Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 1
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- 0:02Kapitel 1 die Liste Theo Brandt aß im stehen seit 3 Jahren und
- 0:07er hatte aufgehört, sich dafür zu schämen, so wie man aufhört,
- 0:11sich für die Falten an den eigenen Händen zu schämen, nicht
- 0:14aus würde, sondern aus Erschöpfung.
- 0:16Er stand am Fenster der Küche, ein Stück Brot in der einen
- 0:20Hand, in der anderen nichts, und sah hinaus auf den Hof, in dem
- 0:23der Schnee von gestern bereits zu jener grauen, körnigen
- 0:26Schicht geworden war, die kein Schnee mehr ist und noch kein
- 0:29Wasser, sondern das dazwischen, das der Januar in dieser Stadt
- 0:32am besten beherrschte. Die Heizung knackte in den
- 0:35Rohren ein träges Metallenes Sichsetzen, das er nicht mehr
- 0:38hörte, weil man Geräusche, die immer da sind, irgendwann unter
- 0:42die Wahrnehmung sinken lässt. Wie Münzen, die zu lange in
- 0:45derselben Tasche liegen. Die Wohnung war zu groß für
- 0:47einen Menschen und sie wusste es. 3 Zimmer, in denen sich die
- 0:51Stille so dicht gelegt hatte, dass man sie beim Durchgehen zu
- 0:54verdrängen meinte wie Wasser. Marlene war seit 3 Jahren fort,
- 0:58und doch war sie überall nicht als Gegenwart, sondern als
- 1:02Aussparung in dem Sessel, den er nicht umstellte.
- 1:05In der zweiten Tasse, die er nicht wegräumte, in der Hälfte
- 1:08des Bettes, die kühl blieb, weil von einem Körper allein nur eine
- 1:11Seite warm wird. Er hatte gelernt, die Wohnung zu
- 1:14bewohnen. Wie ein Mann ein Museum bewohnt,
- 1:17in dem er zugleich der einzige Wärter ist.
- 1:19Behutsam in den Gängen, ohne die Exponate zu berühren, von denen
- 1:23jedes einzelne ihn ansah. Im Radio, das auf der Anrichte
- 1:28stand und dass er morgens einschaltete, nicht um zu hören,
- 1:31sondern um nicht allein zu sein, lief die Stimme eines Sprechers
- 1:35ruhig geölt. Der von den ersten Wochen der
- 1:38neuen Regierung berichtete, von Maßnahmen, die man auf den Weg
- 1:41gebracht habe, von einer Behörde, die schneller arbeite
- 1:45als zuvor, von Wartezeiten, die kürzer würden und immer wieder
- 1:49wie ein Refrain, den man einem Lied untergeschoben hatte.
- 1:52Das Wort, das seit dem Dezember in der Luft hing wie der Geruch
- 1:55von kaltem. Dem Rauch Verlässlichkeit.
- 1:58Theo hörte es, und etwas in seinem Kiefer spannte sich ein
- 2:02alter, unwillkürlicher Widerstand, den er sich nicht
- 2:06erklären konnte und nicht abstellen wollte, denn es war
- 2:09ein schönes Wort, ein gutes Wort, eines, gegen das man
- 2:13nichts haben durfte und gerade die Wörter, gegen die man nichts
- 2:16haben durfte, hatten ihn ein Leben lang gelehrt, genauer
- 2:19hinzusehen. 40 Jahre lang hatte er Kindern erklärt, dass die
- 2:23Gegenwart die oberste Schicht eines sehr tiefen Bodens ist,
- 2:27dass nichts geschieht, das nicht auf etwas anderem Aufsitzt, das
- 2:30vor ihm geschah, und dieses wieder auf einem älteren und so
- 2:33weiter hinab, bis man bei den Dingen ankommt, die niemand mehr
- 2:36datieren kann. Er hatte ihnen gesagt, man müsse
- 2:39graben, wenn man verstehen wolle, man dürfe sich nicht von
- 2:42der Oberfläche täuschen lassen, die immer so aussähe, als sei
- 2:45sie schon immer da gewesen. Die meisten Kinder hatten
- 2:48genickt und es wieder vergessen, bevor die Pause vorbei war.
- 2:52Und das war in Ordnung gewesen, das hatte er ihnen nie übel
- 2:55genommen, denn das vergessen war keine Schuld, das vergessen war
- 2:58nur das, was die Oberfläche mit allem darunter tut, auf dem
- 3:01Tisch lag die Liste, es war kein besonderes Heft.
