Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Drittes Hauptstück - 142-144
Transcript
- 0:00Unterkapitel 142 das Wesen des Heiligen in diesem Unterkapitel
- 0:03fasst Nietzsche zusammen, was in der Seele eines Heiligen
- 0:08eigentlich vor sich geht. Er versucht, das Wunder der
- 0:12Heiligkeit zu entzaubern, oft wird ein Heiliger als etwas
- 0:15völlig übernatürliches angesehen, Nietzsche aber sagt
- 0:18Nein, der Zustand eines Heiligen setzt sich aus ganz normalen
- 0:23menschlichen Elementen zusammen, die wir alle kennen.
- 0:27Sie sind nur durch religiöse Vorstellungen anders gefärbt und
- 0:30wirken deshalb so fremd. Nietzsche zerlegt den Charakter
- 0:34des Heiligen in verschiedene Bausteine.
- 0:36Erstens nennt er den Trotz gegen sich selbst.
- 0:40Das ist ein Gefühl, das eng verwandt ist mit der
- 0:42Herrschsucht. Der Heilige will Macht ausüben.
- 0:46Da er aber keine Macht über andere hat oder haben will, übt
- 0:50er macht über sich selbst aus, er unterdrückt seine eigenen
- 0:53Wünsche und Gefühle. Das gibt ihm, auch wenn er
- 0:56einsam ist, ein Gefühl von Stärke und Überlegenheit.
- 1:01Zweitens beschreibt Nietzsche das Schwanken zwischen Extremen,
- 1:05der Heilige hat manchmal das Gefühl, dass seine
- 1:07Leidenschaften wie wilde Pferde durchgehen wollen, dann wiederum
- 1:11drückt er sie mit aller Kraft nieder.
- 1:14Dieser Wechsel zwischen dem Loslassenwollen und dem
- 1:16gewaltsamen Unterdrücken erzeugt eine enorme Spannung in seiner
- 1:20Seele. Drittens gibt es den Wunsch nach
- 1:23völliger Ruhe. Manchmal sehnt sich der Heilige
- 1:26einfach danach, dass alle störenden Gefühle aufhören.
- 1:30Er möchte einen Zustand erreichen, der einem tiefen
- 1:32Schlaf ähnelt, eine Art tierische Trägheit, in der man
- 1:36nichts mehr fühlt und nichts mehr tun muss.
- 1:39Das ist der Wunsch nach Erlösung von allen Reizen.
- 1:42Viertens nennt Nietzsche den Kampf gegen die Langeweile, wenn
- 1:46dem Heiligen sein Leben zu leer erscheint, sucht er den Kampf
- 1:49mit sich selbst, um sich wieder zu spüren, er bestraft sich
- 1:53selbst. Verachtet sich und ist grausam
- 1:55zu sich. Dabei empfindet er eine gewisse
- 1:58Freude an diesem wilden Aufruhr in seinem Inneren, wenn er sich
- 2:01sündig fühlt oder glaubt, verloren zu sein, ist das für
- 2:04ihn aufregender als ein langweiliges Leben, schließlich
- 2:07spricht Nietzsche über die Wollust.
- 2:10Damit meint er hier nicht nur sexuelle Lust, sondern eine
- 2:13allgemeine, sehr starke körperliche und seelische
- 2:17Empfindung von Genuss, wenn der heilige Visionen hat oder
- 2:20glaubt, mit Toten oder göttlichen Wesen zu sprechen.
- 2:23Ist das im Grunde eine seltene Art von Wollust?
- 2:26Diese Lust entsteht aus der Mischung von Grausamkeit gegen
- 2:29sich selbst und religiöser Ekstase.
- 2:32Nietzsche zitiert dazu den Dichter Novalis.
- 2:35Dieser hatte schon erkannt, dass es eine enge Verbindung gibt
- 2:38zwischen Wollust, Religion und Grausamkeit.
- 2:42Nietzsche stimmt dem zu und meint, dass diese Dinge im
- 2:44Menschen innerlich verwandt sind und oft gemeinsam auftreten.
- 2:48Der Heilige ist also kein übernatürliches Wesen.
