Latest / STAR FM Rocktalk / Campino: Von Mönchen und Jägermeistern
Transcript
- Der Star-FM-Rock-Talk. Heute mit Campino. Und 10 Songs für ein Halleluja. Wenn man normalerweise ein Interview mit einem Musiker macht, dann kann man sich als Journalist auf diverse Dinge einstellen. Zum einen verschiebt sich das gerne mal, dann hat man plötzlich weniger Zeit als abgesprochen, dann hat der Künstler auch mal keine Lust und zeigt das mehr oder weniger offensiv. Und mit diesen ganzen Erfahrungen im Hinterkopf bin ich doch ein bisschen vorsichtig rangegangen an das Interview mit Campino rund um die Geschichte der Toten Hosen. Aber alles gut. Wir haben es am Ende sogar deutlich länger gemacht als geplant, und so im Nachhinein habe ich es auch komplett verstanden. Ich meine, natürlich hat Campino diese ganzen Storys und Geschichten schon ein paar Mal erzählt, aber ich finde, man merkt ihm in Interviews schon an, so rund um das letzte Album, dass es ein guter Zeitpunkt ist für so eine Podcast-Reihe mit dieser, ja, durchaus ein bisschen Wehmut, auch wenn er ja die Entscheidung weiter richtig findet, dass die Toten Hosen keine Studioalben mehr machen werden. Aber es ist nachvollziehbar, dass man da nostalgisch wird und sich in dem Zuge an gewisse Dinge und Zeiten einfach gerne zurückerinnert und drüber spricht. Ich bin Wolfi und freue mich auf die nächste Folge hier mit Campino über die Totenhosengeschichte. Zehn Folgen mit zehn Songs als roter Faden und über der hier steht Bonny und Clyde. Aber ehe man über dieses Lied sprechen kann, über das Album Opium fürs Volk, davor müssen wir zwingend eine Reise ins Kloster machen. Campino, du warst im Kloster. Warum hast du deinen Schritt damals gemacht? Was war ausschlaggebend? Ich bin irgendwann, es muss so 1995 gewesen sein, in Hamburg die Straße runtergelaufen und sah eine kleine Nachricht an einen Baum gepinnt. Mitternachtsmesse, 24 Uhr, in der So-und-So-Kirche, drei Ecken weiter. Und ich musste darüber grinsen und dachte mir so, Wer geht in dieser tollen Sommernacht mitternachts in die Kirche? Was sind das für Leute? Und eigentlich, um mich zu amüsieren und um mich über diese Menschen lustig zu machen, entschied ich mich da hinzugehen. Und kam dann zu dieser Kirche und schon im Eingangsbereich waren alle meine Vorsätze, mich darüber lustig zu machen, verpufft, weil dort Wände aufgebaut waren. Und man hatte eine Überschrift hingeklebt, die hieß Briefe an Gott. Und jeder durfte einen Zettel an diese Wand pinnen mit Gedanken an Gott oder eben Nachrichten an ihn. Und das hat mich so weggehauen, weil die Ehrlichkeit dieser Texte krass mir ins Gesicht und ins Herz gesprungen waren letztendlich. Es gab dann natürlich auch die üblichen Gags so, lieber Gott, schön, dass es dich gibt und dass du mich bis heute in Ruhe gelassen hast und so. Aber es gab auch solche Sachen wie, warum hast du unsere neunjährige Tochter von uns genommen? Das war eine Achterbahn der Gefühle, die mich wirklich tief beeindruckt hat. Und dann bin ich weitergegangen, öffnete die Tür zum Hauptraum. Und sah, dass man sämtliche Kirchenbänke da hinausgetragen hatte und stattdessen saßen die Menschen auf Apfelsinenkisten und kleinen Hockern und auf dem Fußboden. Und es wurde Wein gereicht, offensichtlich war der Hauptteil der kirchlichen Veranstaltung vorbei und es handelte sich jetzt um ein gemütliches Beisammensein. Und so kam ich mit einem Menschen im Gespräch, der sehr, sehr nett und aufgeschlossen war und wir haben uns richtig