Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Achtes Hauptstück - 472
Transcript
- 0:00Unterkapitel 472 Religion und Regierung Friedrich Nietzsche
- 0:07beschäftigt sich in diesem sehr umfangreichen Abschnitt mit der
- 0:10engen Verbindung zwischen dem Staat und der Religion.
- 0:13Er beschreibt, wie sich diese Beziehung verändert, wenn ein
- 0:16Staat demokratisch wird und wagt einen Blick in eine ferne
- 0:19Zukunft ohne staatliche Ordnung. Zuerst beschreibt Nietzsche die
- 0:23traditionelle Rolle der Regierung, solange sich der
- 0:26Staat als ein Vormund versteht. Der für eine unmündige Menge von
- 0:29Menschen sorgt, wird er immer die Religion unterstützen und
- 0:33erhalten wollen. Ein Vormund ist jemand, der für
- 0:35eine andere Person Entscheidungen trifft, weil
- 0:38diese es noch nicht selbst kann. Die Regierung sieht das Volk
- 0:41also gewissermaßen als Kinder an, warum entscheidet sich der
- 0:45Staat für die Religion, weil die Religion Bedürfnisse der
- 0:48Menschen befriedigt, die der Staat selbst nicht erfüllen
- 0:51kann. Der Staat kann den Menschen
- 0:54nicht direkt helfen, wenn sie seelisch leiden.
- 0:56Wenn Sie Verluste erleiden, Angst haben oder misstrauisch
- 1:00sind. Die Religion aber kann das, sie
- 1:03beruhigt das Gemüt selbst bei großen Katastrophen, die alle
- 1:07betreffen, wie Hungersnöte, Geldkrisen oder Kriege, sorgt
- 1:10die Religion dafür, dass die Menschen ruhig und abwartend
- 1:13bleiben. Sie vertrauen darauf, dass alles
- 1:15einen höheren Sinn hat, ohne die Religion würden die Menschen bei
- 1:19Fehlern der Regierung oder bei gefährlichen Plänen der
- 1:22Herrscher schnell wütend und widerspenstig werden.
- 1:25Die Religion aber lässt die Menschen glauben, dass auch
- 1:27schlechte Ereignisse ein Fingerzeig Gottes sind.
- 1:31Sie nehmen Anordnungen von oben geduldig hin, weil sie glauben,
- 1:34dass Gott und die Regierung irgendwie zusammenhängen.
- 1:38Das sorgt für inneren Frieden im Land und dafür, dass sich die
- 1:41Dinge ohne große Störungen weiterentwickeln können.
- 1:44Nietzsche erklärt, dass die Macht des Staates in der Einheit
- 1:47der Gefühle des Volkes liegt, wenn alle ähnliche Meinungen und
- 1:50Ziele haben, ist der Staat stark.
- 1:53Die Religion beschützt und besiegelt diese Einheit nur in
- 1:57seltenen Fällen, wenn die Priester und die Staatsgewalt
- 1:59sich streiten, wird diese Einheit gestört, normalerweise
- 2:03aber gewinnt der Staat die Priester für sich, er braucht
- 2:06sie, um die Seelen der Menschen im Verborgenen zu erziehen, der
- 2:09Staat schätzt die Priester als Diener, die nach außen hin so
- 2:12tun, als würden sie ganz andere, nämlich göttliche Interessen
- 2:15vertreten, Nietzsche sagt sogar, ohne die Hilfe der Priester kann
- 2:20auch heute noch keine Macht wirklich rechtmäßig.
- 2:23Oder legitim werden. Er verweist auf Napoleon
- 2:26Bonaparte, den französischen Kaiser, der dies begriffen
- 2:29hatte, eine Regierung, die wie ein absoluter Vormund über das
- 2:33Volk herrscht und die sorgfältige Erhaltung der
- 2:35Religion gehören also notwendigerweise zusammen.
- 2:39Dann stellt Nietzsche die Frage, was passiert, wenn sich die
- 2:42Auffassung von Regierung ändert, was geschieht, wenn sich die
- 2:46demokratische Idee durchsetzt. In einer Demokratie wird die
- 2:49Regierung nicht mehr als etwas angesehen, das oben steht.
