Latest / Die Lage international mit Christian Mölling / Bis 2029 muss was auf dem Hof stehen, das Putin Eindruck macht
Transcript
- 0:06Es ist Donnerstag, der 17. September. Herzlich willkommen zum Stern-Podcast
- 0:12Die Lage International mit Christian Mölling, Senior Advisor beim Brüsseler
- 0:17Think Tank European Policy Center.
- 0:20Guten Morgen, Herr Mölling. Hallo, guten Morgen, Herr Gattmann.
- 0:22Mein Name ist Moritz Gattmann. Ich bin Auslandsreporter für den Stern mit Schwerpunkt Osteuropa.
- 0:29Vor einigen Tagen habe ich für den Stern ein Interview mit Andrei Pivovarov
- 0:33gemacht, einem Putin-Gegner, der bei diesem Gefangenenaustausch vor zwei Jahren freikam.
- 0:39Und der sagte mir, je mehr Deutschland in seine Aufrüstung investiert,
- 0:43desto schneller endet der Krieg in der Ukraine.
- 0:46Die Logik dahinter, wer überhaupt mit Wladimir Putin in Verhandlungen gehen
- 0:50will, der muss gut gerüstet sein, und zwar in jeglicher Hinsicht.
- 0:54Deshalb wollen wir, Herr Mölling, heute mal eine Bestandsaufnahme machen.
- 0:59Im April 2026 verkündete die Bundesregierung, unsere Bundeswehr solle die stärkste
- 1:05konventionelle Armee Europas werden.
- 1:08Allein in diesem Jahr werden dafür 108 Milliarden Euro investiert.
- 1:13Wo stehen wir auf diesem Weg?
- 1:16Also, ich würde das mal so beschreiben. Wir sind im Grunde genommen.
- 1:24Immer noch am Anfang der Phase 2. Also Phase 1 war das Sondervermögen mit den 100 Milliarden.
- 1:33Das klingt schon irrsinnig, aber ist letztendlich, wenn man sich die historische,
- 1:40wenn man so will, Nicht-Investitionen und damit quasi die Hypothek anguckt,
- 1:44die die Bundeswehr aufgebaut hat, war das nicht wahnsinnig viel.
- 1:49Und jetzt sind wir im Jahr drei oder vier dieser gesamten Geschichte.
- 1:56Mit der neuen Bundesregierung ist es dann möglich gewesen, die Schuldenbremse
- 2:00für die Verteidigung auszunehmen.
- 2:03Und erst seitdem sind die Hähne richtig auf, so will ich es mal bezeichnen.
- 2:08Die Hoffnung, dass wir das alles bis 2029 so richtig gut hinkriegen,
- 2:14also alles da steht, die ist überzogen, beziehungsweise das war nie der Plan.
- 2:20Der Plan ist erstmal bis 2029 was auf dem Hof stehen hat, was deutlich besser
- 2:25ist und was einen Eindruck in Richtung Putin macht. Also genau das,
- 2:29was ihr Interviewpartner auch gesagt hat.
- 2:31Und ich glaube, das alleine, wenn Deutschland das schafft, dann ist das schon
- 2:34ein klares Signal in Richtung Moskau, dass wir eben nicht nur reden.
- 2:39Jetzt haben sie gefragt, wo stehen wir da?
- 2:41Es steht noch nicht viel auf dem Hof. Das ist ein Teil der ganzen Geschichte.
- 2:47Man muss, glaube ich, also ich schwanke hin und her zwischen der Sorge,
- 2:54dass das doch wieder alles nichts wird, weil wir gießen hier Geld in ein altes
- 2:57System, das nicht dafür berühmt ist, gut zu funktionieren.
- 3:00Und auf der anderen Seite sehen wir, nicht bei dem, was auf dem Hof steht,
- 3:04aber in der Art und Weise, wie zurzeit gerüstet wird mit den vielen Neuerungen, die da sind,
- 3:10sind die zumindest erfolgversprechend, so würde ich es mal vorsichtig sagen.
- 3:15Ich finde es zum jetzigen Zeitpunkt falsch, mittendrin schon über die Bundeswehr
- 3:22und ihre Beschaffung zu richten im Sinne von, das ist alles super und das wird
- 3:25ganz toll oder aber das wird sowieso nichts.
- 3:29Das war ja tatsächlich über Jahrzehnte, muss man sagen, ein großes Hindernis
- 3:34bei der Modernisierung der Bundeswehr, besonders vor 2022.
