Latest / Pod und die Welt – Das außenpolitische Update / Zwischen Diplomatie und Durchwursteln: Deutschlands Sicherheitspolitik im Jahr 2025 (mit Stefanie Babst)
Transcript
- 0:00Ich habe nicht den Eindruck, dass wir über irgendeine Strategie verfügen, irgendeinen dezidierten Plan, wie wir Russland tatsächlich nachhaltig in die Schranken verweisen können.
- 0:24Der
- 0:28Amtsantritt von Donald Trump, Neuwahlen in Deutschland, die Generalabrechnung von US-Vize JD Vance mit Europa auf der Münchner Sicherheitskonferenz, der Eklat beim Besuch des ukrainischen Präsidenten Selenskij im Weißen Haus und das war nur die ersten zwei Monate des Jahres.
- 0:43Tja, tja, und ein sehr bewegtes Jahr war das, in dem sich viele vermeintliche Gewissheiten aufgelöst haben.
- 0:49Die USA singen Europa nicht mehr wirklich zwingend an Partner, ganz im Gegenteil.
- 0:53Das hat nicht zuletzt die nationale Sicherheitsstrategie noch mal schwarz auf weiß festgehalten.
- 0:58europäische und die deutsche Außenpolitik scheinen sich immer noch nicht so ganz sicher zu sein, wie man damit nun umgehen soll.
- 1:04Wir wollen heute darüber sprechen, welche Lehren sollten Deutschland und Europa aus der sich veränderten Sicherheitsordnung ziehen und wieso es bislang so wenig dahingehend passiert.
- 1:14Und wir freuen uns sehr, dass wir darüber sprechen können mit Stefanie Babst.
- 1:17Sie war früher NATO-Chefstrategin und ist heute als Politikberaterin und Publizistin tätig.
- 1:21Hallo Frau Babst.
- 1:22Hallo Ihnen allen, hallo.
- 1:28Wir sprechen jetzt zwei Tage nach diesem ja doch sehr prominent besetzten Treffen in Berlin, wo USA, Europäer und Ukraine über Möglichkeiten für ein Ende des Kriegs in der Ukraine gesprochen haben, aus einer deutschen Perspektive herausgefragt.
- 1:41Ist es ein Erfolg, dass diese diplomatischen Gespräche in Berlin stattgefunden haben?
- 1:46Ich bin seit längerem der Meinung, dass viele der diplomatischen Bemühungen, die wir in diesem vergangenen Jahr gesehen haben, eigentlich nur so eine Placebo-Veranstaltung ist oder sind gewesen sind, weil ich der dezidierten Auffassung bin, dass wir eigentlich in diesem Jahr gute Gründe haben, um die letzten Zweifel darüber auszuräumen, dass wir in den USA eben keinen verlässlichen Verbündet mehr haben, dass die Administration von Donald Trump wirklich die Interessens- und auch Wertegrundlage verlassen hat, die uns als transatlantische Gemeinschaft jetzt in den vergangenen achtzig Jahren zusammengehalten hat.
- 2:26Und vor diesem Hintergrund war der Versuch einmal mehr von Seiten Europas und hier auch sehr stark von der Seite der Deutschland.
- 2:34Bundesregierung noch einmal den Schulterschluss mit Herrn Trump zu suchen.
- 2:38Von vornherein denke ich keine besonders gute Idee.
- 2:43Ich hätte mir das anders gewünscht.
- 2:45Kurz vor dem Treffen hier in Berlin mit Zelensky den Amerikanern und vielen anderen Staatsanregungschefs hat Janato Generalsekretär Rütte ziemlich deutlich darauf hingewiesen, was für eine Bedrohung von Russland ausgeht.
- 2:58Er hat gesagt, wir sind Russlands nächstes Ziel.
- 3:01Er hat nun offenbar den Eindruck, dass diese Dringlichkeit noch gar nicht bei allen NATO-Mitgliedstaaten angekommen ist.
- 3:06Hat er in ihren Augen recht?
