Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 4. Theil - 19 - Das Nachtwandler-Lied 3-7
Transcript
- 0:00Also sprach Zarathustra ein Buch für alle und keinen vierter Teil
- 0:05Unterkapitel 19 das nachtwandlerlied Abschnitt 3
- 0:13Zarathustra wendet sich an die sogenannten höheren Menschen.
- 0:17Mit diesem Begriff meint der Philosoph Friedrich Nietzsche
- 0:20Personen, die klüger und nachdenklicher sind als die
- 0:23breite, oberflächliche Masse der Gesellschaft.
- 0:26Diese höheren Menschen leiden an der Sinnlosigkeit der Welt.
- 0:29Aber sie haben noch nicht die volle Kraft erreicht, um völlig
- 0:33neue Werte zu erschaffen. Sie sind nur eine Vorstufe zum
- 0:36Übermenschen, also zu jenem idealen, starken Menschen der
- 0:40Zukunft, der das Leben voll und ganz bejaht.
- 0:43Zarathustra macht diese Männer darauf aufmerksam, dass es auf
- 0:46Mitternacht zugeht, die Mitternacht steht bei Nietzsche
- 0:49als ein starkes Symbol für die tiefe Wahrheit, die Ewigkeit und
- 0:53den großen Moment der klaren Erkenntnis, ganz im Gegensatz
- 0:56zum hellen, aber sehr oberflächlichen Tag.
- 0:59Zarathustra möchte den höheren Menschen etwas ins Ohr flüstern,
- 1:03genauso wie die alte Mitternachtsglocke es ihm selbst
- 1:05ins Ohr flüstert. Diese Glocke spricht auf eine
- 1:09sehr heimliche, unheimliche und zugleich herzliche Weise, sie
- 1:13hat viel mehr erlebt als ein einzelner Mensch jemals erleben
- 1:16könnte, sie hat all das Leid und jeden schmerzhaften Herzschlag
- 1:20der Vorfahren gezählt, in der tiefen Nacht, wenn die kühle
- 1:24Luft die Umgebung beruhigt. Und der laute Lärm des Alltags
- 1:27und der unruhigen Herzen endlich leise geworden ist.
- 1:30Kann man diese besondere Stimme hören.
- 1:33Die Mitternacht schleicht sich in die Seelen der Menschen, die
- 1:35vor lauter Nachdenken nicht schlafen können, die Mitternacht
- 1:39seufzt und lacht in ihren Träumen, was bedeutet, dass im
- 1:42tiefsten Kern des Lebens das größte Leid und die allergrößte
- 1:46Freude ganz dicht beieinander liegen.
- 1:48Zarathustra fordert die Menschen eindringlich auf, gut zuzuhören,
- 1:52was diese tiefe Mitternacht ihnen zu sagen hat.
- 1:55Indem er ausruft, dass der Mensch 8 geben soll.
- 1:59Abschnitt 4 Zarathustra ruft aus und fragt sich, wohin die Zeit
- 2:05verschwunden ist. Er hat das Gefühl, in einen
- 2:08tiefen Brunnen gesunken zu sein. Dies ist ein Bild dafür, dass er
- 2:12sich in tiefen Gedanken und in einem Gefühl der Zeitlosigkeit
- 2:15und Ewigkeit verloren hat, die Welt um ihn herum schläft, ein
- 2:19Hund heult und der Mond scheint, was eine sehr unheimliche, fast
- 2:22magische Stimmung erzeugt. Zarathustra ist von seinen
- 2:26eigenen tiefen Erkenntnissen so überwältigt, dass er sagt, er
- 2:30wolle lieber sterben, als den anderen mitzuteilen, was sein
- 2:33Herz in dieser Mitternacht denkt.
- 2:36Er fühlt sich, als wäre er schon gestorben und vergangen, er
- 2:39spricht eine Spinne an und fragt, ob sie sein Blut will,
- 2:43die Spinne ist hier ein Symbol für das unaufhaltsame Vergehen
- 2:45der Zeit oder auch für Nietzsches wichtigstes Konzept
- 2:49der ewigen Wiederkehr desgleichen.
- 2:51Diese Idee besagt, dass das Leben sich in genau der gleichen
- 2:54Weise unendlich oft wiederholt. Das ist ein furchtbarer und
- 2:58schwerer Gedanke, der den Menschen einspinnt wie ein
- 3:01Spinnennetz und ihm seine Lebenskraft, also sein Blut,
- 3:05aussaugen will, während der Tau auf die Erde fällt, rückt eine
- 3:08kalte Stunde näher, die Zarathustra frieren lässt.
