Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 36
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- 0:02Kapitel 36 die zweite Haut, die Angst um den Status wich nicht
- 0:07mit einem Schlag. Sie wich wie das Wasser aus
- 0:09einem Keller, weicht langsam unmerklich, sodass man erst spät
- 0:13bemerkt, dass der Boden wieder trägt.
- 0:16Olena hatte den ganzen Sommer in dieser Angst gelebt, in der
- 0:18Schwebe, die der Krieg hinterlassen hatte, als er
- 0:21aufhörte zu sein, was er gewesen war, und etwas anderes wurde,
- 0:24etwas Formloses, ein Zerfall ohne Namen.
- 0:28In jenen Wochen hatte über allem die Frage gehangen, ob der
- 0:31Schutz, der sie hier hielt, dünn wie er war, weitertragen würde,
- 0:35oder ob man ihn ihr entziehen würde.
- 0:37Jetzt, da das Land, aus dem sie gekommen war, offiziell nicht
- 0:41mehr im Krieg lag, sondern nur noch im Chaos.
- 0:44Und ob Chaos ein Grund war zu bleiben oder ein Vorwand, sie
- 0:47zurückzuschicken in eine Koordinate, die keinen Ort mehr
- 0:50bezeichnete. Die Angst hatte einen Geschmack
- 0:52gehabt in jenen Wochen. Einen metallischen, den
- 0:56Geschmack der Ungewissheit, der sich auf alles legte, auf das
- 0:59Essen, auf den Schlaf, auf die Stunden mit Daniolo, die sie
- 1:02nicht genießen konnte, weil unter jeder Stunde die Frage
- 1:05lag, ob es eine der letzten war. Sie hatte gelernt, mit dieser
- 1:08Angst zu funktionieren, wie sie gelernt hatte, mit allem zu
- 1:12funktionieren, mit dem Verlust, mit dem Warten, mit dem
- 1:15Nichtwissen über Taras, das jetzt kein Nichtwissen mehr war,
- 1:18sondern eine Gewissheit, die sie noch immer nicht ganz hatte
- 1:21ausräumen können, in sich ein Schutt, den wegzuräumen Jahre
- 1:24brauchen würde es war die Bodenlosigkeit gewesen, die sie
- 1:28zermürbte, mehr als die Drohung selbst.
- 1:30Eine Drohung, die man kennt, hat einen Boden, man weiß, was kommt
- 1:34und kann sich darauf stellen. Aber das Schweben des Sommers
- 1:37hatte keinen Boden gehabt, keine Gewissheit, in keine Richtung,
- 1:41nur die endlose Möglichkeit, dass morgen ein Brief kam, ein
- 1:44Bescheid, eine Frist und dass das dünne Eis, auf dem sie seit
- 1:47Jahren stand, dann doch noch brach.
- 1:50Sie hatte über diesem Nichtwissen gelebt wie über
- 1:53offenem Wasser, und das schlimmste am offenen Wasser ist
- 1:56nicht die Kälte, sondern dass man nie aufhören darf, sich zu
- 1:59halten. Und dann, im Herbst begann sich
- 2:02etwas zu verschieben, langsam in den Nachrichten, zuerst dann in
- 2:06den Gesprächen, dann in den Minen der Sachbearbeiter in den
- 2:09Ämtern, die sie aufsuchen musste.
- 2:11Die große Wende, von der Theo gesprochen hatte, an seinem
- 2:14Küchentisch, in jenen Stunden, in denen er Danilo Geschichte
- 2:18beigebracht und ihr nebenbei die Welt erklärt hatte.
- 2:21Die Wende, dass der Schock aus dem Westen Europas zwang,
- 2:23erwachsen zu werden, für sich selbst zu sorgen, eigene Wege zu
- 2:26finden, diese Wende hatte einen Nebeneffekt, den niemand geplant
- 2:30hatte und der Olena rettete Europa, das plötzlich auf sich
- 2:34selbst angewiesen war, konnte es sich nicht mehr leisten,
- 2:36Menschen Wegzustoßen, die schon da waren, die arbeiteten, die
- 2:40gebraucht wurden. Die Hetze gegen die
- 2:42Geflüchteten, die im Sommer so laut gewesen war, so bedrohlich,
- 2:46verlor ihre Stimme, als die Stimmen, die sie geführt hatten,
- 2:49selbst leiser wurden als der Skandal die Hardliner
- 2:52diskreditierte, als die Regierung wankte, die das
- 2:55Wegstoßen zur Politik gemacht hatte.
