Latest / Erstklassisch mit Mischke - Klassik hautnah / Götz Alsmann: „Eine André-Rieu-Show ist wie Erlebnisgastronomie“
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- Crossover konnte natürlich die Kombination hochinteressanter und musikalischer Welten sein. Es kann aber auch irgendein Gemüse sein, das man durcheinander rührt und hält das dann automatisch für toll. Aber automatisch ist gar nichts toll in der Musik. Erstklassisch mit Mischke, der musikalische Podcast des Hamburger Abendbladts. Music. Schönen guten Tag zu einer neuen Folge. Ich habe heute einen ganz besonderen Gast. Er ist der König des deutschen Jazz-Schlagers. Er war Brillen- und Krawattenträger des Jahres, ist in Münster geboren und der einzige Musikwissenschaftler von der WWU in Münster, aus dem wirklich was Ordentliches geworden ist. Bei mir hat es nur zum Musikkritiker gelangt. Er war mal sowas wie Maoist, hat ungefähr 100 Jahre lang bis 2016 zimmerfrei moderiert und danach, nein, davor die Gongshow für RTL. Er mochte mal schlechte Science-Fiction-Filme aus den 50ern und hat Alben für Blue Note aufgenommen. das ist das Jazz-Label des Universums, spielt Klavier, Banjo und Ukulele und vielleicht noch irgendwas, von dem ich nichts weiß. Er singt und er heißt, Doktor, so viel Zeit muss sein, Götz Eismann. Schönen guten Tag. Schönen guten Tag. Aber das mit den Maoisten, da muss ich gleich reinhaken. Also das war eine Phase, die begann mit 15 und endete mit 15,5. Sie waren jung und brauchten das, deswegen. Ich war jung und lief einfach auf meiner Schule denen hinterher, die zwei Jahre älter waren, als ich und mir die Welt erklärten mit ihrem kleinen Horizont. Na gut, also Jugendsünde. Ach ja, übrigens, weil Sie schon neugierig geworden sind, wer hier noch so alles war und zu hören ist, auf abendblatt.de und auf allen anderen guten Plattformen finden Sie erstklassisch mit Mischke und Bewertungen ab fünf Sternen aufwärts freuen uns und dann machen wir auch weiter und das hilft auch. Aber jetzt kommen wir mal zu meinem Gast. Ich habe mal nachgeschlagen, nichts als Krach. Die unabhängigen Schaltplattenfirmen und die Entwicklung der amerikanischen populären Musik 1943 bis 1963. Das war die Promotion, die Doktorarbeit 1985. Mit welcher Note? Es war 84, schon mal ist sie erst veröffentlicht worden, wie das immer so ist. Das war es bei heute ja manchmal auch ein bisschen. Und durch welcher Note? Ich glaube, es waren zwei. Die Arbeit war, glaube ich, magna cum laude, aber ich kann mich nicht mehr ganz genau erinnern, weil es damals noch nicht so wichtig war wie heute. Also ich habe es gesehen in der Promotion meines Sohnes, da wird viel mehr Aufhebens gemacht um die Note, als es vor 40 Jahren der Fall war. Damals hieß es einfach nur, aber ich habe es geschafft. Welches Fach war bei dem Sohn, die Promotion? Germanistik. Dann vielleicht habe ich jetzt noch was richtig gefunden im Archiv. Mit acht Klavierunterricht begonnen. Das ist also Jahrzehnte zu spät für eine Weltkarriere. Ja, definitiv. Es hat natürlich damit zu tun gehabt, dass ich eine sehr nahe, sehr frühe Hinwendung zur Musik erfahren habe, auch gerade zum Klavierspielen. Und jetzt ist Klavierspielen natürlich auch noch das Blockflöte spielen. Wenn man in den weltberühmten kleinen Verhältnissen aufwächst. Und dann gelang es meinem Vater, irgendwie ein Klavier zu organisieren. Das stand dann da. Und jetzt ging es darum, wer gibt dem Jungen Unterricht? Und alles, was meine Eltern wussten, war, dass es in der Nachbarschaft einen freundlichen, älteren Herrn gab, der in so einer Jugend in Polen mal Stumpfeln begleiter war. Und dann wurde der gefragt, ob er auch Unterricht gäbe. Sagt er, bislang noch nicht. Und dann wurde ich sein erster und einziger Schüler. Und das alles braucht also von dem Wunsch, ich will Klavier spielen, bis hin zur Realisierung desselben brauchte. Das sind ein paar Jahre. So war ich halt acht Jahre, als es losging. Definitiv zu spät für eine Weltkarte. Das ist so. Wie sind Sie denn dann falsch abgebogen, also in Richtung Rockabilly-Band? Und warum? Das Ganze war eigentlich ein mehrgleisiges. Entwicklungs-, ein Konglomerat mehrgleisiger Entwicklungsströme. Also erst mal war es natürlich so, dass ich als Kind einfach generell Musik geliebt habe und fast jede Art von Musik geliebt habe, die ich zu Hause gehört habe, wo man sehr begeistert war, was Musik anging, aber nicht sehr Musik interessiert. Ich will sagen, das war wirklich, meine Eltern waren die idealen Konsumenten von Musik. Die begeisterten sich total für Musik, mussten aber nicht unbedingt was über Musik erfahren. Und so hörte ich in einer sehr unkritischen Kombinationen, Operetten, Potpourris, Opernchöre, Straußwalzer, die größten Erfolge von Louis Armstrong und Bill Haley, die Glenn Miller-Story. Plus irgendwelche populären Sänger, die im blauen Bock auftraten, von Bully Boulan bis Evelyn Kühnecke. Und so wurde ich einfach mit allem konfrontiert, was es gab und musste mich dann irgendwie durchwuseln. Und so landete ich dann irgendwann über den Umweg des Dixieland-Jazz beim Rock'n'Roll der 50er Jahre, vor allem in der Frühphase dieser Musik. Und das hat mich dann eine ganze Weile nicht losgelassen. Das klingt aber alles schon sehr nach, wie soll ich sagen, Nischengeschmack, also konträr zu dem, was auf dem Rest des Schulhofs so gehört und gemocht wurde, oder? Zum Rest des Schulhofs gab es lange gar kein Interesse an Musik. Also das Interesse an Fußball war deutlich größer als das Interesse an Musik. Erstaunlich, wenn man in Münster