- 3:08Ich halte auch nicht allzu viel von solchen Aussagen, schlicht und ergreifend, weil sie schon einhundertfünfzigtausendmal gemacht worden sind.
- 3:16Wir wissen, dass Russland die europäische Sicherheitsarchitektur, so wie wir sie kennen und aufgebaut haben in den letzten Jahrzehnten, mit militärischer Gewalt verändern will.
- 3:27Wir wissen, dass Russland insbesondere im hybriden Bereich seiner Anstrengungen uns gegenüber noch einmal sehr stark vergrößert hat.
- 3:36Wir wissen, dass Russland die Ukraine nicht nur mit Blick auf ein paar Territorien und Ressourcen besetzen will, sondern die Ukraine in Gänze schlucken will.
- 3:46Also wir haben es hier mit einem wirklich revanchistischen, expansionistischen Russland zu tun.
- 3:51Und die Frage, wie man sich da jetzt aufstellt, ist eine, die uns jetzt seit vier Jahren fast begleitet.
- 3:57Und ich habe nicht den Eindruck, dass wir über irgendeine Strategie verfügen, irgendein dezitierten Plan, wie wir Russland nachhaltig in die Schranken verweisen können.
- 4:10Was wir ja schon gesehen haben, war, dass zum Beispiel die Verteidigungsausgaben massiv erhöht worden sind und dieses Bekenntnis zu den erhöhten Verteidigungsausgaben.
- 4:19Nein, die Verteidigungsausgaben zu erhöhen reicht nicht aus.
- 4:23Es reicht auch nicht aus, sich ab und zu präsendiplomatisch zusammenzusetzen und Fotos zu produzieren, wovon ich rede, ist mindestens eine Eindämmungsstrategie gegenüber Russland.
- 4:34Ich rede davon, es ist notwendig, das strategische Kalkülputins zu verändern.
- 4:39Ich rede davon, gleichsam auch Anstalten zu machen, um letztendlich die NATO zu europäisieren.
- 4:46All das müsste sozusagen in eine gesamtheitliche Eindämmungsstrategie einfließen.
- 4:52Und davon sind die Europäer noch weit entfernt.
- 4:55Und im Übrigen sprechen Sie noch nicht einmal in
- 4:57der NATO darüber.
- 4:58Wer sollte denn Nachfrage vor Babst diese Eindämmungsstrategie, diese Gesamtstrategie, wer sollte die machen?
- 5:04Wer sollte die vorlegen?
- 5:05Und ein paar Details wären noch super.
- 5:08Was stellen Sie sich davor?
- 5:09Wie sollte so eine Strategie konkret aussehen?
- 5:11Die Europäer müssten diese Strategie zusammen mit den Kanarien erarbeiten.
- 5:15Ich darf daran erinnern, dass es einen sogenannten NATO-Tasking gibt, von dem Gipfel, der noch aus Washington stammt.
- 5:22Und darin haben die Verbündeten sich selbst verpflichtet, ihr langfristiges strategisches Verhältnis zu Russland in eine Strategie zu überführen.
- 5:31Das ist nun mittlerweile anderthalb Jahre alt.
- 5:34Diese Aufgabe, diese Selbstaufgabe, der NATO-Generalsekretär Rütte hat in den vergangenen Jahren alles getan, um letztendlich auch natürlich auf der Grundlage der Weisung aus Washington eben eine solche Diskussion zu verhindern.
- 5:49Ich würde ganz bestimmt noch einige andere Nationen demokratisch Verfasstheit mit dazu nehmen wollen, insbesondere diejenigen, die sich auch unter Ukraine engagieren, dazu zählen unsere sehr engen Partnerstaaten Japan, Südkorea, Australien und Neuseeland.
- 6:05Aber eine Kerngruppe Europas müsste das natürlich anschieben und eine Eindämmungsstrategie zu beschreiben, müsste damit beginnen, das strategische Endziel zu definieren.
- 6:15Was wollen wir dann mit Russland?
- 6:18mit diesem revaschistischen, kleptokratischen, nuklear-erpresserischen Russland für die nächsten zwanzig Jahre.