- 2:58Es war keine Großzügigkeit, die Olinna rettete, das Verstand sie
- 3:02genau mit dem nüchternen Blick einer Frau, die gelernt hatte,
- 3:05sich nichts vorzumachen, es war Notwendigkeit.
- 3:09Europa brauchte sie, brauchte Hände wie ihre Köpfe, wie ihren
- 3:13Menschen, die etwas konnten und etwas taten.
- 3:15Und in einer Welt, die enger geworden war, in der man sich
- 3:18nicht mehr auf den großen Bruder über dem Ozean verlassen konnte,
- 3:21war eine ukrainische Bauingenieurin, die Deutsch
- 3:24sprach und in einem Präzisionsbetrieb arbeitete,
- 3:27kein Problem mehr, das man loswerden wollte, sondern ein
- 3:30Wert, den man hielt. Der Status festigte sich, ohne
- 3:34dass ein einzelner Bescheid ihn festigte, einfach dadurch, dass
- 3:37die Welt, die ihn hatte bedrohen wollen, andere Sorgen bekam und
- 3:40neue Rechnungen aufmachte, in denen Olena nicht mehr auf der
- 3:43Seite der Kosten stand, sondern auf der des Nutzens.
- 3:46Sie sah es, wie sie immer alles sah, als Statik in der alten
- 3:50Ordnung war sie eine Last gewesen, die das Gefüge trug,
- 3:53ohne dass das Gefüge sie tragen wollte, etwas, das man wegnehmen
- 3:57würde, sobald es ging, weil es die Konstruktion belastete, ohne
- 4:00zu ihr beizutragen. In der neuen Ordnung hatte sich
- 4:04die Lastverteilung verschoben, die großen Stützen, auf die sich
- 4:07der Kontinent ein Menschenleben lang verlassen hatte, waren
- 4:09weggebrochen, und plötzlich zählte jedes kleine Element, das
- 4:13noch trug. Jeder, der etwas hielt, sie war
- 4:16von der Last zum Lastpfad geworden, von dem, was das
- 4:18Gefüge zu sprengen drohte, zu dem, was es zusammenhielt, es
- 4:22war keine Anerkennung, es war Physik.
- 4:25Aber Physik, das hatte Olena ihr Leben lang gewusst, war
- 4:28ehrlicher als Wohlwollen, weil Physik nicht log und ihre
- 4:31Meinung nicht änderte. Was trug, trug, ob man es mochte
- 4:34oder nicht, sie nahm es, wie sie alles nahm, ohne Jubel, mit
- 4:38einer Vorsicht, die ihr zur zweiten Natur geworden war, sie
- 4:41traute dem Frieden nicht, nicht dem äußeren und nicht dem
- 4:44Inneren, weil sie zu oft erlebt hatte, dass der Boden, der
- 4:47trägt, im nächsten Moment nachgeben kann.
- 4:49Aber sie spürte, wie der metallische Geschmack langsam
- 4:52aus ihren Tagen wich, wie die Stunden wieder Stunden wurden
- 4:55und nicht mehr Zählungen einer schwindenden Frist, wie sie
- 4:58danlo wieder ansehen konnte, ohne dass die Angst dazwischen
- 5:01stand. Und das in ihrem Leben, das so
- 5:04wenig hatte, war viel mit Danielo geschah in diesen Wochen
- 5:08etwas, das Olena nicht erwartet hatte, und dass sie zuerst nicht
- 5:11zu deuten wusste, weil es so leise geschah, so unter der
- 5:15Oberfläche, dass sie es erst an kleinen Zeichen ablas.
- 5:18Der Junge, der monatelang kein Ukrainisch hatte sprechen
- 5:21wollen, der draußen den Kopf eingezogen hatte, wenn sie ihn
- 5:25in der Muttersprache ansprach, der seinen Namen am liebsten
- 5:28abgelegt hätte wie einen Mantel, der ihn verriet.
- 5:31Dieser Junge kam eines Abends nach Hause und sagte etwas zu
- 5:34ihr auf Ukrainisch, beiläufig. Eine Frage nach dem Essen und
- 5:38merkte selbst nicht, dass er es getan hatte.