aufwächst. Und der eigentlich ja sehr ruhmreicher SC Preuß Münster damals nicht eine seiner großen Phasen hatte, ganz im Gegensatz zu jetzt. Und ja, das war eigentlich lange so, dass ich der Einzige war, der sich überhaupt für Musik interessiert hat. Als ich dann aus dem Gymnasium wechselte, gab es zwar eine ganze Menge Jungs, ein reines Junggymnasium, die sich für Geigenspielen und Klavierspielen begeistern mussten. Aber ich glaube, freiwillig war ich der Einzige. Und als dann der Weg zum allgemeinen Popgeschmack deutlich wurde, dann gab es an unserer Schule eigentlich nur zwei Bands, die man sich anhörte. Für die, die im Verdacht standen, mal ein gutes Abitur machen zu würden, war es Jeff Rottal. Und für die, wo man wusste, das wird sowieso nichts, jenseits der mittleren Reife, war es Deep Purple. Und das war im Grunde die Polarisierung des Musikschutzes. Alles andere existierte nicht. Alles andere manifestierte sich in meiner Person. Ob es jetzt eine gewisse Begeisterung für Klassik war oder eine gewisse Begeisterung für Folk oder eine gewisse Begeisterung für Banjo-Spielen oder für Jazz oder was, es existierte einfach nicht. Es gab nur diese beiden Pole, Jeff Ruttal und Deep Purple. Für beides hatten Sie gesunde Verachtung oder konnten Sie es halbwegs nachvollziehen? Ich konnte es nicht nachvollziehen. Heute in der Rückschau war mir wahrscheinlich Jeff Ruttal näher als Deep Purple. Aber auch richtig nah kam es mir nicht. Sie sind, wie wir schon herausgefunden haben, ja Hardcore Münsteraner. Da geboren, da zu Hause, Lebensmittelpunkt und Zentrale des Universums. Und eigentlich müssten Sie ja dringend nach Hamburg umziehen, weil unser Literaturhaus-Chef, der jetzt demnächst aufhört, ist Schlagerexperte, Rainer Moritz. Unser Kultursenator steht auf Country, die machen damit Abende zusammen, die gehen sogar in den Stadtpark im Sommer, damit das wäre jetzt das gelobte Land für Sie im Vergleich zu dem. Ja, also, wenn ich so drüber nachdenke. starten. Ist das eine sonderbare Eigenart von Ihnen, mit der Sie klarkommen, dass viele bei diesem vielfältigen Musikgeschmack denken, meine Güte, kann der sich nicht entscheiden? Oder wie wirkt das auf Menschen, die Sie begegnen, denen Sie dann sagen, ich stehe auf Jazzschlager, ich stehe auf frühen Rock'n'Roll, ich kann aber auch mit Klassik was anfangen. Weil manche oder viele, glaube ich, haben ja einen sehr... Klar umbrennt es das Geschmacksfeld. Das Ende hört dort auf. Aber alle Geschmacksmilieus sind ja irgendwie gelernt. Also wir leben ja jetzt nicht mehr in einer Zeit, wo man in kultureller Isolation wirklich nur in seinem Dorf sonntags die Kirchengesänge hört, zum Schützenfest mal eine Blaskapelle und zwischendurch kommt der Leierkastenmann. Und das sind die Klänge, die einen vollen Rest seines Lebens prägen und man schaut nie über den Topfdeckel hinaus. Unsere Generation und auch schon die Generation vor uns ist ja dank des Rundfunks mit allen musikalischen Kulturen aufgewachsen, beziehungsweise konnte mit allen musikalischen Kulturen aufwachsen, wenn sie denn wollte. Und die Rock-Sozialisation ist genauso gelernt wie eine Klassik-Sozialisation oder die erstaunliche deutsche Sozialisation mit Country- und Westernmusik. Es sind gelernte Kulturen, es sind gelernte Rezeptionsweisen. Warum hat in den 70er Jahren plötzlich jeder deutsche Lastwagenfahrer beschlossen, Countryfan zu werden? Ja, warum? Es lag an drei entscheidenden Songs von Gunther Garvengill und Truckstopp und, auch das ist dann halt gelernt, so wie es eben gelernt ist, dass der halbstarke Rock'n'Roll hört oder so wie es gelernt ist, dass man den Kammersänger, der beim Blauen Bock früher gesungen hat, ich ich bin nur ein armer Wandlergesell, dass man den nun gefängnis zu verachten hat. Das sind alles heutzutage, würde ich sagen, bei dem idealen Overkill, dem wir seit einem halben Jahrhundert ausgesetzt sind. Gelernte Verhaltensweisen, gelernte Geschmäcker, gelernte Rezeptionsweisen und nichts davon ist eigentlich wirklich authentisch. Dann können wir ja mal so ein bisschen musikgesellschaftlich werden. Wieso hat Klassik eigentlich immer noch diesen Ruf, so elitär zu sein? Wenn ich überlege, das stundenlange Gegniedel von den Grateful Dead oder von anderen Proc-Rock-Bands, das ist jetzt auch nicht direkt schützenfest, aber bei Klassik haben ganz viele immer noch Berührungsängste und so eine Art von... Ja, ich gehe mal lieber auf Distanz dazu. Ich könnte es womöglich verstehen. Womöglich fragt mich jemand zwischendurch, wann Mozart geboren wurde. Und wenn ich das nicht weiß, werde ich sofort an den Ohren rausgezerrt. Ja, ich glaube, dass schon das früher anders war. Früher gab es die sogenannte populäre Klassik. Früher gab es ja auch, zum Beispiel in der Swing-Ära war es durchaus Usus, populäre sogenannte Klassikstücke im Swing-Gewand zu spielen. Sei es die Baccarole oder irgendwelche Verdi-Chöre oder so etwas in den Versionen von Benny Goodman, Charlie Barnett oder Glenn Miller. und das wirkte nur deshalb, weil diese Melodien schon bekannt waren. Den Tanz der Zuckerfee konnte früher jeder, es kannte früher jeder die Oratüre aus Dichter und Bauer, die trifft jeder Bauarbeiter auf der Baustelle. Aber das ist einfach vorbei und diese populäre Klassik, die volksnah war, die fast wie ein Schlager empfunden wurde, die jeder identifizieren konnte, der Gefangenenchor aus Nabucco war ja nun Popmusik, Und das über lange, lange Zeit. Das ist verschwunden auch durch die Einengung der Präsentation klassischer oder leichter klassischer Musik