Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Viertes Hauptstück - 169-177
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- 0:00Unterkapitel 169 Herkunft des Komischen Ne Nietzsche bietet
- 0:07hier eine interessante Erklärung dafür an, warum Menschen lachen
- 0:10und Dinge lustig finden. Er blickt dazu weit in die
- 0:13Vergangenheit zurück, als der Mensch noch fast wie ein Tier
- 0:16lebte und ständig Angst haben musste, 100 Tausende von Jahren
- 0:21war der Mensch ein Wesen, das extrem leicht zu ängstigen war,
- 0:25alles plötzliche und unerwartete bedeutete Gefahr.
- 0:28Man musste sofort bereit sein zu kämpfen oder zu sterben.
- 0:32Später, als die Menschen in sichereren Gesellschaften
- 0:35lebten, blieb dieser Instinkt erhalten.
- 0:38Wir erwarten Sicherheit und Gewohnheit, wenn nun plötzlich
- 0:42etwas Unerwartetes passiert, zum Beispiel ein Wort oder eine Tat,
- 0:47zuckt der Mensch innerlich zusammen, das ist das alte Erbe
- 0:51der Angst. Aber dann merkt der Mensch
- 0:53sofort, es ist keine Gefahr, es tut mir nicht weh.
- 0:58In diesem Moment schlägt die aufgestaute Angst in das
- 1:00Gegenteil um. Das Wesen, das sich vor Schreck
- 1:03zusammengekrümmt hat, entspannt sich schlagartig und entfaltet
- 1:07sich, der Mensch lacht, das Komische ist also der Übergang
- 1:11von einer kurzen Angst in ein Gefühl von Übermut und
- 1:14Erleichterung, beim Tragischen hingegen kippt dieser Übermut
- 1:18schnell in große Angst und Erschütterung um, da im echten
- 1:22Leben aber echte Gefahr seltener ist als harmloser Übermut.
- 1:25Gibt es auf der Welt viel mehr Anlass zum Lachen als zur tiefen
- 1:28Erschütterung? Unterkapitel 170 Künstlerehrgeiz
- 1:36Nietzsche spricht hier über die griechischen Künstler der Antike
- 1:39wie die berühmten Tragödiendichter er sagt, diese
- 1:43Künstler haben ihre Werke geschaffen, um zu siegen, ihre
- 1:47Kunst ist ohne Wettkampf gar nicht denkbar, ihr Ehrgeiz hat
- 1:51ihnen Flügel verliehen. Dabei ging es diesen Künstlern
- 1:54um etwas Bestimmtes. Sie wollten, dass ihr Werk in
- 1:57ihren eigenen Augen perfekt ist. Sie hatten ihren eigenen
- 2:00strengen Maßstab für Vortrefflichkeit, unabhängig
- 2:03davon, was das Publikum dachte. Erst wenn sie selbstzufrieden
- 2:07waren, wollten sie den Sieg über ihre Konkurrenten erringen.
- 2:10Sie verlangten dann von den anderen Menschen, dass diese
- 2:13ihrer eigenen Einschätzung zustimmen, das nennt Nietzsche
- 2:17Ehrgeiz, man will sich selbst überlegen fühlen und möchte,
- 2:21dass die Öffentlichkeit das bestätigt.
- 2:23Nietzsche unterscheidet hier zwischen Ehrgeiz, Eitelkeit und
- 2:27Stolz. Wenn jemand Bestätigung von
- 2:29außen will, ohne sie selbst innerlich zu spüren, also das
- 2:33eigene Werk nicht für gut hält, aber Lob will, nennt man das
- 2:37Eitelkeit, wenn jemand weiß, dass er gut ist und es ihm egal
- 2:41ist, ob andere das auch so sehen, nennt man das Stolz, die
- 2:46griechischen Künstler wollten beides, sie wollten wirklich gut
- 2:49sein für sich selbst. Und dafür geehrt werden von
- 2:53anderen Unterkapitel 171 das notwendige am Kunstwerk.
- 3:03Viele Leute behaupten, an einem perfekten Kunstwerk müsse alles
- 3:06notwendig sein, das heißt kein Wort, kein Ton und keine Form
- 3:11dürfte anders sein, als sie ist. Nietzsche hält das für eine
- 3:14Übertreibung, Künstler reden so, um ihre Kunst wichtiger zu
- 3:18machen, zur größeren Ehre der Kunst.
- 3:21Und Laien reden so aus Unwissenheit.
- 3:24In Wahrheit sind die Formen eines Kunstwerks immer ein
- 3:26bisschen locker, genau wie unsere Sprache.