- 5:41Olina merkte es, sie sagte Nichts, hütete sich, etwas zu
- 5:44sagen, weil sie wusste, dass jeder Hinweis ihn
- 5:47zurückgetrieben hätte, in den trotz.
- 5:49Aber sie hörte es, das eine Wort in der Sprache, die zwischen
- 5:52ihnen gestanden hatte wie eine Wand, und sie verstand, dass die
- 5:55Wand dünner wurde. Es war der Klang, der sie traf,
- 5:58mehr als das Wort, die Muttersprache hatte einen Klang,
- 6:02den das Deutsche nicht hatte, eine Wärme in den Vokalen, eine
- 6:06Weichheit, die für Olena nicht Bedeutung trug, sondern Heimat,
- 6:09den Tonfall ihrer eigenen Mutter, den Singsang der
- 6:12Straßen, in denen sie aufgewachsen war, das Geräusch
- 6:15eines Lebens, das es nicht mehr gab.
- 6:17Sie hatte diesen Klang monatelang nicht aus dem Mund
- 6:20ihres Sohnes gehört, hatte ihn ihm nicht aufzwingen können,
- 6:23hatte zusehen müssen, wie er ihn abstreifte, wie etwas
- 6:26beschämendes. Und nun war er da für einen
- 6:29Atemzug, beiläufig, unbewacht. Der Klang des Zuhauses aus dem
- 6:34Mund des Kindes, das dieses zu Hause hatte vergessen wollen.
- 6:37Und Olena stand am Herd und rührte weiter, damit er nicht
- 6:40sah, was in ihrem Gesicht geschah, und hütete den
- 6:43Augenblick, wie man eine Flamme vor dem Wind hütet, mit der
- 6:46hohlen Hand, ohne sie zu berühren.
- 6:49Es hatte mit dem Vorfall zu tun, das wusste sie mit dem Abend
- 6:52hinter dem Einkaufszentrum, an dem die Wärme, der er
- 6:55nachgelaufen war, sich als Faust erwiesen hatte.
- 6:58Etwas war in dieser Nacht in dem Jungen zerbrochen.
- 7:01Die Illusion, dass er dazugehören könnte, wenn er nur
- 7:03genug von sich abschnitt, wenn er nur Deutsch genug wurde, hart
- 7:07genug, leer genug von dem, was er mitgebracht hatte.
- 7:11Sie hatten ihm gezeigt mit ihren Fäusten, dass er nie dazugehören
- 7:14würde, ganz gleich, wie sehr er sich verleugnete, dass für sie
- 7:18das, was er war, immer durchscheinen würde, egal wie
- 7:20dick er die Farbe darüber strich.
- 7:23Und so grausam diese Lektion gewesen war, so sehr Olena die
- 7:26hätte hassen können, die sie ihm erteilt hatten.
- 7:29Sie hatte etwas freigelegt, das unter der Verleugnung begraben
- 7:32gelegen hatte, dass der Junge, der nicht ukrainisch sein
- 7:35wollte, auch nicht aufhören konnte, es zu sein, und dass der
- 7:38Versuch, es abzulegen, ihn nicht deutscher gemacht hatte, sondern
- 7:41nur Lehrer. Niklas hatte dabei eine Rolle
- 7:44gespielt, die Olena erst spät Begriff.
- 7:47Der Junge ging jetzt samstags zu ihm und Olena hatte das zuerst
- 7:51mit Sorge gesehen. Mit dem Misstrauen einer Mutter,
- 7:54die nicht wusste, wer dieser Mann war und was er von ihrem
- 7:57Sohn wollte. Aber sie hatte Danilo
- 7:59beobachtet, wenn er von dort zurückkam und was sie sah, war
- 8:02kein Junge, der in ein neues, falsches Feuer geraten war,
- 8:05sondern einer, der ruhiger wurde, fester, der etwas
- 8:08gefunden hatte, das er bei ihr, seiner Mutter, nicht hatte
- 8:11finden können, weil eine Mutter manche Dinge nicht geben kann,
- 8:14so sehr sie sich auch müht. Das Beispiel eines Mannes, der
- 8:17denselben Fehler gemacht und überlebt hatte, der durch
- 8:20dasselbe Feuer gegangen war und auf der anderen Seite
- 8:22herausgekommen, beschädigt, aber aufrecht.