durch den Rundfunk, auch durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Das Ganze wurde konzentriert auf Kulturwellen. Man kann auch sagen, es wurde abgeschoben auf Kulturwellen und verschwand somit aus dem normalen Klangbild. Das gleiche gilt übrigens auch für musikalische Formen wie Jazz, Dixieland-Jazz oder so etwas. Oder auch moderneren Jazz. Nummern wie Mercy, Mercy, Mercy von Ken Ball Adderley oder Take Five von Dave Brubeck waren früher ganz normale Musik im Unterhaltungs-Alltagsradio. Auch die existierende noch im Nischenradio. Und das erste Opfer, was dadurch hinten vom Schlitten kippte, war die Klassik. Wie kann es dann sein, wir hatten jetzt gerade hier am Wochenende bei David Garrett, hier hat eine Arena voll Publikum gehabt, die Leute sind durchgedreht, wie das halt immer so ist bei David Garrett. Es gibt ja doch außer einem Fagott vielleicht nichts Uncooleres und Unpopuläres in dem Kontext als eine Geige. Trotzdem kriegt er Stadien voll, indem er... Michael-Jackson-Hits auf die Geige packt. Ich frage mich immer, wie kann es sein? Wie kann es auch andersherum sein, dass dann so ein Operetten auftritt von André Rieu mit Zuckerwatte-Kostüm und mit Konzertmeister-Outfit wie im späten 19. Jahrhundert. Wie kann es sein, dass auch das funktioniert? Ich frage mich bei diesen Phänomenen immer wieder, was ist da anders zusammengestätselt worden, damit das auf einmal aufgeht? Das geht wahrscheinlich deshalb auf, weil es erstens leicht zu verstehen ist. Zweitens, weil die Geige eben doch sexy ist. Es gibt halt deutlich mehr populäre Pop- und Jazz-Violinisten in der Musikgeschichte, als dass es Pop- und Jazz-Drehleiherspieler gibt oder Englischhorn-Virtuosen. Die Geige ist schon ein Pop-Instrument, ja, das glaube ich. Und es gab auch immer große Hits mit Geigendominanz, damit meine ich jetzt nicht den Streicherteppich, sondern wirklich mal ein flottes Violinsolo, wo die Geige auch durchaus Teil des Images ist. Das funktionierte in der Pop- und Rockmusik auf jeden Fall deutlich eher als bei anderen Gemeinden mit der Klassik assoziierten Instrumenten. Und warum das bei André Rieu gut funktioniert, kann ich Ihnen sagen, weil es eine wirklich geschlossene, durchdachte Inszenierung ist. Es ist eine geschlossene, durchdachte Show. André Rieu hat eben mit seinen Kostümen, mit seinem Bühnenbild, mit dem Smile-Controller, der in der ersten Reihe angeblich sitzen soll und guckt, ob die Musiker auch alle lächeln. Und wer nicht lächelt, zahlt 50 Euro Strafe. Also wenn so eine Show auf die Bretter kommt, wirkt es natürlich mehr, als wenn da irgendein verhuschtes Liebhaber-Ensemble in Blue Jeans und Turnschuhen lieblos einen Strauß-Medway runtergeniedelt. Das Erscheinungsbild ist natürlich in der Musik wichtig, in der populären Musik genauso wie in jeder anderen Musik auch und wenn gerade Straußwalzer. Und von Amateur-Salon-Orchestern, so gut sie sein, würden oft in einer optisch bierbedenklichen Art und Weise feilgeboten werden, ist natürlich der optische Eindruck eines André-Rieu-Konzerns eine Laubsa, ein Ereignis, ein Erlebnis. Und ich glaube, genau das ist es. Es ist wie Erlebnis-Gastronomie. Manches schmeckt halt das Enten-Parfait besser, wenn es von einem Clown serviert wird. Aber muss ich jetzt nicht das große Eskapismus-Etikett rausholen und sagen, da flüchten sich ganz, ganz viele in so eine heile Welt rein? Ohne Eskapismus gäbe es keine Musik. Ich halte jedwine Form von Musikkonsum für eine Form von Eskapismus. Dann müsste es also ganz, ganz viele André Rieux geben im Moment, weil Sarkotismus... Es gibt sehr viele André Rieux, die machen halt andere Musik und sehen anders aus. Aber das André Rieux-Prinzip funktioniert in zahlreichen anderen musikalischen Genres ganz genauso. Das Publikum muss sich wohlfühlen, sonst kommt es nicht. Und wenn das Publikum sich wohlfühlt bei einer lautstarken Punkdarbietung mit Bierverschritten von der Bühne und. Mit Pogo und Stage Diving etc., macht das ja auch durchaus manchen Leuten ein sehr heimliches Gefühl. Es bedient ja doch auch ihre Sehnsucht nach musikalischer und kultureller Heimat, auch wenn es vielleicht ein bisschen anders aussieht als bei André Rieu, aber es ist doch derselbe Mechanismus. Sexual. Ich habe ein Zitat von Ihnen gefunden, Sie haben mal gesagt, angeblich, auf die Frage, was stört Sie an der Klassik, gar nichts außer der Selbstzufriedenheit. Das ist ja eine drastische Aussage, aber die steht wahrscheinlich nach wie vor noch, oder? Ja, ich glaube, was viele Leute, und Sie haben es ja im Grunde gerade mit Ihrer Frage auch schon so formuliert, was viele Menschen befremdet an der Klassik, ist dieses Closed-Shop-Image, was die Klassiker hat. Das ist nur ein Image. Es ist ja in Wirklichkeit nicht so. Jeder kann sie ja hören, so viel er will. Und das kostet ja auch nichts mehr, dank der modernen elektronischen Medien. Aber ich glaube, man hat so das Gefühl, hier komme ich nicht rein. Hier steht ein Zerberus vor der Tür und lässt mich nicht rein. Aber das ist natürlich Blödsinn. Ich habe in der Philharmonie Essen eine Konzertreihe, sonntags morgens eine Matinee-Reihe mit Götz Arztmann ins Konzert, wo ich auch schwere Brocken erkläre, in einem dreiviertelstündigen improvisierten Monolog. Dann kommen ein paar Tonbeispiele und dann kommt das Stück und es ist jedes Mal ein volles Haus und die Leute sind begeistert. Und das sehe ich denen an der Nasenspitze an, sehr viele Menschen da, die nicht regelmäßig sind Klassikkonzerte. Das ist eine Frage der Erreichungsform. Was ist denn in