- 6:25zusammenleben und irgendwie hoffen.
- 6:27Also, dass Russland uns nicht direkt angreift und sich irgendwie im Zaume hält.
- 6:32oder wollen wir das russische Regime schwächen und nachhaltig wirklich ins Taumeln bringen.
- 6:38Wollen wir den Ukrainian helfen, auch wenn sie so wollen einen militärischen Sieg gegenüber der russischen Truppe da, die über die Ukraine hier gefallen ist, zu erringen.
- 6:49Das müsste in einem strategischen Endziel genau definiert werden.
- 6:53Und dann kann man auch seine eigene Toolbox gucken, welche Instrumente haben wir, um Russland dann letztendlich auch in seinem Revanchismus einzudämmen.
- 7:02Und eine solche Eindämmungsstrategie... Das sage ich jetzt nicht, um mir selber auf die Schulter zu klopfen, aber ich laufe damit seit mittlerweile vier Jahren herum und habe sie auch an dem einen oder anderen Staat überhaupt anbringen können oder bei dem einen oder anderen Außenminister.
- 7:17Aber es ist so, dass die größeren europäischen Verbündeten, dazu gehört auch Deutschland, eine solche Debatte verweigern, sich scheuen, eine solche Debatte zu führen und ihre Energie darauf setzen, einem Präsident Trump hinterherzulaufen, der ganz eindeutig den Atlantischen Konsens zu Russland verlassen hat.
- 7:37Und wie erklären Sie sich das?
- 7:38Wenn Sie sagen, man scheut diese Debatte irgendwie, ist es doch noch so, die Hoffnung am Ende kann man sich doch noch irgendwie auf die USA verlassen?
- 7:46Oder wieso glauben Sie, wird diese Diskussion nicht geführt?
- 7:49Also ich reise ja nun sehr viel durch die europäischen Hauptstädte und höre mir an, was Menschen dort zu sagen haben und woran sie arbeiten.
- 7:56Und es gibt in meinen Augen mindestens zwei Cams, zwei Lager.
- 8:00Das ist das eine Lager, das einfach die Hoffnung hat, dass Präsident Trump nach den kommenden Midterm-Elections eine politische Schlappe erringt und wir dann in zwei Jahren wieder einen demokratischen Präsidenten im Weißen Haus haben.
- 8:14Also das ist das, was ich so als Wishful Thinking bezeichnen würde.
- 8:18Und dann gibt es eben die andere Gruppe, die sich Zeit erkaufen will, die schlicht und ergreifend die eigene Handlungsfähigkeit Europas nur sehr bedingt glaubt.
- 8:28Und der Meinung ist, dass wir ohne Amerika, ohne vor allen Dingen militärische und sicherheitspolitische Fähigkeiten und Führung seit Washingtons hier in Europa eigentlich nicht wirklich überleben können.
- 8:40Und Zeit zu kaufen ist dann letztendlich auch eben ein Wenn man so will, ein Grund, warum in Paris, gerade natürlich auch in London, aber auch in Berlin, letztendlich sehr viel ausgesessen wird.
- 8:53Wenn es diese zwei Tage gibt bei den Europäern, Frau Barbs, wo würden Sie die Deutschen da einsortieren?
- 8:58Die deutsche Position hat sich auch ein bisschen gewandelt in den letzten Jahren.
- 9:01Friedrich Merz hat sich auch ein bisschen verändert in seinem Auftreten und in seinem Agieren.
- 9:05Wie beurteilen Sie das, was Deutschland tut?
- 9:07Lassen Sie mich dazu ein Beispiel geben.
- 9:09Ich war letzte Woche in Brüssel und habe eine ganze Woche lang mit unterschiedlichen NATO-Botschaftern in unterschiedlichen Variationen gesprochen.
- 9:18Das war unter anderem ein Tag nach dem ersten NATO-Rat, den der NATO-Generalsekretär einberufen hatte, nachdem die nationale Sicherheitsstrategie der Amerikaner nun veröffentlicht worden ist.