- 3:05Ein schulheft, Kariert mit einem Umschlag aus diesem dünnen,
- 3:09grünlichen Karton, den es früher in jedem Schreibwarenladen der
- 3:12Stadt gegeben hatte und den es jetzt nur noch in einem einzigen
- 3:16gab, in der Nähe des Bahnhofs, geführt von einem Mann, der so
- 3:19alt war wie Theo und ebenso wenig vorhatte, mit dem Sterben
- 3:23Eile zu zeigen. Theo hatte eine ganze Schachtel
- 3:26davon gekauft, damals vor 3 Jahren, weil er gewusst hatte,
- 3:30dass er mehr als eines brauchen würde.
- 3:32Und das war im Rückblick der erste hoffnungsvolle Gedanke
- 3:35gewesen, den er seit marlinis Tod gehabt hatte, ohne es zu
- 3:38merken, dass er Nachschub einplante, dass er von einer
- 3:42Fortsetzung ausging. Marlene war im Februar
- 3:45gestorben, an etwas, das die Ärzte zu spät gefunden hatten,
- 3:48in einem Februar, der genauso ausgesehen hatte wie dieser
- 3:51dieselbe körnige Schicht im Hof, dasselbe dazwischen, und Theo
- 3:55hatte in den Wochen danach eine Wut entwickelt, für die es kein
- 3:58Ziel gab, eine Wut auf die Welt im Allgemeinen, die so
- 4:02unverschämt gewesen war, Weiterzulaufen, als wäre nichts
- 4:05geschehen, als wäre nicht der einzige Mensch fortgegangen, der
- 4:08ihn am Morgen aus dem Bett geholt hatte.
- 4:10Und weil man eine Wut, die kein Ziel hat, irgendwohin tun muss.
- 4:14Sonst frisst sie einen von innen wie der Rost.
- 4:16Ein Geländer hatte er angefangen, Dinge
- 4:18aufzuschreiben, die besser geworden waren, aus reinem
- 4:21trotz, aus dem boshaften Wunsch der Welt, die ihm das Liebste
- 4:25genommen hatte, ihre eigene Verlogenheit unter die Nase zu
- 4:29reiben. Seht her, ihr Jammernden, es ist
- 4:32nicht alles schlechter geworden, ihr lügt euch in die eigene
- 4:35Tasche, hier ist der Beweis. Die Liste der leisen
- 4:38Verbesserungen, so hatte er sie überschrieben in der ersten
- 4:41Woche mit einer Handschrift, die noch zitterte.
- 4:44Der erste Eintrag war gewesen, die Kindersterblichkeit, als
- 4:48meine Großmutter geboren wurde, starb jedes fünfte Kind vor dem
- 4:52ersten Geburtstag, heute kaum eines, er hatte es
- 4:55hingeschrieben wie eine Anklage und gemerkt, dass es keine war,
- 4:58dass es einfach nur wahr war und diese schlichte, unbestechliche
- 5:02Wahrheit hatte ihn an jenem Abend zum ersten Mal seit Wochen
- 5:05nicht gegen die Wand starren lassen.
- 5:07Dann waren andere gekommen. Der Fluss, als ich ein Junge
- 5:12war, trieben tote Fische darin und er roch nach dem, was die
- 5:15Fabriken Hineinließen heute Baden im Sommer die Kinder, die
- 5:19noch da sind, die Zähne, niemand unter 40 hat heute das Gebiss,
- 5:23das mein Vater mit 50 hatte, lauter kleine, unspektakuläre
- 5:27Dinge, über die niemand sprach, weil das besser gewordene die
- 5:30unhöfliche Eigenschaft hat, unsichtbar zu werden, sobald es
- 5:33selbstverständlich ist. Man bemerkt den Zahn nicht.
- 5:37Der nicht schmerzt. Man bemerkt das Kind nicht, das
- 5:40nicht stirbt. Die Verbesserung lebt im toten
- 5:42Winkel der Aufmerksamkeit, dort, wohin der Mensch nur blickt,
- 5:46wenn man ihn mit der Nase darauf stößt.
