Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Zweites Hauptstück - 72-94
Transcript
- 0:00Unterkapitel 72 Grad der moralischen Erhitzbarkeit ob wir
- 0:06moralisch handeln oder starke Gefühle zeigen, hängt laut
- 0:10Nietzsche oft vom Zufall ab. Es kommt darauf an, was wir
- 0:13gesehen oder erlebt haben, wer schreckliche Dinge sieht wie
- 0:17einen ungerecht getöteten Vater oder einen grausamen Überfall,
- 0:21dessen Leidenschaften werden stark entfacht, er erhitzt sich
- 0:25moralisch, wer nur in kleinen, ärmlichen Verhältnissen lebt.
- 0:29Dessen Gefühle bleiben oft klein und ärmlich.
- 0:33Es ist also weniger eine Frage des Charakters, sondern eine
- 0:35Frage der Menge an Erlebnissen, die darüber entscheidet, ob
- 0:38jemand gut oder böse handelt. Unterkapitel 73 der Märtyrer
- 0:46wider Willen Nietzsche erzählt von einem Mann in einer Partei,
- 0:51der eigentlich zu ängstlich war, um seinen Kameraden zu
- 0:54widersprechen, er machte alles mit, weil er Angst vor ihrer
- 0:57schlechten Meinung hatte. Diese Schwäche wurde ihm zum
- 1:01Verhängnis. Seine Genossen schoben ihn nach
- 1:03vorne und schließlich musste er für die Sache sterben.
- 1:07Er wurde hingerichtet, obwohl er innerlich immer nein sagte,
- 1:11sprach er äußerlich ja sogar noch auf dem Schaffott er starb
- 1:16also eigentlich aus Feigheit vor seinen Freunden, wird aber
- 1:18später als großer Held und Märtyrer gefeiert, Unterkapitel,
- 1:2474, Alltagsmaßstab. Hier gibt Nietzsche eine
- 1:29einfache Regel, wie man menschliche Handlungen
- 1:31einschätzen kann. Er sagt, extreme Handlungen
- 1:35entstehen meist aus Eitelkeit, mittelmäßige Handlungen
- 1:38entstehen aus Gewohnheit und kleinliche Handlungen entstehen
- 1:41meist aus Angst. Wenn man diesen Maßstab anlegt,
- 1:44wird man sich selten irren unter Kapitel 75 Missverständnis über
- 1:50die Tugend Nietzsche beschreibt, wie unterschiedlich
- 1:54menschentugend, also das moralisch gute Empfinden.
- 1:58Wer ein wildes Leben voller Lust geführt hat, glaubt, dass Tugend
- 2:01etwas mit Schmerz oder Verzicht zu tun haben muss.
- 2:04Wer aber von seinen eigenen Lastern und Leidenschaften
- 2:07gequält wird, für den ist Tugend etwas Friedliches wie Ruhe und
- 2:11Glück der Seele. 2 tugendhafte Menschen können sich also völlig
- 2:15missverstehen, weil sie unter dem gleichen Wort etwas ganz
- 2:18anderes fühlen. Unterkapitel 76 der Asket ein
- 2:25Asket ist jemand, der streng enthaltsam lebt.
- 2:28Nietzsche sagt Kurz und knapp, der Asket macht aus der Tugend
- 2:31eine Not, das bedeutet, er braucht diese Strenge, um
- 2:34überhaupt mit sich klarzukommen. Unterkapitel 77 die Ehre von der
- 2:40Person auf die Sache übertragen wir ehren Menschen, die sich für
- 2:45etwas aufopfern oder die Liebe zeigen.
- 2:49Nietzsche beobachtet aber, dass wir diesen Respekt oft
- 2:51fälschlicherweise auf die Sache übertragen, für die sich der
- 2:54Mensch opfert. Nur weil sich jemand für eine
- 2:57Sache opfert, heißt das nicht, dass die Sache selbst gut oder
- 3:00wertvoll ist. Ein tapferes Heer, das
- 3:03überzeugt, kämpft, beweist noch lange nicht, dass der
- 3:06Kriegsgrund gerecht ist. Unterkapitel 78 Ehrgeiz, ein
- 3:12Surrogat des moralischen Gefühls Nietzsche meint, dass Ehrgeiz
- 3:17ein Ersatz für Moral sein kann. Auch Menschen ohne echtes
- 3:21moralisches Gefühl können sich anständig verhalten.
- 3:23Wenn sie ehrgeizig sind und gut dastehen wollen, das
- 3:27funktioniert fast genauso gut. Deshalb verkommen Menschen aus
- 3:31einfachen Verhältnissen, die keinen Ehrgeiz haben, oft sehr
- 3:34schnell, wenn sie einmal ihr moralisches Gefühl verlieren,
- 3:39unter Kapitel 79 Eitelkeit bereichert ohne Eitelkeit wäre
- 3:45der menschliche Geist arm, behauptet Nietzsche.
