Latest / Erstklassisch mit Mischke - Klassik hautnah / Oksana Lyniv: „Kunst ist wie ein Licht, das uns den Weg weist“
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- Ich habe sehr viel Kritik bekommen. Viele haben in der Öffentlichkeit ihre, wie kann ich das sagen, Intention geäußert, mit mir jeden Kontakt abzubrechen. Also, dass ich zum Beispiel jetzt zur Zeit auch eigentlich keine Konzerte in der Ukraine habe oder sowas. Weil, ja, also es ist nochmal in der Diskussion, ob ich jetzt also gut bin oder schlecht bin für meinen Heimatplatz. Aber meine Vorstellungen haben sich dadurch überhaupt nicht verändert. Erstklassisch mit Mischke, der musikalische Podcast des Hamburger Abendplatzes. Schönen guten Tag zu einer neuen Folge. Wenn jetzt das mal kein Omen ist. Die erste CD meines Gastes war, soweit ich weiß, Wagner. Die Walküre Scholti dirigierte das. Wie alt sie da war, weiß ich jetzt nicht. Aber 2021 war sie die erste Frau, die bei den Wagner-Festspielenden Bayreuth eine Neuproduktion dirigierte, den Holländer. Sie jetzt nur darauf zu reduzieren, wäre aber viel zu einfach und total verkehrt. Sie ist Ukrainerin, ist als Dirigentin viel unterwegs, gerade in Bologna. Und demnächst ist sie in einer Doku im Kino zu sehen, auch hier in Hamburg, nämlich Ai Wei Weiss, Turandot, eine Geschichte aus Rom. Darüber reden wir noch, aber erst mal, ich versuche es mal. Dobri den, Oksana Linnev. Dobri den, ich grüße Sie, vielen Dank. Schön, dass Sie da sind. Und übrigens, falls Sie jetzt schon neugierig geworden sind, wer hier schon alles zu Gast war und mit wem wir gesprochen haben, Sie finden erstklassisch mit Mischke auf abendblatt.de und bei allen anderen guten Podcast-Adressen und Bewertungen ab fünf Sternen aufwärts. Freuen uns, dann machen wir wirklich sogar weiter. Gut, jetzt kommen wir aber zu den wichtigen Dingen. Soweit ich weiß, ist Ihre Mutter Musiklehrerin gewesen. Ihr Vater war Chordirigent und Sie hatten mit 18 den Berufswunsch, Dirigentin zu werden. Und damals waren Sie die einzige Dirigentin, die einzige Dirigierstudentin an der gesamten Hochschule in Lemberg. Haben Sie damals je ans Aufgeben gedacht und sich gesagt, ich weiß jetzt nicht, war vielleicht doch keine so gute Idee oder war das von Anfang für Sie völlig unumstößlich? Ich muss Dirigentin werden und alles andere ist mir egal. Also dieser Beruf hat mich magnetisiert, das hat mich unglaublich angezogen, zu verstehen, dass es, du kannst lernen, wie man diesen unglaublichen Instrument, ein ganzes Apparat wie ein Symphonieorchester, dass man kann das lernen, wie man das leitet und alle diese unglaublichen Meisterwerke und Stücke interpretiert von der gesamten Opernliteratur und auch symphonischen Literatur. Und von dem Moment, als ich das verstanden habe, dass auch die Frauen zugelassen sind, das zu lernen, weil am Anfang, als ich im College war, hatte ich wirklich den Eindruck gehabt, dass es so ähnlich wie Armeepflicht, also in Sowjetunion in meiner Kindheit war Armeepflicht nur für Männer. Ich dachte, dass auch dieser Beruf eigentlich nur für Männer ist. Und dann, als ich fast zufälligerweise darüber erfahren habe, dass auch die Frauen studieren, also sind erlaubt zu studieren, aber nicht wollen, keinen Wunsch äußern. Bin ich sozusagen in die Hochschule gegangen, habe Professoren getroffen. Ich habe dann mich informiert, etwas vordirigiert auch, ein Gespräch geführt und dann haben sie mir gesagt, wenn sie wollen, sie können die Aufnahmeprüfungen probieren. Und eben dann habe ich mich vorbereitet und dann dachte ich mir, okay, wenn ich dann aufgenommen bin, dann werde ich das dann versuchen. Und mit jedem, mit jeder Woche Studium, das hat mich immer weiter, immer mehr fasziniert und eben auch das Erkenntnis, dass dieses Studium eigentlich nie ein Ende nimmt, dass dieses Beruf ist. Immer weiter Neues zu erforschen, zu entdecken, dass jede neue Partitur, jedes neue Werk von jedem Komponisten eigentlich eine neue Welt ist und dass du immer wieder, egal wie viel du schon, also Experience dahinter hast, wie groß dein Repertoire ist, aber immer wieder, wenn du neue Werke nimmst, dann musst du nochmal von Neuem beginnen und das zu entschlossen und das hat mich einfach wirklich fasziniert magnetisiert, wie ich gesagt habe damals noch um. Das war Ende der 90er. In der Ukraine war es eine sehr, sehr schwierige Zeit. Das war noch so eine Wende. Ukraine war zwar schon souverän, ein souveränes Land, aber eigentlich die ganzen Systeme, und das spüren wir auch bis jetzt, also das ist immer noch im Wandel, die ganzen Systeme waren noch postsovetisch verröstet. Also sagen wir so, als ich Studentin an der Hochschule war, Wir haben nie gehört, dass es zum Beispiel irgendwelche Vordirigate gibt für irgendwelche Stellen. Für irgendwelche Kappelmeisterstellen oder auch Chefdirigentenstellen, irgendwelche Bewerbungen. Also eigentlich, das war immer so, dass wenn ein Chefdirigent zum Beispiel von Lemberg als Philharmonie Chefdirigent war, eine Person, dann war er 50 Jahre Chefdirigent. Also bis er wirklich schon stirbt, nicht nur Rentner wird, sondern wirklich nicht mehr lebt. Und dann irgendwie hat man nie gehört, dass es wurde irgendwie offen über Nachfolger diskutiert oder geredet, sondern das war immer sofort irgendwie sein Schüler schon geworden oder also irgendwie alles nur Verbindungen und total geheim. Und eigentlich, das hat man schon gesehen, dass als junge Dirigent oder Dirigentin eigentlich man keine große Zukunft in diesem System hat, wenn man eben dahinter nicht alle Verbindungen oder was weiß ich, wenn man nicht gleich in Professorfamilien schon geboren war, dass deine Zukunft schon vom Kindergarten und alle Türen sozusagen schon sich öffnen und dein Werk schon vorbereitet ist. Und ich habe schon natürlich sehr viele skeptische Kommentare gehört. Vor allem von Kollegen, von männlichen Kollegen, Studenten, die gesagt haben, wozu brauchst