Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Achtes Hauptstück - 438-443
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- 0:00Unterkapitel 438 um das Wort bitten in diesem Abschnitt
- 0:07beschäftigt sich Nietzsche mit der modernen Politik, den
- 0:10politischen Parteien und der Rolle der breiten Masse.
- 0:14Er beschreibt den sogenannten demagogischen Charakter der
- 0:16Politik Demagogisch bedeutet hier, dass Politiker versuchen,
- 0:20das Volk durch schmeichelhafte Reden und vereinfachte Parolen
- 0:23zu verführen, um Macht zu gewinnen.
- 0:26Nietzsche stellt fest, dass alle politischen Parteien heutzutage
- 0:29gezwungen sind, sich an die Massen zu wenden, um die vielen
- 0:33Menschen zu erreichen, müssen die Parteien ihre komplizierten
- 0:36Grundsätze in große, einfach verständliche Dummheiten
- 0:39verwandeln. Nietzsche vergleicht dies mit
- 0:41groben Wandmalereien, sogenannten Alfresco Malereien,
- 0:45die man nur aus der Ferne gut erkennen kann, Feinheiten gehen
- 0:49dabei verloren, er sagt, daran lässt sich nichts mehr ändern
- 0:53und es lohnt sich auch nicht, dagegen anzukämpfen.
- 0:56Sobald das einfache Volk anfängt, über Vernunft und
- 0:59Politik mitzureden, ändern sich die Spielregeln unwiderruflich.
- 1:03Er vergleicht diese gesellschaftliche Veränderung
- 1:05mit einem Erdbeben. Ein Erdbeben verschiebt die
- 1:08alten Grenzen und verändert den Wert von Grundbesitz, man muss
- 1:11sich diesen neuen Bedingungen fügen, da man sie nicht
- 1:14aufhalten kann. Nietzsche betrachtet das Ziel
- 1:17der modernen Politik, nämlich das Leben für so viele Menschen
- 1:20wie möglich erträglich zu machen.
- 1:22Er räumt ein, dass diese möglichst vielen dann auch
- 1:25selbst bestimmen sollten, was sie unter einem erträglichen
- 1:28Leben verstehen. Wenn das Volk glaubt, den
- 1:31Verstand zu haben, um die richtigen Mittel für seine Ziele
- 1:33zu finden, dann hilft es, nichts daran zu zweifeln.
- 1:37Der Philosoph sieht sogar einen Vorteil darin, wenn die Menschen
- 1:40das Gefühl haben, selbst über ihr Schicksal zu bestimmen, also
- 1:44das Gefühl der Selbstbestimmung haben und stolz auf ihre wenigen
- 1:47einfachen Begriffe sind, dann macht dieses Gefühl ihr Leben
- 1:50angenehmer. Sie ertragen dann die negativen
- 1:53Folgen ihrer eigenen Beschränktheit besser, weil sie
- 1:55glauben, es selbst gewählt zu haben.
- 1:58Nietzsche fordert jedoch, dass man eine Sache nicht tun darf,
- 2:02man darf nicht verlangen, dass alles zur Politik wird, es muss
- 2:05weiterhin erlaubt sein, dass sich einige wenige Menschen, die
- 2:08klüger oder nachdenklicher sind, von der Politik fernhalten.
- 2:12Diese Menschen sollten ein wenig zur Seite treten, auch sie
- 2:15dürfen die Lust an der Selbstbestimmung haben und den
- 2:18Stolz besitzen, zu schweigen, während alle anderen laut reden.
- 2:22Diese wenigen Nachdenklichen müssen den Politikern und dem
- 2:24Volk verzeihen, wenn diese das Glück der Masse wichtiger nehmen
- 2:28als alles andere. Man muss ihnen auch nachsehen,
- 2:31wenn sie gelegentlich über die Intelligenz dieser
- 2:33Massenbewegung spotten, denn der Ernst der nachdenklichen
- 2:37Menschen liegt woanders, ihr Ziel ist es nicht, von einer
- 2:41plumpen Hand, also der breiten Masse, ergriffen zu werden,
- 2:45schließlich beschreibt Nietzsche eine Art Kreislauf.
- 2:49Die wenigen nachdenklichen treten aus ihrer Stille heraus
- 2:52und rufen einander zu, um sich gegenseitig Mut zu machen, wie
- 2:55verirrte in einem Wald. Dabei entstehen manchmal Töne,
- 2:59die für die Ohren der Masse schlecht klingen, aber bald
- 3:02darauf wird es wieder still im Wald und man hört wieder die
- 3:05feinen, leisen Geräusche des Lebens, vergleichbar mit dem
- 3:09Summen von Insekten, Unterkapitel, 439, Kultur und
- 3:15Kaste. Nietzsche vertritt hier eine
- 3:19These, die für moderne Ohren sehr streng klingt.