- 9:31Es hat bis auf einen einzigen Nationenvertreter niemand.
- 9:36Absolut niemand im Kreis dort irgendetwas gesagt.
- 9:40Entweder hatten die Botschafter keine Weisung oder sie hatten die Weisung nicht zu sagen.
- 9:44Dazu gehörte auch Deutschland.
- 9:46Und das meinte ich damit.
- 9:48Es gibt natürlich eine vorsichtige, wenn man so will, Bemühung der deutschen Bundesregierung, unsere militärische Verteidigungsfähigkeit zu stärken.
- 9:57Es gibt natürlich immer wieder das Bekenntnis, wir stehen hier wirklich eng an der Seite der Ukraine.
- 10:02Aber wenn ich mir noch mal die größeren strategischen Aufgaben anschaue, dann stelle ich nicht fest, dass diese deutsche Bundesregierung eine Strategie hat.
- 10:12Ich stelle fest, dass sie nicht bereit ist, sich von Donald Trump in irgendeiner Weise zu emanzipieren.
- 10:18Ich stelle fest, dass sie nicht bereit ist, das strategische KapülPutins wirklich nachhaltig zu verändern.
- 10:25Und ich stelle ebenfalls fest, dass wir eben auch mit Blick auf unsere anderen, wenn man so will, also die größere Gruppe der europäischen Verbündeten zwar immer einen Führungsanspruch erheben, aber der nicht wirklich untermauert wird.
- 10:39Womit wird er dann untermauert?
- 10:40Fragezeichen.
- 10:41Also das kann ich nicht sehen und deshalb bleibt meine Haltung auch gegenüber dieser jetzigen Bundesregierung trotz der Schritte, die sie unternommen hat, im Prinzip und verändert kritisch.
- 10:51Und
- 10:52dazu nochmal die Nachfrage.
- 10:53Sie sagen, Sie können diesen Führungsanspruch nicht sehen.
- 10:55Nun wurde ja, wie gesagt, in den letzten Tagen dieses Treffen in Berlin schon von vielen als Erfolg für Friedrich Merz und dessen diplomatische Bemühungen ausgelegt.
- 11:02Sie sagen aber, das ist noch nicht genug oder zu spät oder worauf genau bezieht sich die Kritik.
- 11:08Also, zum einen kommt das natürlich sehr spät.
- 11:10Wir sind jetzt fast im fünften Jahr des russischen vollumfänglichen Angriffskrieges der Russen gegen die Ukraine.
- 11:18Alle diese Schritte, von denen ich hier rede, sind nach wie vor nicht unternommen worden, weder von einer früheren Bundesregierung noch von einer jetzigen.
- 11:26Und zweitens, woran messen wir denn einen sogenannten diplomatischen Erfolg?
- 11:31Was ist denn unsere Messlatte?
- 11:32Dass es eine große mediale Berichterstattung gibt, dass sich jemand gut double fühlt?
- 11:37dass es ein Familienfoto gibt, dass es Aussichten gibt, eventuell eine politische Absicht umzusetzen, dass man bereit ist, zwei Immobilien, Marklern und dubiosen Businessmannern einen Platz im Kanzleramt einzuräumen.
- 11:52Ist das unsere Messlatte?
- 11:54Das ist nicht meine Messlatte.
- 11:56Ich plädiere dafür, dass wir in Europa wirklich nachhaltig uns gegen dieses russische Regime wehren müssen.
- 12:04Und wir können das nicht nur den Ukainern hinterlassen oder vielmehr überlassen.
- 12:08Und wir müssen uns auch wirklich eindeutig von den Vereinigten Staaten ein Stück weit emanzipieren und endlich das beginnen, was wir schon vor einem Jahr hätten beginnen sollen, nämlich einen Plan B zu erstellen.
- 12:21Wie können und würden wir dann letztendlich auch ohne amerikanische militärische Hilfe hier in Europa diese Aggression Russlands begegnen?
- 12:29Und wen können wir dafür noch ins Boot holen und welche Instrumente brauchen wir dafür?