du das, du wirst dieses Diplom dann irgendwo in die Schublade stecken, du wirst niemals arbeiten, du wirst niemals auch als Dirigentin später auch im Berufsleben tätig sein. Und das war natürlich schon, wie soll ich sagen, also dieser ganze Skeptisismus, um sich herumzuhaben und trotzdem immer weiter darüber zu träumen und immer weiter Fortschritte zu machen. Und das war schon ein, wie ich jetzt denke, ein krasser Kontrast. Aber irgendwie, ich habe einfach Musik geliebt und diesen Beruf schon geliebt und ich habe versucht, jede Möglichkeit zu nutzen, um Erfahrungen zu sammeln. Und zum Beispiel, als ich dann gehört habe, es wird eine Soufflose gebraucht an der Lemberger Oper und ich war erst im dritten Studiumjahr, also eigentlich noch sehr früh. Ich war schon um 9 Uhr sofort schon da und habe mich vorgestellt, ich habe gesagt, ich bin interessiert und eigentlich, ich war dann im Opernhaus bei den Proben und Aufführungen schon fast mehr als bei einigen Vorlesungen in der Hochschule, zum Beispiel, ich weiß nicht, Musikliteratur, weil ich dachte dann, okay, Musikliteratur, das werde ich mir selbst dann schon nachlesen, Aber zum Beispiel eine Nabucco-Produktion oder eine AIDA-Aufführung oder zum Beispiel eine Carmen-Aufführung zu assistieren, eine Tosca, das war schon viel wichtiger für mich, weil ich konnte wirklich schon sehr früh im Opernhaus sein und lernen. Mit Klavierauszug, mit Partitur, in Kommunikation mit Musikern, mit Sängern, mit Chor. Und eben was für mich faszinierend und wichtig war, nicht nur sozusagen das, wie man sich im Idealfall vorstellt, also irgendwie tolle Castsänger, tolle Regie, motivierte Orchester, sondern auch sozusagen wirklich die Routine. Alltag, auch mal schlechte Laune oder die Prima Donna ist auf die andere sauer oder ich versuche nicht, warum sie mehr singt oder die weniger. Also wirklich auch diese menschliche dahinter, was das Theater ausmacht. Und das war auch sehr, sehr interessant, diese Erfahrungen. Dann habe ich bald wieder gekündigt, weil ich habe dann auch gesehen, okay, Lemberger Oper zu der Zeit war, die hatten leider sehr begrenztes Repertoire, also meistens nur italienische Stücke, ein paar Ballette, eben kein Wagner, aber ich war schon sehr früh von Wagner fasziniert. Und diese Faszination, also das ist auch eine lustige Geschichte, wie diese Faszination gewachsen ist, eigentlich auch aus dem jugendlichen Protest, weil ich kam zu einer Vorlesung und dann hat ein Professor mich gefragt, erklären Sie mir bitte, warum Wagner-Opern werden so wenig gespielt? Also so eine Frage. Er sprach natürlich von der Tradition damals in der Ukraine und im post-sowjetischen Raum. Ja, ich habe so überlegt, eine Antwort überlegt, ich habe dann angefangen zu sagen, ja, weil sie sehr komplex sind, weil man ein sehr großes Orchester braucht, mit Instrumenten, die nicht immer zur Verfügung sind, so wie Wagner-Tuben, weil seine Werke schwer, schwieriger, also man muss sich vorbereiten, dass man das anhört, das ganze Rhythmativsystem oder auch Wagner-Stimmen sind nicht so häufig zu finden, nicht so leicht zu finden. Und dann er hört das alles an und dann sagt, nein, schlicht und greifend, weil das keine Opern sind, das sind eigentlich Sinfonien, Wagner konnte keine Opernmusik schreiben, das sind Sinfonien mit der menschlichen Stimme, wo die menschlichen Stimme auch wie ein Instrument behandelt sind und dafür sind sie auch viel zu lang und viel zu langweilig. Und so sagt mir ein Professor. Und ich habe das gehört und dann dachte ich mir, nein, also ich muss das jetzt dringend selbst überprüfen, so eine Meinung. Und ich bin dann gleich in Archiv gegangen, in Bibliothek, also damals noch war kein YouTube und Spotify freizugänglich. Ich bin in Archiv und Bibliothek, Schallplatten, Klavierauszüge, Tristan und Isolda, Klavierauszug nach Hause, begonnen zu spielen, anzuhören und dann dachte ich mir, nein, das glaube ich alles überhaupt nicht. Also diese Musik, also diese Tiefe und vor allem, was mich faszinierend hat. Das ist nicht bloß tolle Melodien, die sagen wir so im italienischen Fach unter dem Text dazu, sondern die Verbindung zwischen Rhythmus, Harmonik, Temporhythmus, Orchestrierung zwischen Worten. Und Bedeutung und Musik und musikalischen Motiv und Ausdruck. Also das habe ich sofort gespürt. Und eben von dem Moment habe ich dann auch Wagner-CDs gesucht. Die waren auch nicht so leicht zu finden bei uns. Dann konnte ich irgendwie diese Walkyrie kaufen. Und dann war wirklich so, dass mein ganzes Stockwerk, weil wir haben damals in Studentenwohnheim gelebt. Ich hatte morgen früh gleich am Beginn der Wahlkirche, dieser Sturm. Da mussten alle mit dieser Musik aufwachen, weil ich musste das anhören. Und das hat mich einfach elektrisiert. Und mich hat auch gleichzeitig empört und ganz viele Fragen gestellt, warum in der Ukraine wird das nicht gespielt. Und dann erst später habe ich dann erfahren, dass noch vor dem Zweiten Weltkrieg, also als noch Westukraine zu Österreich und Polen gehörte, vor allem zu Österreich, hat man ganz in Wagner bei uns auch gespielt und dann später natürlich auch im sowjetischen Raum mit der Geschichte Zweiter Weltkrieg, Nazi und so weiter. Also dann wurde das praktisch auch aus Spielplänen gestrichen und ist auch bis jetzt praktisch unbekannt, also auf ukrainisches Publikum unbekannt. Wie oft haben Sie sich dann gekniffen, als dieser Anruf aus Bayreuth kam und es hieß, also wenn Sie Zeit hätten, Sie könnten vorbeikommen, wir hätten da ein Stück, das Sie dirigieren könnten? Ja, ich weiß nicht. Also in dem Moment wahrscheinlich kamen mir in den Kopf all diese Erinnerungen, die ich Ihnen jetzt geschildert habe. Also all diese irgendwie Träume, Faszination von dieser unbekannten Welt, wo diese Musik eine Tradition ist. Also wo die Orchester das seit Jahrhunderten schon spielen und ja, also wo das immer, wo das dort geboren wurde und das war eigentlich