- 3:29Ein Bildhauer kann hier und da kleine Details hinzufügen oder
- 3:33weglassen, ein Schauspieler oder Musiker kann eine Rolle oder ein
- 3:37Stück heute so und morgen etwas anders spielen, diese kleinen
- 3:41Veränderungen und Ausschmückungen macht der
- 3:44Künstler oft nur für sich selbst.
- 3:46Damit ihm die Arbeit Spaß macht, es ist wie Zuckerbrot und
- 3:50Spielzeug. Damit er die harte Arbeit und
- 3:52die Strenge, die das Hauptwerk erfordert, überhaupt aushält und
- 3:56nicht mürrisch wird. Unterkapitel 172 den Meister
- 4:01vergessen machen. Hier geht es um Musiker, genauer
- 4:05gesagt um Klavierspieler, die Werke von anderen Komponisten
- 4:08Meistern, vortragen. Nietzsche sagt, ein
- 4:12Klavierspieler, hat dann am besten gespielt, wenn man den
- 4:14Komponisten vergisst. Es soll so wirken, als ob der
- 4:18Spieler gerade eine Geschichte aus seinem eigenen Leben erzählt
- 4:21oder etwas im Moment erlebt. Das gilt allerdings nur, wenn
- 4:24der Komponist nicht besonders bedeutend ist.
- 4:27Wenn der Komponist langweilig oder schlecht ist, dann ist der
- 4:30Zuhörer genervt, wenn der Spieler so tut, als wäre es
- 4:32seine eigene Lebensgeschichte. In diesem Fall muss der Spieler
- 4:36die Fantasie des Zuhörers mit technischem Können einfangen,
- 4:40daraus erklärt Nietzsche die Narrheiten des Virtuosentums
- 4:43Virtuosen, technisch perfekte Musiker.
- 4:46Versuchen oft durch extreme Technik zu glänzen, weil die
- 4:49Musik selbst vielleicht nicht stark genug ist oder sie den
- 4:52Zuhörer blenden wollen. Unterkapitel 173 Corigé la
- 4:59Fortune Corigé la Fortune ist französisch und bedeutet das
- 5:05Glück oder Schicksal korrigieren.
- 5:08Nietzsche meint damit, dass im Leben großer Künstler oft
- 5:11unglückliche Zufälle passieren. Zum Beispiel könnte ein Maler
- 5:15gezwungen sein, sein wichtigstes Bild nur schnell als Skizze zu
- 5:18entwerfen, weil er keine Zeit hat.
- 5:21Oder Beethoven, der berühmte Komponist, hat manche seiner
- 5:24großen Sinfonien nur als Klavierauszug hinterlassen, eine
- 5:27vereinfachte Version für Klavier, die nicht die volle
- 5:30Pracht des Orchesters zeigt. Nietzsche findet, dass später
- 5:34kommende Künstler das Recht und die Aufgabe haben, diese Fehler
- 5:37des Schicksals zu korrigieren. Ein Meister der Orchestermusik
- 5:41sollte zum Beispiel so eine nur skizzierte Sinfonie zum Leben
- 5:44erwecken und sie so vollenden, wie es dem Geist des
- 5:48ursprünglichen Künstlers entsprochen hätte.
- 5:51Unterkapitel 174 verkleinern manche Dinge, Ereignisse oder
- 5:59Personen sind so gewaltig, dass man sie nicht klein darstellen
- 6:02darf. Nietzsche nennt als Beispiel die
- 6:05Laokoon Gruppe, eine berühmte antike Statue.
- 6:09Wenn man diese Statue als kleine Nippesfigur fürs Regal nachbaut,
- 6:12verliert sie ihre Wirkung. Sie braucht Größe, andersherum
- 6:16ist es seltener, dass etwas, das von Natur aus klein ist, es
- 6:20verträgt, riesig dargestellt zu werden.
- 6:23Nietzsche wendet das auf Biographen an, Schriftsteller,
- 6:25die über das Leben anderer schreiben, er sagt, es gelingt
- 6:29Biographen meistens eher, einen großen Mann klein und
- 6:32unbedeutend darzustellen als einen kleinen Mann, groß und
- 6:35bedeutend erscheinen zu lassen. Unter Kapitel 175 Sinnlichkeit
- 6:42in der Kunst der Gegenwart Nietzsche kritisiert die
- 6:47Künstler seiner Zeit. Sie versuchen oft, mit ihren
- 6:50Kunstwerken eine sinnliche Wirkung zu erzielen, sie wollen
- 6:53also die Sinne reizen und Leidenschaft wecken, aber sie
- 6:57verrechnen sich oft, ihre Zuschauer oder Zuhörer sind
- 7:01nämlich nicht mehr so empfänglich, sie haben nicht
- 7:04mehr ihre vollen Sinne. Statt durch das Kunstwerk erregt
- 7:07oder begeistert zu werden, geschieht etwas ganz anderes.