diesem Kontext ein schwerer Brocken? In diesen Kontexten ist oft ein schwerer Brocken, dass man sich darin gefällt oder dass man Angst hat, zu sehr gefallen zu wollen. Also indem ich verächtlich spreche über populäre Werke. Es gibt GNDs, die trauen sich nicht, die Bilder einer Ausstellung ins Programm zu nehmen, weil es populär ist. Weil es dann wieder heißt, dem ist ja wieder nichts eingefallen. Der versucht ja jetzt mit aller Gewalt Publikum in sein Konzert zu. Ja und? Was ist daran schlecht? Soll er mit aller Gewalt versuchen, das Publikum draußen zu lassen? Ja, also das meine ich damit. Und wenn man es dann geschafft hat, die Bude leer zu spielen, dann klopft man sich innerlich auf die Schulter. Ich war mal Teil einer Operetteninszenierung. Das war auch kein gutes Stück. Das war der Kuhhandel von Kurt Weill. Aber als wir das spielten, hat es 40 Jahre lang keine Bühne mehr in deutscher Sprache aufgeführt. und dann haben wir auch gemerkt, woran es lag, lag am Stück, weniger an der Musik. Und die Premiere dauerte viereinhalb Stunden, was schon eine Operette definitiv zu lang ist und die Inszenierung war so sperrig, dass keiner mehr wusste, worum es ging. Und dann standen wir auf der Bühne, die Darstellerinnen, Darsteller, Sänger und so weiter bekamen tüchtigen Applaus, der Regisseur wurde ausgebucht und ich habe selten in meinem Leben ein glücklicheres und selbstzufriedenderes Gesicht gesehen, als bei dem Regisseur mir gerade ausgebucht wurde, der mir hinterher bei der Premierenfeier glaubhaft versicherte, Das habe er mit einkalkuliert. Und da habe ich mich allerdings gefragt, ob dieser Mann nicht einfach seinen Beruf verfehlt hat. Ob er nicht einfach auf den Marktplatz gehen sollte und Leuten ins Knie treten. Ob das nicht dasselbe Berufsbild ist, nur viel einfacher und preiswerter. Dann sind Sie wahrscheinlich auch jemand, der eher skeptisch ist bei einem Opernbesuch oder bei einem Abo-Konzertbesuch und sich denkt, weiß ich jetzt nicht, diese Lebenszeit könnte ich auch anders gebrauchen oder versuchen Sie es gar nicht mehr? Ich habe kein Abo, ich gehe punktuell. Das bisschen, was Sie an Musik hören, spielen Sie selbst? Ja, also tatsächlich habe ich viel zu wenig Zeit, um ins Theater zu gehen oder in Konzerte zu gehen. Ich gehe fast in Konzerte. Ich bin ständig auf Tournee oder in irgendwelchen Produktionen, statischer. Aber ist das so, dass Sie, wir haben jetzt beide Musikwissenschaft studiert, Aber gehen Sie mit unvorbelasteten Ohren sozusagen in eine Vorstellung rein, in ein Konzert? Nein, ich gehe nirgends mehr mit unvorbelasteten Ohren hin. Das ist sicherlich der Fluch des Robus und einer lebenslangen mehr oder weniger professionellen Beschäftigung mit Musik. Unvorbelastet oder ohne Vorbehalt oder ohne Vorbereitung oder ohne eine Meinung kann ich eigentlich nirgends hingehen. Nein, das gibt es nicht. So naiv bin ich nicht. Ich wäre es zu sagen, ja, natürlich, ich mache mich total frei. Ich fange jedes Mal wieder bei Adam und Eva an, aber das tue ich nicht und das tun sie wahrscheinlich auch nicht. Nee. Dann nochmal so eine große grundsätzliche Frage. Wieso wirkt eigentlich Klassik so, wie sie wirkt? Also ich frage mich, dann muss man wissen, wie eine Sonatenhauptsatzform, um mal diese schöne Vokabel rauszuholen, und wissen, wie die funktioniert? Oder ist das gar nicht notwendig, um zu erkennen, dass, keine Ahnung, Beethovens Waldstein-Sonate jetzt kein ganz unbedeutendes Stück ist? Also das ist ja sagen wir mal so, wenn ich jemandem Jazzmusik erklären will und ich erkläre ihm wie ein Solo funktioniert über eine Akkordstruktur, und wie man versucht die Akkordstruktur noch irgendwie umzudrehen und wie man versucht Gegenläufe zu spielen und Inside Out und all das und dann guckt mich, mein Gegenüber mit fragenden Augen an und ich nehme ihm gerade den Spaß daran einfach in ein Jazzkonzert zu gehen und sich zu erfreuen und den solistischen Darbietungen der Künstlerinnen und Künstler. Und so ist es auch. Ich glaube, es gibt schon einen Erklärungsüberdruss. Ich weiß, wenn ich diese Konzertreihe mache und bestelle diese Tonbeispiele, dass ich dann sehr häufig von den Dirigenten zu hören bekomme, das war sehr interessant, ich hätte etwas völlig anderes gemacht. Die hätten wirklich versucht zu erklären, wie das Ganze strukturell aufgebaut ist. Ich versuche, Assoziationen herzustellen, suche Tonbeispiele danach aus, ob es vielleicht etwas trifft, was die Menschen schon mal kennen oder was sie mit etwas anderem assoziieren, sodass sie es während der Darbietung wiedererkennen. Und das sind dann die Haltegriffe für ein bislang damit unbelastetes Publikum. Dann versuche ich es mal von einer leicht anderen Richtung. Also muss man wissen und verstehen, wie Musik in großen Anführungszeichen gebaut ist, um sie wertschätzen zu können? Nein. Nein. Musik ist letzten Endes doch was für die Ohren und nicht für die Mathematik, für den Rechenschieber. Es ist toll, wenn man das kann. Also verstehen Sie mich nicht falsch. Das ist fantastisch. Aber ich habe auch schon als junger Mensch viel Spaß an Musik gehabt, deren Struktur ich nicht verstanden habe. Nämlich? Also sehen wir, was ganz einfach ist. Jemand begeistert sich für Dixieland-Jazz und hat überhaupt keine Ahnung, was da genau passiert. Warum das Klangbild des Dixieland-Jazz so ist, wie es ist. Aber es reißt ihn mit, es nimmt ihn mit. Er hat Freude an den Stücken, er hat Freude an der Interpretation. Er muss nicht wissen, was da abläuft. Aber er kann erfahren, dass es ihm Spaß macht. Das geht