- 5:48Und Theo hatte beschlossen, der Mensch zu sein, der stieß, er
- 5:52führte die Liste am Abend, immer am Abend, wenn die Wohnung am
- 5:56dunkelsten war und am Leersten unter der Lampe mit dem
- 5:59Messingfuß. Die Marlene von ihrer Mutter
- 6:01gehabt hatte und deren Licht einen Kreis auf den Tisch warf,
- 6:04gerade groß genug für ein aufgeschlagenes Heft und 2
- 6:07Hände. Er schrieb mit einem Füller, den
- 6:10er seit 30 Jahren besaß, weil das Schreiben mit der Hand etwas
- 6:14war, das man nicht an eine Maschine abgeben konnte, die es
- 6:17schneller und gleichmäßiger Tat und dabei das einzige verlor,
- 6:20worauf es ankam. Dass eine Hand zögert, dass sie
- 6:23zittert, dass sie an manchen Wörtern länger verweilt als an
- 6:27anderen, und so verrät, was sie wiegt.
- 6:30Manchmal saß er eine ganze Stunde und schrieb Nichts,
- 6:33sondern las nur das Geschriebene, las sich rückwärts
- 6:35durch die Jahre, die besser geworden waren, und es war, als
- 6:38säße jemand neben ihm in dem Kreis aus Licht, jemand, der ihm
- 6:42über die Schulter sah und nickte leise und nichts sagte, weil das
- 6:46Beste, was 2 Menschen füreinander tun können, manchmal
- 6:49das Schweigen im selben Licht ist.
- 6:51Er hatte nie jemandem die Liste gezeigt, nicht einmal Lena, es
- 6:55hätte etwas sentimentales gehabt, etwas, das er fürchtete
- 6:58wie ein Lehrer das Pathos fürchtet.
- 7:00Weil das Pathos die Tür ist, durch die die Lüge ins
- 7:03Klassenzimmer kommt. Die Liste war eine private
- 7:05Buchhaltung, ein Hauptbuch, in dem er gegen die Stimmung der
- 7:09Zeit eine Bilanz führte, die niemand sonst zu führen bereit
- 7:12war und in den 3 Jahren war aus dem trotz etwas anderes
- 7:15geworden, etwas, das er sich nicht eingestand, weil das
- 7:18Eingeständnis ihn verwundbar gemacht hätte aus dem Heft, das
- 7:21gegen die Welt geschrieben war, war ein Heft geworden, das ihn
- 7:25an der Welt festhielt. An diesem Morgen kam die Post
- 7:28früh. Es war nicht wirklich Post.
- 7:30Es war ein Umschlag, den Köhler ihm in den Briefkasten gelegt
- 7:33hatte, persönlich mit der Hand, denn Köhler wohnte 2 Straßen
- 7:36weiter und ging morgens am Haus vorbei.
- 7:39Köhler war einer von den Jüngeren gewesen, die Theo in
- 7:42den letzten Jahren vor der Pensionierung am Gymnasium unter
- 7:45die Fittiche genommen hatte, ein ernsthafter Mensch mit der
- 7:48dünnen Haut, der ernsthaften, und er unterrichtete noch immer
- 7:51Geschichte dort, wo Theo aufgehört hatte, und er war
- 7:54einer der wenigen, mit denen Theo noch redete, weil.
- 7:57Köhler nicht über das Wetter redete und nicht über die
- 7:59Renten, sondern über die Dinge, die unter dem Wetter und unter
- 8:02den Renten lagen. Dass Köhler ihm das Heft mit der
- 8:05Hand in den Kasten gelegt hatte, statt es zu mailen, war keine
- 8:08Beiläufigkeit, es war eine Vorsicht und die Vorsicht selbst
- 8:12war die Nachricht, vor 2 Jahren hätte Köhler ihn angerufen,
- 8:15hätte gelacht und gesagt, Schau dir diesen Unsinn an und sie
- 8:18hätten sich darüber lustig gemacht.
- 8:21Jetzt legte er ein Blatt Papier in einen Briefkasten. 3 Sätze
- 8:25mit der Hand geschrieben und in dem Umstand, dass er nichts
- 8:28hinterließ, was sich weiterleiten, kopieren,
- 8:30vorzeigen ließe, lag eine ganze Veränderung des Klimas.
- 8:34Eine, die man nicht messen, aber an der Haut spüren konnte, wie
- 8:37den Wechsel von einem Zimmer ins andere, in dem die Heizung
- 8:40ausgefallen war. Köhler hatte Angst.
