Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Fünftes Hauptstück - 244-249
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- 0:00Unter Kapitel 244 in der Nachbarschaft des Wahnsinns
- 0:06Nietzsche spricht hier über die Gefahr, die durch zu viel wissen
- 0:10und zu viele Eindrücke entsteht. Er sagt, die Last der Kultur ist
- 0:14mittlerweile so groß geworden, dass sie uns krank macht durch
- 0:17Bildung, Wissenschaft und Erfahrung nehmen wir so viel
- 0:20auf, dass unsere Nerven und unsere Denkkraft überreizt
- 0:23werden. Nietzsche warnt davor, dass dies
- 0:26eine allgemeine Gefahr für die gebildeten Menschen in Europa
- 0:28ist Er beobachtet, dass viele Menschen neurotisch sind, also
- 0:33nervlich krank, und dass in fast jeder größeren Familie jemand
- 0:36dem Wahnsinn nahe ist. Zwar tun wir heute viel für
- 0:40unsere körperliche Gesundheit, aber das Hauptproblem bleibt die
- 0:43geistige Anspannung. Wir müssen dringend diese
- 0:46Spannung vermindern, sonst brechen wir unter der Last der
- 0:50Kultur zusammen. Nietzsche sieht hier eine
- 0:52schwere Entscheidung, wenn wir diese Spannung abbauen, müssen
- 0:56wir vielleicht auf große Hoffnungen verzichten.
- 0:58Wie sie zum Beispiel eine neue kulturelle Blütezeit, eine
- 1:01Renaissance mit sich bringen würde.
- 1:04Er macht das Christentum, die Philosophen, Dichter und Musiker
- 1:08dafür verantwortlich, dass wir eine Überfülle an tiefen
- 1:10Gefühlen haben, diese Gefühle drohen uns zu überwuchern, um
- 1:16nicht verrückt zu werden, müssen wir laut Nietzsche den Geist der
- 1:18Wissenschaft beschwören, warum Wissenschaft, weil sie im
- 1:22Vergleich zu Religion und Kunst etwas kälter und skeptischer
- 1:25ist. Sie kühlt den Glutstrom des
- 1:28Glaubens ab. Besonders das Christentum hat
- 1:31diesen Glauben an letzte endgültige Wahrheiten sehr wild
- 1:35und heiß gemacht. Die Wissenschaft hilft uns,
- 1:37nüchterner zu werden und uns nicht in extremen Gefühlen zu
- 1:41verlieren. Unter Kapitel 245 Glockenguss
- 1:46der Kultur Nietzsche verwendet hier ein starkes Bild, den Guss
- 1:52einer Glocke. Er vergleicht die Entstehung der
- 1:54Kultur mit diesem handwerklichen Prozess.
- 1:57Er sagt, die Kultur ist wie eine Glocke entstanden, die in einer
- 2:01Hülle oder einem Mantel aus grobem Stoff geformt wurde.
- 2:04Dieser Mantel bestand aus Unwahrheit, Gewalt und der
- 2:08grenzenlosen Ausdehnung von einzelnen Egos und Völkern, das
- 2:11bedeutet, am Anfang der Kultur standen Gewalt und Lüge, sie
- 2:16waren notwendig, um die Form zu geben.
- 2:18Nun stellt Nietzsche die Frage, ist es an der Zeit, diesen
- 2:22Mantel abzunehmen? Ist das Innere, also die Kultur,
- 2:26inzwischen fest geworden? Er glaubt, dass die guten,
- 2:29nützlichen Triebe und die edleren Gewohnheiten der
- 2:31Menschen mittlerweile so sicher sind, dass wir die alten Stützen
- 2:34nicht mehr brauchen, wir brauchen keine Metaphysik mehr,
- 2:38also keine Lehren über eine Welt hinter der Welt, wir brauchen
- 2:42die Irrtümer der Religionen nicht mehr, und vor allem
- 2:46brauchen wir keine Härte und Gewalt mehr, um Menschen und
- 2:49Völker zusammenzuhalten für diese Entscheidung, so
- 2:52Nietzsche. Gibt es keinen Gott, der uns
- 2:54einen Wink gibt? Wir müssen unsere eigene
- 2:57Einsicht nutzen, der Mensch muss die Verantwortung für die Erde
- 3:01und die Zukunft selbst in die Hand nehmen.