selbst bei Dixieland. Das geht sehr gut. Ich habe mir vorhin noch so auf den letzten Metern eine Frage notiert, die mir dann noch so in den Sinn kam, nämlich wie politisch sind deutsche Schlager und direkt danach geschrieben, wie politisch ist eigentlich Musik? Musik, fangen wir mal mit der ersten Hälfte an, also weil Deutscher Schlager geht von bis, also historisch, stilistisch, aber nichtsdestotrotz denke ich mir, jede Musik sollte oder ist wahrscheinlich politisch, Deutscher Schlager ist nochmal speziell politisch oder ist das gar nicht so, ist das letztlich nur Abendunterhaltung? Naja, es gibt ja die, die sagen, es gab vor allen Dingen früher die, die sagen, alles ist politisch. Und wenn man sagt, das ist Unterhaltung, wird gesagt, auch das ist politisch, weil es jemanden von politischer Betätigung oder politischem Denken abhält. Ich glaube schon, dass es ein Urbedürfnis bei den Menschen nach Unterhaltung gibt. Dem entspricht der Schlager. Aber wer, ich nehme nochmal das Wort, was Sie gerade reingeworfen haben, wie selbstzufrieden in einem Konzert sitzt oder früher saß und hat sich diese erbärmlichen Darbietungen von Flo de Colonia gehört, Und der wird sicherlich an dieser hanebüchenen musikalischen Performance seinen Spaß gehabt haben, weil er glaubte, er sei auf der richtigen Seite der Geschichte. Und das wird ihm ein gutes Gefühl bereitet haben. Mit anderen Worten, es hat ihn unterhalten. Aber kriegt man die Politik aus diesem Teil der Kultur raus? Rausgemocht im Sinne von das ist mir jetzt egal, was in dieser Musik an Weltsicht geboten, verhandelt, ausgeblendet wird. Klar funktioniert das. Das sehen wir jeden Tag, das sehen wir seit 100 Jahren, seit 200 Jahren. Natürlich funktioniert das. Nicht jeder, nicht jedem behagt ist, nicht jeder will es so, aber dass es funktioniert, zeigt ja einfach die Existenz des Showgeschäfts. Schlager ist inzwischen ja kein Schimpfwort mehr. Es gibt da ja die wahnsinnig viele Unterscheidungen und Subgenres und was nicht alles. Aber Helene Fischer turnt sich durch ihre Schoß wie im Circus Sarasani. Also hat der Schlager seine Mission erfüllt und ist jetzt da angekommen, wo er immer hin wollte, mitten im Zentrum des Geschmacks? Erstens war er da in Wirklichkeit ja immer schon. Das ist eine Definitionsfrage. Zweitens erleben wir in der heutigen Zeit eine extreme Verengung des Bedussschlagers. Also man tut ja so, als sei das, was sich zwischen Helene Fischer auf der. Und Roland Kaiser auf der großen Ebene des Showbusiness abspielt und der eher anspruchsloseren Ebene des Showbusiness à la Ballermann-Schlager. Man tut so, als erschöpft sich der Schlagerbegriff zwischen diesen beiden Polen. Dabei gibt es halt eine 170-jährige Geschichte des Schlagers, beginnend mit, sagen wir mal, Jacques Offenbach und eine Parallelentwicklung des Schlagers hin zu jeder anderen Entwicklung der unterhaltenen Musik. Also es gab den Operettenschlager Wiener Prägung, dann den Operettenschlager Berliner Prägung, dann gab es den Tango Schlager, den Swing Schlager, den Rock'n'Roll Schlager, den Disco Schlager, den Country und Western Schlager. Und für mich ist die Definition so eigentlich simpel und gleichzeitig breit. Es ist einfach Unterhaltungsmusik in deutscher Sprache. Wenn in den 60er Jahren hier bei uns in Deutschland eine Beatband im fröhlichen Liverpool-Sound eine Platte in deutscher Sprache abgeliefert hat, und das haben viele gemacht, lief das eben nicht unter Beat, sondern unter deutscher Schlager. In Frankreich war es was anderes. Wenn eine französische Beatband einen Schlager oder eine französische Nummer auf den Beat-Sound draufsetzte, lief das einfach unter Chanson, unter Beat in französischer Sprache. Sie hatten sogar einen eigenen Begriff dafür, Ye-Ye-Musik hieß sie, Y-E-Y-E, mit einem Akzent obendrauf. Bei uns hier lief diese musikalische, in Anführungsstrichen, Revolution über die Benutzung der englischen Sprache ab. Das hatte mit Musik nichts zu tun. Das bedeutet also, dass die zeitgenössischen Versuche, Schlager mit aktueller Beatmusik zu kombinieren, letzten Endes nicht als Erneuerung von Schlager gesehen wurden, sondern einfach nur als ein anderes Lied in deutscher Sprache. Und wurden Künstler... Mit großem Erfolg lanciert oder lancierten sich selbst, wenn sie sagen wie Udo Lindenberg oder vorher Reinhard May, legten die immer großen Wert darauf, eben nicht Schlagersänger zu sein. Das wäre in Frankreich nicht passiert. Dort hätte man sich selbstverständlich als Chance zu einem Jebel zeichnet. Aber in Frankreich ist auch der Ententanzchanson. Das ist einfach das französische Wort für Schlager. Und für uns ist das immer ein, sagen wir, beruhendes Vortragslied. Aber hätten sich die Liedermacher der Endsechziger, 70er Jahre oder hätte sich Udo Lindenberg hingestellt und gesagt, wir erneuern den Schlager, wir rollen das Feld jetzt auf, hätte das Wort Schlager auch heute noch einen völlig anderen Klang. Jetzt haben wir Respektpersonen da, wie Roland Kaiser oder Udo Lindenberg, die von der Musikjournalistik und auch in zwei verschiedenen Bereichen verortet werden. Aber gehen Sie mal in das Konzert, das ist dasselbe Publikum. Und es ist auch dasselbe Publikum in weiten Teilen, wie das, was zu den Ärzten geht. Ja, also das Freund von mir war vor einiger Zeit beim Erzekonzert, stand in der Schlange vor dem Bierstand und hörte wie zwei sagten, also das mit dem Bierverkauf hat letzte Woche beim Andrea Berg-Konzert besser geklappt, Und Ja, das Eigentlich sollte man denken, dass das Paralleluniversen sind, die sich