Latest / GedankenGang - True Crime, Skandale und Analysen / Geiseldrama von Gladbeck
Transcript
- 0:00Hallo und herzlich Willkommen bei Gedankengang, unserem Format
- 0:03für fundierte True Crime Fakten und Analysen.
- 0:06Ich bin ihr Host und freue mich sehr, dass sie heute bei unserer
- 0:09tiefgehenden Aktenanalyse dabei sind.
- 0:11Ja, Hallo, auch von meiner Seite.
- 0:13Ich sitze hier als Experte am Tisch und wir haben uns heute
- 0:18wirklich einiges vorgenommen. Absolut.
- 0:21Bevor wir in die Dokumente einsteigen, stellen sie sich mal
- 0:24kurz folgende Situation vor. Sie gehen durch eine ganz
- 0:27normale, belebte Fußgängerzone in einer Großstadt.
- 0:31Hm n ganz alltägliches Szenario eigentlich.
- 0:33Genau. Und da parkt dann plötzlich ein
- 0:36Fluchtauto. Darin sitzen 2 schwer bewaffnete
- 0:38Bankräuber und mehrere junge Geiseln.
- 0:41Ja, und anstatt jetzt in Deckung zu gehen oder die Polizei das
- 0:45Gebiet weiträumig absperren zu lassen, schlendern sie hin.
- 0:49Sie holen den Tätern einen Kaffee und fragen Sie, ob sie
- 0:53ein kurzes Interview für die Abendnachrichten führen dürfen.
- 0:56Das klingt, wenn man das so hört, wie ein völlig absurder,
- 0:59Dystopischer filmplot. Richtig.
- 1:02Aber genau das ist im August 1988 mitten in Deutschland
- 1:06passiert. Wir haben für unsere heutige
- 1:09Analyse einen gewaltigen Stapel an Quellen ausgewertet, also
- 1:13historische Polizeiprotokolle, Gerichtsakten, Auswertungen zur
- 1:17Medienethik und taktische Rekonstruktionen.
- 1:20Und unser Ziel ist es ja, diese 54 Stunden des sogenannten
- 1:23Gladbecker Geiseldramas. Wirklich analytisch zu sezieren.
- 1:28Wir wollen verstehen, wie diese beispiellose Kettenreaktion
- 1:31entstehen konnte. Genau, eine Kettenreaktion aus
- 1:34strukturellen Behördenversagen, psychologischen
- 1:37Fehleinschätzungen und, ja, einem völligen Dammbruch der
- 1:40Medien. Und deshalb ist es uns heute
- 1:42auch so wichtig, diesen Fall nicht einfach nur als bloße
- 1:45Chronologie abzuhandeln. Das würde der Sache nicht
- 1:47gerecht werden. Wir müssen uns die Mechanismen
- 1:50dahinter ansehen, wir müssen erklären, warum hochtrainierte
- 1:54Einsatzkräfte. Teilweise stundenlang
- 1:56paralysiert wirkten und weshalb professionelle Journalisten jede
- 2:02professionelle Distanz aufgegeben haben.
- 2:04Weil dieser Fall eben die deutsche Polizeiarbeit und die
- 2:07Medienlandschaft dauerhaft verändert hat.
- 2:10Dann lassen Sie uns direkt in die Dokumente schauen.
- 2:13Es fängt eigentlich beinahe, na ja, beinahe banal an.
- 2:16Ja, am Dienstagmorgen. Genau am 16.
- 2:19August 1988 in Gladbeck. 2 Männer betreten kurz vor 8 eine
- 2:25Filiale der Deutschen Bank. Es ist keine hochkomplexe
- 2:28Inszenierung, sie bedrohen die Angestellten und erbeuten 120000
- 2:33d Mark. Richtig, aber ein Arzt, dessen
- 2:36Praxis sich im selben Gebäude befindet, der bemerkt das und
- 2:40wählt den Notruf. Die Polizei rückt an.