- 3:49Der eitle Mensch ist wie ein Ladenbesitzer, der sein Lager
- 3:52immer wieder auffüllt, um Kunden anzulocken.
- 3:55Er bietet alles an, was er hat, um Bewunderung zu bekommen, das
- 3:59bereichert letztlich alle, solange sie mit der richtigen
- 4:01Währung bezahlen, nämlich mit Bewunderung, Unterkapitel, 80,
- 4:06Greis und Tod. Nietzsche kritisiert die Art,
- 4:11wie wir mit dem Altern und sterben umgehen, er fragt, warum
- 4:14es rühmlich sein soll, abzuwarten.
- 4:17Bis der Körper und Geist völlig verfallen sind.
- 4:20Er findet die Selbsttötung im Alter, wenn die Kräfte
- 4:22schwinden, eigentlich natürlich und achtbar.
- 4:26Er verweist auf die alten Griechen und Römer, die das so
- 4:28sahen, die Religionen aber haben den Menschen eingeredet, man
- 4:32müsse das Leiden bis zum Ende ertragen und verbieten, den
- 4:36selbstbestimmten Tod. Nietzsche sieht darin eine
- 4:39unnatürliche Verlängerung des Lebens unter Kapitel 81.
- 4:44Irrtümer des Leidenden und des Täters wenn jemandem Unrecht
- 4:50geschieht, entstehen oft Missverständnisse.
- 4:53Ein Armer, dem ein reicher etwas wegnimmt, denkt, der Reiche sei
- 4:56absolut böse, aber der Reiche empfindet den Wert des einzelnen
- 4:59Gegenstands gar nicht so stark, weil er viel besitzt.
- 5:03Täter und Opfer haben völlig unterschiedliche Sichtweisen,
- 5:06der Täter handelt oft gar nicht aus purer Bosheit, sondern weil
- 5:10er sich selbst als etwas Höheres sieht.
- 5:12Oder weil er sich an Konsequenzen nicht stört.
- 5:15Nietzsche vergleicht das mit uns, wenn wir eine Mücke töten,
- 5:18wir tun das ohne Gewissensbisse, weil wir uns als viel wichtiger
- 5:22empfinden, wir schließen fälschlicherweise vom Schmerz
- 5:25des Opfers auf die Bosheit des Täters, aber das stimmt oft
- 5:29nicht überein. Unter Kapitel 82 Haut der Seele,
- 5:37so wie unsere Haut das Innere des Körpers, Fleisch, Knochen,
- 5:40Blut verdeckt. Damit wir nicht schrecklich
- 5:43aussehen, so verdeckt die Eitelkeit die inneren Triebe und
- 5:46Leidenschaften der Seele. Die Eitelkeit ist also die Haut
- 5:50der Seele, die den Menschen erst erträglich macht, unter Kapitel
- 5:5583 Schlaf der Tugend ein kurzer Satz, wenn die Tugend geschlafen
- 6:01hat, steht sie frischer auf, das heißt, man muss nicht immer und
- 6:05in jeder Sekunde tugendhaft sein, eine Pause kann die Moral
- 6:08sogar stärken. Unterkapitel 84 Feinheit der
- 6:13Scham wir schämen uns oft nicht dafür, etwas ja Schmutziges zu
- 6:19denken. Wir schämen uns erst dann, wenn
- 6:21wir glauben, dass andere Leute ahnen könnten, dass wir diese
- 6:24schmutzigen Gedanken haben. Unterkapitel 85 Bosheit ist
- 6:32selten Nietzsche beruhigt uns, die meisten Menschen sind viel
- 6:37zu sehr mit sich selbst beschäftigt.
- 6:38Als dass sie Zeit hätten, wirklich boshaft gegen andere zu
- 6:41sein. Unterkapitel 86 das Zünglein an
- 6:47der Waage wenn wir jemanden loben oder tadeln, tun wir das
- 6:52oft nicht wegen der Person selbst.
- 6:54Wir tun es, weil es uns die Gelegenheit gibt, unsere eigene
- 6:57Urteilskraft zu zeigen, wir wollen glänzen, indem wir
- 7:01urteilen, Unterkapitel, 87. Lukas 1814 verbessert, Nietzsche
- 7:11spielt auf die Bibel an. Dort heißt es, wer sich
- 7:14erniedrigt, wird erhöht werden. Nietzsche sagt sarkastisch, wer
- 7:18sich selbst erniedrigt, will erhöht werden, die Demut ist
- 7:22also oft nur ein Trick, um aufzusteigen, Unterkapitel 88,
- 7:28Verhinderung des Selbstmordes hier sagt Nietzsche etwas sehr
- 7:32Ernstes. Es gibt ein recht, Menschen das
- 7:35Leben zu nehmen, Todesstrafe, aber es gibt kein recht, ihnen
- 7:39das Sterben zu nehmen, wenn jemand sterben will.