- 2:53Und von Gott eingesetzt ist. Es gibt kein oben und kein unten
- 2:57mehr. Die Regierung wird nur noch als
- 3:00ein Werkzeug des Volkes gesehen, sie führt nur den Willen des
- 3:03Volkes aus. In diesem Fall kann die
- 3:06Regierung dem Volk gegenüber keine religiösen Vorschriften
- 3:09mehr machen, das Volk ist in religiösen Dingen viel zu
- 3:12unterschiedlich, deshalb bleibt der demokratischen Regierung nur
- 3:16ein Ausweg, sie muss die Religion zur Privatsache
- 3:19erklären. Das bedeutet, jeder Einzelne
- 3:22darf glauben, was er will und muss dies mit seinem eigenen
- 3:25Gewissen ausmachen. Die Regierung zieht sich aus der
- 3:28Religion zurück, das hat laut Nietzsche verschiedene Folgen.
- 3:32Erstens wird das religiöse Empfinden zunächst stärker
- 3:35erscheinen, da der Staat die Religion nicht mehr kontrolliert
- 3:38oder unterdrückt, brechen diese Gefühle hervor, sie können sogar
- 3:42extrem werden. Später zeigt sich, dass die
- 3:45Religion in viele kleine Gruppen und Sekten zerfällt.
- 3:48Es entstehen Konflikte und Feindseligkeiten, als hätte man
- 3:51drachenzähne gesät. Ein Bild aus der griechischen
- 3:54Mythologie, das für das Entstehen von Streit steht.
- 3:57Zweitens führt der Anblick dieses religiösen Streits dazu,
- 4:00dass die besseren und begabteren Menschen die Religion aufgeben,
- 4:04sie machen nun die Irreligiosität, also das
- 4:07Nichtglauben, zu ihrer Privatsache, da die Regierung in
- 4:11einer Demokratie immer den Geist der regierenden Personen
- 4:14widerspiegelt. Gewinnt diese irreligiöse
- 4:17Haltung auch in der Regierung die Oberhand?
- 4:20Die Maßnahmen der Regierung werden fast gegen ihren Willen
- 4:22Kirchenfeindlich drittens ändert sich dadurch die Stimmung der
- 4:26Menschen, die noch religiös sind, früher haben sie den Staat
- 4:30fast wie etwas Heiliges verehrt, jetzt, wo der Staat sich von der
- 4:34Religion trennt und vielleicht sogar gegen sie handelt, werden
- 4:38diese Menschen zu Feinden des Staates, sie Belauern die
- 4:41Regierung, versuchen ihre Pläne zu kreuzen, zu hemmen.
- 4:45Und Unruhe zu stiften. Sie treiben die gegnerische
- 4:48Partei, die Irreligiösen, durch ihren Widerstand dazu, den Staat
- 4:52geradezu fanatisch zu unterstützen, nach langen
- 4:55Kämpfen und Übergangszeiten entscheidet sich dann das
- 4:58Schicksal des Staates, entweder sind die religiösen Parteien
- 5:01noch stark genug, dann könnten sie versuchen, den alten Zustand
- 5:05wiederherzustellen und das Rad der Geschichte zurückzudrehen,
- 5:09in diesem Fall würde unvermeidlich ein aufgeklärter
- 5:11Despotismus. Also eine strenge
- 5:13Alleinherrschaft, die Macht übernehmen oder aber, und das
- 5:16hält Nietzsche für wahrscheinlicher, die
- 5:18religionslosen Parteien setzen sich durch, dann wird die
- 5:22Feindschaft gegen den Staat über einige Generationen hinweg
- 5:24weitergegeben, zum Beispiel durch die Schule und die
- 5:27Erziehung, das untergräbt den Staat immer weiter.
- 5:31Nietzsche erklärt, dass mit dem Ende der religiösen Verehrung
- 5:34auch das ehrfürchtige Verhältnis zum Staat erschüttert wird, wenn
- 5:37der Staat kein Geheimnis mehr ist, keine überweltliche
- 5:40Einrichtung. Sondern nur noch ein Werkzeug
- 5:43für menschliche Zwecke. Verliert er seinen Glanz.
