Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 3. Theil - 3 - Von der Seligkeit wider Willen
Transcript
- 0:00Also sprach Zarathustra ein Buch für alle und keinen dritter Teil
- 0:04unter Kapitel 3 von der Seligkeit wider Willen
- 0:10Zarathustra befindet sich auf einer Schiffsreise, er hat die
- 0:13sogenannten glückseligen Inseln verlassen, diese Inseln sind ein
- 0:18Sinnbild für einen Ort der Freude, der Geborgenheit und der
- 0:21Gemeinschaft, an dem er längere Zeit mit seinen Freunden und
- 0:24Schülern gelebt hat. Nachdem er 4 Tage auf dem Meer
- 0:27unterwegs ist und sich weit von diesen Inseln entfernt hat,
- 0:31spürt er, dass er den tiefen Schmerz des Abschieds überwunden
- 0:34hat. Er steht nun wieder fest auf
- 0:36seinen eigenen Beinen und ist bereit, seinem Schicksal zu
- 0:39begegnen. In dieser Stimmung spricht
- 0:41Zarathustra zu seinem eigenen Gewissen, er stellt fest, dass
- 0:45er nun wieder völlig allein ist, umgeben nur von dem weiten,
- 0:48reinen Himmel und dem grenzenlosen freien Meer, er
- 0:52vergleicht seinen aktuellen Lebensabschnitt mit dem
- 0:54Nachmittag. Der Begriff Nachmittag des
- 0:57Lebens ist bei Friedrich Nietzsche eine wichtige
- 0:59Metapher. Er steht für das
- 1:01fortgeschrittene Alter und die geistige Reife eines Menschen,
- 1:05die wilde, stürmische Zeit der Jugend.
- 1:07Der Vormittag ist vorbei, alles wird ruhiger, das Licht wird
- 1:11weicher und man bereitet sich langsam auf den Abend, also auf
- 1:15das Ende des Lebens oder den Abschluss des eigenen Werkes
- 1:18vor. In diesem Nachmittag seines
- 1:21Lebens blickt Zarathustra zurück.
- 1:23Er erinnert sich daran, wie er einst nach Gefährten und
- 1:26Freunden suchte. Er spricht in diesem
- 1:29Zusammenhang von seinen Kindern. Damit meint Zarathustra jedoch
- 1:33keine leiblichen Kinder, sondern seine geistigen Nachfolger,
- 1:36seine philosophischen Gedanken und die neuen Werte, die er in
- 1:39die Welt setzen möchte. Er musste allerdings erkennen,
- 1:43dass man solche geistigen Erben nicht einfach in der Welt finden
- 1:46kann, man muss sie selbst erschaffen und formen.
- 1:50Zarathustra erkennt, dass er sich mitten in seiner
- 1:52wichtigsten Arbeit befindet. Er muss sich selbst vollenden
- 1:56und weiterentwickeln, gerade um seiner geistigen Kinder willen
- 2:00eine tiefe Liebe zu seinen Schülern und zu seinem Werk
- 2:03erfüllt ihn. Er beschreibt diese Liebe als
- 2:06eine Art geistige Schwangerschaft, seine Lehren
- 2:09und Schüler wachsen noch heran, sie stehen erst am Beginn ihrer
- 2:12Entwicklung, so als würden sie im ersten Frühling grünen
- 2:16Zarathustra weiß, dass er diese Schüler nicht für immer
- 2:18beschützen darf. Wenn sie stark werden sollen,
- 2:21muss er sie voneinander trennen und jeden Einzelnen für sich
- 2:24allein stehen lassen. Er vergleicht sie mit Bäumen,
- 2:27die Knorrig, gekrümmt und hart am stürmischen Meer stehen
- 2:30müssen, nur durch Einsamkeit, Widerstand und harte Prüfungen
- 2:35können sie zu echten, starken Persönlichkeiten werden, die
- 2:38später einmal zarathustras wahre Gefährten und Mitschöpfer sein
- 2:42können, um seinen Schülern dieses Ziel zu ermöglichen, muss
- 2:45Zarathustra aber zuerst als Vorbild vorangehen.
- 2:48Und sich selbst der ultimativen Prüfung unterziehen.