- 3:12Diese Stunde stellt eine enorm wichtige Frage an die
- 3:15Menschheit, wer hat genug Herz und Mut, wer soll der Herr der
- 3:20Erde sein? Wer hat die Stärke, um zu
- 3:22bestimmen, in welche Richtung die großen und kleinen Ströme,
- 3:26also das Schicksal der Welt und der Menschheit, fließen sollen?
- 3:31Das ist wieder der Aufruf nach dem Übermenschen, der stark
- 3:35genug ist, der Welt ohne einen Gott aus eigener Kraft einen
- 3:38Sinn zu geben. Zarathustra warnt den höheren
- 3:41Menschen erneut genau aufzupassen, diese Botschaft ist
- 3:45nur für feine Ohren bestimmt. Also für Menschen, die geistig
- 3:49bereit sind, diese Wahrheit zu ertragen.
- 3:51Er fragt erneut, was die tiefe Mitternacht spricht, Abschnitt 5
- 3:59Zarathustra spürt, wie er von seinen Gefühlen davongetragen
- 4:02wird und seine Seele beginnt zu tanzen, das Tanzen ist bei
- 4:06Nietzsche immer ein Symbol für absolute Freiheit, Leichtigkeit
- 4:09und die frohe Bejahung des Lebens, er wiederholt die
- 4:13drängende Frage, wer die Herrschaft über die Erde
- 4:15übernehmen soll. Der Mond ist kühl, der Wind ist
- 4:18still geworden, er wendet sich wieder an die höheren Menschen
- 4:22und fragt sie, ob sie schon hoch genug geflogen sind.
- 4:25Sie haben zwar getanzt, aber er erinnert sie daran, dass ein
- 4:29Bein noch lange kein Flügel ist. Das bedeutet, dass ihre
- 4:32bisherigen Versuche, sich von den alten Werten zu befreien,
- 4:35zwar gut waren, aber noch lange nicht ausreichen.
- 4:39Sie sind den Weg noch nicht bis zum Ende gegangen und sind eben
- 4:42noch keine Übermenschen. Nun, so sagt Zarathustra, ist
- 4:45ihre Freude vorbei. Der Wein ist schlecht geworden,
- 4:48die Trinkbecher sind zerbrechlich geworden und sogar
- 4:51die Gräber beginnen zu stottern und zu sprechen, weil die
- 4:55höheren Menschen nicht hoch genug geflogen sind, fordern die
- 4:57Toten in den Gräbern nun Erlösung, sie fragen, warum die
- 5:01Nacht so lang ist und ob der Mond sie nicht betrunken macht,
- 5:05die Vergangenheit und die Last der Verstorbenen wiegen schwer
- 5:08auf der Gegenwart. Zarathustra fordert die höheren
- 5:12Menschen auf, die Gräber zu erlösen und die Leichen
- 5:14aufzuwecken. Das beschreibt Nietzsches
- 5:17Gedanken, dass man die Vergangenheit nur dann erlösen
- 5:20kann, wenn man sie voll und ganz akzeptiert und als eigenen
- 5:23Willen annimmt, anstatt sie zu bereuen.
- 5:27Die entscheidende Stunde rückt immer näher, die Glocke brummt,
- 5:31das Herz zittert und der Holzwurm gräbt weiter, dieser
- 5:35Holzwurm steht für das nagende Gefühl von Schuld oder für die
- 5:38Zerstörende, vergehende Zeit. Mitten in dieser unheimlichen
- 5:42Szene wird die große Wahrheit ausgesprochen.
- 5:45Die Welt ist tief, sie hat eine Tiefe von Leid und Geheimnissen,
- 5:49die weit über das hinausgeht, was man im normalen Alltag
- 5:52sieht. Abschnitt 6 Zarathustra spricht
- 5:58nun sanfter und besingt die süße Leia, eine Leia ist ein altes
- 6:02Zupfinstrument, aber hier ist damit der langgezogene Klang der
- 6:06alten Mitternachtsglocke gemeint.
- 6:08Zarathustra liebt diesen Ton, den er mit dem betrunkenen Ruf
- 6:11einer Unke, also einer Froschart, vergleicht.