- 3:22Er sagt, dass eine höhere Kultur, also eine Gesellschaft
- 3:25mit großer Kunst und Wissenschaft, nur unter einer
- 3:28Bedingung entstehen kann, es muss 2 unterschiedliche Gruppen
- 3:32oder Kasten geben, die erste Kaste ist die der Arbeitenden,
- 3:35die zur Zwangsarbeit verpflichtet sind, die zweite
- 3:38Kaste ist die der Müßigen mit Müßigen meint Nietzsche hier
- 3:42nicht Faulenzer. Sondern Menschen, die frei von
- 3:45körperlicher Arbeit sind und Zeit haben, sich wahre Bildung
- 3:48und Muße anzueignen. Nietzsche nennt dies auch die
- 3:52Kaste der Freiarbeit, er erklärt, dass es für die
- 3:55Entstehung einer hohen Kultur nicht entscheidend ist, ob das
- 3:58Glück gerecht verteilt ist. Jedenfalls ist die Kaste der
- 4:01Müßigen, also derjenigen, die Zeit für Kultur haben,
- 4:05diejenige, die Leidensfähiger ist.
- 4:08Sie leidet mehr, weil ihre Ansprüche höher sind und ihre
- 4:10Empfindsamkeit größer ist. Ihr behagen am Dasein ist oft
- 4:14geringer und ihre geistige Aufgabe ist größer und schwerer.
- 4:18Die Kaste der Arbeitenden hingegen ist durch ihre
- 4:20Gewohnheit abgestumpfter und spürt das Leid weniger intensiv.
- 4:25Nietzsche sieht aber eine Möglichkeit des Austauschs
- 4:27zwischen diesen beiden Gruppen, damit die Trennung nicht starr
- 4:30bleibt, wenn in der oberen Kaste stumpfere weniger geistreiche
- 4:35Familien oder Einzelpersonen auftauchen, können diese in die
- 4:38niedere Kaste herabgesetzt werden.
- 4:41Umgekehrt können freiere, geistig stärkere Menschen aus
- 4:44der niederen Kaste den Zutritt zur höheren Kaste erlangen.
- 4:48Auf diese Weise wird ein Zustand erreicht, den Nietzsche mit dem
- 4:51offenen mehr vergleicht, man sieht über die begrenzten
- 4:54Wünsche der Gegenwart hinaus in eine offene Zukunft.
- 4:58Nietzsche sagt, dies sei die Stimme der alten Zeit, die noch
- 5:01zu uns spricht, auch wenn wir heute vielleicht nicht mehr
- 5:04darauf hören wollen. Unterkapitel 440.
- 5:10Von Geblüt hier spricht Nietzsche über den Adel und die
- 5:15Abstammung, was er von Geblüt nennt.
- 5:18Er fragt, was Männer und Frauen aus altem Adel eigentlich
- 5:21voraushaben, dass Ihnen ein Recht auf eine höhere
- 5:24Wertschätzung gibt. Seine Antwort ist, dass diese
- 5:27Menschen durch lange Vererbung 2 Künste besonders gut
- 5:30beherrschen, die Kunst zu befehlen und die Kunst des
- 5:34stolzen Gehorsams. Nietzsche beobachtet nun die
- 5:38moderne Welt der großen Kaufleute und der Industrie.
- 5:41Er stellt fest, dass dort das Befehlen zum Tagesgeschäft
- 5:44gehört, es entsteht dort eine neue Art von Aristokratie, die
- 5:48dem alten Adel ähnlich ist. Was dieser neuen Gruppe jedoch
- 5:52fehlt, ist die vornehme Haltung im Gehorsam.
- 5:56Diese Haltung war eine Erbschaft aus den feudalen Zeiten, also
- 6:00der Zeit der Ritter und Könige. Nietzsche glaubt, dass diese
- 6:03Fähigkeit zum Stolzen dienen in unserem heutigen kulturellen
- 6:06Klima nicht mehr wachsen wird. Unterkapitel 441 Subordination
- 6:15Nietzsche untersucht den Begriff der Subordination, das bedeutet
- 6:19Unterordnung oder Gehorsam in einer Rangordnung.
- 6:22Diese Unterordnung wird im Militärstaat und im Beamtenstaat
- 6:26sehr hoch geschätzt. Nietzsche erwähnt auch die
- 6:29Taktik der Jesuiten eines katholischen Ordens.