- 2:43Und hier, also genau an diesem Punkt passiert der erste
- 2:46kritische Fehler, der die gesamte weitere Dynamik
- 2:48bestimmt. Was genau steht da in den
- 2:50Einsatzprotokollen? Der erste eintreffende
- 2:52Streifenwagen parkt direkt vor dem Haupteingang der Bank,
- 2:56komplett offen und für jeden sofort sichtbar.
- 2:59Wenn ich mir das taktisch überlege, das ist doch, als
- 3:02würde man eine Wespe unter einem Glas einklemmen, anstatt einfach
- 3:05das Fenster zu öffnen, damit sie rausfliegen kann.
- 3:07Ja, ein sehr passender Vergleich.
- 3:09Wenn man den Fluchtweg sofort und derart sichtbar blockiert,
- 3:13dann nimmt man den Tätern ja die Option, einfach mit ihrer Beute
- 3:16zu verschwinden, oder? Exakt, und das ist das
- 3:19psychologische Grundproblem an dieser Stelle, ein Banküberfall
- 3:23ist ja in erster Linie ein Eigentumsdelikt, die Täter
- 3:26wollen Geld und sie wollen flüchten durch diesen
- 3:29blockierten Ausgang geraten sie in Panik, sie fühlen sich in die
- 3:33Enge getrieben, gehen wieder zurück in die Filiale und nehmen
- 3:362 Bankangestellte als Geiseln. In genau diesem Moment kippt die
- 3:40gesamte Lage. Aus einem Raub wird also eine
- 3:42Geiselnahme. Genau, sie ändern Ihre
- 3:44Strategie. Sie fordern nun 300000 D Mark
- 3:47Handschellen und einen Fluchtwagen, und die Polizei
- 3:50entscheidet sich in dieser Phase auf die Verhandlungen
- 3:52einzugehen. Und die Art und Weise, wie sie
- 3:55darauf eingehen, das hat mich in den Akten wirklich irritiert.
- 3:59Am Abend übergibt ein Polizist das Lösegeld an die Täter.
- 4:02Ja, und er trägt dabei nur eine Unterhose.
- 4:05Ich meine, ich verstehe den pragmatischen Gedanken dahinter,
- 4:08man will beweisen, dass man unbewaffnet ist und keine Wanzen
- 4:12am Körper trägt, aber was macht das psychologisch mit Tätern,
- 4:16wenn der Staat quasi halbnackt vor ihnen steht?
- 4:18Das ist ein massiver Wendepunkt in der Machtdynamik.
- 4:21In der Kriminalpsychologie geht es ja extrem stark um Dominanz.
- 4:24Die Polizei verkörpert normalerweise die absolute
- 4:27Staatsgewalt. OK und?
- 4:29Hier ordnet sie sich völlig unter.
- 4:30Genau, wenn dieser Staat sich nun derart entblößt, um einer
- 4:34Forderung nachzukommen, sendet er das unmissverständliche
- 4:38Signal, Wir spielen nach euren Regeln.
- 4:41Hm das hat den Tätern, die ja eigentlich tief im Inneren
- 4:45extrem nervös waren, ein enormes Gefühl von Macht gegeben.
- 4:49Sie merkten, dass sie das Geschehen diktieren.
- 4:51Und mit diesem Gefühl der Kontrolle steigen sie dann gegen
- 4:54Viertel vor 10 abends in den Fluchtwagen zusammen mit den
- 4:58Geiseln. Die Polizei hat Peilsender am
- 5:00Auto, greift aber nicht ein. Richtig, man wartete ab.
- 5:03Und jetzt würde man ja erwarten, dass die Täter untertauchen.
- 5:06Aber sie tun das exakte Gegenteil, sie fahren
- 5:09stundenlang durch die Gegend, Sie kaufen Proviant an einem
- 5:11Imbiss, besorgen Schlaftabletten in einer Apotheke.
- 5:14Ja, sie stehlen später sogar noch die Dienstwaffe eines
- 5:17zufällig anwesenden Polizisten. Genau, sie wechseln mehrmals das
- 5:20Auto und holen mitten in der Nacht noch die Freundin eines
- 5:23der Täter ab. Das wirkt taktisch völlig
- 5:26unlogisch. Diese absolute Planlosigkeit ist
- 5:29genau das, was die Einsatzkräfte so sehr irritiert hat.