- 2:52Genau aus diesem Grund flieht er jetzt vor seinem eigenen Glück
- 2:55und sucht gezielt das Unglück und die Härte.
- 2:58Er erzählt, dass alles in ihm schon lange danach rief, endlich
- 3:02aufzubrechen, es war höchste Zeit, doch die Liebe zu seinen
- 3:07geistigen Kindern war wie eine Fessel, die ihn zurückhielt, er
- 3:11fühlte sich zu wohl und zu sicher bei ihnen.
- 3:14Wahre Entwicklung, so lehrt Nietzsche hier.
- 3:17Er fordert aber den Verzicht auf Bequemlichkeit.
- 3:20Wer sich an das Glück klammert, verliert sich selbst.
- 3:23Deshalb sucht Zarathustra nun bewusst nach Kälte, nach Frost
- 3:27und Winter, damit seine Verborgenen tiefsten Schmerzen
- 3:30wieder in ihm erwachen. Er spürt, dass ein ganz
- 3:33bestimmter furchtbarer Gedanke in seiner Tiefe ruht, er nennt
- 3:37ihn seinen abgründlichen Gedanken.
- 3:41In der Interpretation von Nietzsches Werk ist dies der
- 3:44Gedanke der Ewigern, der ewigen Wiederkunft des Gleichen.
- 3:48Das ist die schwerste vorstellbare Prüfung, die
- 3:51absolute Bejahung des Lebens mit all seinem Schmerz und Leid in
- 3:55der Vorstellung, dass sich das gesamte Leben unendlich oft
- 3:58exakt gleich wiederholen wird. Zarathustra spürt, wie dieser
- 4:02Gedanke in ihm wühlt, aber er traut sich noch nicht, ihn
- 4:05vollständig an die Oberfläche zu holen, er sagt, ihm fehle noch
- 4:09die Löwenstimme. Der Löwe ist in Nietzsches
- 4:13Philosophie das Symbol für den Geist, der alle alten Werte
- 4:15zerstört, der mutig ist und sich die absolute Freiheit erkämpft.
- 4:20Zarathustra weiß, dass er erst dann wahrhaft siegreich und
- 4:23vollendet sein wird, wenn er die Kraft findet, diesen furchtbaren
- 4:27Gedanken der ewigen Wiederholung nicht nur zu ertragen, sondern
- 4:30ihn wie ein Löwe brüllend zu bejahen, während er auf dem
- 4:34Schiff noch mit diesen schweren Inneren kämpfen ringt und das
- 4:37Meer um ihn herum trügerisch schön und ruhig ist.
- 4:41Überkommt ihn plötzlich ein Gefühl von großem Frieden und
- 4:44tiefem Glück? Es ist eine unbeschwerte,
- 4:47glückselige Stunde, doch genau dies ist die Seligkeit wider
- 4:51Willen, von der die Überschrift des Kapitels spricht.
- 4:55Es ist ein tiefes Glücksgefühl, das gegen seinen eigentlichen
- 4:58Willen auftaucht, Zarathustra wird extrem misstrauisch
- 5:01gegenüber dieser plötzlichen Schönheit und Zufriedenheit, er
- 5:05vergleicht sich mit einem Liebenden, der einem allzu
- 5:07sanften Lächeln nicht traut. Er will dieses Glück jetzt
- 5:11nicht. Er wehrt sich dagegen, weil es
- 5:13zur falschen Zeit kommt. Er braucht jetzt keine sanfte
- 5:17Ruhe, sondern den tiefsten Schmerz um seine letzte große
- 5:20Prüfung zu bestehen. Ein bequemes Glück würde ihn nur
- 5:23von seiner harten Aufgabe ablenken, deshalb schickt er die
- 5:26selige Stunde gewaltsam von sich weg, er befiehlt dem Glück zu
- 5:31seinen Schülern und geistigen Kindern zu fliegen und diese zu
- 5:34segnen, er selbst aber lehnt die Freude ab.
- 5:38Und stellt sich ganz bewusst und willig seinem tiefsten Schmerz.
- 5:41Das Kapitel endet damit, dass der Abend anbricht, die Sonne
- 5:44sinkt und Zarathustra sein eigenes leichtes Glück in die
- 5:47Ferne schickt, um seinem schweren Schicksal treu zu
- 5:50bleiben.