- 2:51Sondern ein Mensch, der diese extremen menschlichen
- 2:53Eigenschaften in sich vereint und sie religiös Umdeutet.
- 2:58Unterkapitel, 143 der Wert und die Wirkung des Heiligen hier
- 3:02unterscheidet Nietzsche zwischen dem, was der Heilige ist, und
- 3:07dem, was er für andere Menschen bedeutet.
- 3:09Er sagt, dass der eigentliche Wert des Heiligen in der
- 3:12Weltgeschichte nicht in seiner wahren Persönlichkeit liegt,
- 3:15sondern in dem Bild, das andere von ihm haben.
- 3:20Weil die Menschen sich über den Heiligen irrten, bekam er eine
- 3:23so große Macht. Sie verstanden seine inneren
- 3:26Zustände nicht und dachten deshalb, er sei etwas ganz
- 3:29Besonderes, etwas übermenschliches.
- 3:33Nietzsche beschreibt den Heiligen als jemanden, der sich
- 3:35selbst eigentlich gar nicht richtig kennt, der Heilige
- 3:39deutet seine eigenen Gefühle und körperlichen Zustände falsch, er
- 3:43nutzt dabei eine Kunst der Auslegung, die Nietzsche als
- 3:46pneumatische Interpretation bezeichnet.
- 3:49Das Wort Pneumatisch kommt vom griechischen Wort für Geist oder
- 3:52Hauch. Es bedeutet hier, dass der
- 3:55Heilige völlig natürliche Dinge wie zum Beispiel Bauchschmerzen,
- 3:58Erschöpfung oder Nervosität nicht als körperliche Probleme
- 4:01sieht, sondern als Botschaften des Geistes oder Gottes, wenn er
- 4:06sich schlecht fühlt, denkt er nicht an eine Krankheit, sondern
- 4:09an eine Sünde oder eine Prüfung durch Gott.
- 4:12In Wahrheit, so sagt Nietzsche, war der Heilige oft ein kranker
- 4:15Mensch mit schlechtem Wissen, einer geistigen Armut.
- 4:19Und Überreizten Nerven. Er war oft gar kein besonders
- 4:22guter oder weiser Mensch, aber er war ein Symbol, er bedeutete
- 4:27für die Menschen etwas, das über das normale menschliche Maß an
- 4:30Güte und Weisheit hinausging, dieser Glaube an den Heiligen
- 4:34stärkte wiederum den Glauben an Gott und an das wunderbare, er
- 4:39unterstützte die Idee, dass das Leben einen tiefen religiösen
- 4:42Sinn hat und dass es ein jüngstes Gericht geben wird, bei
- 4:45dem über gut und böse entschieden wird.
- 4:48Nietzsche verwendet ein starkes Bild in der Abenddämmerung der
- 4:52antiken Welt, als die Völker Angst vor dem Weltuntergang
- 4:55hatten, wuchs der Schatten des Heiligen zu einer riesigen Größe
- 4:58heran, er wurde zu einer gigantischen Figur, weil die
- 5:02Menschen in ihm die Hoffnung sahen, dass es eine Verbindung
- 5:04zu einer göttlichen Welt gibt. Selbst heute, so bemerkt
- 5:08Nietzsche, gibt es noch Denker, die zwar nicht mehr an Gott
- 5:11glauben, aber immer noch an den Heiligen.
- 5:14Sie bewundern ihn als den höchsten Typus Mensch, obwohl
- 5:17diese Bewunderung auf einem Irrtum über seine wahre Natur
- 5:20beruht. Unterkapitel 144 Überausnahmen
- 5:24unter den Heiligen und den Unterschied zum Buddhismus in
- 5:27diesem Abschnitt blickt Friedrich Nietzsche noch einmal
- 5:32auf das Thema der Heiligen zurück, dass er in den
- 5:35vorangegangenen Texten kritisch beleuchtet hat, ergibt zu, dass
- 5:38seine bisherige Beschreibung dessen Heiligen ein sehr
- 5:40allgemeines Bild war. Das dem Durchschnitt entspricht.
- 5:46Er räumt ein, dass es durchaus Ausnahmen gibt, die ein
- 5:49positiveres und angenehmeres Gefühl bei uns auslösen können.