- 5:32Um das einordnen zu können, müssen wir kurz auf die
- 5:34polizeilichen Verhandlungskonzepte der 80er
- 5:37Jahre blicken. Die ja stark vom olympiaattentat
- 5:401972 geprägt waren, oder? Absolut.
- 5:43Die Doktrin lautete damals Zeit gewinnen.
- 5:46Man ging davon aus, dass man es mit rational handelnden Akteuren
- 5:50zu tun hat. Jemand stellt eine Forderung,
- 5:52man verhandelt, man ermüdet die Täter durch endlose Fahrten, bis
- 5:56sie aufgeben. Aber hier gab es diese Logik
- 5:58schlichtweg nicht, was uns ja auch ne Menge über die Täter
- 6:01selbst verrät. Wer genau sitzt da eigentlich in
- 6:04diesem Auto, das sind ja keine strategischen Kriminellen, die
- 6:08nen ausgeklügelten Plan verfolgen.
- 6:09Nein, überhaupt nicht. Wir sprechen von Hans Jürgen
- 6:12Rösner, damals 31, und Dieter Degowski, 32 Jahre alt.
- 6:17Die Akte zeichnen ein klares Bild, das waren 2 Männer.
- 6:21Ihr Leben lang am Rand der Gesellschaft standen.
- 6:23Beide kannten sich aus Gladbeck von einer Förderschule.
- 6:26Richtig. Genau.
- 6:28Rösner befand sich nach einem Hafturlaub auf der Flucht und
- 6:31saß zuvor schon über ein Jahrzehnt im Gefängnis.
- 6:33Tigowski lebte von Gelegenheitsjobs und galt unter
- 6:36Stress als extrem instabil. Und komplettiert wurde das Trio
- 6:39dann durch Marion Löblich, die Sebensgefährtin von Rösner, also
- 6:43eigentlich ein Trio ohne jeden strategischen Weitblick.
- 6:46Ja. Aber paradoxerweise scheint
- 6:48genau das ihr größter Vorteil gewesen zu sein.
- 6:51Wenn ich selbst nicht weiß, was mein nächster Schritt ist, dann
- 6:53kann das auch eine hochkomplexe Polizeistruktur nicht
- 6:56vorhersehen. Eine interessante Beobachtung.
- 6:59Ihre Impulsivität war also ihre stärkste Waffe.
- 7:02Sie handelten völlig aus dem Bauch heraus, hielten sich mit
- 7:06Aufputschmitteln wach. Und die Einsatzleitung versuchte
- 7:09krampfhaft, Muster zu erkennen, wo es einfach keine gab.
- 7:12Und genau in dieses Vakuum an polizeilicher Entschlossenheit
- 7:16stieß dann eine ganz andere Gruppe.
- 7:18Die Presse und wir reden hier nicht von Berichterstattern
- 7:21hinter einer Polizeiabsperrung. Schon in Gladbeck riefen
- 7:25Journalisten direkt in der Bank an und blockierten die
- 7:28Telefonleitungen für Live Interviews mit Rösner.
- 7:31Ein beispielloser Vorgang. Und das setzte sich ja auf der
- 7:35Flucht fort. Die Fahrt ging am 17.
- 7:37August quer durch Nordrhein Westfalen über Münster nach
- 7:40Bremen. Und dort eskaliert die Lage.
- 7:42Die Täter kapern im Bremer Stadtteil Hackeriede einen
- 7:45Linienbus mit 32 Fahrgästen, eine lokale Krise wird zur
- 7:50mobilen Massengeiselnahme über mehrere Bundesländer hinweg.
- 7:55In Bremen stehen Reporter dann direkt am Fenster dieses
- 7:58gekaperten Busses. Sie sprechen mit Rösner, während
- 8:01der eine Schusswaffe in der Hand hält.
- 8:04Und das ist ja noch nicht alles. Der absolute ethische Tiefpunkt
- 8:07wird einen Tag später am 18. August in Köln erreicht.