verquatscht da eine Stunde lang. Und er hatte auch irgendwie immer ein Draht, ein neues Glas Wein mitzubringen. Und ich habe gar nicht bemerkt, dass die Kirche mit der Zeit immer Lehrer geworden war. Und am Ende standen wir zu zweit alleine da. Und dann sagte er zu mir übrigens, ich bin der Stefan, ich bin Abt der Benediktinerabtei in Königsmünster bei Meschede. Und ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn du mich mal besuchst, wenn du magst. Und ja, dann haben wir zusammen die Kirche abgeschlossen und ich habe ihm versprochen, ich komme mal vorbei. Und dann habe ich mich einfach irgendwann aufgerafft, die Nummer, die er mir gegeben hatte, angerufen und tatsächlich, Abt Stefan wusste noch, wer ich war und hieß mich willkommen. Und dann bin ich da für eine Woche hingezogen, um mit den Mönchen dort ihren Alltag zu leben. Das heißt, dass ich also auch morgens um halb vier oder so aufgestanden bin, die erste Messe um vier mitgemacht, dann glaube ich um sechs. Es gab fünf Messen am Tag, wenn ich mich richtig erinnere. Und ich bin mit in die Klausur gegangen, das heißt, wir waren mit in diesen Bereichen, in denen nur die Mönche Zutritt haben, habe genauso ein Zimmer gehabt wie alle anderen und das war eine sehr spannende Zeit. Die Benediktiner schweigen sehr viel, das heißt, sie vermeiden jeden Smalltalk. Du kannst da nicht auf dem Gang, wirst du nie so zwei Mönche sehen, die miteinander reden oder plauschen, sondern die sind sehr in sich gekehrt und es gibt nur gewisse Zeiten, wo man sich miteinander austauscht. Und so habe ich viele Rituale dort kennen und verstehen gelernt. Und wenn dann einmal miteinander gesprochen wurde, dann war ich wirklich überrascht und entwaffnet von der Offenherzigkeit und der Ehrlichkeit der Gespräche. Und es ging wirklich um unglaubliche Themen. Die Rechte der Frauen in Südamerika, es ging um Diversity, um das Schwulsein, um das Verhältnis der Kirchen zum Papst, weltweite Armut. Es war wirklich für mich eine krasse Begegnung, weil auch hier ich wieder Vorurteile hatte, die ich nirgendwo bestätigt finden konnte. Und insofern eine sehr lehrreiche Zeit, die mich dann auch inspiriert hat zu diesem Album Opium fürs Volk. Also ich war sowieso in dieser Phase, dass wir uns auseinandergesetzt haben mit Kirche und Glauben und was das alles heißt. Und durch den Besuch im Kloster ist aber für mich das Konzept der Platte, die Dramaturgie der Scheibe, die ist mir da total klar geworden und hat mir sehr geholfen. Und dann am Ende war es, warum auch immer, Zehn kleine Jägermeister, dass die erste Nummer 1 Single der Band wurde und das sechs Wochen in Folge. Ja, jetzt wo du das sagst, der Gedanke ist mir noch nie gekommen, das ist insofern schon verrückt, als dass ausgerechnet dieses Kloster und dieser Abt der einzige ist außerhalb der Familie Underberg, der das Rezept für den Underberg-Schnaps hütet. Das ist ja ein Riesengeheimnis. Und eigentlich hätte ich über Unterberg die Musik machen sollen, um diesem Kloster gerecht zu werden. Fällt mir jetzt aber erst auf, ein bisschen spät. Ja, wir hatten diese Platte im Grunde, wir hatten sie fertig. Lustigerweise geht die ja los mit so einem Mönchschor, den wir nachgesungen haben. Den habe ich mir, ich habe den heimlich aufgenommen in der 4 Uhr Messe morgens. Und die Band hat dann dieses Vaterunser halt gelernt in dieser Melodie, wie wir die vorgefunden haben. Was ich nicht wusste ist, dass jedes Kloster seine eigene Melodie hat. Und das Album war inzwischen veröffentlicht