- 5:46Die Menschen sehen den Staat dann nur noch unter dem
- 5:48Gesichtspunkt des Nutzens, wo nützt er mir, wo schadet er mir,
- 5:54sie drängen sich mit allen Mitteln heran, um Einfluss auf
- 5:57den Staat zu nehmen, dadurch wird der Wettbewerb um die Macht
- 6:00zu groß, Parteien wechseln zu schnell und sie stürzen sich
- 6:04gegenseitig wild vom Berg herab, kaum dass sie oben angekommen
- 6:07sind. Gesetze haben keinen Bestand
- 6:10mehr, weil niemand mehr glaubt, dass sie lange dauern.
- 6:13Man scheut sich vor langfristigen Unternehmungen,
- 6:16die Jahrzehnte oder Jahrhunderte brauchen, um zu reifen, niemand
- 6:20fühlt sich mehr verpflichtet, ein Gesetz zu befolgen, nur weil
- 6:23es ein Gesetz ist. Man beugt sich nur der Macht,
- 6:26die das Gesetz gerade durchgesetzt hat, und beginnt
- 6:29sofort, diese Macht zu untergraben, um eine neue
- 6:32Mehrheit zu bilden. Zum Schluss sagt Nietzsche
- 6:35voraus, dass dieses Misstrauen gegen alles regieren dazu führen
- 6:38wird, dass die Menschen einen ganz neuen Entschluss fassen.
- 6:41Sie werden den Begriff des Staates abschaffen.
- 6:44Der Gegensatz zwischen privat und öffentlich wird aufgehoben.
- 6:48Nietzsche beschreibt eine Zukunft, in der private
- 6:50Gesellschaften und Unternehmen Schritt für Schritt die Aufgaben
- 6:54des Staates übernehmen, selbst der Rest an Aufgaben, der vom
- 6:58Alten Regieren übrig bleibt, zum Beispiel den Schutz der Bürger
- 7:01voreinander zu sichern. Wird am Ende von privaten
- 7:03Unternehmern erledigt werden. Dies ist für Nietzsche die
- 7:07logische Folge des demokratischen Staatsbegriffs
- 7:10die Missachtung, der Verfall und schließlich der Tod des Staates,
- 7:14die Privatperson, das Individuum, wird entfesselt.
- 7:18Nietzsche gibt zu, dass diese Aussicht beängstigend sein kann,
- 7:22aber er tröstet den Leser, er sagt, dass die Klugheit und der
- 7:25Eigennutz der Menschen sehr gut ausgebildet sind, wenn der Staat
- 7:29nicht mehr den Anforderungen entspricht.
- 7:31Wird nicht das Chaos ausbrechen? Stattdessen werden die Menschen
- 7:35eine noch zweckmäßigere Erfindung machen, die den Staat
- 7:38ersetzt und besiegt. Die Menschheit hat schon viele
- 7:41organisierende Mächte sterben sehen, zum Beispiel die großen
- 7:45Familienverbände der Vergangenheit, die einst viel
- 7:47mächtiger waren als der Staat heute, so werden spätere
- 7:51Generationen vielleicht erleben, dass der Staat in manchen Teilen
- 7:54der Erde bedeutungslos wird an der Verbreitung dieser
- 7:57Vorstellung zu arbeiten, ist jedoch eine andere Sache.
- 8:01Nietzsche warnt davor, voreilig Hand an den Pflug zu legen, also
- 8:05den Staat jetzt schon zerstören zu wollen.
- 8:08Denn noch kann niemand genau zeigen, welche Samenkörner auf
- 8:11die aufgerissene Erde gestreut werden sollen, um die Zukunft zu
- 8:14sichern. Deshalb sollten wir auf die
- 8:17Klugheit der Menschen vertrauen, dass der Staat noch eine gute
- 8:19Weile bestehen bleibt und dass zerstörerische Versuche von
- 8:22übereifrigen Halbwissenden abgewiesen werden.