- 8:44Nicht die große laute Angst, die sich wehrt, sondern die kleine
- 8:47höfliche, die sich anpasst, indem sie leiser wird.
- 8:50Die Angst eines Mannes mit dünner Haut, der noch 15 Jahre
- 8:53bis zur Pension hatte und 2 Kinder und ein Haus, das noch
- 8:56nicht abbezahlt war. Theo verstand sie, er nahm sie
- 9:00ihm nicht übel, aber er notierte sie innerlich an der Stelle, an
- 9:05der er solche Dinge notierte, seit er ein Junge gewesen war.
- 9:09In dem Umschlag steckte ein Heft, geklammert frisch aus dem
- 9:12Drucker, das Papier noch mit jener Wärme, die der Toner
- 9:15hinterlässt und die sich anfühlt wie der letzte Rest.
- 9:17Körperwärme in einem Bett, aus dem gerade jemand aufgestanden
- 9:20ist. Rahmenlehrplan Geschichte
- 9:23Sekundarstufe I Entwurf zur Anhörung für das kommende
- 9:26Schuljahr und ein Zettel von Köhlers Hand in der gestochenen
- 9:30Schrift eines Mannes, der noch an die Tafel schreibt.
- 9:33Theo, die neue Anhörungsfassung, geht gerade durch die Kollegien.
- 9:38Vergleich das mal mit dem geltenden Plan.
- 9:40Seite 34 sag mir ob ich spinne k.
- 9:44Theo trug das Heft zum Tisch, schob die Liste beiseite und
- 9:47ging hinüber ins Zimmer, dass Marlene das Arbeitszimmer
- 9:50genannt hatte und dass er das Archiv nannte, weil es das war
- 9:54ein Raum, in dem die Zeit nicht verging, sondern sich ablagerte,
- 9:58Schicht um Schicht, in Ordnern, in Kisten, in den Stapeln, die
- 10:02an den Wänden hochwuchsen wie geologische Formationen.
- 10:05Er fand den geltenden Plan, dort, wo er gewusst hatte, dass
- 10:08er sein würde. Denn ein Mann, der 40 Jahre lang
- 10:11Lehrpläne gelesen, beklagt und befolgt hat, wirft sie nicht
- 10:14weg. Er bewahrt sie auf, so wie ein
- 10:16Geologe seine Bohrkerne aufbewahrt, weil man die
- 10:19Gegenwart nur lesen kann, wenn man die Schicht darunter daneben
- 10:22legt. Er legte beide nebeneinander auf
- 10:25den Tisch. Den geltenden Plan und den
- 10:27Entwurf, und beugte sich darüber.
- 10:29Und die Kälte des Hofes, die durch das schlecht schließende
- 10:32Fenster kroch, legte sich ihm in den Nacken wie eine Hand, die
- 10:35nicht trösten will. Seite 34 das modul über das 20.
- 10:39Jahrhundert. Er las den geltenden Plan Zeile
- 10:42für Zeile mit dem Finger, wie er es seinen Schülern verboten und
- 10:45selbst nie gelassen hatte. Und dann las er den Entwurf,
- 10:48dieselben Zeilen, fast dieselben Wörter, denn das war die Kunst.
- 10:52Das verstand er sofort, das war die ganze höfliche, lautlose
- 10:55Kunst der Sache, dass fast nichts sich geändert hatte im
- 10:59geltenden Plan stand, dass die Schülerinnen und Schüler die
- 11:03Verantwortung Deutschlands für die Verbrechen jener Jahre
- 11:05verstehen und in der Gegenwart verorten sollten.
- 11:08Im Entwurf stand dasselbe, bis auf ein Wort aus Verantwortung
- 11:12war Rolle geworden. Die Schülerinnen und Schüler
- 11:15sollten nun die Rolle Deutschlands verstehen.
- 11:17Theo richtete sich auf, er stand eine Weile so, die Hände flach
- 11:21auf dem Tisch und in seinem Brustkorb geschah etwas, das er
- 11:24nicht sofort benennen konnte, ein Druck, der weder Schmerz war
- 11:27noch Angst, sondern das körperliche Echo einer
- 11:30Erkenntnis, die langsamer kam als das Gefühl, Rolle ein Wort,
- 11:35gegen das niemand etwas sagen konnte.