- 8:11Die Täter haben den Bus verlassen und parken ihr neues
- 8:14Fluchtauto mitten in einer Fußgängerzone.
- 8:17Zu diesem Zeitpunkt befinden sich noch 2 junge Geiseln im
- 8:20Auto, darunter die Achtzehnjährige Silke Bischof.
- 8:24Ich hab mir diese Bilder aus Köln bei der Recherche
- 8:26angesehen. Anstatt dass das Areal geräumt
- 8:28wird, entsteht dort eine groteske Pressekonferenz.
- 8:32Reporter holen den Tätern Kaffee, Digowski hält der Geisel
- 8:36eine Pistole an den Hals, während ein Journalist ein Live
- 8:38Interview mit ihr führt. Es gibt sogar dokumentierte
- 8:41Aussagen, dass ein Fotograf gerufen haben soll.
- 8:44Halt dir noch mal die Knarre an den Kopf.
- 8:46Ich hab das Bild noch nicht. Das ist wirklich schwer zu
- 8:49fassen. Später steigt der Journalist Udo
- 8:51Röbel dann freiwillig zu den Tätern ins Auto, um ihnen den
- 8:55Weg zur Autobahn zu zeigen. Wie konnten diese Reporter das
- 8:59vor sich selbst rechtfertigen, war das eiskalte Quotenjagd es?
- 9:03Ist komplexer als nur die reine Quotenjagd, auch wenn der
- 9:06Konkurrenzdruck unter den Medien enorm war.
- 9:09Wir sehen hier ein klassisches psychologisches Phänomen, die
- 9:12kognitive Dissonanz. Inwiefern?
- 9:14In extremen Ausnahmesituationen greifen psychologische
- 9:17Abwehrmechanismen. Einige Journalisten gaben später
- 9:20an, sie hätten geglaubt, deeskalierend zu wirken.
- 9:23Sie redeten sich ein, solange die Täter mit uns sprechen,
- 9:26schießen sie nicht. Sie sahen sich also eher als
- 9:29Unterhändler. Unbewusst ja.
- 9:31Sie haben sich in die Rolle von Vermittlern fantasiert.
- 9:34Aber das ist doch eine absolute Selbsttäuschung.
- 9:37Sie haben den Tätern einen physischen und psychologischen
- 9:41Schutzschild geliefert. Wenn 20 Kameras auf dich
- 9:44gerichtet sind, greift kein Einsatzkommando der Welt ein.
- 9:47Richtig, diese mediale Bühne hat den Tätern, die ihr ganzes Leben
- 9:51unbedeutend waren, ein irrationales Gefühl von
- 9:53Omnipotenz gegeben. Das erklärt das fatale Agieren
- 9:56der Presse. Aber wo war eigentlich in diesen
- 9:59Momenten die Polizei, wie kann es sein, dass bewaffnete Täter
- 10:02tagelang ungehindert durchs Land fahren und Kaffeekränzchen mit
- 10:06Reportern halten? Das bringt uns zu einem massiven
- 10:09strukturellen Problem dieses Einsatzes.
- 10:12Wir haben es hier mit einem totalen Kompetenzwirrwarr zu
- 10:14tun. Die Flucht führte durch
- 10:16Nordrhein, Westfalen, Bremen, Niedersachsen und kurz in die
- 10:20Niederlande. Und mit jeder Grenze wechselte
- 10:22die Zuständigkeit. Exakt das föderale System
- 10:26bedeutete, dass ein zentrales Bundeskriminalamt nach damaliger
- 10:29Gesetzeslage nicht einfach die Führung übernehmen durfte.
- 10:33Es gab keinen zentralen Krisenstab, der das große Ganze
- 10:36im Blick hatte. Und wenn sich verschiedene
- 10:38Einheiten nicht absprechen, führt das unweigerlich zu Chaos.
- 10:41Das Fehlen einer Einsatzleitung muss doch dazu geführt haben,
- 10:44dass Beamte vor Ort eigenmächtig gehandelt haben.