- 3:04Nietzsche drückt das so aus, die Allwissenheit des Menschen muss
- 3:07mit scharfem Auge über das Schicksal der Kultur wachen, wir
- 3:11sind jetzt selbst für uns verantwortlich.
- 3:14Unterkapitel 246 die Zyklopen der Kultur.
- 3:21Auch hier nutzt Nietzsche wieder ein Bild, diesmal aus der
- 3:24Geologie und der Mythologie. Er beschreibt Torkessel in den
- 3:28Bergen, die von Gletschern zerfurcht wurden, wenn man so
- 3:31eine Landschaft sieht, kann man sich kaum vorstellen, dass dort
- 3:34jemals eine sanfte Wiese oder ein Bach sein wird, aber mit der
- 3:38Zeit geschieht genau das, so ähnlich ist es auch in der
- 3:42Geschichte der Menschheit. Am Anfang standen die wildesten
- 3:45Kräfte, Nietzsche nennt sie die Zyklopen der Kultur.
- 3:50Zyklopen sind in der griechischen sage einäugige
- 3:53Riesen, die als Baumeister riesiger Mauern galten.
- 3:56Diese wilden Kräfte haben rücksichtslos und zerstörerisch
- 3:59gewirkt, um überhaupt erst einmal eine Bahn zu brechen,
- 4:03aber sunice ihre Tätigkeit war notwendig ohne diese gewaltsamen
- 4:07Anfänge könnte später keine mildere Gesittung entstehen.
- 4:11Das, was wir heute das Böse nennen, also Gewalt, Egoismus,
- 4:15Rücksichtslosigkeit. Waren in Wirklichkeit die
- 4:18Zyklopischen Architekten und Wegbereiter der Menschlichkeit
- 4:22das Gute und Milde konnte nur auf dem Fundament entstehen,
- 4:25dass diese rohen Kräfte gebaut haben.
- 4:28Unterkapitel 247 Kreislauf des Menschentums Nietzsche äußert
- 4:35hier einen sehr pessimistischen und darwinistisch geprägten
- 4:38Gedanken über die Zukunft der Menschheit, er spekuliert,
- 4:42vielleicht ist das ganze Menschentum.
- 4:45Also alles, was uns als zivilisierte Wesen ausmacht, nur
- 4:48eine vorübergehende Phase. Er stellt sich vor, dass der
- 4:52Mensch sich aus dem Affen entwickelt hat und sich
- 4:54vielleicht wieder zum Affen zurückentwickeln wird und das
- 4:57Schlimmste daran, es gibt niemanden außerhalb von uns,
- 5:01keinen Gott, keinen Zuschauer, den dieser Ausgang interessieren
- 5:05würde, es wäre ein sinnloses Ende.
- 5:08Als Beispiel führt er den Verfall der römischen Kultur an.
- 5:12Als das römische Reich unterging und das Christentum sich
- 5:14ausbreitete, wurden die Menschen nach Nietzsches Ansicht
- 5:18hässlicher. Er sieht darin einen kulturellen
- 5:21Niedergang, er befürchtet, dass auch unsere heutige Erdkultur
- 5:24verfallen könnte. Dieser Verfall würde dazu
- 5:27führen, dass die Menschen immer hässlicher und tierischer
- 5:30werden, bis sie schließlich wieder affenhaft sind.
- 5:34Nietzsche nennt das Vertierung, aber gerade weil wir diese
- 5:37düstere Möglichkeit sehen können diese Perspektive ins Auge
- 5:41fassen, haben wir vielleicht die Chance, sie zu verhindern.
- 5:45Wir sind in der Lage, Gegenmaßnahmen zu ergreifen, um
- 5:47nicht wieder zu Tieren zu werden.
- 5:51Unterkapitel 248 Trostrede eines desperaten Fortschritts zum
- 5:58Abschluss dieser Gedankengruppe spricht Nietzsche über das
- 6:00Gefühl, in einer Übergangszeit zu leben, er nennt unsere Zeit
- 6:05einen Interimzustand, also einen Zwischenzustand.