und ich habe dann die Mönche irgendwann wieder besucht und da kam einer auf mich zu und sagte, hör mal, also eigentlich warte ich jetzt auf die Tantiemen von dir, weil die Melodie zu diesem Vaterunser, die ist von mir geschrieben. Und dann hat er mir das überhaupt erst erklärt, dass sozusagen jedes Kloster seine eigene Melodie macht. Und das war mir natürlich fürchterlich peinlich sozusagen. Hatte ich die also da um die Tantiemen betrogen, weil ich dachte, dass das einfach traditionell überall gleich klingt. Jedenfalls, das Album war fertig und es war durchzogen mit Ernsthaftigkeit. Und irgendwie haben wir gedacht, also nur für den Fall, dass uns da jemand ein gewisses Erwachsenwerden unterstellt oder eine Reife, setzen wir jetzt nochmal einen Kontrapunkt und bringen eine völlige Blödelnummer raus. Und dann haben wir dieses Lied Zehn kleine Jägermeister geschrieben, um diesen Dreher noch zu machen und zu sagen, hallo, also rechnet nicht zu sehr damit, dass wir jetzt bei dem Vernünftigen sind. Und so wurde das Lied dann noch draufgepackt und. Es hat keiner von uns damit gerechnet, dass das so abgehen würde. Es war die Plattenfirma, die uns unbedingt nahegelegen hat, dieses Lied zu veröffentlichen und vor allen Dingen auch als Single auszukoppeln, wo es ja dann sechs Wochen lang Nummer eins gewesen ist. Würdest du den Song denn heute wieder auf das Album packen, wenn du wüsstest, dass der am Ende die anderen Lieder vielleicht so ein bisschen überstrahlt? Also ich hätte nie Angst, dass ein Lied die anderen Sachen überstrahlt. Ich freue mich über alles, was halbwegs nach Stern aussieht oder irgendwie leuchtet. Aber ich würde es vielleicht, doch diesen Song, der hatte für mich die Qualität, dass es eben vordergründig ums Feiern und Saufen ging, aber eigentlich auch in jeder Zeile noch eine andere Botschaft mit drin gesteckt hatte. Zwei kleine Jägermeister baten um Asyl, einer wurde angenommen, der andere war zu viel. Ich möchte das Trinklied sehen, was nochmal so eine Aussage eigentlich darunter versteckt hat. Er ist nicht so platt, wie man vielleicht denkt. Und insofern war das für mich schon eine Runde cleverer. Das hatte seine Berechtigung. Und ja, ich denke, da hätte ich jetzt kein Problem mehr, damit dieses Lied auch heute zu veröffentlichen. Aber bei dem aktuellen Album ist mir ein Sauflied nicht aufs Papier gekommen. Weil das einfach nicht mehr in mir steckt. Ich suche nicht mehr... Die Fete, wo noch vor Mitternacht der Kronleuchter von der Decke fliegt und so. Das war früher unser Leben ein bisschen, aber das ist es jetzt nicht mehr. Und deshalb kann ich mich mit meiner Fantasie auch nicht mehr in solche Geschichten begeben. Mit Opium fürs Volk ging es ja dann, ich glaube auch zum ersten Mal zu Rock am Ring, natürlich dadurch auch Rock im Park, aber vor allem der Ring und die Hosen, der beginnt von einer großen Liebe. Ja, das war wirklich toll, wie wir dort aufgenommen wurden. Ich glaube, hier waren wir auch angezogen von so einem gewissen inzwischen entstandenen Familiencharakter. Ich glaube, die ersten Rock am Ring Veranstaltungen waren noch deutlich mainstreamiger, aber dann hat sich das in den 90er Jahren zu einer etwas härteren Zusammenstellung gefunden. Und es waren häufig Bands da, die wir einfach kannten. Von Faith No More bis hin zu anderen Größen. Es war immer ein großes Hallo, dort hinzukommen. Und auch wir fühlten, dass gerade dieses Publikum uns verstanden und sehr gut angenommen hat. Und insofern gab es da so