- 10:47Genau das ist passiert und das führt uns zu einem der
- 10:50tragischsten Momente dieses Falls an der Autobahnraststätte
- 10:53Grundbergsee hielt der Gekaperte Bus Marion Löblich stieg aus, um
- 10:58die Toilette aufzusuchen. Eigentlich eine taktische
- 11:00Gelegenheit, sie von der Gruppe zu isolieren, oder?
- 11:03In der Theorie ja. Aber es passierte völlig
- 11:05unkoordiniert. 2 Polizisten in Zivil, die vor Ort waren,
- 11:09entschieden spontan und ohne Befehl der Einsatzleitung
- 11:12löblich auf der Toilette zu überwältigen.
- 11:14Die Einsatzleitung wusste also von Nichts und Rösner und
- 11:17Digowski merken im Bus unsere Komplizen kommt nicht zurück.
- 11:21Wie reagieren Sie? Extrem aggressiv.
- 11:24Sie stellen ein Ultimatum, Sie drohen, eine Geisel zu
- 11:27erschießen. Sollte löblich nicht innerhalb
- 11:29von 5 Minuten wieder am Bus sein.
- 11:31Und die Einsatzleitung? Die war völlig überrumpelt und
- 11:34ordnete unter massiven Druck an, löblich sofort wieder
- 11:37freizulassen. Man versuchte sie
- 11:39zurückzubringen, aber in der Hektik brach der Schlüssel in
- 11:42ihren Handschellen ab. Das heißt, wertvolle Minuten
- 11:44verstreichen, nur um sie wieder von den Fesseln zu befreien.
- 11:47Und das Ultimatum läuft ab. Ja, und an diesem Punkt
- 11:50verlassen wir die rein taktische Analyse, denn hier geht es um
- 11:53Menschenleben. Dekowski schießt im Bus.
- 11:57Er trifft den vierzehnjährigen Emanuel de Georgi, der versucht
- 12:00hatte, seine kleine Schwester zu schützen.
- 12:02Der Junge verblutet. Und das letztlich, weil 2 Beamte
- 12:06eigenmächtig gehandelt haben und ein Schlüssel abgebrochen ist.
- 12:10Das zeigt auf dramatische Weise, wie eine isolierte
- 12:14Fehlentscheidung direkt zur Katastrophe führt.
- 12:16Leider ja. Und Emanuel blieb nicht das
- 12:19einzige Opfer in diesem Chaos. Auf dem Weg zum Einsatzort
- 12:23verunglückte der einunddreißigjährige Polizist
- 12:25Ingo Hagen bei einem Verkehrsunfall tödlich.
- 12:28Eine extrem tragische Bilanz und trotz des Mordes im Bus fahren
- 12:32die Täter weiter, kapern das neue Auto in Köln und nehmen
- 12:36Silke Bischof und ihre Freundin Ines Veutle als Geiseln mit.
- 12:39Bis wir uns dem 18. August nähern.
- 12:41Nach fast 54 Stunden. Genau auf der Autobahn 3 bei Bad
- 12:46Honnef erfolgt schließlich der Zugriff des
- 12:48Spezialeinsatzkommandos des SEK. In den Berichten steht, das
- 12:52Fluchtauto sollte gerammt werden.
- 12:54Wie genau funktioniert so ein Manöver physikalisch?
- 12:57Das ist eigentlich ein hochpräzises taktisches Manöver.
- 13:00Das Ziel ist es, die kinetische Energie eines gepanzerten SEK
- 13:04Fahrzeugs zu nutzen, um das Täterfahrzeug zu stoppen und die
- 13:07Täter sofort zu neutralisieren. Man zielt also auf einen
- 13:11bestimmten Punkt am Auto. Exakt auf die Fahrertür der
- 13:15Aufprall soll die Tür so stark in den Innenraum drücken, dass
- 13:18der Fahrer also Rüstner durch das Blech buchstäblich
- 13:20eingeklemmt. Wird er soll keine Millisekunde
- 13:22Zeit haben, seine Waffe zu ziehen.