- 7:11Das Publikum gerät in eine Art Heiligkeit der Empfindung,
- 7:15Nietzsche meint das nicht positiv, Diese Heiligkeit ist
- 7:18sehr nah verwandt mit Langeweile, das Publikum
- 7:22reagiert also Stumpf oder Pseudoreligiös statt lebendig
- 7:25und sinnlich, die Sinnlichkeit des Publikums beginnt oft erst
- 7:28dort, wo die Kunst des Künstlers aufhört, Künstler und Publikum
- 7:32treffen sich also fast nie am gleichen Punkt der Begeisterung.
- 7:36Unter Kapitel 176 Shakespeare als Moralist in diesem Abschnitt
- 7:42beschäftigt sich Nietzsche mit dem englischen Dramatiker
- 7:45William Shakespeare und seiner Fähigkeit, menschliche
- 7:48Leidenschaften darzustellen. Nietzsche meint, dass
- 7:51Shakespeare viel über die tiefen Gefühle und Leidenschaften der
- 7:54Menschen nachgedacht hat, wahrscheinlich hatte er aufgrund
- 7:57seines eigenen Wesens einen sehr direkten Zugang zu diesen
- 8:00intensiven Emotionen. Nietzsche bemerkt jedoch einen
- 8:03Unterschied zu Michelle de Montaigne, einem französischen
- 8:06Philosophen, der für seine Essays bekannt ist.
- 8:09Während Montaigne seine Beobachtungen über Gefühle
- 8:12direkt als Gedanken niederschrieb, legte Shakespeare
- 8:15diese Weisheiten seinen Theaterfiguren in den Mund.
- 8:18Das bedeutet, dass die Figuren in Shakespeares Stücken oft
- 8:21Dinge über Leidenschaften sagen, die eigentlich die Beobachtungen
- 8:24des Autors sind. Nietzsche hält dies für
- 8:27unnatürlich. Da Menschen in
- 8:29leidenschaftlichen Momenten normalerweise nicht so
- 8:31analytisch über ihre Gefühle sprechen.
- 8:34Dennoch macht genau diese Technik Shakespeares Stücke so
- 8:37Gedankenvoll und tiefgründig. Im Vergleich dazu wirken andere
- 8:41Theaterstücke oft leer. Nietzsche vergleicht dies mit
- 8:45Friedrich Schiller, bei Schiller basieren die klugen Sprüche, die
- 8:48sogenannten Sentenzen, oft auf falschen oder weniger
- 8:51bedeutenden Einfällen, aber gerade weil sie einfach und
- 8:54plakativ sind, wirken sie auf der Bühne sehr stark.
- 8:57Bei Shakespeare hingegen ehren die Sätze sein Vorbild
- 9:00montaignie sie sind ernsthafte und geschliffene Gedanken.
- 9:05Doch für das normale Theaterpublikum sind diese
- 9:07Gedanken oft zu fein und zu fern liegend, weshalb sie ihre
- 9:10Wirkung verfehlen. Unter Kapitel 177 sich gut
- 9:17Zugehör bringen. Nietzsche spricht hier darüber,
- 9:21wie wichtig es ist, nicht nur gut zu sein, sondern sich auch
- 9:24richtig zu präsentieren. Er verwendet das Beispiel eines
- 9:28Musikers. Es reicht nicht aus, ein
- 9:30Instrument technisch perfekt zu spielen, der Musiker muss auch
- 9:33verstehen, wie er sich Zugehör bringt, also wie seine Musik
- 9:37beim Zuhörer ankommt. Nietzsche vergleicht dies mit
- 9:40einer Geige in der Hand eines großen Meisters, wenn dieser
- 9:44Meister in einem riesigen Raum spielt, der viel zu groß für den
- 9:47Klang des Instruments ist, dann hört man nur ein leises Zirpen
- 9:51oder kratzen. In diesem Fall könnte man den
- 9:54größten Meister fälschlicherweise für einen
- 9:56schlechten Stümper halten, weil die Umgebung nicht zur
- 9:59Darbietung passt. Das bedeutet, übertragen auf
- 10:02Schriftsteller und Denker. Man muss den richtigen Rahmen
- 10:05wählen, damit die eigene Qualität überhaupt erkannt wird.