einige spektakuläre Nächte, die wir da abgefeiert haben und das ist einfach in guter Erinnerung. Und insofern hat man sich gegenseitig auch Treue bewiesen. Also wir wurden immer wieder von denen eingeladen und gleichzeitig, wenn Not am Mann war und es fiel mal ein Headliner aus, dann war es auch nur ein Anruf und wir haben geholfen, wo wir helfen konnten. Und du wirst mir jetzt die Frage vermutlich nicht beantworten können, aber immer Rock am Ring und Rock im Park wird aber nochmal drin sein, oder? Das kann ich tatsächlich nicht beantworten. Das ist alles offen. Irgendwo denken auch wir. Letztendlich muss diese Geschichte auch irgendwie zu Ende gebracht werden an einem Punkt, aber... Beide Seiten haben sich sehr entwickelt und auch das Rock am Ring, das heutzutage stattfindet, ist ein völlig anderes, als es das in den 90ern war. Auf jeden Fall möchte ich noch ganz, ganz oft dort zu Besuch sein, in irgendeiner Form. Das reicht mir aber auch als Fan. Opium fürs Volk, das Album, über das wir jetzt nochmal sprechen wollen. Wir haben hier Bonny und Clyde in der Überschrift stehen. Kannst du nochmal erklären, wie ihr zum Song gekommen seid? Wollte man einfach nur einen Song mit so einer Wir-gegen-den-Rest-der-Welt-Attitüde oder gab es einen speziellen Anlass? Ich glaube, wenn ich Lieder schreibe, dann gibt es nie vorher einen Wegweiser oder ein Programm, sondern das Bild Bonny und Clyde, den Film, den ich unglaublich gerne mag, So, zu übersetzen in unsere Lebensverhältnisse hier. So eine romantische Liebe, die sich zwar illegal durchschlägt, aber niemand kann diesem Pärchen irgendetwas übel nehmen. Das hat mich als Thema so gereizt. Und sobald ich das Bild Bonny und Clyde vor Augen hatte, waren mir dann auch die Textzeilen in den Strophen. Sehr schnell klar. Es ist sehr leicht von der Hand gegangen. Es war eine Geschichte, wo ich einfach ganz schnell wusste, was ich da erzählen wollte. Und lustigerweise an dem Tag, als dieses Single veröffentlicht wurde, ist mir mein Auto zu Hause geklaut worden. Und ich singe ja in diesem Song, Komm, wir klauen uns ein Auto, ich fahr dich damit rum. Und mir ist das dann selber widerfahren. Mein Auto wurde mir vom Haus weggestohlen und tatsächlich ist das gefunden worden von der Polizei drei Tage später am nördlichen Zubringer hier in Düsseldorf. Und jemand hatte also diesen Text genau umgesetzt. Und da habe ich mir gedacht, sing nie wieder irgendwas, was du nicht wirklich meinst. Unter unseren Hörern weiß ich, ist das einer der absoluten Lieblinge. Wie viel von fünf Sternen würdest du ihm selbst geben, Bonnie und Clyde? Ja, es geht mir genauso. Ich glaube, da ist uns wirklich was Gutes gelungen und würde bei mir auch immer in der Top Ten von den selbstgeschriebenen Liedern vorkommen. Hör dir die Playlist an, hör dir die Songs an zur Podcast-Reihe mit Campino. Über die Geschichte der Toten Hosen haben wir dir in der Caption verlinkt. Die Totenhosengeschichte hat viele Höhen, einige Tiefpunkte und einen unbestritten tragischsten Tag der Bandgeschichte. Und ja, wir können uns hier nicht durch die Hosengeschichte spielen, ohne das tausendste Konzert zu thematisieren. Und das werden wir in der nächsten Folge. Es ist ganz klar und eindeutig der schlimmste Moment, den wir so als Band erlebt haben. In dem Moment der totalen Euphorie, ich war ja völlig in dieser Welt, dieses Konzert da zu spielen, plötzlich so auf den Boden gezogen zu werden und da umzuschalten, das war, da fehlen mir heute noch die Worte für.