- 12:34Und diese grundsätzlichen Fragen, die sind in Berlin ja gar nicht angesprochen worden, sondern da ging es darum, eben den berühmten Schulterschluss mit dem Herrn in Weißenhaus noch einmal zu suchen und dass der in keiner Weise verlässlich ist, das muss man glaube ich jetzt neun Monate nach seinem Amtsantritt nicht noch einmal begründen.
- 12:53Das ist für alle Welt sichtbar.
- 12:59Es fällt mir ehrlich gesagt immer noch schwer zu verstehen, warum das so ist, warum sich die Europäer und die Deutschen aus ihrer Sicht dann so Verhalten.
- 13:07die Bundesregierung.
- 13:08Das kann ja eigentlich nur Angst sein oder Desinteresse oder Sorglosigkeit oder eine profunde falsche Einschätzung der ganzen Situation.
- 13:16Woran liegt es, dass man im vierten Jahr immer noch nicht soweit ist, zu sagen, wir haben ein nüchternes Assessment, einen klaren Blick auf die Dinge und agieren entsprechend und reagieren eben nicht mehr nur auf alle Veränderungen, die aus Washington heute so morgen so kommen und auf das, wozu Russland dann erwartet war, immer net, sagt.
- 13:35Ich glaube, es gibt ein ganzes Bündel von Gründen, aber die wesentlichen Aspekte scheinen mir zu sein, dass es eben ein Stück weit eine Ungläubigkeit ist, dass man wirklich sich auf diesen amerikanischen Verbündeten nun ja nicht so verlassen kann, wie wir das über viele Jahrzehnte gemacht haben.
- 13:53Man möchte ein Stück weit daran festhalten, ist bereit, sich auch notwendigerweise zu verbiegen und den Ring des Menschen dazu küssen, der im Weißen Haus sitzt.
- 14:02Aber es ist sicherlich auch, und das wäre der zweite Aspekt vor dem Hintergrund der öffentlichen Meinung, ein Stück weit zu sehen, das betrifft nicht nur Deutschland.
- 14:11In vielen anderen Staaten ist die öffentliche Einstellung gegenüber dem Krieg in der Ukraine eine, die von Müdigkeit charakterisiert ist und die auch ein Stück weit von Angst immer noch geprägt wird.
- 14:24Und ich bin der Meinung, dass zumindest der zweite Aspekt, also diese Angst, die irgendwo in großen Teilen der Bevölkerung mitschwingt, dass man der entgegnen könnte, wenn man die Bevölkerung nicht in Watte packt und letztendlich irgendetwas Nibulöses von sich gibt, sondern ganz klar deutlich macht, worum geht es hier eigentlich, aber noch wichtiger, was ist unser Plan?
- 14:49Und wir haben eben außer uns selbst ein Stück weit zu verteidigen, besser verteidigen zu können.
- 14:55Wir haben keinen übergeordneten strategischen Plan.
- 14:59Und der wird von der Regierung nicht angeboten.
- 15:01Und vor diesem Hintergrund, glaube ich, ist bei vielen Regierungschefs so, dass sie natürlich mit dem, was sie sagen und was sie verabschieden, was sie an Entscheidungen treffen, immer so, dass sie auch ein Stück weit natürlich auf ihre jeweilige inpolitische Diskussion schauen.
- 15:16Wenn ich Sie richtig verstehe, dann plädieren Sie dafür, ein bisschen mehr mit der Bevölkerung auf Augenhöhe zu kommunizieren.
- 15:22Nun gibt es aber durchaus Vorbehalte, einerseits die Sorge vor eine Art Aufrüstungsspirale, auch bei dieser Debatte um den Wehrdienst.
- 15:31Wir haben jetzt dieses freiwillige Wehrdienstmodell, aber die Befürchtung, dass es irgendwann doch eine Wehrpflicht wieder eingeführt wird, ist ja da.
- 15:37Und da wird jetzt schon die Kritik laut.
- 15:39Können Sie das nicht nachvollziehen, dass da auch in der Bevölkerung eine Sorge besteht?