auch mein Traum, dann nach Deutschland zu gehen und zu studieren und deutsche Sprache zu lernen, damit ich diese ganzen Wagner-Schriften, Libretti, Prosa-Skizzen, alle Briefe lesen und studieren kann. Und natürlich, als dann diese E-Mail kam aus Bayreuth, ich dachte mir, das ist einfach eine unglaubliche Ehre. Aber nicht nur Ehre, es ist auch so eine Verantwortung für mich gewesen, weil Bayreuth ist ja eine Legende. Das ist ja bekannt, wie schwierig dort ist, wie viele große Dirigenten dort schon aufgeschaltet haben. Und wer weiß, ob ich das kann und wie schnell ich das dann kapiere, damit umgehe und so weiter. Naja, aber dann kamen noch die ganzen Prüfungen mit Covid und vielleicht wird das doch gestrichen, vielleicht wird das nicht stattfinden, dann dürfte das doch stattfinden, aber mit ganz, ganz vielen komplizierten Aufgaben dazu, dass der Chor nicht auf der Bühne auftreten darf, wird singen aus dem anderen Ort, das wird alles übertragen. Das muss dann wieder mit anderen, vielen anderen Dirigenten koordiniert sein. Also nicht einfach, aber ich bin glücklich, dass das dann schon gut lief. Haben Sie denn da, als mal keiner aufgepasst, hat sich irgendwas mitgenommen als Souvenir, was weiß ich, das Namensschild von der Garderobe abgeschraubt, damit Sie noch wissen, ich war tatsächlich da? Aus Bayreuth? Nein, nein, nein, aber ich meine, ich habe dann so viel Presse- und Zeitungartikel, also das ist schon. Nein, was ich vor allem dann begonnen habe, mich mit historischem Material auseinanderzusetzen, was weiß ich jetzt, Artikel zu finden von 1901, als Cosima Wagner zum ersten Mal Holländer in Bayreuth spielen wollte und da zum Beispiel diese Foto- und Lithographien aus dieser Zeit zu sehen oder die Porträts von den Singern damals, von Dirigenten, von der Aufführung, also sozusagen möglichst das auch durchzuleben, wie diese Tradition dort entstanden war. Und weil ich finde, wir als Künstler, also als präsente Künstler, wir sind ja nicht vom Himmel irgendwie von nichts plötzlich gefallen, sondern wir sind eine Fortsetzung, eine Geschichte davor und das interessiert mich alles natürlich und vor allem was Neues wollen wir jetzt auch sagen, also dass man immer wieder auch diese Werke mit neuem Auge sieht und deswegen zum Beispiel, um mich auf Bayreuther Debüt gut vorzubereiten, Ich habe dann, heutzutage gibt es schon diese tolle Schott Wagner neue Ausgabe, wo man die ganzen Schriften, die ganzen Briefe anschauen kann, Wagner Erinnerungen und vor allem für Holländer sehr wichtig, also die beiden Editionen, sozusagen diese frühere und dann spätere, was er nochmal revidiert hat. Ja, das war mir alles wichtig vorzubereiten. Ja. Okay. Ich wollte noch mal kurz auf Ihr Studium zurückkommen, bevor wir uns endgültig in das Wagner-Universum reinschrauben und dann wieder rausfinden. Ich habe gelesen, Sie haben während des Studiums sich auch damit Geld verdient, dass Sie Perlenarbeiten gemacht haben, also Perlenketten gebastelt oder sowas. Was war denn so der sonderbarste Job, den Sie gemacht haben, der so gar nichts mit Musik zu tun hatte während Ihres Musikstudiums, um sich da durchzukriegen? Ja, eigentlich nur das und das war auch interessant, weil ich habe das nicht irgendwie nur, also das waren keine kleinen Stücke, die bloß irgendwie als Souvenir waren. Das waren schon komplizierte Sachen, weil ich habe zusammen mit einer renommierten ukrainischen Designerin gearbeitet, Oksana Karawanska, und sie hat immer ihre Kollektionen entworfen. Inspirierend, entweder von interessanten Figuren, Autoren, bestimmten Schriftstellern oder Poesien oder Philosophen. Also das war immer interessant, weil sie mir eine bestimmte Aufgabe, also ästhetische Aufgabe gestellt hatte und dann eigentlich mir auch ganz viel freier Raum gelassen hatte. Und es war auch interessante Zusammenarbeit mit verschiedenen anderen Künstlern, Also nicht nur irgendwie Kleidungsstücke, was man für den Alltag braucht. Ja, und für mich hatte das auch ein bisschen Theatergefühl gehabt. Also wie man, wenn man bei der Opernaufführung zum Beispiel arbeitet und man muss sich auch in einer bestimmten Welt vorstellen oder identifizieren. Und das war auch genauso dort. Und ja, das hat mir geholfen, weil wie gesagt, das waren auch interessante, viele interessante künstlerische Kontakte, die auch teilweise auch ich bis jetzt habe, obwohl ich das auch nicht mehr mache, schon lange nicht. Bewegen wir uns mal so ein bisschen in Richtung Operngraben oder Dirigentenpult. Ich frage mich ja, und das frage ich mich immer, wenn ich mit Dirigenten rede, wie sehr ist eigentlich die Musik, die Sie auf der Partiturseite sehen, wie sehr ist die fertig in Ihrem Kopf, dass Sie schon im Kopf hören, Das ist meine Idealvorstellung. So will ich das haben. Das kann nur so und nicht anders sein. Und wie gehen Sie dann damit um, wenn es auf der Bühne, im Konzert oder im Orchestergraben bei einer Opernvorstellung dann gar nicht so klingt, wie Sie sich das denken und vielleicht auch gar nicht so realisieren lässt, weil das Orchester das ganz anders sieht oder ganz anders spielt? Wie kommen Sie mit diesem Konflikt klar? Ja, also sagen wir so, das symphonische Bereich und Opernbereich sind zwei Welten, weil wenn man ein Symphonieprogramm vorbereitet, da kann man schon wirklich ganz genau planen und auf eigenes Ziel zu arbeiten, weil man hat dann irgendwie mehr Probenzeit und die gleiche Besetzung. Aber wenn man im Opernbetrieb ist, auch kommt darauf an, wo. Aber meistens ist es so, dass die Orchesterbesetzung sich wechselt und man hat irgendwie schon zwei Proben gehabt und dann die Vorstellungen, neun Vorstellungen sind gestreckt über zwei oder sogar drei Monate, die dann laufen schon ohne Proben. Also das sind zwei verschiedene Sachen. Also, wenn ich ein neues Stück vorbereite, jetzt egal, Sinfonie oder Opern. Ich versuche mir im Kopf, meine Interpretation zu kreieren, aber egal, wie