- 6:15Dieser Ton scheint aus weiter Ferne zu kommen, aus den
- 6:18verborgenen Teichen der Liebe. Zarathustra erklärt, dass diese
- 6:22alte Glocke oder Leia jeden erdenklichen Schmerz in sich
- 6:25aufgenommen hat, der Schmerz der Väter und der Vorväter hat ihr
- 6:29tief ins Herz geschnitten, genau durch dieses viele leid ist die
- 6:33Stimme der Glocke reif geworden. Diese Reife vergleicht
- 6:36Zarathustra mit einem goldenen Herbst und einem späten
- 6:39Nachmittag. Das sind wunderschöne Bilder für
- 6:42die Vollendung und den ruhigen Abschluss des Lebens.
- 6:45Auch Zarathustras eigenes Herz, das Herz eines Einsiedlers, ist
- 6:49auf diese Weise vollkommen und reif geworden.
- 6:52Die Welt selbst hat ihre höchste Reife erreicht, so wie eine
- 6:55Weintraube, die dunkel wird und vor lauter Fülle und Glück
- 6:59sterben möchte. Dieser Gedanke ist bei Nietzsche
- 7:02zentral. Die vollkommene Freude und das
- 7:05vollkommene Glück sind so intensiv, dass sie den Wunsch
- 7:07nach Vergänglichkeit und Tod beinhalten, weil alles
- 7:10vollkommene sich verschenken und verströmen will.
- 7:13Zarathustra fragt die höheren Menschen, ob sie diesen
- 7:16besonderen Geruch nicht riechen können, es ist ein heimlicher
- 7:20Duft der Ewigkeit, ein goldener, nach Wein und Rosen duftender
- 7:24Geruch eines alten, tiefen Glücks, es ist das betrunkene
- 7:29Glück, der Mitternacht, das bereit ist zu sterben.
- 7:32Und dieses Glück singt die Botschaft.
- 7:34Die Welt ist tief und sie ist viel tiefer als der
- 7:37oberflächliche Tag es sich jemals gedacht hat.
- 7:40Der Tag mit seinem hellen Licht steht für die einfache,
- 7:43berechnende Vernunft, die diese tiefen, schmerzhaften, aber auch
- 7:47wunderschönen Wahrheiten der Nacht nicht begreifen kann,
- 7:52Abschnitt 7. In diesem Abschnitt spricht
- 7:56Zarathustra direkt zu dem heraufziehenden neuen Tag.
- 7:59Er befiehlt dem Tag, ihn loszulassen und ihn nicht zu
- 8:03berühren, da er sich selbst für zu rein für den Tag hält.
- 8:06In der Tiefen Nacht hat Zarathustra eine unglaubliche
- 8:09Perfektion und Vollkommenheit seiner Welt erlebt, er empfindet
- 8:13seine eigene Haut als zu rein, als dass der plumpe, Dumme und
- 8:16dumpfe Tag sie berühren dürfte. Der Tag ist hier ein Symbol für
- 8:21den lauten, banalen und oberflächlichen Alltag der
- 8:24normalen Menschen, der keinen Sinn für das tiefe Geheimnis des
- 8:28Lebens hat. Zarathustra stellt die Frage, ob
- 8:31die Mitternacht nicht eigentlich viel heller sei als der Tag.
- 8:34Damit meint er nicht das physikalische Licht der Sonne,
- 8:38sondern das geistige Licht der tiefen Erkenntnis in der
- 8:41tiefsten Nacht erkennt man die wahren Tiefen des Lebens viel
- 8:45besser als am helllichten Tag, deshalb fordert Zarathustra,
- 8:49dass die reinsten Menschen die Herrscher über die Erde sein
- 8:51sollen, das sind die unbekannten stärksten Menschen, die
- 8:55sogenannten Mitternachtseelen. Ihre Seelen sind heller und
- 8:59tiefer als jeder gewöhnliche Tag, weil sie das Leid, die
- 9:02Ewigkeit und das Schicksal in vollem Umfang verstanden haben
- 9:06und mutig bejahen. Zarathustra weist den
- 9:09heranbrechenden Tag verächtlich zurück, der ungeschickt nach ihm
- 9:13und nach seinem großen Glück tastet, für die oberflächliche
- 9:17Welt des Tages mag Zarathustra wirken wie ein reicher Mann, wie
- 9:20eine Schatzgrube oder eine Kammer voller Gold, weil er so
- 9:23voller tiefer Weisheiten ist. Dennoch will er sich nicht von
- 9:27der Oberflächlichkeit des Tages vereinnahmen lassen und
- 9:30verteidigt seine reine, tiefe Einsamkeit.