- 3:38Dieses langsame Tempo bei der Beschaffung.
- 3:43Wie bewerten Sie das denn jetzt? Vielleicht können Sie da ein paar Beispiele bringen.
- 3:47Gibt es da inzwischen ein neues, wirklich der Zeitenwende angemessenes Tempo?
- 3:53Ich glaube, die Zeitenwende bedeutet als erstes mal, dass man wirklich gesagt
- 3:57hat, wir wollen hier was ändern.
- 3:59Denn das, was Sie eben beschrieben haben, die Modernisierung der Bundeswehr,
- 4:03die hat es in dem Sinne eigentlich nicht gegeben.
- 4:05Ja, Sachen sind immer mal modernisiert worden, aber dass das ein kohärenter
- 4:10Strang gewesen ist, wo man gesagt hat, das wollen wir jetzt,
- 4:12weil es eine bestimmte Aufgabe gibt, das war es eigentlich nicht.
- 4:15Wenn man sich die Zeit vor 2022 angeguckt hat, dann gab es im Grunde genommen einen Ausgabendeckel.
- 4:22Teurer durfte es nicht werden.
- 4:25Und was man dafür gekauft hat, das war jetzt nicht egal, aber ob das jetzt ein
- 4:29Flugzeug mehr oder weniger ist, ob das heute oder morgen kommt,
- 4:33das war ziemlich egal. Und diese Parameter, die haben sich einfach alle geändert.
- 4:38Was man dann geändert hat im Rahmen der Beschaffungsgesetzgebung.
- 4:44Das ist alles noch an der Oberfläche.
- 4:46Das heißt, wir sehen hier gerade, dass die ersten Veränderungen stattfinden,
- 4:50aber, wie soll man sagen, der Teufel sitzt halt tief im System drin.
- 4:55Und dass jetzt der letzte Beamte, die letzte Beamtin das alles schon so umsetzt,
- 5:03wie es, wie soll man sagen, dass die Beamtinnen und Beamten,
- 5:06die für die Beschaffung zuständig sind, an ihre Grenzen gehen,
- 5:10auch an die Grenzen der Gesetzgebung gehen, das machen die teilweise nicht,
- 5:14weil sie halt schlechte Erfahrungen mit solchen, genau solchen Sachen gemacht haben.
- 5:17Wo es in der Vergangenheit ihnen gesagt worden ist, neue Fehlerkultur,
- 5:21wir müssen an die Grenzen gehen, wir müssen auch mal was wagen.
- 5:24Und dann, wenn Beamtinnen und Beamte das gemacht haben, sind sie nachher persönlich
- 5:29sozusagen haftbar gemacht worden und nicht der Staat ist für sie eingesprungen,
- 5:33hat gesagt, die haben das gemacht, weil wir ihnen das gesagt haben.
- 5:36Deswegen schützen wir sie im Grunde genommen gegen Gerichtsverfahren,
- 5:40die deswegen angestrengt worden sind.
- 5:42Können Sie denn mal ein konkretes Beispiel machen, wo es mal richtig gut lief,
- 5:46wo es mal richtig schnell ging?
- 5:48Naja, wenn Sie sich angucken, alles, was wir zurzeit im Bereich Beschaffung
- 5:52und Flugabwehr auf der einen Seite machen oder aber was wir im Bereich Munition machen.
- 5:58Das sind alles Geschwindigkeiten gewesen, wo man sagen muss,
- 6:00das hätten wir nicht gedacht, dass es klappt, innerhalb von wenigen Monaten
- 6:05zum Beispiel eine riesige Munitionsproduktionsanlage aufzubauen.
- 6:09Dass wir in der Lage sind, so schnell mehr Flugkörper zu produzieren und die
- 6:14Ukraine zumindest in diesem Bereich, der sozusagen mit der IRST funktioniert,
- 6:19da doch signifikant nachzuziehen.
- 6:22Das ändert nichts daran, dass viele Dinge bei uns noch langsam sind.
- 6:29Ich würde nicht zu langsam, auch mit Blick auf das, was man erreichen will.
- 6:33Ich glaube, was man einfach immer mit unterstellen muss, ist,
- 6:36wir sind, auch wenn man in den vergleichenden Richtung Ukraine macht,
- 6:39wir sind kein Land im Krieg. Wir haben halt einen Friedensbetrieb.
- 6:43Und das heißt, wir haben ganz viele zivile Vorschriften einzuhalten.