- 11:37Ein Wort, das in keiner Versammlung gefordert, auf
- 11:40keinem Plakat gebrüllt, von keinem Redner verlangt worden
- 11:43war. Ein Wort, sachlich, neutral,
- 11:46beinahe wissenschaftlich, dass man auf jeder Tagung hätte
- 11:49verteidigen können, die Rolle, ja was denn sonst?
- 11:52Man beschreibt doch die Rolle, die ein Land in einem
- 11:54historischen Prozess gespielt hat, das ist die Sprache der
- 11:57Fachleute, kühl und distanziert, und gerade die Distanz galt ja
- 12:01als Tugend, eine Rolle spielt man, eine Rolle ist einem
- 12:05zugeteilt. Eine Rolle endet, wenn der
- 12:07Vorhang fällt, Verantwortung trägt man und sie endet nicht.
- 12:11Sie sitzt einem auf den Schultern, auch wenn man sie
- 12:13nicht spielen, sondern nur tragen kann, und das war der
- 12:15ganze Unterschied, der ganze Abgrund, den ein einziges Wort
- 12:19überbrücken oder aufreißen konnte, und sie hatten ihn
- 12:21aufgerissen, leise auf Seite 34 in einem Heft, das noch warm war
- 12:26vom Drucker, er setzte sich, die Knie, verlangten es nicht der
- 12:30Wille, das also war die Methode, nicht das Verbrennen der Bücher.
- 12:35Das hätte man gesehen, das hätte Bilder gegeben, das hätte den
- 12:38Hund in den Menschen geweckt, der bellt, wenn man ihm das
- 12:41Vertraute nimmt, sondern das Tauschen eines Wortes gegen ein
- 12:45anderes, das fast dasselbe bedeutete und doch das
- 12:48Gegenteil, ein Tausch, so geringfügig, dass die meisten
- 12:51Lehrer ihn nicht einmal bemerken würden, und die wenigen, die ihn
- 12:54bemerkten, würden zögern, etwas zu sagen, weil das sagen sie,
- 12:58sofort in den Verdacht der Hysterie brächte, wegen eines
- 13:01Wortes, du regst dich auf wegen eines Wortes.
- 13:05Und genau in diesem Zögern, in dieser vorauseilenden Scham des
- 13:08genauen, lag die Sicherheit der Sache.
- 13:10Man musste die Hysteriker nicht fürchten, man musste nur dafür
- 13:13sorgen, dass jeder, der genau hinsah, sich vor den anderen
- 13:16schämte, genau hinzusehen, er kannte das, das war das Schlimme
- 13:21an einem langen Leben, an einem Leben, das lang genug war, um
- 13:24selbst zur Schicht zu werden, dass man die Muster
- 13:26wiedererkannte wie ein Geologe an einer Verwerfung abliest, was
- 13:30vor 10000 Jahren geschehen war. Er war 27 gewesen, als das Land,
- 13:35in dem er geboren worden war, über Nacht aufgehört hatte zu
- 13:38existieren. Und auch damals waren es zuerst
- 13:41die Wörter gewesen, die sich verschoben, lange bevor die
- 13:44Mauer fiel, und lange bevor sie wieder eine andere wurde.
- 13:47Wörter, die man plötzlich anders betonte, Begriffe, die aus den
- 13:50Zeitungen verschwanden, ohne dass jemand sie verboten hätte,
- 13:53andere, die Hereinkamen und sich breit machten, als hätten sie
- 13:56schon immer dort gewohnt. Er hatte damals gedacht, das sei
- 14:00das Ende der Verschiebungen. Das große letzte Beben, nachdem
- 14:03der Boden für immer fest sein würde.
- 14:06Er hatte sich geirrt, der Boden war nie fest.
- 14:09Das war die einzige Lehre, die 40 Jahre Unterricht ihm wirklich
- 14:12eingetragen hatten, die Einzige, die er nie hatte weitergeben
- 14:15können, weil man sie nicht lehren, sondern nur erleben
- 14:18kann, dass das Feste flüssig werden kann, schnell, ohne
- 14:21Vorwarnung, und dass die ersten, die es merken, immer die sind,
- 14:25die auf die Wörter hören statt auf den Lärm.
- 14:27Theo saß lange und während er saß, kam ihm der Gedanke, der
- 14:31die Kälte tiefer in den Nacken trieb als das Wort selbst.