genau du dir alles überlegst, trotzdem, wenn man zum ersten Mal schon lebendigen Orchesterklang in den Händen hat, Trotzdem passiert es immer wieder, dass du bestimmte Sachen veränderst, auch viele Sachen neu herausfindest, weil wenn man das schon wirklich im Ohr hat und direkt mit Musikern macht, findet man meistens nochmal Farben und Nuancen, Details, die irgendwie nur in dieser Live-Kommunikation entstehen. Wie gesagt, wenn man das Symphonieprogramm hat, versuche ich dann ganz genau umzusetzen was ich mir vorgestellt habe wenn man in der Opernafführung arbeitet dann muss man viele Faktoren dazu bedenken natürlich zum Beispiel, wie viele neue Musiker man hat, oft hat man auch sogar neue Sänger auf der Bühne mit denen man nicht geprobt hat zum Beispiel Ersatzsänger im Krankenfall oder so etwas und dann versucht man möglichst zu begleiten, aber auch zu leiten. Das ist so eine Doppelrolle, weil von einer Seite, ich dirige schon das, was ich in meinem inneren Ohr höre, aber natürlich ich höre zu, was der Solist, ob das jetzt Orchester, Solist ist oder Sänger, was sie mir auch bieten. Und das ist so immer eine gewisse Flexibilität. Und trotzdem Leitung, um konzeptuell sozusagen meine Vorstellungen dann umzusetzen. Das ist auch sehr interessant und das fördert auch gewisse, sogar auch technische Fähigkeiten. Zum Beispiel auf einen Sänger schnell zu reagieren. Zum Beispiel wenn man beschleunigen oder verlangsamen, ein Tempo verlangsamen möchte. Schnell zu reagieren, aber dass man die Kontrolle über das Ganze irgendwie nicht verliert, sondern immer mit den Händen, ohne Möglichkeit zu stoppen und zu korrigieren, immer weiter das formt, sozusagen den musikalischen Fluss weiterformt. Also ich liebe beide Sachen, weil, wie gesagt. Das erfordert einfach eine andere Kondition von dem Dirigenten. Und ich finde das wichtig, beides zu trainieren, beides zu haben. Ich würde jetzt ganz gerne mal, weil man kann mit einer ukrainischen Dirigentin nicht darüber reden, wie das Wetter in Italien ist oder so, sondern wir müssen und ich möchte und ich hoffe, Sie wollen es auch über dieses ganze große Politikthema, was Sie seit dreieinhalb Jahren noch mal mehr umtreibt, reden. Fangen wir doch mal so an. Wie wichtig sind Kunst, Kultur und Musik jetzt in der Ukraine nach dreieinhalb Jahren Krieg und wie hilflos sind Künstler, Musiker in dieser Situation? Ja, also als der Krieg ausbrach habe ich mich auch hilflos gefühlt gehabt, weil wenn man diese ganzen Bombardierungen und Zerstörung sieht und diese Opfer Kinderopfer, Gewalt, wirklich Brutalität, brutale Gewalt. Irgendwie im Moment verzweifelt man sich und denkt man, wozu nutzt diese ganze schöne Literatur, die Philosophie, die ganze Kunst, all die tiefsinnigen Meisterwerke, Wenn das trotzdem und immer noch unsere Gesellschaft nicht verändern kann. Wir haben nichts daraus gelernt, trotz dieser all den genialen Werken, die geschaffen wurden und Persönlichkeiten. Und das ist irgendwie im ersten Moment, hat man wirklich das Gefühl, dass das zu nichts nutzt. Aber dann irgendwie versteht man auch, dass es ist so, dass die Künstler, dass die großen Denker, große Autoren, dass sie irgendwie immer voraus sind von der Zeit und irgendwie bleiben diese Werke von einer Seite, bleibt diese Lehre oder diese Message, bleibt als etwas Unerreichtes von einer Seite, aber immer wieder wie ein Licht oder wie ein Stern oder wie etwas, wohin wir uns richten müssen, wohin wir uns begeben müssen. Und das eben nur zu wissen, die Vorstellung, dass es muss doch irgendeine Gerechtigkeit in der Welt sein, es müssen doch irgendwie höhere Ziele sein, selbst in diesem schwarzen und brutalen Moment. Und dass wir dürfen diese Ziele nicht aufgeben, wir dürfen diese Ziele nicht verraten und immer weiter. Leuchten lassen, auch für die Menschen, die gerade in der schwierigen Situation sind. Also eine von erschütternden Momenten für mich war zum Beispiel Beethoven 90 zu dirigieren im Jahr 2022, wo man das umso stärker noch einmal begreift. Also diese Vorstellung, die Beethoven in diesem Werk, also dieser Aufruf zur Brüderlichkeit, zu lassen uns alle umarmen. Also gerade im Moment von der Zerstörung, von Gewalt, von Mord, versteht man, wie unerreichbar. Unreichlich weit, wie sie leider davon immer noch sind. Und trotzdem dürfen wir unsere Ohren von dieser Beethoven-Stimme und Schiller-Stimme nicht verschließen. Wir müssen immer weiter hinhören, obwohl wir das immer noch nicht können und nicht gelernt haben. Ja, und jetzt, ich müsste, also jetzt immer wieder zum Beispiel, ich bin beeindruckt. Wie große Nachfrage für Konzerte und Veranstaltungen in Ukraine ist, dass die Konzerte sogar auch in Bombenscheltern stattfinden. Ja, dass jede Konzert, egal ob das jetzt ein Sänger singt, Opern-Arien-Recital mit Klavier oder eine Opern-Premiere oder Ballett-Afführung, endet mit Ständings-Ovations, weil die Menschen, die irgendwie zwei Stunden im Theater sein konnten und irgendwie Musik hören konnten, sich eine Vorstellung anschauen konnten, sind unendlich dankbar, weil zuerst, wenigstens für diesen Moment, können sie irgendwie eine seelische Ruhe finden. Also zumindest in ihren Gedanken als Traum oder als Erinnerung an das Leben davor, an das Leben vor dem Krieg. Und für viele ist das ein Moment von dem Kontakt mit etwas Höherem, irgendwie wie eine Glaube an Gott. Also irgendwie in einem guten Konzert bei einer guten Erführung die Menschen. Also der menschliche Geist fasst sich immer wieder nochmal zusammen und irgendwie man findet neue Kraft, selbst weitere Prüfungen durchzustehen. Und das ist wirklich beeindruckend. Und auch wenn ich jetzt in schönen Ländern in Westeuropa mich befinde, wo es keinen Krieg gibt, aber auch an mich ist das immer wieder eine Lehre, dass wir das schätzen müssen. Also diesen Moment des Friedens und was wir haben können, diese Konditionen und das umso mehr mit umso größerer Verantwortung