überhaupt nicht berühren und überhaupt nichts miteinander Ja, das müssen nur die Journalisten und die Musiker dem Publikum ist es egal, Also ist Rudi Schuricke popkulturell genauso wertvoll wie Fischer-Dieskau. Ich weiß gar nicht mal, wie weit Fischer-Dieskau popkulturell relevant ist. Er war es vielleicht Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre, als er noch auf dem Fernsehen auftauchte. Übrigens in ARD und ZDF und nicht irgendwie zwischengelagert bei Arte oder Dreisack. Aber Rudi Schuricke stand zumindest aus seiner Zeit, als auch Schlagersänger, wenn sie sich behaupten wollten, objektiv und technisch sehr gut singen können mussten. Heute nicht mehr der Fall. Heute hilft die Elektronik. Weil wir vorhin über diese Klassik-Thematik gesprochen haben und auch das mit dem Fernsehen, verstehen Sie eigentlich noch, wie Klassik im Fernsehen be- oder eher misshandelt wird? Oder ist Ihnen das genauso ein Rätsel wie mir? Es ist mir genauso ein Rätsel wie Ihnen. Es gab eigentlich eine lange, lange große Tradition ein populärer Klassik, gerade zum Beispiel ZDF, von populären Moderatoren serviert. Diese Tradition wurde mit mir zu Grabe getragen, was zumindest halbwegs gängige Sendezeiten anbetraf. Und dann gab es ja nochmal Versuche mit Anna-Sophie Mutter als Moderatorin und Präsentatorin, interessante Sendeformate, die man auch nicht lange durchgehalten hat. Es fehlt, glaube ich, einfach an Gut. Und im Zweifel kann man immer noch sagen, naja, wir machen ja genug, wir übertragen da noch mal was für ein Salzburger Festspielen auf Dreisat, was wollen sie eigentlich? Aber der Glaube daran, dass sowas auch zum Grundbedürfnis bestimmter Teile des Publikums gehört, der ist versickert, das ist vorbei. Und ich verstehe deshalb nicht so genau, warum das ist, Weil gerade in den öffentlich-rechtlichen Medien, jetzt sage ich allgemein, dass Sie von jedem anderen auch hören können, aber gerade in öffentlich-rechtlichen Medien gibt es doch immer noch diesen Auftrag, bestimmte Dinge zu tun und sich mit bestimmten Dingen Nischen zu erhalten und ein zusammengenommen, ja doch gar nicht so kleines Publikum bei Laune zu halten. Und dass man dem einfach nicht gerecht wird, ist mir persönlich ein Rätsel, speziell im Fernsehen. Im Radio gibt es ja immer noch sehr viele wackere Versuche, da gegenzusteuern. Im wirklich gesehenen Fernsehen sehe ich da keine mehr. Ja, denn Arte, Dreisat haben Einschlagquoten, die liegen unter zwei Prozent, wenn ich richtig informiert bin. Man kann nicht sagen, dass das also die Massen begeistert oder erreicht. Es ist Teil dieses berühmten Lehrsatzes, es gibt nicht weniger gutes Fernsehen als früher, es ist nur schwerer zu finden. Es ist ja doch alles da, aber sie finden es auf Sendern von deren Existenz die meisten Menschen nicht zu wissen. Ja, ich kann mich noch erinnern, ich weiß nicht mehr, wo es war. Dann gibt es aber auch so Experimente, die man dann so macht, wie, ich kenne sie, die ägyptische Sopranistin Fatma Saeed, die wurde mal für ein Format, ich glaube, vom ZDF zusammengeschraubt mit Alex Christensen, mit diesem Dance-Produzenten. Es gab es also sie zusammen mit Rhythm is a Dancer und ich habe mir also noch tagelang danach die Ohren ausspülen müssen, um das wieder loszuwerden. Das ist dann ja auch ganz sonderbar, dass man meint, durch das Zusammenlöten von unterschiedlichsten Stilen auf irgendeine Art von grünen Zweig kommen zu können. Naja, da gibt es dann auch so ein Begriff Crossover, der ist auch mittlerweile heilig gesprochen. Crossover konnte natürlich die Kombination hochinteressanter musikalischer Welten sein, das kann aber auch irgendein Gemüse sein, das man durcheinander rührt und hält das dann automatisch für toll. Aber automatisch ist gar nichts toll in der Musik. Musik muss ja auch verfangen, um gehört zu werden. Wenn Musik nicht gehört wird, das ist wie ein Buch, das nicht gelesen wird. Dann ist es eben doch Hausmusik, dann macht man es für sich. Dann ist der Drang der Künstlerinnen und Künstler, gehört zu werden, gesehen zu werden, verstanden zu werden, unbefriedigt und damit eigentlich auch gescheitert. Wie geht es Ihnen denn mit diesen ganzen Neoklassik-Pianisten? Ich gucke immer wieder mal in so Videos rein und dann sitzt da immer einer an so einem kleinen Klavierchen irgendwo auf der Wiese, das Ding ist schwer gedämpft und spielt eine halbe Stunde lang auf gefühlt zweieinhalb Akkorden rum und das kann man beliebig austauschen. Das ist also so gesetzt wie nichts, dass diese Musik so inszeniert wird. Und mir fällt schon, also nach der ersten halben Minute der Kopf auf den Tisch vor Langeweile, weil ich mir denke, es kann nicht sein, dass das so funktioniert. Diese Einfallsumme. Ich nehme das gar nicht wahr. Ja, das ist wahrscheinlich das Beste. Also vieles reicht mich überhaupt nicht, weil es mich auch nicht interessiert. Ich lebe zum Beispiel, ich lebe seit den 70er Jahren ein Leben ohne Popmusik. Also ich kann nicht mitreden mit Aktuellsten oder Aktuellen oder auch was vor 20 Jahren. Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht, weil es mich nicht erreicht. Das Leben ist nicht schlechter dadurch, oder? Also ich persönlich bin zufrieden in meinem Leben. Okay. Mal ein paar ganz andere Fragen. Was ist eigentlich der Antrieb für Ihren Job, für das, was Sie tun? Mal abgesehen davon, dass man hin und wieder Geld verdienen muss. Ich habe schon sehr früh diese Faszination erfahren dürfen, wie es ist, auf einer Bühne zu stehen und die Menschen zu unterhalten, Applaus zu bekommen, auch lange bevor ich damit Geld verdient habe. Das Gefühl war gut. Das hat mir gefallen. Ich fand es besser als arbeiten. Und das ist eine Triebfeder. Die andere Triebfeder ist, einfach Musik zu spielen, wie sie mir gefällt, wie sie mir etwas sagt, wie ich sie als Ausdruck meines Geschmacks, meiner Persönlichkeit, meiner Lust mich darzustellen empfinde. Und wenn ich mich mit anderen Leuten Musik beschäftige, gibt es halt tatsächlich innerhalb der stilistischen Interessesphären auch immer die Lust, noch was Neues zu entdecken. Gab es im Laufe dieser Karriere so etwas wie eine größte Niederlage? Natürlich ist es schon so, dass ich als Moderator bei vielen Fernsehsendern beschäftigt war und ich habe keinen einzigen freiwillig verlassen. Das waren schon unschöne Augenblicke. Ist das relativ schnell verkraftbar oder tut sowas noch lange weh? Das tat nicht so lange weh, weil es immer was Neues gab, was sich verhältnismäßig schnell anschloss. Manchmal sogar in der Endphase der vorherigen Beschäftigung. Als ich 2016, mein Gott ist es schwierig, als ich 2016 zimmerfrei beendet habe mit meiner wunderbaren Partnerin Christine Westermann, war das eine freiwillige Entscheidung. Und das war dann auch gleichzeitig das Ende meiner Fernsehlaufbahn, aber alles, was ich vorher war, das war, ob das NDR war oder ZDF oder. Vox oder RTL oder das WDR Jugendfernsehen oder RIAS-TV oder Deutsche Welle-TV. Da gab es immer irgendwann ein sogenanntes schwieriges Gespräch. Und dann fährt man dann ein bisschen bedröppelt nach Hause. Das kann man dann abschütteln. Meistens, wie gesagt, kam sehr schnell was Neues. Ich hatte nicht lange Zeit, mich damit zu beschäftigen. In dem Augenblick trifft es aber schon sehr ins Herz, das muss man sagen. Ja, wofür geben Sie unvernünftig viel Geld aus? Ich ahne, dass das was mit Platten zu tun hat, aber das ist natürlich nicht unvernünftig, aber so grundsätzlich. Ja, drohe. Okay, wissen Sie noch, ist Ihnen das auch schon mal passiert, was mir schon öfter passiert, dass Sie sich eine Platte gekauft haben und feststellen, ich habe die schon? Ja, das ist mir passiert, tatsächlich. Das ist mir passiert beim wilden Ebay-Platten kaufen, dass ich dann voller Stolz was einsortiert habe und plötzlich kam mir das Cover noch bekannter vor, als ich dachte. Und ich guckte dann in den Stapel von einem halben Jahr, den ich noch nicht so richtig einsortiert habe. Und da habe ich die dann auch gefunden. Schade ums Geld, aber was soll man machen? Ja, aber das ist das Level, das man als Sammler auch erreichen muss, dass man sich bis dahin vorgearbeitet. Unübersichtlich. Irgendwann wird es unübersichtlich. Ich bin natürlich auch ein Sammler, auch mit meinen anderen Sammlungen, der seine Sammlung kuratiert. Das heißt, ich gucke ab und zu mal durch und sortiere aus und denke mir, das ist nicht das Richtige und das brauche ich nicht. und es kommt schon vor, dass man das ein Vierteljahr später sehr bereut. Was ist Ihnen völlig egal? Hauptmusik. Kommt da nicht, also ich kann es verstehen, diese kategorische Einstellung, aber kommt da nicht so ein bisschen, auch noch klingelt da nicht im Hinterkopf der Musikwissenschaftler, der sagt, du kannst das nicht ausblenden, das gehört dazu, ist vielleicht jetzt nicht deine Tasse Tee, aber da einfach großräumig zu umfahren, ist auch nicht okay? Nö. Nein. Nein. Wenn das Autoradio angeht und das kommt mir da entgegen, habe ich nicht die geringste, also nicht ein Fitzelchen in mir sagt, hör dir das doch mal in Ruhe an. Nein. Eine andere Frage. Schon mal in der Elbphilharmonie gewesen und wenn nein, warum nicht? Oder wenn ja... Ich war erst noch im letzten Jahr im Januar da. Da war ich Gast bei den Neujahrskonzerten von Julia Wendt. Aber ich meine jetzt so ganz normal als Endverbraucher, als Zuhörer. Als Endverbraucher gehe ich fast nirgends hin. Keine Lust? Nein, ich komme nicht dazu. Ich bin auf Tournee und ich komme in meiner Heimatstadt dazu, Konzerte zu besuchen. Leider. Dabei haben wir so einen interessanten Generalmusikdirektor, der so ein tolles Programm macht. Und wenn ich kann, komme ich schauen, aber es ist kaum mit meinem Kalender vereinbar. Ja, nochmal eine dumme Frage, aber kann ich mir nicht verkneifen. Ich bin ja schon weg aus Münster, bevor das Ganze losging. Darf man als Münsteraner eigentlich diese Münster-Tatorte doof finden oder wird man dann über den Prinzipalmarkt gejagt? Das darf man schon, ja. Das darf man schon, auch wenn natürlich einer der führenden Protagonisten in den Münster-Tatorten einen Hamburger spielt. Ja. Nobody's perfect. Ein St. Pauli-Fänger. Ja. Wenn Sie die Wahl haben, Wagner oder Comedian-Harmonists? Ich hätte mir den Armstern gern mal für den Comedian-Harmonists angehört, muss ich ehrlich sein. Fünf Fragen, fünf Antworten. Kurz und knapp und gar nicht einfach. Ich habe mal fünf kurze Fragen noch, die können Sie immer mit dem einen oder dem anderen beantworten. Die erste wäre Piano oder Forte? Auf jeden Fall Piano. Das sagen die meisten Musiker, das finde ich interessant. Ja, weil nur Piano Forte möglich macht, aber Forte macht Piano unmöglich. Das ist eigentlich eine schöne Logik, ja. Das Lieblingsinstrument und das eigene, also nehmen wir mal das Klavier als primäres, das gilt nicht. Das habe ich jetzt nicht verstanden. Das Lieblingsinstrument von Ihnen und das eigene, bei Ihnen dann wahrscheinlich am ehesten das Klavier, das darf jetzt genannt werden. Ich soll außerdem noch ein Lieblingsinstrument nennen. Genau, ja. Was wäre es dann stattdessen? Ich hege eine seit Jahrzehnten völlig