- 5:53Nietzsche beschreibt, dass manche dieser außergewöhnlichen
- 5:55Menschen durch große Sanftmut und Freundlichkeit auffallen,
- 5:58während andere durch eine besondere Tatkraft faszinieren.
- 6:02Es gibt aber auch Menschen, die eine starke Anziehungskraft
- 6:05ausüben, weil sie von einer ganz bestimmten Vorstellung über sich
- 6:08selbst völlig überzeugt sind. Nietzsche nennt das
- 6:12Wahnvorstellungen. Die wie helles Licht über ihrem
- 6:15Wesen leuchten. Als wichtigstes Beispiel für
- 6:18diesen Typus nennt er den Stifter des Christentums, also
- 6:22Jesus von Nazareth. Nietzsche erklärt, dass Jesus
- 6:25fest daran glaubte, der eingeborene Sohn Gottes zu sein
- 6:29durch diesen starken Glauben fühlte er sich vollkommen
- 6:31sündlos Nietzsche bittet den Leser, diese Einbildung nicht zu
- 6:36streng zu verurteilen, er erklärt dies historisch.
- 6:39Im Altertum, also in der Antike, war die Welt voll von
- 6:42Geschichten über Göttersöhne. Es war damals nichts
- 6:45Ungewöhnliches, so etwas zu glauben.
- 6:48Das Entscheidende für Nietzsche ist das Ergebnis dieses Glaubens
- 6:52durch die Vorstellung, ein Gottessohn zu sein, erreichte
- 6:55Jesus ein Gefühl der völligen Unschuld und
- 6:57Unverantwortlichkeit, das bedeutet, er fühlte sich nicht
- 7:01schuldig für sein Dasein. Nietzsche verknüpft dies nun mit
- 7:04der modernen Zeit. Er sagt, dass heute jeder Mensch
- 7:08dieses Gefühl der Unschuld ebenfalls erreichen kann, aber
- 7:10nicht durch Religion, sondern durch die Wissenschaft.
- 7:14Wenn die Wissenschaft uns lehrt, dass unser Verhalten durch
- 7:16Naturgesetze und unsere Herkunft bestimmt ist, erkennen wir, dass
- 7:21es keine metaphysische Schuld gibt, wir können uns also heute
- 7:25durch Wissen genauso sündlos fühlen, wie Jesus es damals
- 7:28durch seinen religiösen Glauben tat.
- 7:31Im zweiten Teil des Unterkapitels spricht Nietzsche
- 7:34über die indischen Heiligen. Womit er vor allem die Anhänger
- 7:37des Buddhismus meint. Er erklärt, warum er diese
- 7:40bisher nicht ausführlich behandelt hat, für ihn sind
- 7:43diese indischen Heiligen eine Art Mischform, sie stehen auf
- 7:46einer Stufe zwischen dem christlichen Heiligen und dem
- 7:49griechischen Philosophen, der griechische Philosoph ist
- 7:52hierbei ein Symbol für den Menschen, der die Welt durch
- 7:55Nachdenken und Logik verstehen will.
- 7:58Nietzsche stellt fest, dass es im Buddhismus eine ganz andere
- 8:01Auffassung von Heiligkeit gibt als im Christentum.
- 8:04Bei den Buddhisten wurde logisches Denken, geistige
- 8:06Schulung und das Streben nach Erkenntnis als Voraussetzung für
- 8:10die Heiligkeit angesehen. Wer heilig sein wollte, musste
- 8:13also klug und gebildet sein und seinen Verstand schulen.
- 8:17Nietzsche stellt dies dem Christentum gegenüber in der
- 8:20christlichen Welt wurden genau diese Eigenschaften, also
- 8:24wissen, Wissenschaft und kritisches Denken, oft als das
- 8:27Gegenteil von Heiligkeit betrachtet, sie galten als
- 8:30Unheiligkeit. Und wurden oft als ketzerisch
- 8:33oder böse abgelehnt. Nietzsche zeigt hier also den
- 8:36starken Gegensatz, im Buddhismus führt das Wissen zur Erlösung,
- 8:40im traditionellen Christentum wurde das Wissen oft als Gefahr
- 8:43für den Glauben gesehen.