- 7:42Ihn daran zu hindern, hält Nietzsche für Grausamkeit,
- 7:46Unterkapitel, 89, Eitelkeit Nietzsche erklärt, warum uns die
- 7:52Meinung anderer so wichtig ist. Ursprünglich, weil sie nützlich
- 7:56ist, aber der eitle Mensch will mehr, er will sich selbst
- 8:00gefallen, indem er anderen gefällt.
- 8:03Er geht sogar soweit, andere zu täuschen, damit sie gut von ihm
- 8:06denken, wenn die anderen ihn dann loben, glaubt er dieses
- 8:10Lob, obwohl er es selbst erzeugt hat.
- 8:13Der eitle Will macht über die Meinung der anderen um sich
- 8:16selbst groß zu fühlen, selbst wenn er dafür Nachteile in Kauf
- 8:19nehmen muss unter Kapitel 90 Grenze der Menschenliebe auch
- 8:27der menschenfreundlichste Mensch hat eine Grenze.
- 8:30Wenn er jemanden für dumm oder schlecht hält und dieser Mensch
- 8:33beweist plötzlich, dass er gar nicht dumm ist, ärgert sich der
- 8:36Menschenfreund. Er will in seinem Urteil
- 8:39bestätigt bleiben. Unterkapitel 91 moralité la
- 8:43moyonte dieser französische Begriff bedeutet weinerliche
- 8:48moral. Nietzsche fragt, wieviel Spaß
- 8:52macht uns eigentlich die Moral? Wir weinen gerne bei rührenden
- 8:56Geschichten über edle Taten. Dieser Reiz würde verschwinden,
- 9:00wenn wir begreifen würden, dass niemand wirklich verantwortlich
- 9:03ist, weil alles handeln notwendig aus der Natur
- 9:06entsteht. Die Illusion der Moral macht uns
- 9:09eine Art sentimentales Vergnügen.
- 9:12Unterkapitel 92 Ursprung der Gerechtigkeit dies ist ein sehr
- 9:19wichtiges Kapitel. Nietzsche erklärt, woher die
- 9:22Gerechtigkeit kommt, sie entsteht dort, wo Menschen
- 9:25ungefähr gleich stark sind. Um sich nicht gegenseitig in
- 9:29nutzlosen Kämpfen zu zerstören, fangen sie an zu verhandeln.
- 9:33Gerechtigkeit ist ursprünglich ein Tausch, ich gebe dir das, du
- 9:37gibst mir das jeder bekommt was er will und es herrscht Frieden.
- 9:42Gerechtigkeit ist also im Kern Einsicht und Selbstschutz, also
- 9:46Egoismus, weil die Menschen aber über Jahrtausende vergessen
- 9:49haben, dass es ursprünglich nur um Tausch ging, nennen sie
- 9:52gerechte Handlungen heute Unegoistisch.
- 9:56Aber das ist nur ein schöner Schein, der durch
- 9:58Vergesslichkeit entstanden ist. Unterkapitel 93 vom rechte des
- 10:04schwächeren wenn jemand schwächer ist, unterwirft er
- 10:08sich dem stärkeren, zum Beispiel eine belagerte Stadt ergibt
- 10:12sich. Warum bekommt der Schwächere
- 10:14trotzdem Rechte, weil er dem starken noch Schaden könnte,
- 10:18indem er sich selbst vernichtet oder die Stadt verbrennt, damit
- 10:22der Starke seinen Gewinn behält, gewährt er dem schwachen Rechte.
- 10:26Das Recht reicht genauso weit wie man macht, hat Nietzsche
- 10:29zitiert. Hier ein Prinzip, jeder hat so
- 10:32viel recht, wie er macht besitzt Unterkapitel 94 die 3 Phasen der
- 10:39bisherigen Moralität Nietzsche beschreibt die Entwicklung der
- 10:44Moral in 3 Stufen, der nützliche Mensch zuerst handelt der Mensch
- 10:49moralisch, weil es ihm nützt und sein Überleben sichert, die
- 10:53Vernunft herrscht. Der ehrenhafte Mensch dann
- 10:57handelt er nach dem Prinzip der Ehre.
- 10:59Er ordnet sich der Gesellschaft unter und achtet die Meinung
- 11:02anderer über sich. Der Mensch des Maßstabs auf der
- 11:06höchsten Stufe bestimmt der Mensch selbst, was ehrenvoll und
- 11:10nützlich ist. Er handelt so, dass es einen
- 11:12dauerhaften Nutzen für alle gibt, er wird zum Gesetzgeber
- 11:16für sich und andere.