zu nehmen. Ich habe ein Zitat gefunden, was in dem Zusammenhang ganz spannend und interessant war. Sie haben mal gesagt, selbst als ich als erste Ukrainerin an der MET in New York dirigiert habe, hat sich meine Heimat nicht gefreut, sondern sich darüber beschwert, dass ich in Dresden Eugen und Jegin, Also eine Oper von dem russischen Komponisten Tchaikovsky dirigieren will. Das ganze Land hat sich wegen meines Repertoires aufgeregt. Wie ist das jetzt? Stehen Sie unter einer besonderen Beobachtung von Ihrer Heimat, weil Sie eine Art Botschafterin nach außen sind als ukrainische Künstlerin? Wird da genauer hingeguckt, was Sie tun, machen lassen, was Sie dirigieren, was Sie nicht dirigieren? Ja, in der Ukraine gibt es sehr gespaltete Stimmen, weil viele haben schon verstanden, dass wenn ich zum Beispiel im Westen arbeite, ich bin genauso mit selben Theatern und selben Orchester arbeite, genauso wie alle Dirigenten. Und die Werke von auch russischen Komponisten, so wie Tchaikovsky oder Shostakovich oder Stravinsky oder Prokofiev, gehören schon längst zum Weltrepertoire, zum Standardrepertoire und zur Weltkulturerbe. Und niemand macht Tchaikovsky verantwortlich für Putin, genauso wie kein Beethoven oder Mozart und andere sind nicht für die anderen, also für Hitler verantwortlich und niemandem kam das als Idee überhaupt, kam der Gedanke zum Beispiel den Mozart- oder Beethoven-Sinfonien nicht mehr zu spielen, weil es deutsche Nationalsozialisten gab. Aber leider, ja, in der Ukraine mit der Invasion, also gab es sehr, sehr viele Diskussionen und man hat das sozusagen direkt verknüpft. Dann kam dieser Aufruf zu Cancel Culture, also direkt vom Ministerium. Dass alle russischen Werke erst mal nicht mehr aufgeführt werden sollen. Ich kam sofort natürlich mit diesem Aufruf, ich kam sofort in Konflikt, weil zu dem Moment war ich die Chefdirigentin an der Open House Bologna und gerade war Tchaikovsky-Iolante als Konzertante auf Führung geplant. Als der Krieg ausbrach, ich habe dann mit dem Intendanten gesprochen, ich habe gesagt, können wir symbolisch ein Stück von ukrainischen Komponisten hinzufügen, also ein Sabbat Mater und waren alle sofort ein Verstandes. Der Chor hat auch dieses ukrainische Stück einstudiert, weil ich habe gesagt, ich will damit das Konzert beginnen als symbolische Gedenken an die Opfer des Krieges. Aber in der Ukraine brach trotzdem eine riesen Diskussion auf, dass nein, ich darf jetzt überhaupt keinen Tchaikovsky dirigieren, obwohl Tchaikovsky zum Beispiel ukrainische Großeltern hat. Und eigentlich Tchaikovsky, Familie Tchaikovsky kommt aus der Kosakenfamilie, seine Mutter kommt aus Frankreich. Und eigentlich Tchaikovsky war in Russland immer zu seinen Zeiten von Mogutscher Kutschka kritisiert, eben als nicht genug nationalistisch zu sein, als nicht genug russische Werte zu vertreten. Und der war immer als pro-europäisch beschuldet und hat eigentlich Ukraine sehr geliebt. Und eine von den ersten Museen, was in Ukraine leider auch zerstört war, war das Tchaikovsky-Museum in Kamienka. Und dazu noch das Doppelmoral, dass die Musikakademie, die nationale Musikakademie in Kiew bis jetzt ist nach Tchaikovsky benannt. Das wurde nicht unbenannt. Aber zum Beispiel gegen meine Aufführung von Tchaikovsky-Iolanta gab es mehr als 200 Artikel mit richtigen Schittstorn, dass ich in dem Moment unsere Ideen verrate und so weiter. Ja, ich habe dann in Interviews, also ein größeres Interview gegeben in Ukraine für eine wichtige Zeitung, wo ich meine Ansichten erklärt habe, wo ich auch erklärt habe über die gemeinsamen europäischen Werte. Und dass ich das schon genau unterscheide, zum Beispiel von modernen russischen Künstlern, die zum Beispiel von Putin finanziert sind oder Putins Werte vertreten. Oder Komponisten, die 150 Jahre zurück gelebt haben, oder zum Beispiel Igor Stravinsky. Seine beiden Eltern sind Ukrainer. Er wurde in Russland geboren, weil sein Vater, Föder Stravinsky, war berühmter Bass und war Sänger in St. Petersburg an Mariinsky. Aber der Stravinsky kam jeden Sommer vor dem Ersten Weltkrieg in die Ukraine in seinen Familiensitz, hat dort Lindenallee gepflanzt, hat dort selbst eine Villa gebaut und das einzige Museum von Ihor Stravinsky existiert in Ukraine, in Volnien. Und ich kann überhaupt jetzt nicht sagen, ich dirigiere kein Stravinsky mehr. Nein, ich finde, das ist ein Fehler, dass ich jetzt sage, ich studiere keine seiner Werke mehr. Das ist eigentlich unmöglich. Also wie gesagt, ich hatte versucht, das zu erklären, das zu kommunizieren. Ich habe sehr viel Kritik bekommen. Viele haben in der Öffentlichkeit ihre Intention geäußert, mit mir jeden Kontakt abzubrechen. Also dass ich zum Beispiel jetzt zur Zeit auch eigentlich keine Konzerte in der Ukraine habe oder sowas. Weil es ist nochmal in der Diskussion, ob ich jetzt also gut bin oder schlecht bin für meinen Heimatplatz. Aber meine Vorstellungen haben sich dadurch überhaupt nicht verändert. Ich bin nach wie vor eine leidenschaftliche Promoterin auch von der ukrainischen Kultur und Musik. Mit diesem Thema sind wir schon fast bei einem anderen Thema und mit dieser Art von Kontroverse und Debatte. Ich wollte Sie auch fragen zu dem Film, den es jetzt gibt, die Turandot in Rom. Die wurde 2020 angefangen, die Produktion, dann musste sie abgebrochen werden wegen Corona, wurde vertagt auf die nächste Saison. Sie sind dann eingesprungen für den ersten Dirigenten. Und wenn ich das richtig gelesen habe, dann war der Probenbeginn genau am 24. Februar 2022. Also erneuter Einmarsch der Russen in die Ukraine. Und für sie war das damals, haben sie gesagt, sowas wie eine parallele Realität und sie haben gesagt, ich kämpfe auch mit meinem Taktstock. Wie war denn das damals? Also ich meine, in eine Produktion reinzuspringen ist schon kompliziert, aber in dieser angespannten Situation dann zu sagen, ich habe hier eine Oper zu dirigieren und