unerwiderte Liebe zur Hawaii-Gitarre. Aktiv oder passiv? Kann man das? Ja, also die Liebe ist aktiv und passiv, aber die fehlende Gegenliebe drückt sich durch das aktive Musizieren aus. Also einer meiner Musiker hat mal zu mir gesagt, wenn du auf diesem Instrument spielst, und es gibt Platten, wo ich das tue, es klingt, als wäre du eine gefrorene Katze zersägt. Mein Hawaii-Gitarren-Spiel hat weniger Menschen begeistert, als vielleicht mein Klavierspiel. Wissen Sie noch, was Sie mit Ihrer ersten professionellen Gage gemacht haben? Ja. Nämlich? Schallplatten. Ja, war klar. Bier oder Champagner? Champagner. Was ist das Entertainer-Typischste an Ihnen, wenn ich mal diese Berufsbezeichnung so nehmen kann, als das große Allround-Etikett, was passen können sollte? Okay, dass ich meistens angstfrei auf die Bühne gehe. Keinerlei, nicht mal ein Hauch von Lampenfieber? Lampenfieber ist keine Angst. Okay. Lampenfieber ist eine gewisse Grundnervosität, die sich bei mir komischerweise nur in bestimmten Städten befindet. Es gibt ein halbes Dutzend Städte, bei denen ich Lampenfieber habe, vor dem Konzert, in denen ich Lampenfieber habe. Hat das denn damit zu tun, wenn da jemand Hut hat oder warum? Nee, ich vermute, das sind die Städte, in denen ich zum ersten Mal das Glück hatte, in den großen, wichtigen Philharmonien etc. Zu spielen. Und damals völlig ungläubig war, dass es mir gelingt, jetzt in der Kölner Philharmonie aufzutreten. In der Hamburger Musikhalle, wie sie damals noch hieß, in der Leißhalle oder im Prinzregentier Ratter München oder in der Alten Oper Frankfurt. Als mir dieses Glüpp vor einem Vierteljahrhundert erstmalig zuteil wurde, war ich schon ungläubig und musste das mehr verarbeiten als bei einem Auftritt anderwärts. Und das hat sich komischerweise gehalten. Man würde in der vulgär Psychologie wahrscheinlich von Trigger-Elementen sprechen. Aber in diesen Städten gibt es immer noch diesen leichten Kloß im Hals, den ich ungefähr eine halbe Stunde vorher dann aber verliere. Weil wir beide ja dieses doch eher zweckfreie Fach studiert haben. Gab es was in Ihrem Leben, wo Ihnen der Doktor der Musikwissenschaft in irgendeiner Form weitergeholfen hat? Oder dieses Studium wenigstens? Das Studium sicherlich. Inwieweit der Titel Relevanz hat beim fortkommen, beim beruflichen Fortkommen, ja, vielleicht. Also ich meine, es ist immer noch ein Club, dem man beigetreten ist, dem man halt gern beitreten will, sage ich mal. Wenn Sie Ihr 20-Jähriges selbst treffen würden, welchen Rat würden Sie ihm geben fürs Leben? Welchen großen, wichtigen Rat, außer sowas wie, ist nicht in gelben Schnee? Entspann dich mal. Wäre das so notwendig? Waren Sie so verspannt als 20-Jähriger? Bis vor kurzem noch. Ja, natürlich. Man macht aus allen eine Weltanschauung, aus jedem Furzen, Elefanten. Man nimmt alles zu ernst, sich selbst zu ernst. Jeder Gedanke, der durch die Rübe rauscht, wird gleich zu der ideologischen Grundfeste hochstilisiert. Ich glaube, das ist schon so ein typisches Merkmal der Jugend. Und die Jugend hat da bei mir wahrscheinlich sehr lange gedauert. Ja, also ich würde sagen, entspann dich mal. Ich weiß, mein Entdecker und jahrzehntelanger Manager, von dessen Firma ich heute noch gemanagt werde, leider mittlerweile verstorben, Bernd Kowalczyk, ich stehe immer so gerne und sage, der Mann, der mir beigebracht hat, ein Messer und Gabel zu essen, hat schon vor 45 Jahren zu mir gesagt, sei nicht immer so pathetisch. Und das ist genau die Botschaft, also entspann dich mal. Lass mal ein bisschen Dampf raus irgendwo anders als unbedingt verbal und dann schau mal auf die Dinge und das ist, ein Ratschlag mit dem ich sicherlich in jungen Jahren besser gefahren wäre dann zum Abschluss als wer oder was mal abgesehen von der Hawaii-Gitarre würden Sie gerne wiedergeboren werden. Als mein schlankeres Ich. Das ist eine schöne Antwort. Also schöner können wir eigentlich nicht enden. Vielen Dank. Ich habe viel gelernt und wenn ich das richtig in Erinnerung habe, jetzt muss ich mal nachschauen. Das Konzert hier in Hamburg ist am 9. Mai in der Leisthalle mit dem Programm bei Nacht Erlesene Preziosen der Schlagergeschichte von 1910 bis 1965. Das letzte Album. Also das ist dann ein Feinschmeckerprogramm oder gibt es so was wie Greatest Hits? Nein, Greatest Hits haben wir bislang vermieden. Die Form von musikalischem Theater, das ich da auf die Bühne bringe, das entstammt ja eigentlich mehr in diesem kabarettistischen, musikalistischen Umfeld und da habe ich, Greatest Hits Programme immer eher mit einem gewissen Misstrauen angeschaut, so weiß ich deren Protagonisten. Ich hoffe doch, dass die Energie noch so weit reicht, dass man sich was Neues ausdenkt alle paar Jahre. Und wir spielen dieses Programm jetzt seit einem knappen Jahr und haben noch anderthalb Jahre vor uns und, ich glaube schon, dass das eine Sammlung, wie Sie so schön sagen, von Präziosen ist, aber ich würde hinzufügen, wie alle meine Programme. Natürlich. Vielen Dank, ich habe viel gelernt, und nochmal zur Erinnerung, wenn Sie noch mehr hören wollen, es gibt es auf allen Podcast-Formaten, auf allen Plattformen bei abendblatt.de, und da haben wir so ungefähr 100 Folgen, da sollte was Passendes dabei sein und ansonsten wünsche ich viel Spaß bei dem Konzert jetzt hier in Hamburg im Mai und Mast und Schotbruch und gutes Gelingen und dann das nächste Programm und wir sehen uns da womöglich. Ich bin gespannt. Ich freue mich. Auf jeden Fall. In der Pause gibt es Champagner. Alles klar. Danke dann. Tschüss. Music.