- 6:32Der für seinen absoluten Gehorsam bekannt ist.
- 6:34Er glaubt, dass diese Form der bedingungslosen Unterordnung
- 6:37bald unglaublich erscheinen wird, also dass die Menschen sie
- 6:40nicht mehr verstehen oder akzeptieren werden, wenn diese
- 6:44Unterordnung verschwindet, werden viele erstaunliche
- 6:47Wirkungen, die durch sie möglich waren, nicht mehr erreicht
- 6:50werden können, die Welt wird dadurch ärmer an Kraft, der
- 6:55Grund für das Verschwinden der Subordination ist, dass ihr
- 6:58Fundament verschwindet. Dieses Fundament war der Glaube
- 7:02an eine unbedingte Autorität und an eine endgültige Wahrheit.
- 7:06In früheren Zeiten. Selbst in Militärstaaten reichte
- 7:09physischer Zwang nicht aus, es brauchte zusätzlich eine
- 7:12angeerbte Verehrung, eine Adoration für den Fürsten oder
- 7:16Anführer, als wäre dieser etwas übermenschliches in freieren
- 7:20Verhältnissen, wie wir sie heute kennen, ordnen sich Menschen nur
- 7:23noch unter Bedingungen unter, es ist eine Folge eines
- 7:27gegenseitigen Vertrages. Man gehorcht nur, wenn es dem
- 7:30eigenen Nutzen dient und man sich dabei seine eigenen Rechte
- 7:33vorbehält. Unterkapitel 442 Volksheere in
- 7:41diesem Abschnitt kritisiert Nietzsche die Idee der
- 7:44Volksheere damit sind Armeen gemeint, die durch allgemeine
- 7:47Wehrpflicht aus der gesamten Bevölkerung gebildet werden, im
- 7:50Gegensatz zu reinen Berufsarmeen oder Söldnern früherer Zeiten.
- 7:55Er sieht darin einen großen Nachteil.
- 7:58Die Verschwendung von Menschen der höchsten Zivilisation nur
- 8:02durch sehr glückliche Umstände. Gibt es überhaupt hochgebildete
- 8:05und feine Menschen? Nietzsche fragt, wie man so
- 8:09sparsam und ängstlich mit diesen Menschen umgehen sollte, da es
- 8:12lange Zeiträume braucht, um so zart organisierte Gehirne zu
- 8:15schaffen. Früher, so argumentiert er,
- 8:18wüteten die Kriege unter den Griechen im griechischen Blut,
- 8:21und jetzt wüten sie im europäischen Blut.
- 8:24Das Problem ist, dass bei den modernen Volksheeren relativ
- 8:27gesehen die Höchstgebildeten am meisten geopfert werden.
- 8:30Das sind diejenigen, die eine gute und reichliche
- 8:33Nachkommenschaft garantieren könnten.
- 8:35Diese Menschen stehen im Kampf oft vorne, weil sie als
- 8:38Befehlshaber dienen und setzen sich wegen ihres höheren
- 8:41Ehrgeizes den größten Gefahren aus.
- 8:44Nietzsche bezeichnet den groben Patriotismus der Römer, also die
- 8:47bedingungslose Aufopferung für das Vaterland.
- 8:50In der heutigen Zeit, als etwas unehrliches oder als ein Zeichen
- 8:54von Zurückgebliebenheit. Heute gibt es ganz andere und
- 8:57höhere Aufgaben als nur Vaterland und Ehre, Patria und
- 9:02Honor Unterkapitel, 443, Hoffnung als Anmaßung Nietzsche
- 9:11spricht hier über den Wandel der gesellschaftlichen Ordnung.
- 9:14Er sagt voraus, dass unsere jetzige Ordnung langsam
- 9:17wegschmelzen wird, so wie es alle früheren Ordnungen auch
- 9:20getan haben. Der Grund dafür ist die
- 9:23Aufklärung, sobald die Sonnen neuer Meinungen mit neuer Hitze
- 9:27über die Menschen scheinen, schmelzen die alten Strukturen
- 9:29dahin, man kann sich dieses Wegschmelzen wünschen, indem man
- 9:33hofft, aber Nietzsche warnt, man darf vernünftigerweise nur dann
- 9:38hoffen, wenn man sich und seinesgleichen mehr Kraft in
- 9:41Herz und Kopf zutraut. Als den Vertretern des Alten,
- 9:44des Bestehenden, wenn man einfach nur hofft, ohne besser
- 9:47zu sein, dann ist diese Hoffnung in Wirklichkeit eine Anmaßung
- 9:50und eine Selbstüberschätzung.