genau dann bricht zu Hause ein Krieg aus. Ja, natürlich war das psychologisch sehr belastend. Gut, Turandot und Puccini-Musik ist grundsätzlich, was ich sehr liebe. Und das schafft irgendwie schon auch eine Ablenkung und Konzentration und hilft auch. Ich meine, I.W. Weiß-Produktion, das war interessant, weil er hat auch viele Symbole da reingebracht in diese Produktion. Auch sehr wichtig war, auch dass wir mit keinem Happy End die Oper beendeten, sondern genau mit Lius Mord. Also wir wollten, wir haben uns entschieden, nur original, also Puccini Partitur zu spielen und die Oper wurde beendet, wenn Liu auch stirbt und auch Liu als ähm. Als liebende Person, die unschuldig ist gegen die gewaltige Prinzessin, die Turandot, die kalte Turandot. Und das war auch schon irgendwie auch symbolisch in dem Moment. Ja, aber ich habe mich auf die Proben konzentriert. Das war damals auch noch Post-Covid-Zeit, wo zum Beispiel die Hörner und andere, ich glaube auch Trompetenhörner und alle Schlagzeuger, die waren in Logen platziert, weil man durfte noch nicht im Graben spielen. Das war auch mein erstes Debut an Opernhaus in Rom, was wiederum auch wichtig war. Also ich war schon auch auf die Aufführung konzentriert. Aber parallel lief zum Beispiel die Evakuierung von jungen Kindern, die wir organisiert haben, zum Beispiel in Zusammenarbeit mit dem Lubljana, mit dem slowenischen Jugendorchester. Also in Lubljana konnten wir ein Camp organisieren, ein Evakuierungscamp, das hier ist Music for the Future und wir haben einen Appell aufgerufen in Ukraine, dass die jungen Musiker, auch von unserem Jugendorchester, aber nicht nur, also überhaupt junge Musiker, die sich in lebensbedrohenden Situationen befinden, sie können sich bei uns anmelden und wir haben Busse organisiert, die sie vom Lemberg abgeholt haben. Über die Grenze und nach Ljubljana gebracht und in Ljubljana konnten wir Unterkunft organisieren. Und auch, sie konnten gleich auch mit, gleich in die Schule gehen, aber auch dann mit Musikunterricht weitermachen, mit Musikunterricht und Proben. Und ich erinnere mich noch ganz genau, als ich zwischen den Proben in Rom, da gab es irgendwie zwei Tage Pause oder so, Wochenende, ich bin nach Ljubljana geflogen, gerade kam der erste Bus aus Ukraine an, mit 50 Personen, das waren Kinder mit ihren Müttern und kleineren Geschwistern. Manchmal gab es Familien, zum Beispiel eine Mutter und dann irgendwie drei Kinder. Jede Kind spielt ein Instrument, eine Geige, ein Cello, dann nochmal eine Geige. Viele von denen haben nichts in der Hand gehabt, also nur die Kleidung, die sie anhatten und dann vielleicht so eine kleine Tüte mit einem etwas Persönlichen. Und das war einfach sehr berührend, weil die Kinder sollten gleich eine Liste schreiben, was sie alles brauchen, welche Kleidungsgröße, welche T-Shirt, welche Jacke, welche Pullover, das war noch kalt, das war Februar und dann viele Kinder kamen zu mir gleich mit der Frage, dass ich meine Geige mitgenommen habe, aber in der Eile, ich habe meine Noten zu Hause vergessen, Kann ich irgendwie Mozart-Sonaten ausdrücken? Können die? Und das war einfach berührend, ja, weil sie gerade aus dem Horror, wir haben sie gerade von diesen Explosionen und Bomben geholt und gleich fragen sie mich, dass sie brauchen ihre Noten, weil sie irgendwie, und das war wirklich zu sehen, wie alle diese Teenager-Kinder, acht Jahre, sechs Jahre alt, 13, 20, 18, wirklich an ganz unterschiedlichem Alter, wie sie sobald sich hingesetzt haben und irgendwie mit den Proben begonnen haben. Wie irgendwie sie sofort zur Ruhe kamen. Das war wie Psychotherapie für denen. Ich habe dann sogar noch ein Konzert mit denen im Sommer dirigiert. Wir haben Vorschlag 8. Sinfonie gespielt und einfach diese Freude, die sie an Musik hatten. Und für viele war das einfach neue Zukunft, weil von Dublana konnten sie sich dann später in die anderen Hochschulen bewerben, ein neues Studium beginnen. Viele konnten auch nicht mehr zurück, weil es kein Zurück mehr gab. Ihre Städte sind zerstört und ihre Zuhause sind zerstört. Gab es dann aber nicht auch für Sie Momente in dieser Probenarbeit in Rom, wo Sie im Graben standen, es war eine Orchesterprobe und dann fragen Sie sich womöglich doch, was mache ich hier eigentlich? Ich stehe hier und dirigiere eine Oper, zu Hause werden Städte zerstört, Menschen sterben und ich stehe hier in Rom, im Idyll und dirige Oper. Das fühlt sich vielleicht falsch an in dem Moment, vielleicht aber auch nicht, ich weiß es nicht. Nein, nein, nein. Also dadurch, dass ich schon bekannt war und einen Namen hatte und Kontakte hatte, ich habe alles Mögliche gemacht, was ich nur konnte. Also zum Beispiel, wir haben zusammen mit dem Bundesjugendorchester, mit denen wir Partner sind, auch einen Hilferuf publiziert, wo das Bundesjugendorchester für uns eine bedeutende Summe sammeln konnten. Und für dieses Geld konnten wir dann die nächste Probenphase und Unterkünfte und auch Hilfe, direkte Hilfe an die Familien, an die bedürftigen Familien verteilen. Und das war schon sehr wichtig. Ich habe auch schon gesehen, dass irgendwie auch mein Beruf auch. Das, was ich mache, wie Sie sagen, am Dirigentenpult, auch das ist wichtig, weil ich konnte schon selbst sehen, dass ich schon ganz konkrete Leben retten konnte. Also, dass diese Kinder sich nicht mehr dort befanden, sondern in der Sicherheit und schon beim Studium, das war mir schon auch wichtig. Also ich habe konkrete Leute, konkrete Familien, konkrete Schicksale gesehen, die dann andere Winkel nehmen konnten, dank dem, was ich für sie anbieten konnte. Also ich konnte wirklich diese Hilfe anstrecken und Gott sei Dank, ich hatte auch Unterstützung gehabt von vielen, vielen Organisationen, zum Beispiel damals auch GFL-Stiftung oder zum Beispiel Kronenberg Akademie, genauso Kronenberg Akademie, die einzige private Akademie in Deutschland. Sie haben uns sofort 50.000 überwiesen