- 15:43Das ist verständlich, kann ich das nachvollziehen.
- 15:46Wer redet schon gerne darüber, sich wirklich auf eine mögliche kriegerische Auseinandersetzung vorzubereiten.
- 15:52Das ist etwas, was in Generationen hier in Deutschland, wenn überhaupt, nur eine akademische theoretische Debatte betraf.
- 16:00Und jetzt wird es konkret.
- 16:02Aber ich sage es noch mal, Menschen, glaube ich, sind nur bereit, sich zu verteidigen und überhaupt über Verteidigung und Resilienz nachzudenken, wenn man ihnen sagt, wofür.
- 16:13Was ist denn der Grund?
- 16:14Das sieht man ja sehr deutlich auch in den skandinavischen Staaten, in Finnland, in Schweden, allen Norwegen, zum Teil auch in Polen, wo eine sehr nüchterne Diskussion darüber geführt wird.
- 16:25Und die hat nicht nur etwas damit zu tun, dass ein Land beispielsweise wie Finnland eine sehr, sehr lange, unmittelbare Grenze zu Russland hat und eine historische Erfahrung in der militärischen Auseinandersetzung mit einem aggressiven Russland hat.
- 16:39Das hat auch etwas mit politischer Führung zu tun.
- 16:42Wenn ich mir beispielsweise um diesen Punkt kurz zu machen, den sogenannten Operationsplan Deutschlands anschaue, der ja durchaus in der Mache ist und das ist ja auch
- 16:51gut
- 16:52und richtig, also dass wir versuchen unsere kritische Infrastruktur besser zu schützen, dass viele, viele andere Akteure mit eingebunden werden, das ist alles ein guter und richtiger Schritt.
- 17:02In der gesamten gesellschaftlichen und auch medial aufbereiteten Debatte versickert verschwimmend dieser Operationsplan.
- 17:10Nicht nur, weil man ihn nicht sehen kann und ihn nicht lesen kann, sondern weil jeder sich irgendwie ein Stück weit in irgendeiner Talkshow dazu aufsagt.
- 17:17Es geht einfach unter ein Stück.
- 17:19Also gehen die Leute am Ende dann doch lieber auf den Weihnachtsmarkt, kann ich auch verstehen und versuchen das Thema auszublenden und zu sagen, naja irgendwie müssen die doch da in der Ukraine dann auch bereit sein ihre Gebiete abzugeben, Punkt.
- 17:31Also das ist ja auch eine Einstellung, die ich häufig höre und andere wahrscheinlich auch und das geht eben an der strategischen und auch an der politischen Realität, mit der wir hier konfrontiert sind, vorbei.
- 17:41Eines der ganz großen Stichbordes dieses Jahr aus dem Jahr- und-Zwanzig war ja Resilienz.
- 17:47Vorbeabst, wenn wir eines gerade hätten von null bis zehn für W-Krisenresilient, würden sie denn die deutsche Bevölkerung halten.
- 17:54Es ist natürlich schlecht einzuschätzen, weil es viele Menschen gibt, die sich damit ja beschäftigen, ob bei Krisenmanagement oder Katastrophenschutz oder beim Deutschen Roten Kreuz oder im Rahmen der Bundeswehr.
- 18:07Ich kenne da keine Umfragen, ich kann das also nur ein Stück weit so beantworten, wie ich es empfinde, wie ich es sehe und wie ich es auch erlebe, wenn ich mit Menschen spreche.
- 18:16Aber ich denke irgendwo würde es wahrscheinlich bei fünf liegen, also irgendwo so in der Mitte.
- 18:21Wir sind nicht besonders resilient aus den die wir hier diskutieren.
- 18:25Aber wir sind auch nicht so, dass wir überhaupt gar nicht offen dafür sind.
- 18:29Ich treffe auch beispielsweise im wirtschaftlichen Bereich immer wieder Akteure, Unternehmer.
- 18:35die sich eben sehr, sehr stark für die Resilienz ihrer Unternehmen einsetzen und auch ihre Mitarbeiterschulen und für die Cybersicherheit beispielsweise ein Riesenthema ist.