- 6:48Und die dafür in der Ausnahme zu machen, das ist möglich.
- 6:51Ich glaube, wir lernen jetzt aber gerade erst mal, wie stark dieser zivile Friedensbetrieb
- 6:56oder zivilen Vorschriften im Friedensbetrieb uns tatsächlich hemmen,
- 7:01ja sozusagen kriegstüchtig auch im Produktionsbereich zu werden.
- 7:05Die Investitionen für 2026 habe ich schon genannt, 108 Milliarden.
- 7:11Nächstes Jahr sollen es sogar 140 Milliarden Euro werden.
- 7:14Nun gibt es dabei nicht nur Politiker von ganz rechts bis ganz links,
- 7:18die die Idee der Aufrüstung an sich kritisieren,
- 7:22sondern auch Ökonomen, wie etwa den Präsidenten des Kieler Instituts für Weltwirtschaft,
- 7:26Moritz Schularik, der sagt, das Geld wird falsch investiert,
- 7:29also in veraltete Waffensysteme, so ganz in Kürze, Statt in Panzer sollten wir
- 7:34mehr Geld in Drohnen und KI
- 7:36investieren. Wie sehen Sie das? Hat der Recht?
- 7:41Also, die Ökonomen haben recht, wenn sie hinterfragen, was zur Zeit mit dem
- 7:45Geld passiert. Denn es gibt einen negativen Effekt durch die sogenannte Bereichsausnahme,
- 7:50also dass wir Investitionen in Verteidigung von der Schuldenbremse ausgenommen haben.
- 7:55Das heißt, da ist so eine ökonomische Regulierung, auch eine Priorisierung,
- 7:58die ist gerade nicht mehr da.
- 8:00Das ist schlecht, weil tatsächlich dann, glaube ich, auch Geld für schlechte
- 8:08Dinge rausgegeben wird. und in der Folge dessen halt einfach Skandale passieren
- 8:12werden. Das ist so sicher wie das Arme in der Kirche.
- 8:14Was dann eher überraschend ist und viele meiner Kolleginnen und Kollegen auch
- 8:18überrascht ist, dass Ökonomen wissen, wie man den Krieg richtig führt.
- 8:23Das ist tatsächlich eine etwas traurige Entwicklung, dass wir neben 84 Millionen
- 8:28Fußballtrainern und auch vielen Virologen, die auf einmal da gewesen sind,
- 8:35jetzt auf einmal viele Verteidigungsplaner haben.
- 8:37Und da muss man sagen, naja, so einfach ist es dann halt tatsächlich nicht.
- 8:41Also die Leute, die in der Bundeswehr und in der NATO-Verteidigung planen.
- 8:45Denen würde ich erstmal unterstellen, dass sie nicht komplett blöd sind.
- 8:48Das ist, glaube ich, das Erste. Das Zweite ist, dass dieser Begriff von modern,
- 8:51oder Moritz Schlerig hat das ja auch als Altmetall bezeichnet,
- 8:56dass der kurioserweise sich an den alten Kategorien von Waffensystemen orientiert,
- 9:02also an einem System und nicht an der Frage.
- 9:05Wie effizient macht das denn eigentlich seine Aufgabe? Das ist,
- 9:09glaube ich, das total Komische.
- 9:11Denn ich will Ihnen ein Beispiel geben, dass das auf die Spitze treibt.
- 9:15Die Amerikaner haben in den 50er Jahren ein Flugzeug gebaut,
- 9:19das bis heute fliegt, extrem erfolgreich. Die B-52, riesiger Bomber.
- 9:24Und im Grunde genommen fällt er total eigentlich aus der Zeit.
- 9:28Er fliegt aber immer noch. Und wenn wir der Ukraine einen Geschwader davon anbieten
- 9:32würden, würden die das mit Kusshand nehmen.
- 9:34Warum? Weil es eine spezifische Aufgabe total gut bewältigt und die Kosten für
- 9:40die Entwicklung eines neuen Systems exorbitant hoch sind, um das zu erledigen.
- 9:45So, das heißt, ich finde die Frage der Ökonomen ist total wichtig zu sagen,
- 9:50ab wann lohnt sich so ein System noch, ab wann lohnt es sich nicht mehr.
- 9:53Aber nur zu sagen, etwas ist nicht mehr gut, weil es alt ist,
- 9:57das finde ich total komisch. Also das ist wirklich eine Definition,
- 10:01die ich verstehe, woher die kommt. Die kommt aus einem Fortschrittsglauben.