für das Jugendorchester der Ukraine. Wir konnten wie gesagt noch einmal, also davon schon vieles organisieren direkt und. Deswegen, ich habe schon gesehen, es ist schon wichtig, das weiterzumachen. Geschweige schon davon, dass im Jahr 2022 waren wir sofort mit meinem Jugendorchester der Ukraine zu zehn bedeutenden Festivals eingeladen. Darunter auch Bach-Festival in Leipzig, Luzern-Festival, Beton-Festival, Janko Euro-Klassik Berlin. Also wirklich ganz, ganz bedeutende Festivals, wo wir nicht nur Meisterwerke, also Weltliteratur präsentieren konnten, aber auch die Urauführungen von ukrainischen Komponisten, die sich gerade in Kiew unter Bomben befanden. Das war auch schon ein sehr, sehr berührende Moment, ein starker Moment für uns alle. Gab es denn seit Anfang 1922, seit diesem Ausbruch dieses Kriegs, gab es da sowas wie einen Kontakt auch zu Zelensky, der ja selber Künstler gelernt hat, gewissermaßen als Schauspieler, der ja aus der Kultur kommt, gab es da einen Kontakt mit Künstlerinnen und Künstlern wie Ihnen, um zu signalisieren, ihr seid wichtig für, das klingt jetzt so komisch, für die Moral der Bevölkerung, ihr seid dieses Covid-Wort, ihr seid systemrelevant. Ihr seid wirklich entscheidend in dem, was ihr macht, um dem Land zu zeigen, wir wollen durchhalten, wir müssen durchhalten, wir werden durchhalten. Wie ist diese Verbindung zwischen Kultur und Politik, wie hat die sich dargestellt danach? Nein, ich habe keinen Kontakt zur ukrainischen Politik, sagen wir so, diese ganzen Diskussionen, die wir schon vorher gemeint haben, sie haben natürlich große, also mein Name stand dann in Zwiespalt in der Ukraine und da sage ich so, die Politik bevorzugt sich eher zu distanzieren, habe ich so das Gefühl gehabt, weil, ja, weil sie können es, Ja, da sind sie nicht fähig, viel darüber zu diskutieren, weil in der Ukraine ist erstmal natürlich in dieser Situation, auch mit dieser Aggression, ist erstmal alles schwarz-weiß verurteilt. Deswegen ist eigentlich das Jugendorchester der Ukraine nach wie vor nur meine Initiative und meine Sache und meine Verantwortung. Ich mache das über das ganze Jahr mit einem ganz kleinen Team. Wir sind sehr viel auf die Partnerschaften, auf ausländische Unterstützung hingewiesen, auf Mäzenaten. Ich bin allen wirklich sehr, sehr dankbar für diese Partnerschaften, weil sonst würden wir gar nicht mehr existieren. Und im Jahr 2027 sind wir schon zehn Jahre alt und wir sind natürlich sehr, sehr, sehr stolz darauf. Aber mit ukrainischer Politik habe ich keinen Kontakt. Vielleicht ein bisschen mehr habe ich manchmal Kontakte mit ukrainischen Botschaftern in verschiedenen Ländern, aber auch da unterschiedlich, weil sie auch oft unterschiedlich aktiv sind. Und viele Botschafter, die sich schon im Ausland befinden, viele Diplomaten, verstehen schon, dass es nicht alles schwarz-weiß ist, so wie in der Ukraine oft präsentiert wird. Und sie verstehen auch schon meinen Input und meine Leistung und besuchen unsere Konzerte. Ja, aber direkte Kontakte mit Kiew eher nicht. Wie geht es denn Ihrer Familie in Lemberg? Ich glaube, Ihr Bruder ist da, ich glaube, was habe ich gelesen, Baggerführer oder irgendwas mit Maschinen jedenfalls und arbeitet da. Ihre Mutter hat für andere gekocht. Ich weiß nicht, ob das alles längst überholt ist, aber wie ist der Kontakt nach zu Hause und wie geht es denen? Ja, meine Eltern, meine Familie lebt nach wie vor in Brode und sie haben so einen zusätzlichen Platz eingerichtet, dass wir immer Flüchtlingsfamilien haben. Bei uns zu Hause, verschiedene Flüchtlingefamilien. Viele Schicksale, die sich überkreuzen und wir sind sehr, sehr glücklich, allen zu helfen, also Nachmöglichkeit zu helfen. Mein Bruder hat drei Kinder. Das kleinste Kind ist gerade eineinhalb Jahre alt, also erst letztes Jahr geboren. Natürlich immer wieder, wenn ich Meldungen höre, sind Drohnen und Luftattacken auf die Westukraine. Natürlich schreibe ich früh SMS, wie geht es euch und wie sieht es aus. Und natürlich hört man immer wieder Meldungen, dass es bei Freunden oder Bekannten etwas passiert. In meiner Familie Gott sei Dank nicht. Ja, aber es gibt keine Sicherheit natürlich, weil wenn das ganze Land im Kriegszustand ist, leider erst vor zwei Tagen, war Lemberg stark attackiert und leider zum Beispiel ist eine Rakete in ein Privathaus gekommen und vier Familienmitglieder auf einmal einfach tot sind, in Trümmern begraben. Also das ist natürlich schreckliche Tragödie und wie gesagt, gibt es keine Sicherheit leider. Wir können alle nur hoffen, dass es bald wie möglich der Frieden kommt. Ich nehme an, Sie sehen sich nach einer Zeit, wo es nicht egal ist, aber auch nicht wichtig ist, dass Sie Ukrainerin sind, sondern wo es dann nur noch Gespräche darüber gibt, wie dirigieren wir diese Partie in dem Stück und wo stellen wir den Sänger hin bei der Oper. Also eine Normalität, glauben Sie, Sie finden jemals wieder dahin zurück? Also auch eine gefühlte innere psychische Normalität, die sagt, alles okay, soweit im Rahmen, ich kann jetzt meine Arbeit machen. Ich habe nicht ständig diese große schwarze Wolke über mir hängen, die Krieg heißt und Russland und Drama und Schicksal und Tod. Ja, ich will darüber hoffen, dass diese Zeit baldmöglich kommt, aber ich glaube, das wird noch einige Jahre dauern, weil ich glaube, selbst wenn die Kämpfe schon beendet werden, die Wiederaufbauzeit wird auch nicht einfach sein. Also ich glaube, dass überhaupt diese Diskussionen über die Identität, über die Zukunft, auch vor allem über die Vergangenheit kommen. Zum Beispiel in der Ukraine gibt es sehr, sehr viele Diskussionen, welche Künstler dürfen wir als ukrainisch präsentieren, welche sollen zur russischen Kultur gehören, zum Beispiel ob es im Museum für Bolhakow in Kiew immer noch sich befinden darf oder soll man das schon schließen, weil er hat sich eigentlich als russischer Künstler verstanden. Oder zum