- 18:45Also, da gibt es sehr, sehr verschiedene Facetten.
- 18:48Ich glaube, mein Kritikpunkt reduziert sich darauf, dass es eben von Seiten der politischen Führung nicht wirklich sehr, sehr deutlich kommuniziert wird, wohin da wirklich unsere Reise gehen wird.
- 18:59Und hilfreich, wenn ich das noch anfügen darf, ist es natürlich auch nicht eine Jahreszahl immer vor sich hinzu.
- 19:04tragen und zu sagen, ja Russland wird uns vielleicht im Jahr des Herrn, zwanzig, sechsundzwanzig oder siebenundzwanzig oder neunundzwanzig angreifen.
- 19:12und dann drehen sich die Menschen um und sagen, ja gut, das ist ja nicht heute.
- 19:16Das ist nicht hilfreich.
- 19:17Wenn Sie sagen, die Jahreszahl vor sich her schieben, jetzt sprechen wir zum Ende des Jahres, zwanzig, kurz vor Beginn von sechsundzwanzig miteinander.
- 19:25Was erwarten Sie denn für das kommende Jahr weiteres?
- 19:28vor sich erschieben oder doch signifikante Veränderungen in der deutschen Strategie der Außen- und Sicherheitspolitik?
- 19:33Große Strategien oder Strategieentwürfe erwarte ich nicht.
- 19:39Da habe ich also meine Erwartungshaltung schon sehr gedämpft.
- 19:42Aber wenn ich auf das geostrategische Schachbrett schaue und insbesondere auf die Lage in Europa, dann ist meine Annahme, dass wir erstens weitere Kriegshandlungen sehen, dass der Krieg in der Ukraine weitergeht.
- 19:54Ich kann nicht erkennen, dass Russland hier seinen Krieg Ziel in irgendeiner Form aufgibt oder aufgeben wird.
- 20:01Ich erwarte zum Zweiten, dass wir noch eine ganze Menge Back- und Forst sehen zwischen Russland und Amerika.
- 20:08Die beiden Akteure sind sehr daran interessiert, ihren eigenen bilateralen Reset nun wirklich auch umzusetzen und die Normalisierung ihrer Beziehungen voranzutreiben, ihre Business- und Wirtschaftsinteressen, vor allen Dingen auch in der Arctic oder auch in Alaska, wo auch immer im Osten der Ukraine voranzutreiben.
- 20:27Der Druck auf Präsident Zelenski und die Ukraine wird sicherlich weiter sehr, sehr hoch bleiben.
- 20:32Und dann sehe ich eben mit Sorge, dass was die Amerikaner auch in ihrer NSS angekündigt haben, also in der nationalen Sicherheitsstrategie, dass sie die populistischen Parteien, die rechtsextremen und rechtsradikalen Parteien in Europa weiter stärken wollen.
- 20:50Ich denke, das sind nicht nur verbale Ankündigungen, sondern das wird sich sicherlich auch in der Tat umgehen.
- 20:56Lass sie nicht.
- 20:57Wir werden davon einiges sehen.
- 20:59Ganz konkret noch mehr, als wir das schon in der Vergangenheit getan haben.
- 21:03Die Kern-Europäer, also wenn sie nicht letztendlich eine Koalition auf the willing bilden, die sich nicht nur auf einem Foto ablichten lässt, sondern tatsächlich auch alle mit einbindet, die einen sehr klaren und nüchternen Blick auf das haben, was es hier geht, was wir in Europa wirklich tun müssen, dann fürchte ich, wird die Zeit des Durchwurstels noch weiter andauern.
- 21:27zum Vorteil unserer strategischen Gegner erreichen.
- 21:31Sagt die frühere NATO-Chefstategin Stephanie Barbs.
- 21:33ganz herzlichen Dank.
- 21:35Aber doch sehr gerne.
- 21:40Wir lassen ein letztes Mal Sacken in diesem Jahr.