- 8:25Niklas gab dem Jungen nicht, was Olena gab, er gab ihm etwas
- 8:30anderes, etwas, das daneben stehen durfte, ohne es zu
- 8:33ersetzen und langsam über die Wochen kam der Junge zu ihr
- 8:37zurück, nicht ganz, nicht auf einmal, nicht so, dass sie es
- 8:41hätte festhalten und sich daran hätte freuen können, wie an
- 8:44einem Geschenk. Aber in kleinen Dingen.
- 8:47Er fragte sie nach seinem Vater, eines Abends, zum ersten Mal
- 8:50seit langem, fragte nach Taras, nach, dem, wie er gewesen war,
- 8:54und Olena, die den Namen kaum hatte aussprechen können, in den
- 8:57Monaten zuvor, erzählte ihm von seinem Vater leise, und der
- 9:01Junge hörte zu, und in seinem Zuhören lag eine Rückkehr, eine
- 9:05Versöhnung mit dem, was er gewesen war und woher er kam.
- 9:08Sie erzählte ihm Dinge, die sie ihm nie erzählt hatte, weil er
- 9:12nicht hatte hören wollen, wie Taras gelacht hatte.
- 9:14Zu laut, so dass die Leute sich umdrehten, wie er Danilo auf den
- 9:18Schultern getragen hatte, durch die Stadt, die es nicht mehr
- 9:21gab, wie er nicht hatte mitkommen wollen, nicht aus Mut,
- 9:24sondern weil er nicht hatte fliehen können vor etwas, das er
- 9:27für seine Pflicht hielt und wie sie sich an einem Bahnhof
- 9:30getrennt hatten, in einem Grau, das sie nie vergessen würde.
- 9:33Und während sie erzählte, sah sie, wie in dem Jungen etwas
- 9:36anwuchs, das vorher nur eine Lehre gewesen war.
- 9:39Ein ausgesparter Fleck, den er hatte Überstreichen wollen, ein
- 9:42Vater, ein Land, eine Herkunft, die nicht beschämend war,
- 9:46sondern seine und die ihn nicht kleiner machte, wenn er sie
- 9:49annahm, sondern größer der Schutt, den sie mit sich trugen,
- 9:53wurde unter ihren Worten zu etwas anderem, nicht zu einem
- 9:56Haus, das Widerstand, das würde es nie, aber zu einem Grund, auf
- 10:00dem man bauen konnte, weil man wusste, was darunter lag.
- 10:03Er fragte nach der Stadt, aus der sie kamen, nach dem Haus,
- 10:06nach den Großeltern. Er begann das Land, das er hatte
- 10:09vergessen wollen, als ein Land zu sehen, das zu ihm gehörte,
- 10:13nicht als eine Scham, sondern als eine Herkunft, und die
- 10:16Herkunft war kein Gefängnis mehr, aus dem er fliehen musste,
- 10:18sondern ein Boden, auf dem er stehen konnte, während er nach
- 10:21vorne ging. Olena sah ihm dabei zu, wie er
- 10:25langsam beides wurde, und sie verstand, dass das die Heilung
- 10:28war, auf die sie nicht zu hoffen gewagt hatte.
- 10:31Nicht, dass er zurückkehrte in das, was er gewesen war, bevor
- 10:34sie flohen. Ein ukrainischer Junge in einer
- 10:36ukrainischen Stadt, das gab es nicht mehr, das war Schutt,
- 10:40sondern dass er aufhörte, sich zwischen 2 Hälften zu zerreißen,
- 10:43dass er beides sein durfte, ohne dass das eine das andere
- 10:46Auslöschte. Der Junge, der nicht hatte
- 10:49Ukrainisch sein wollen, und der Junge, der hierher gehörte,
- 10:51waren nicht 2 jungen, sie waren einer, und er lernte, einer zu
- 10:55sein. Für Olena selbst kam die
- 10:58Entscheidung nicht als Entscheidung, nicht als ein
- 11:01Moment, in dem sie sich hinsetzte und wählte, sondern
- 11:03als ein langsames Begreifen dessen, was längst geschehen
- 11:06war, ohne dass sie es zugelassen hätte.