- 6:09Die alten Weltanschauungen und Kulturen sind noch teilweise da,
- 6:13aber sie funktionieren nicht mehr richtig.
- 6:16Die neuen Ideen sind noch nicht sicher und fest.
- 6:19Das führt zu Chaos und Unsicherheit, es sieht so aus,
- 6:22als ob das Gute von früher verloren geht und das neue noch
- 6:25nichts taugt und schwach ist. Nietzsche vergleicht die
- 6:29Menschheit hier mit einem Soldaten, der das Marschieren
- 6:31lernt, in der Übergangszeit ist er unsicherer und Unbeholfener
- 6:35als je zuvor. Seine Muskeln bewegen sich mal
- 6:38nach dem alten System, mal nach dem neuen.
- 6:41Er stolpert und schwankt, noch hat keine Seite gewonnen, aber
- 6:46Nietzsche sagt, Wir dürfen deshalb nicht ängstlich werden,
- 6:50wir müssen das Neue, das wir schon errungen haben, festhalten
- 6:53und nicht aufgeben, wir können nicht zurück, er sagt, Wir haben
- 6:58die Schiffe verbrannt, das ist ein historisches Bild für eine
- 7:02Situation, in der es keinen Rückzug mehr gibt.
- 7:05Es bleibt uns nur übrig, tapfer zu sein und vorwärts zu
- 7:09schreiten, egal was dabei herauskommt.
- 7:12Vielleicht, so hofft Nietzsche, wird unser heutiges Verhalten in
- 7:15der Zukunft doch als Fortschritt angesehen, er endet mit einem
- 7:19Zitat von Friedrich dem Großen an den Philosophen Sulzer, um
- 7:22sich selbst zu trösten, auf Deutsch bedeutet das Zitat in
- 7:26etwa Ach, mein lieber Sulzer, sie kennen diese verfluchte
- 7:30Rasse nicht gut genug, zu der wir gehören.
- 7:32Damit meint er die Menschheit mit all ihren Fehlern und
- 7:35Schwierigkeiten. Unterkapitel 249 an der
- 7:41Vergangenheit der Kultur leiden in diesem Abschnitt beschreibt
- 7:46Nietzsche ein ganz bestimmtes Gefühl des Leidens, das Menschen
- 7:49befällt, die sehr tief über die Geschichte und die Entwicklung
- 7:52der Kultur nachdenken. Wer sich wirklich klarmacht, wie
- 7:56unsere Kultur entstanden ist, der fühlt sich oft unwohl dabei.
- 8:00Nietzsche vergleicht dieses Gefühl mit dem Schicksal eines
- 8:03Mannes, der ein großes Vermögen erbt, aber weiß, dass dieses
- 8:07Geld durch unrechte Mittel erworben wurde.
- 8:09Dieser Erbe leidet nun an seinem Reichtum, weil er dessen
- 8:13schmutzigen Ursprung kennt. Ein anderes Beispiel ist ein
- 8:16Fürst. Der herrscht, aber genau weiß,
- 8:19dass seine Macht nur darauf beruht, dass seine Vorfahren
- 8:22grausam und gewalttätig waren. Ein solcher Mensch denkt mit
- 8:25Trauer daran, woher er kommt, er schämt sich oft.
- 8:29Oder wird leicht reizbar, auch wenn er viel Kraft, Lebenswillen
- 8:33und Freude besitzt, wird dieses positive Gefühl immer wieder
- 8:36durch eine tiefe Müdigkeit ausgeglichen.
- 8:39Er kann einfach nicht vergessen, dass sein Ursprung problematisch
- 8:42ist. Nietzsche sagt weiter, dass ein
- 8:45solcher Mensch die Zukunft mit Wehmut, also mit einer traurigen
- 8:48Stimmung betrachtet, er weiß nämlich schon im Voraus, dass
- 8:52auch seine Kinder und Enkelkinder an dieser
- 8:54Vergangenheit leiden werden. Sie werden die Last der
- 8:57Geschichte ebenfalls tragen müssen.