- 10:06Die Ökonomen beobachten, gerade die Wirtschaftshistoriker, zu denen Moritz Schüller
- 10:10ja auch gehört, die beobachten, dass technologische Innovation immer eine Antwort
- 10:15liefert oder geliefert hat in der Vergangenheit auf Phasen, wo auch der Wohlstand in den Keller geht.
- 10:22Und jetzt wird hier sozusagen dann die Brücke gebaut zwischen militärischer
- 10:26Investitionen in Innovationen, bringt auch Wohlstand zu Gewinnen.
- 10:31Das sind Rechnungen, die alles sehr hypothetisch sind.
- 10:36Denn der Verlust des Wohlstandes, den wir zurzeit durch die Automobilindustrie
- 10:42und in Zukunft haben werden, da sind andere Ökonomen der Ansicht, dass das Verhältnis,
- 10:49was wir jetzt gleichzeitig dann in Rüstung investieren, dass sich das überhaupt
- 10:53nicht ausgeht im Grunde genommen.
- 10:55Denn das, was Sie eben gesagt haben an den Zahlen, das fließt ja nicht alles in Rüstung.
- 10:59Man muss sich vor Augen halten, das meiste Geld im Verteidigungshaushalt,
- 11:03über 50 Prozent oder um die 50 Prozent, gehen immer noch und werden auch in
- 11:08Zukunft in Menschen gehen und nicht in die Rüstung.
- 11:12Also das haben wir geklärt, dass Ökonomen eben nicht wissen,
- 11:16wie man richtig aufrüstet oder Krieg führt.
- 11:19Aber wer das weiß, sind ja die Ukrainer, Und inzwischen ist es jetzt so eine
- 11:23Art Bon mot geworden, dass wir von der Ukraine lernen müssten,
- 11:27wie man richtig aufrüstet, wie man Krieg führt, was Agilität betrifft,
- 11:32Innovationstempo und so weiter.
- 11:35Ist das so? Sollten wir immer auf die Ukraine gucken oder hat auch das seine Grenzen?
- 11:40Die Ableitung, die viele Ökonomen machen oder die einige Ökonomen machen,
- 11:43also man muss auch sagen, es gibt wirklich sehr gute und sehr vernünftige Leute in dem Bereich.
- 11:49Aber diese Übertragung, die wir bei vielen ökonomischen Studien sehen,
- 11:54jetzt ist auch gerade vom IFO-Institut eine rausgekommen, die genau diese gleiche
- 11:57Unterstellung macht, die Sie jetzt gerade geäußert haben, die viele machen, die eigentlich so,
- 12:02eine Mischung ist zwischen, naja, wir sehen es doch in der Ukraine,
- 12:07die sind erfolgreich.
- 12:08Das ist das Rezept, das wir deswegen anwenden müssen. Das nennt man im Englischen
- 12:12Mirror Imaging, also man überträgt die Lösung, die ich gerade irgendwo sehe,
- 12:16auf mich selber und glaube, dass das den gleichen Effekt hat.
- 12:20Man kann relativ schnell darauf kommen, dass das nicht funktioniert,
- 12:22weil NATO-Europa ganz anders aussieht und ganz anders sich aufgestellt hat,
- 12:28um zu kämpfen, als die Ukraine das tut.
- 12:31Von daher geht es eben, was man aus der Ukraine lernen kann.
- 12:36Ist eben nicht, wie man die jüngste Drohne baut.
- 12:41Sondern, was man aus der Ukraine lernen kann, ist eine Ebene drüber,
- 12:45zu zeigen, dass Agilität und Pragmatismus total hilfreich sind.
- 12:49Die Ukraine führt nicht die ideologischen Schlachten, die wir hier in Deutschland führen.
- 12:53Brauchen wir den Panzer oder brauchen wir die Drohne? Die kaufen alles,
- 12:56weil sie genau wissen, in der jetzigen Situation auf dem Schlachtfeld hilft mir die Drohne.
- 13:01Vorher war es was ganz anderes. Wir erinnern uns zurück. Vorher war es die Artillerie,
- 13:06waren es die Panzerraketen.
- 13:08Der Krieg ist ja durch viele Phasen durchgegangen, der immer wieder andere Waffensysteme,
- 13:13medial in die Öffentlichkeit gestellt hat.