- 11:09Sie hatte all die Jahre auf die Rückkehr gewartet, das war der
- 11:12Boden gewesen, auf dem sie gestanden hatte, das
- 11:14Provisorische, das vorläufige, die Überzeugung, dass dies hier
- 11:18nicht ihr Leben war, sondern eine Unterbrechung, ein
- 11:20Warteraum, aus dem sie eines Tages aufstehen und nach Hause
- 11:23gehen würde. Sie hatte sich nichts aufgebaut.
- 11:26Das Fest war, weil festes Wurzeln bedeutet hätte und
- 11:29Wurzeln einen Verrat an dem Ort, zu dem sie zurückwollte.
- 11:33Sie hatte am Rand ihres eigenen Lebens gewohnt, einen Koffer im
- 11:36Kopf, immer bereit, und das Warten war ihr zu Hause gewesen,
- 11:40das einzige, dass sie sich erlaubte, jetzt gab es nichts
- 11:44mehr, worauf zu warten war, das war die Wahrheit, die der
- 11:47Zerfall des Krieges ihr aufgezwungen hatte, die härteste
- 11:50und am Ende die Befreiendste. Der Ort, zu dem sie hatte
- 11:54zurückkehren wollen, existierte nicht mehr.
- 11:56Nicht als Krieg, nicht als Frieden, nicht als irgendetwas,
- 11:59zu dem ein Mensch zurückkehrt. Es gab die Koordinate, noch den
- 12:04Punkt auf der Karte, die Zahlen, die einen Ort bezeichneten, an
- 12:07dem einmal ein Haus gestanden hatte, Einestraße, eine Stadt,
- 12:11aber die Stadt war Schutt, und die Menschen waren fort oder
- 12:14tot, und das, was zurückkehren bedeutet hätte, in ein Leben
- 12:18zurückkehren, das es noch gibt, das gab es nicht.
- 12:21Man kann nicht zu einer Koordinate heimkehren, man kann
- 12:24nur zu einem Leben heimkehren und ihr Leben war nicht mehr
- 12:27dort. Ihr Leben war, ohne dass sie es
- 12:29bemerkt hatte, hierher gewandert, in diese namenlose
- 12:32Stadt, in die Halle, in der sie arbeitete, in die Wohnung, in
- 12:35der ihr Sohn das Land seiner Geburt wiederzuentdecken begann,
- 12:38in die wenigen Menschen, die ihr etwas bedeuteten.
- 12:41Sie trauerte um Taras in diesem Herbst endlich richtig.
- 12:45Nicht mehr in dem aufgeschobenen Schweben, in dem sie ihn die
- 12:48ganze Zeit gehalten hatte, weder lebendig noch tot, sondern als
- 12:52das, was er war, tot gefallen. Ein Mann, der geblieben war, als
- 12:57sie ging und der den Preis dafür bezahlt hatte, sie hatte seinen
- 13:01Tod nicht aussprechen können, all die Monate, weil das
- 13:04aussprechen ihn endgültig gemacht hätte, und nun sprach
- 13:07sie ihn aus, leise für sich und manchmal für Danielo.
- 13:11Und es machte ihn endgültig. Und das endgültige so
- 13:14schmerzhaft es war, war besser als das schweben, weil man um
- 13:17einen Toten trauern kann, aber um einen schwebenden nur leiden
- 13:21sie hatte ihn so lange in der Schwebe gehalten, weil die
- 13:23Schwebe ein Rest von Hoffnung gewesen war, ein letzter dünner
- 13:27Faden, an dem die Möglichkeit hing, dass es nicht wahr war,
- 13:30dass er irgendwo lebte in einem Lager, in einem Krankenhaus, in
- 13:34einem der namenlosen Orte, an denen Menschen verschwinden und
- 13:37manchmal wieder auftauchen. Solange sie es nicht aussprach,
- 13:41war diese Möglichkeit nicht ganz tot.