Beispiel, ob der Gogol, wie sollen wir ihn identifizieren, obwohl er alles Berge auf Russisch publiziert hat. Oder zum Beispiel die sowjetischen Künstler auch, die in sowjetischer Ära gearbeitet haben. Wie weit waren sie pro-ukrainisch oder wie weit waren sie unter Einfluss. Also ich glaube, das sind so alles noch große Themen für die Diskussion, für die Geschichte. Ich sehe auch nicht, dass wir schon so weit sind, wo wir dann sagen. Ja, auch diese Epoche, diese Zeit, die gehört zu unserer Geschichte. Und wir können nicht alles mit solchen Maßstäben messen, wie wir gerade jetzt denken. Dass wir nicht die Personen, die Menschen, die in einer anderen Zeitepoche gelebt haben, wir können nicht mit gleichen Werten und Maßstäben beurteilen, wie wir gerade jetzt denken. Aber dafür braucht man noch sehr, sehr, sehr viel Verarbeitung und überhaupt Arbeit und Reflexion mit Trauma, mit Konflikten. Was ich finde, nicht richtig wäre, jetzt die Geschichte jetzt neu irgendwie versuchen, neu zu schreiben, weil wir etwas nicht sehen wollen und irgendwelche Seiten uns nicht gefallen und wir wollen sie lieber jetzt in andere Farben ausmalen und so. Also zum Beispiel, ich bin... Ich habe fünf Jahre auch in Odessa gearbeitet, als Dirigentin an der Nationaloper Odessa. Und Odessa im 19. Jahrhundert war der zweitwichtigste Stadt im russischen Kaiserreich und besonders natürlich auch Opernhaus Odessa. Es gab viele Künstler und es gibt auch viele Diskussionen, wie man mit der Geschichte der Stadt umgeht, welche Monumente soll man lassen, welche Monumente soll man abreißen. Aber ich glaube, dass es noch eine Zeit lang dauern wird, auch selbst später. Aber vor allem, was ich mir denke, wenn wir dann Richtung Europäische Union gehen und Demokratie gehen, es wird wirklich auch ein wichtiger Moment sein, irgendwie diese Komplexität, diese Geschichte, unsere Geschichte, dass Westukraine unter Österreich war, Ostukraine zum russischen Kaiserreich gehörte und wie die Verhältnisse dazwischen waren. Dass wir eben nicht dieselben Trafareten, dieselben Maßstäbe überall anwenden, sondern wir müssen Unterschiede spüren, reflektieren und das Ganze versuchen zu verarbeiten und daraus wird sich unsere Identität bilden. Das sind sehr komplexe, interessante und komplexe, oft auch dramatische Fragen. Die uns zu Bedenken geben, sage ich so. Sehen Sie sich, in welcher Welt, in welchem Paralleluniversum könnte sich vorstellen, in Russland ein Konzert zu dirigieren oder eine Oper? Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Ich habe bis jetzt auch nie in Russland dirigiert, und kann mir jetzt auch noch nicht, überhaupt nicht vorstellen, nein. Also meine Assoziationen, die ich jetzt mit jetzigem Russland habe, sind leider nur schlimm. Also... Ich habe überhaupt noch kein Bedürfnis, mich da mal zu nähern. Nein, also leider ist die Propaganda so weit gegangen, dass es erschüttert mich, wenn ich diese ganzen Briefe mit tausenden, tausenden Unterschriften von renommierten Künstlern, Orchestern, Dirigenten, Musikern sehe, die für Putin unterschreiben, die ihm seine ganze Begeisterung schildern, Patriotismus. Das ist wirklich erschütternd, wie weit diese Propaganda und Diktatur geht, dass die Menschen wirklich daran, wirklich heilig glauben, dass sie etwas Gutes machen. Dass sie mit diesem Krieg, mit dieser Vernichtung, dass sie wirklich etwas Gutes machen und dass sie noch sogar stolz drauf sind. Dann kommen wir mal zum Abschluss. Ich habe noch eine letzte Frage, nämlich was wäre denn womöglich das erste Stück, das Sie bei einem Konzert oder bei einer Opernaufführung nach einem gewonnenen Krieg in Kiew dirigieren würden und möchten? Gibt es da was auf Ihrer Wunschliste, wo Sie sagen, wenn es ein nationales Jubelkonzert gibt, der Krieg ist vorbei, es gibt ein großes Konzert in Kiew im Konzertsaal, ich weiß nicht, wie der da heißen mag oder im Opernhaus. Man ruft Sie an und sagt, Frau Linne, kommen Sie vorbei, Sie müssen dieses Konzert dirigieren. Beethoven 9, ich habe keine Ahnung, was käme Ihnen da in den Sinn? Also ganz sicher, das werden auch tolle Werke von ukrainischen Komponisten sein. Vielleicht auch, die werden erst entstehen, weil irgendwie in der Ukraine gibt es eine sehr, sehr große Welle jetzt, also die aktuelle Musik zu hören, womit sich Menschen identifizieren können. Ja, aber ganz bestimmt auch, konnte ich mir auch betonen, vorstellen, ja. Ja, ich weiß es nicht. Also leider ist, ich bin noch nicht so optimistisch, dass ich mir schon ein Konzertprogramm vorstelle. Also leider das, was wir noch im Alltag sehen, da sehen wir noch kein wirkliches schnelles Ende. und das macht erst mal traurig. Aber wie Sie sagen, man soll trotzdem die Hoffnung nicht aufgeben und wenn wir dann soweit sind, ich glaube, aus dem Gefühl heraus und aus der Freude heraus, dass wir sich schon schnell eine Idee bilden. Gut, dann wünsche ich Ihnen von mehr als ganzem Herzen, dass dieser Termin jetzt möglichst bald kommt und dass ganz schnell irgendjemand aus Kiew bei Ihnen anruft und sagt, wir haben hier dieses Konzert zur Befreiung und wenn Sie das nicht dirigieren, dann ist alles zu spät und kommen Sie vorbei, dass das ganz schnell passiert. Aber bevor das hoffentlich bald passiert, wollte ich nochmal darauf hinweisen, es gibt diese Kinotermine in Hamburg. Am 11. Oktober kommt der Film über die Touren dort in die Kinos hier in Hamburg im Abaton und im Zeise, glaube ich, auch. Es gibt, soweit ich weiß, noch kein Konzert mit Ihnen in Hamburg in absehbarer Zeit, es sei denn, Sie wissen eins, wovon ich noch nichts weiß. Aber noch nicht. Dann wird es Zeit. Und dann sehen wir uns womöglich hier. Aber erstmal tausend Dank für dieses Gespräch. Und wie gesagt, alles Gute. Und dass das übermorgen spätestens soweit ist mit diesem Termin und dass für Ihre Familie und für Sie alles gut läuft und dass alle Wünsche wahr werden, die Sie haben. Vielen Dank. Bitte sehen.