- 13:16In der militärischen Perspektive hat die Ukraine zurzeit mit den Drohnen keine
- 13:22Perspektive, erfolgreiche Offensivoperationen durchzuführen.
- 13:27Also so Offensivoperationen, die mehr als ein paar Quadratkilometer zurücknehmen.
- 13:32Und damit hat sie keine Möglichkeit, mit einfachen Drohnen Gelände zurückzugewinnen
- 13:38und damit auch Putin weiter unter Druck zu setzen.
- 13:40Das heißt also, die Lösung, die hier propagiert wird, macht mehr Drohnen,
- 13:44ist keine Lösung, die uns auf die Gewinnerstraße letztendlich bringt.
- 13:48Das ist eine Straße, die heißt, hier verliert ihr nicht.
- 13:52Aber das ist noch kein Erfolg. Und die Frage ist, ob wir uns dann auf diese
- 13:56Straße begeben wollen, ob wir sagen wollen, naja, unser Instrumentarium ist
- 14:00schon sehr viel breit gefächerter.
- 14:03Und wir greifen auf eine völlig andere Industrie zurück, als die Ukraine das
- 14:06zum jetzigen Zeitpunkt kam.
- 14:09Herr Mölling, als eine Art Lackmustest für die Zeitenwende wird auch der Aufbau
- 14:13der deutschen Panzerbrigade in Litauen mit etwa 5000 Mann gesehen.
- 14:18Da hat Verteidigungsminister Pistorius jetzt angekündigt, dass einige hundert
- 14:23Mann zum Dienst dort zwangsverpflichtet werden sollen. Also eben nicht auf freiwilliger
- 14:28Basis, wie die meisten Soldaten, die dort sind.
- 14:31Wie bewerten Sie das? Ist das irgendwie ein schlechtes Zeichen dafür,
- 14:35dass die Zeitenwende noch nicht so richtig angekommen ist hier?
- 14:38Nee, das ist es nicht. Ich glaube, das ist ein Mischmasch aus vielen unterschiedlichen
- 14:42Sachen. Also Pistorius hat damals die Brigade Litauen gemacht gegen den Rat aller.
- 14:47Und der Rat, das nicht zu machen, war militärisch verständlich,
- 14:51weil Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg keine permanenten Stationierungen im Ausland gehabt hat.
- 14:58Und man überhaupt gar keine Übung darin hatte, im Gegensatz zu den Franzosen,
- 15:01den Briten und anderen, die halt ständig sogenannte Overseas-Deployments gehabt haben.
- 15:07Das heißt, ich habe einen totalen Kulturschock innerhalb der Bundeswehr.
- 15:10Ich muss für 5000 Leute eine komplette Sonderausnahme planen und ich muss die
- 15:17Leute dafür kriegen. Und die Besonderheit eben, dass die Bundeswehr im Friedensfall
- 15:21erstmal im Inneren stationiert ist, die wird hier durchbrochen.
- 15:24Und das ist für nicht ausreichende Leute attraktiv.
- 15:29Auf der anderen Seite muss man sagen, auch wenn das jetzt, das ist jetzt keine
- 15:34Rechtsberaterposition, Aber wenn sie zur Bundeswehr gehen, dann gehört mit dazu,
- 15:39dass sie möglicherweise ins Ausland versetzt werden oder dass sie versetzt werden können.
- 15:42Das heißt also, das ist ein Teil, der ihnen passieren kann.
- 15:47Das ist jetzt, was ich jetzt gesagt habe, ist so nicht von den Dienstvorschriften
- 15:51hart gedeckt, wenn ich das richtig verstehe.
- 15:54Aber es gehört irgendwo schon noch mit dazu. Von daher ist die Zeitenwende,
- 15:59ich glaube, dass einige Soldaten hier drauf gucken nach dem Motto,
- 16:02naja, wenn ich es irgendwie vermeiden kann, dann mache ich es halt lieber nicht.
- 16:06Dann bin ich halt lieber zu Hause, was irgendwie individuell verständlich ist.
- 16:10Und man zeigt dann immer auf den anderen und sagt, naja, der andere kann ja
- 16:13halt gehen. Und dann ducke ich mich so lange weg, bis dann halt eben das passiert,
- 16:16was jetzt passiert, dass der Minister sagt, okay, da muss ich eben die Leute
- 16:19verpflichten, das zu machen.