- 14:34Dass es nur ein Entwurf war, eine Anhörungsfassung, die durch
- 14:37die Kollegien ging, ehe sie irgendwann in einem Jahr in
- 14:40zweien geltendes Papier würde. Denn ein Rahmenlehrplan war ein
- 14:43schwerfälliges Geschöpf, das durch Kommissionen kroch wie
- 14:46Wasser durch Kalk, langsam Tropfen für Tropfen über Jahre,
- 14:50niemand hatte ihn in den wenigen Wochen seit dem Dezember
- 14:53umgeschrieben. So schnell schrieb sich kein
- 14:55Plan um, kein Erlass war so flink, das Wort war früher
- 14:59gewandert, vor jeder Verordnung in den Köpfen derer, die den
- 15:03Entwurf verfassten, lange bevor irgendeine Vorschrift es von
- 15:06ihnen verlangte. Die Stimmung hatte den Entwurf
- 15:09geschrieben, nicht der Minister, das Papier kam zuletzt, es kam
- 15:13immer zuletzt, es war die unterste Schicht, die sich erst
- 15:15absetzte, wenn das Wasser darüber längst trübe war.
- 15:19Draußen wechselte das Licht nicht, weil es an solchen
- 15:22Januartagen nichts zu wechseln gab, weil der Himmel von 9 bis 4
- 15:26dieselbe Farbe trug. Die Farbe von nassem Zinn und in
- 15:29diese gleichbleibende Helligkeit hinein dachte er an seine
- 15:32Schüler, an die echten, an die 40 Jahrgänge.
- 15:35Von denen, die ältesten jetzt selbst alte Menschen waren und
- 15:38die Jüngsten gerade Eltern wurden.
- 15:40Und er fragte sich, wie vielen von ihnen er das Wort
- 15:43Verantwortung in den Kopf gelegt hatte, an wie vielen
- 15:45Nachmittagen, gegen wieviel Müdigkeit und ob das genug
- 15:49gewesen war, ob es jemals genug sein konnte oder ob es sich
- 15:52verhielt wie mit dem Schnee im Hof, der schon am Tag nach dem
- 15:55Fallen keiner mehr war. Dann stand er auf, ging zurück
- 15:59in die Küche und zog die Liste zu sich heran.
- 16:02Er schlug sie auf an der Stelle, wo der letzte Eintrag stand von
- 16:06vor 2 Wochen, irgendetwas belangloses, Tröstliches über
- 16:10die Zahl der Storchenpaare, die in das Land zurückgekehrt waren,
- 16:14eine jener kleinen Genesungen der Natur, an denen er sich
- 16:17festgehalten hatte. Er nahm den Stift, und dann
- 16:20hielt er inne, den Stift über dem Papier, weil ihm bewusst
- 16:24wurde, dass das, was er aufschreiben wollte, nicht in
- 16:26dieses Heft gehörte, nicht in die Liste der leisen
- 16:29Verbesserungen. Denn was er an diesem Morgen
- 16:31gelernt hatte, war keine Verbesserung.
- 16:33Leise oder laut, sondern ihr genaues Gegenteil, eine leise
- 16:37Verschlechterung, eine Subtraktion, ein Wort, das man
- 16:40der Welt weggenommen hatte, ohne dass die Welt es bemerkte. 3
- 16:44Jahre lang hatte das Heft nur addiert, 3 Jahre lang hatte es
- 16:48eine einzige Spalte geführt, eine Spalte mit positiven
- 16:51Vorzeichen, und das war der ganze Sinn gewesen, der Ganze
- 16:54trotz. Dass es nur addierte, dass es
- 16:57sich weigerte, das andere auch nur zur Kenntnis zu nehmen, weil
- 17:00das andere ohnehin überall stand, in jeder Zeitung, auf
- 17:04jedem Bildschirm, in jedem Mund. Theo blätterte um auf eine neue,
- 17:09leere Seite, er hielt einen Moment inne wie vor einem
- 17:13Schritt über eine Schwelle, von der man nicht weiß, ob der Boden
- 17:16dahinter trägt, dann schrieb er oben.
- 17:19Mit derselben Hand, die vor 3 Jahren gezittert hatte und jetzt
- 17:22nur noch alt war. Eine zweite Überschrift und
- 17:25unter die zweite Überschrift, den ersten Eintrag.
- 17:27Und er schrieb das Datum dazu sehr genau, wie man ein Datum
- 17:31auf einen Grabstein schreibt oder unter einen Vertrag, weil
- 17:34er wusste, dass es darauf ankommen würde, sich später zu
- 17:37erinnern, wann es angefangen hatte, an welchem Tag, in
- 17:40welchem Januar, mit welchem Wort.
