen Zweck
- 4:05aufbürdet, der ihr ursprünglich fremd ist.
- 4:07Den Menschen glücklich zu machen.
- 4:10Unterkapitel 8. Pneumatische Erklärung der Natur
- 4:16Nietzsche vergleicht die metaphysische Erklärung der
- 4:19Natur mit der Art und Weise, wie die Kirche früher die Bibel
- 4:21auslegte. Das Schlüsselwort ist
- 4:24pneumatisch, was geistig oder vom Geist erfüllt bedeutet,
- 4:29sowie die Kirche und ihre Gelehrten die Bibel nicht
- 4:31wörtlich nahmen, sondern sie pneumatisch auslegten, also
- 4:35überall einen tieferen, Verborgenen, göttlichen Sinn
- 4:38suchten, so erklärt auch die Metaphysik die Schrift der
- 4:41Natur. Sie sucht hinter den natürlichen
- 4:44Phänomenen einen verborgenen geistigen Sinn.
- 4:47Nietzsche fordert stattdessen auf, die Natur dieselbe Art der
- 4:50strengeren Erklärungskunst anzuwenden, die die Philologen
- 4:54Sprachwissenschaftler für alle Bücher geschaffen haben.
- 4:58Diese Kunst hat die Absicht, schlicht zu verstehen, was die
- 5:00Schrift sagen will, aber nicht einen doppelten Sinn zu wittern
- 5:04oder vorauszusetzen, so wie die moderne Philologie einen Text
- 5:08analysiert, um seine tatsächliche Bedeutung zu
- 5:10verstehen. Sollten wir auch die Natur
- 5:12betrachten als eine Ansammlung von Fakten, die es zu verstehen
- 5:16gilt, nicht als ein Buch voller Allegorien und mystischer
- 5:20Bedeutungen? Nietzsche stellt jedoch fest,
- 5:23dass diese schlechte, allegorische Erklärungskunst
- 5:25selbst bei Büchern noch nicht völlig überwunden ist und in
- 5:29Bezug auf die Natur steht es noch viel schlimmer, die
- 5:33Menschen neigen immer noch dazu, in der Natur einen tieferen
- 5:36geistigen Plan zu suchen, anstatt sie einfach als das zu
- 5:39nehmen, was sie ist. Unterkapitel 9 metaphysische
- 5:45Welt hier beschäftigt sich Nietzsche mit der Möglichkeit
- 5:49einer metaphysischen Welt, also einer Welt hinter der uns
- 5:53bekannten Erscheinungswelt ergibt zu, dass es eine solche
- 5:57Welt geben könnte. Die absolute Möglichkeit davon
- 6:00sei kaum zu bekämpfen, wir sehen schließlich alle Dinge durch
- 6:04unseren Menschenkopf und können diesen nicht abnehmen.
- 6:08Es bleibt also die Frage, was von der Welt noch übrig wäre,
- 6:11wenn man den Kopf doch abschneiden könnte.
- 6:15Dies ist für ihn aber ein rein wissenschaftliches Problem und
- 6:18nicht dazu geeignet, den Menschen sorgen zu machen.
- 6:21Der entscheidende Punkt ist alles, was den Menschen bisher
- 6:24metaphysische Annahmen wertvoll, schreckenvoll oder lustvoll
- 6:28gemacht hat, ist Leidenschaft, Irrtum und Selbstbetrug.
- 6:33Die Religionen und Metaphysiken basieren auf den
- 6:35allerschlechtesten Methoden der Erkenntnis, nicht auf den
- 6:38besten. Wenn man diese Methoden
- 6:40aufdeckt, hat man die darauf basierenden Lehren widerlegt,
- 6:44selbst wenn dann noch die bloße Möglichkeit einer metaphysischen
- 6:47Welt übrig bleibt, kann man damit absolut nichts anfangen,
- 6:51man kann sein Glück heil und leben nicht von den Spinnenfäden
- 6:55einer solchen Möglichkeit abhängen lassen, von einer
- 6:58solchen metaphysischen Welt könnte man ohnehin nichts
- 7:01aussagen, außer dass sie ein. Anderssein ist ein uns
- 7:05unzugängliches, unbegreifliches Anderssein.
- 7:08Sie wäre ein Ding mit rein negativen Eigenschaften.
- 7:12Nietzsches Fazit ist radikal, selbst wenn die Existenz einer
- 7:16solchen Welt zweifelsfrei bewiesen wäre, wäre die
- 7:19Erkenntnis über sie die Gleichgültigste aller
- 7:21Erkenntnisse, sie wäre für einen Seemann in Seenot noch
- 7:25gleichgültiger als die Kenntnis der chemischen Analyse des
- 7:27Wassers, sie hätte keinerlei Relevanz für unser Leben.
- 7:32Unter Kapitel 10 Harmlosigkeit der Metaphysik in der Zukunft
- 7:38Nietzsche blickt hier in die Zukunft und beschreibt, wie die
- 7:40Metaphysik ihre bedrohliche Macht verlieren wird, sobald es
- 7:44gelingt, die Entstehung von Religion, Kunst und Moral
- 7:47vollständig zu erklären, ohne dafür metaphysische Eingriffe
- 7:51annehmen zu müssen, verliert das rein theoretische Problem vom
- 7:54Ding an sich und der Erscheinung sein stärkstes Interesse.
- 7:58Wenn wir verstehen, wie diese Dinge aus menschlichen,
- 8:01psychologischen und historischen Entwicklungen hervorgegangen
- 8:04sind, brauchen wir keine höhere Welt mehr als Erklärung.
- 8:07Denn wie es sich dann auch immer mit dem Wesen der Welt an sich
- 8:11verhalten mag, mit Religion, Kunst und Moral, rühren wir gar
- 8:16nicht an dieses Wesen. Wir befinden uns immer im
- 8:19Bereich der Vorstellung und keine Ahnung kann uns darüber
- 8:22hinaustragen. Man wird dann, so Nietzsche, mit
- 8:25voller Ruhe die Frage der Physiologie und der
- 8:27Entwicklungsgeschichte der Organismen und Begriffe
- 8:30überlassen. Diese wissenschaftlichen
- 8:32Disziplinen sollen klären, wie stark sich unser Weltbild von
- 8:35dem erschlossenen Wesen der Welt unterscheiden könnte.
- 8:39Die Metaphysik wird also harmlos, die großen
- 8:43beängstigenden Fragen nach einer Welt hinter unserer Welt
- 8:46verlieren ihre Dringlichkeit und werden zu einer
- 8:48wissenschaftlichen Spezialfrage, die uns emotional nicht mehr
- 8:52berührt.