- 16:22Eine gewisse Gratwanderung bei der Aufrüstung besteht ja auch darin,
- 16:25dass wir uns einerseits das Ziel setzen, autonomer zu werden,
- 16:29also mehr und mehr der Rüstungsgüter in Deutschland und Europa zu bauen.
- 16:33Das macht natürlich auch Sinn aus Sicht von Wertschöpfung und Industriepolitik.
- 16:39Andererseits wollen wir Donald Trump ja nicht vergraulen und kaufen deshalb
- 16:42weiter für Milliarden in den USA ein.
- 16:45Funktioniert diese Gratwanderung aus Ihrer Sicht und werden wir am Ende tatsächlich autonomer?
- 16:51Also ich glaube, das ist nicht nur bei dem Kauf von Waffen, sondern insgesamt
- 16:55in einem transatlantischen Verhältnis zurzeit so, dass man so eine Art diplomatische
- 17:01Trennungsphase, glaube ich, gerade hat.
- 17:03Also man versucht öffentlich, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.
- 17:07Gleichzeitig ist die Skepsis gegenüber den USA und der Verlässlichkeit amerikanischer
- 17:16Waffenlieferungen extrem gestiegen, also wirklich extrem gestiegen.
- 17:21Und wir sehen das, glaube ich, am besten an dem Beispiel Tomahawk-Flugkörper,
- 17:26die die Amerikaner uns zugesagt haben, wo dann gesagt wurde,
- 17:30die werden nicht kommen.
- 17:31Und das ist eine Waffe, auf die wir uns verlassen haben und die für uns im Kriegsfall
- 17:36eine sehr hohe Bedeutung hat.
- 17:39Keine Wunderwaffe, aber trotzdem eine sehr, sehr entscheidende Waffe mit strategischer Wirkung.
- 17:45Wir haben gesehen, wie der Verteidigungsminister seitdem nervös durch Europa
- 17:48reist und versucht, Alternativen zu finden.
- 17:52Ich glaube, der Teil dieser diplomatischen Trennungsgeschichte ist,
- 17:56dass Pistorius jetzt nochmal in den USA gewesen ist, vielleicht auch nochmal
- 17:59eine Zusage für Tomahawk gekriegt hat, wir aber nicht mehr uns alleine darauf verlassen.
- 18:03Wenn die Tomahawks kommen, ist das schön, aber die Amerikaner treiben uns letztendlich.
- 18:11In die Unabhängigkeit oder in die größere Unabhängigkeit von den USA,
- 18:15weil sie nicht bereit sind zu liefern.
- 18:17Und das kommt auch mit dazu, weil sie in einigen Teilen auch nicht liefern können,
- 18:20weil sie einfach Produktionskapazitäten dafür gerade gar nicht haben.
- 18:25Sie wollen das ganz gerne, aber hier weiß im Grunde genommen Donald Trump auch
- 18:28nicht, was seine Industrie will und umgekehrt. Also hier spricht die linke Hand
- 18:31offensichtlich nicht mit der rechten.
- 18:33Das letzte Beispiel bei dieser ganzen Geschichte sind die Patriots,
- 18:37wo Donald Trump den Ukrainern zugesagt hat, dass die Ukrainer das selber produzieren können.
- 18:42Und dann die amerikanischen Unternehmen gesagt haben, sorry,
- 18:44aber die Patente gehören halt schon uns und die würden wir nicht so gerne rausgeben.
- 18:49Also da ist, glaube ich, die Unfähigkeit der Amerikaner ist immer noch das,
- 18:52was die Europäer managen, sehr freundlich und diplomatisch, aber in der Sache
- 18:58haben die es schon lange von den Amerikanern verabschiedet.
- 19:01Herr Bölling, gerade dieses Thema, wenn wir sicher weiter aufmerksam verfolgen
- 19:06in den nächsten Monaten und Jahren, ich bedanke mich für das Gespräch.
- 19:09Ich bedanke mich bei Ihnen.
- 19:11Das war Die Lage International. Wir sind übrigens ausdrücklich interessiert
- 19:15an Ihrer Meinung zu dem, worüber wir sprechen.
- 19:18Schreiben Sie gerne Kommentare, Fragen, Anregungen, Kritik auf Spotify oder
- 19:23direkt an dielageinternational.de.
- 19:28Wir sind gespannt. Die nächste Folge gibt es wie gewohnt am kommenden Donnerstag
- 19:32auf RTL Plus und überall sonst, wo Sie gerne Podcasts hören.
- 19:36Danke für Ihr Interesse und bis bald. Bis bald.