- 21:43Wir tauschen uns kurz darüber aus, welche Gedanken und Aspekte für uns besonders interessant waren oder einen AHA-Effekt gebracht haben.
- 21:50Martin, magst du anfangen?
- 21:51Ja, sehr gerne.
- 21:52Das war puh, eine strenge Gesprächspartnerin.
- 21:56Stephanie Papst, sehr nüchtern und sehr, sehr klar.
- 21:58Im Kern bleibt bei mir hängen die Frage, die völlig ungelöste oder unbeantwortete Frage, was wollen wir eigentlich?
- 22:05Wir Europäer, es gibt keinen übergeordneten Rahmen, keinen Plan, sagt Stephanie.
- 22:10Es gibt auch nach vier Jahren keine Strategie in diesem Krieg.
- 22:14Russland ist in der Ukraine also keine Strategie der Europäer.
- 22:17Es gibt zwei Lager, wo ich voll denke, die hier Zeit erkaufen dort.
- 22:20Beides nicht so richtig gut.
- 22:22Wir sind total weit weg von so was wir am Friedensschluss, trotz der von vielen ja sehr optimistisch bewerteten Gespräche in Berlin.
- 22:28Und man geht irgendwie mit ziemlich tiefer Sorge raus aus diesem Gespräch.
- 22:32Man verrät jetzt nicht so viel, dass Stephanie Wabst zum Schluss noch gesagt hat, sie wollte das gar nicht so gloomy enden lassen, also so dunkel und besorgt, aber dass ihr da wenig anderes übrigbleibt gerade.
- 22:41Und das bleibt bei mir ziemlich hängen.
- 22:43Katharina, wie geht's dir?
- 22:45Ja, ich hab mich, ehrlich gesagt, so ein bisschen ertappt gefühlt, bei dem, was sie beschrieben hat, wie man so den medialen Dynamiken dann auch aufsitzt.
- 22:52Also, dass sie dieses Treffen in Berlin als so ein bisschen eine Placebo-Veranstaltung bezeichnet hat.
- 22:57Und diese Aussagen von Marc Rütte hat man eigentlich auch schon hundertfünfzigtausendmal gehört.
- 23:01Und so richtig folgt aber nichts.
- 23:02Und die Frage, die ich sehr klug fand, war, woran messen wir denn eigentlich den Erfolg von solchen Treffen?
- 23:08Und das ist dann eben nicht unbedingt das Familienfoto, auch wenn es ... schön aussieht oder man den Eindruck hat, ja gut, da wird jetzt irgendwie Geschlossenheit demonstriert.
- 23:16Wichtigen Punkt fand ich nochmal den, besprechen wir auch öfters mal hier diese Kommunikation mit der eigenen Bevölkerung, dass man die vielleicht nicht so sehr in Watte packen muss, wie manche Politikerinnen und Politiker offenbar denken, dass man eigentlich ein bisschen klarer kommuniziert, was eigentlich Phase ist.
- 23:32und was ich aber doch eigentlich Ein bisschen aufbauend finde ist, dass sie ja doch sagt, wir können ja zumindest versuchen, uns von den USA unabhängiger zu machen und vielleicht nicht alternativen, aber doch Ergänzungen in Bündnissen und Partnerschaften zu finden.
- 23:45Und das ist dann zumindest ein Weg, den man gehen könnte.
- 23:50Das war es von uns in diesem Jahr, die letzte Folge von Pod und die Welt.
- 23:55Wir verabschieden uns in eine kleine Jahreswechselpause und sind ab dem fünften Januar wieder da.
- 24:00Genau, jetzt wünschen wir einen wunderbaren Jahresausklang, schöne Feiertage und vor allem auch Zeit, um dieses bemerkenswerte Jahr mal Revue passieren zu lassen.
- 24:09Dann
- 24:10natürlich einen guten Start ins neue Jahr und hoffentlich ein paar positive Aussichten dabei.
- 24:16Alles Gute, sagen Katharina Peetz.
- 24:17Und Martin Bialecki, danke und tschüss!
- 24:20Tschüss!