- 13:43Und doch hatte dieser Faden, der sie an die Hoffnung Band, sie
- 13:46auch gefangen gehalten, hatte sie nicht trauern und nicht
- 13:49weiterleben lassen, hatte sie in einem Raum festgehalten, in dem
- 13:52die Zeit nicht verging, weil nichts entschieden war, den
- 13:55Faden zu durchtrennen, den Tod auszusprechen, war das
- 13:58schwerste, was sie in diesem Herbst tat, schwerer als die
- 14:01Flucht, schwerer als alles. Aber als sie ihn durchtrennt
- 14:05hatte, als das Wort einmal gesprochen war und in der Luft
- 14:08stand und nicht zerbrach und sie nicht zerbrach, da war etwas,
- 14:12das wie Boden war, unter ihren Füßen fester Boden.
- 14:15Das erste Mal seit Jahren. Sie ließ ihn gehen in diesem
- 14:18Herbst, nicht, weil sie ihn weniger liebte, sondern weil das
- 14:21Festhalten an dem ungewissen sie selbst nicht hatte leben lassen
- 14:24und Taras, das wusste, sie hätte gewollt, dass sie lebte, dass
- 14:28sie und danio lebten, an welchem Ort auch immer.
- 14:31Das Deutsche, das sie sprach, war ihr lange eine zweite Haut
- 14:34gewesen. Eine, die sie übergezogen hatte,
- 14:36aus Notwendigkeit, die nicht ganz passte, die sich fremd
- 14:39anfühlte über der ersten, der eigentlichen, der ukrainischen.
- 14:42Sie hatte es gesprochen wie etwas Geliehenes, immer mit dem
- 14:46Bewusstsein, dass es nicht ihres war, dass ihre wahren Worte
- 14:49andere waren in einer anderen Sprache, in einem anderen Leben,
- 14:54jetzt, in diesem Herbst, bemerkte sie, dass sich das
- 14:57verschoben hatte, unmerklich über die Jahre.
- 15:00Dass das Deutsche aufgehört hatte, eine geliehene Haut zu
- 15:02sein und begonnen hatte, eine Gewählte zu werden.
- 15:05Nicht ihre Erste, das würde es nie sein, und sie wollte es
- 15:09nicht, aber eine zweite, die ihr gehörte, die sie sich angeeignet
- 15:12hatte, in der sie dachte, wenn sie an die Arbeit dachte, in der
- 15:16sie träumte, manchmal, in der sie ihren Sohn großgezogen
- 15:19hatte, in ein Leben hinein, das hier war eine zweite Haut, nicht
- 15:23über der ersten, sondern neben ihr, beide ihre beide echt.
- 15:28Sie pflanzte etwas an einem der letzten milden Tage des
- 15:31Herbstes. In dem schmalen Streifen Erde
- 15:33hinter dem Haus, in dem sie wohnte, ein paar Zwiebeln, die
- 15:36im Frühjahr aufgehen, würden, Tulpen nichts Besonderes, und
- 15:40während sie die Erde über die Zwiebeln häufte, mit den Händen,
- 15:43die einmal Statik berechnet und Lastpfade geprüft hatten und die
- 15:47jetzt einfach Erde häuften, dachte sie, dass dies das
- 15:50Gegenteil des Wartens war, etwas in die Erde zu legen, das erst
- 15:54in Monaten aufgehen würde an einem Ort, an dem man im
- 15:56Frühjahr noch sein würde, um. Aufgehen zu sehen.
- 15:59Man pflanzt keine Tulpen in einem Warteraum, man pflanzt
- 16:02sie, wo man bleibt, sie strich die Erde glatt, richtete sich
- 16:06auf, spürte das ziehen im Rücken und sah über den schmalen
- 16:10Garten, über die Dächer der namenlosen Stadt in einen
- 16:14Himmel, der die erste Kälte des kommenden Winters trug.
- 16:17Es war nicht die Heimat, die sie verloren hatte, es würde nie die
- 16:21Heimat sein, die sie verloren hatte.
- 16:24Aber es war ein Ort, an dem sie etwas in die Erde legte, das
- 16:26aufgehen würde und an dem ihr Sohn, der beides war, in die
- 16:30Schule ging und seinen Abschluss machen würde und an dem sie eine
- 16:34Bauingenieurin aus einer Stadt, die es nicht mehr gab, ein Leben
- 16:38baute. Das hielt nicht das Alte, nie
- 16:40wieder das alte, aber ein neues Eigenes, das ihr gehörte, weil
- 16:44sie sich entschieden hatte, es zu bauen, statt weiter auf das
- 16:47zu warten, was es nicht mehr gab.