- 17:42Als er den Stift absetzte, fiel sein Blick auf das Regal über
- 17:45dem Tisch, wo die Schachtel mit den grünen Heften stand, die er
- 17:49vor 3 Jahren gekauft hatte. Weil er von einer Fortsetzung
- 17:52ausgegangen war. Sie war noch halbvoll.
- 17:55Und der Begriff mit einer Klarheit, die ihn fast zum
- 17:58Lachen gebracht hätte, wäre ihm nicht so kalt gewesen, dass
- 18:01diese zweite Spalte, die er soeben begonnen hatte, ihre
- 18:04eigenen Hefte füllen würde. Vielleicht schneller als die
- 18:07Erste, dass er also wieder von einer Fortsetzung ausging,
- 18:10wieder Nachschub eingeplant hatte, ohne es zu wollen, dass
- 18:13selbst die Buchhaltung des Verlusts ein Akt der Hoffnung
- 18:16war, weil sie unterstellte, dass jemand das verzeichnete würde
- 18:19lesen wollen, eines Tages, wenn er selbst nicht mehr da wäre, um
- 18:23es vorzulesen, er wusste schon, wer.
- 18:25Er hatte es immer gewusst, aber er dachte den Namen nicht zu
- 18:29Ende, weil das Denken des Namens den Tag bedeutet hätte, an dem
- 18:32er das Heft aus der Hand gäbe. Und so weit war er nicht noch
- 18:35lange nicht, das redete er sich jedenfalls ein, er las nicht,
- 18:39was er geschrieben hatte, er kannte es.
- 18:42Er klappte das Heft zu, legte den Stift quer darauf und ging
- 18:45zum Fenster zurück, wo das Brot noch lag.
- 18:47Kalt jetzt und der Hof draußen war derselbe wie vorhin dieselbe
- 18:51körnige Schicht, dasselbe dazwischen, und doch hatte sich
- 18:54etwas verschoben, ganz tief unten, unter der obersten
- 18:57Schicht, dort, wo die Bewegungen langsam sind und gewaltig und
- 19:01niemandem auffallen, bis eines Tages der Boden reißt.
- 19:04Es war schon dunkler, dachte er, denn das war der Satz, mit dem
- 19:08er sich seit 3 Jahren am Morgen aus dem Bett holte, der Satz,
- 19:11der die Stelle eingegangen. Genommen hatte an der einmal
- 19:13Marlene gewesen war. Es war schon dunkler, es wurde
- 19:16schon heller, aber zum ersten Mal, seit er den Satz dachte,
- 19:20klang er nicht wie ein Trost. Er klang wie eine Warnung an
- 19:23sich selbst, die man ausspricht, bevor man in einen Keller
- 19:26hinabsteigt, von dem man nicht weiß, wie tief er ist und ob
- 19:29unten das Wasser schon steht. Er aß das kalte Brot nicht zu
- 19:33Ende. Er ging zum Telefon und
- 19:35überlegte, ob er Lena anrufen sollte.
- 19:37Und dann ließ er es, weil das, was er ihr zu sagen hatte, sich
- 19:41nicht in einen Anruf fügte, sondern einen Tisch brauchte. 2
- 19:44Stühle, eine Kanne Tee und die Zeit, die man nur am Küchentisch
- 19:47hat, es würde warten, es wartete jetzt seit 3 Jahren, dachte er
- 19:51und korrigierte sich sofort mit der Genauigkeit, die ihm
- 19:54geblieben war, als das meiste andere gegangen war, nein.
- 19:57Es wartete länger, es wartete, seit er ein Junge gewesen war
- 20:01und zugesehen hatte, wie ein Land über Nacht aufhörte zu
- 20:03existieren. Es wartete die ganze Zeit unter
- 20:06der obersten Schicht, geduldig, wie die tiefen Dinge geduldig
- 20:10sind, er sah aus dem Fenster, bis das Licht, das den ganzen
- 20:14Tag nicht gewechselt hatte, am Nachmittag mit einer plötzlichen
- 20:17Klammeneile zu verschwinden begann, wie es das im Januar
- 20:20tut, als hätte es die ganze Zeit nur darauf gewartet, gehen zu
- 20:23dürfen.