- 13:24Ein Präzisionsschlag also, aber das hat auf der A 3 nicht so
- 13:29funktioniert, richtig, nein. Durch den falschen Winkel und
- 13:32das hohe Tempo verfehlte das SEK Fahrzeug die Tür.
- 13:35Es schrammte stattdessen am Hinterrad des Fluchtwagens
- 13:38entlang. Mit welchem Ergebnis?
- 13:40Der Fluchtwagen kam zwar zum Stehen, aber Rösner und Tegowski
- 13:43wurden eben nicht eingeklemmt. Sie hatten volle
- 13:45Bewegungsfreiheit im Innenraum und zogen sofort ihre Waffen.
- 13:48Aus dem geplanten Präzisionsschlag wurde also ein
- 13:52unkontrolliertes Feuergefecht auf der Autobahn.
- 13:56Ein absolutes Chaos. Die forensischen Berichte
- 13:59sprechen von 62 abgefeuerten Projektilen, Blendgranaten
- 14:03zündeten im Innenraum, dicker Rauch stieg auf.
- 14:06Die Beamten feuerten von außen, die Täter schossen zurück.
- 14:10Und in diesem Kreuzfeuer traf eine Kugel aus der Waffe von
- 14:13Rösner die Achtzehnjährige Geisel Silke Bischof.
- 14:18Sie verstarb noch am Tatort. Ja, die Täter wurden kurz darauf
- 14:22schwer verletzt festgenommen. 2 Geiseln und ein Polizist sind
- 14:27tot. Das Land stand völlig unter
- 14:30Schock. Lassen Sie uns auf die
- 14:32juristische Aufarbeitung blicken.
- 14:34Die 1991 vor dem Landgericht Essen stattfand.
- 14:38Ein extrem komplexer Prozess unter Richter Rudolf Esthers.
- 14:42Ich stell mir das juristisch sehr schwierig vor, die Schuld
- 14:46der Täter ist ja offensichtlich, aber wie geht ein Gericht damit
- 14:50um, dass das strukturelle Versagen des Staates und der
- 14:53Medien diese Tragödie erst so befeuert hat?
- 14:57Das Gericht trennte das juristisch sehr scharf.
- 15:00Die Täter waren voll und ganz für ihre Taten verantwortlich.
- 15:04Degowski und Rösner erhielten lebenslange Haftstrafen.
- 15:07Bei Degowski würde die besondere Schwere der Schuld festgestellt.
- 15:11Er kam ja 2018 unter neuer Identität frei, soweit ich weiß.
- 15:15Richtig, nach fast 30 Jahren für Rösner ordnete das Gericht
- 15:19Sicherungsverwahrung an. Er sitzt bis heute.
- 15:22Marion Löblich erhielt 9 Jahre Haft.
- 15:25Aber das Gericht hat auch die Rolle des Staates thematisiert,
- 15:28oder? Indirekt ja.
- 15:30Auch wenn die Täter, die allein schuld an den Morden trugen,
- 15:34konnte sich der Staat seiner Mitverantwortung an der
- 15:36Eskalation nicht entziehen. Das Gericht machte deutlich,
- 15:40dass dieses Chaos der Behörden den Tätern diese fatale Bühne
- 15:43überhaupt erst bereitet hatte. Und welche konkreten Lehren
- 15:46wurden daraus gezogen? Wenn so eine Lage heute
- 15:49entstehen würde, wären die Abläufe doch sicher völlig
- 15:51andere. Absolut.
- 15:53Die Einsatzarchitektur der Polizei wurde danach quasi
- 15:56komplett umgebaut. Dieses Zuständigkeitsproblem
- 15:59zwischen den Bundesländern gibt es in so einer Lage nicht mehr.
- 16:02Wer übernimmt dann heute? Sobald eine länderübergreifende
- 16:05Krisensituation entsteht, greifen feste Alarmpläne.
- 16:08Eine zentrale Koordinierungsstelle übernimmt
- 16:11sofort die Führung, es gibt ganz klare Hierarchien.
- 16:14Also keine Alleingänge von Zivilbeamten auf
- 16:16Autobahnraststätten mehr. Ganz genau.
- 16:19Eine weitere massive Änderung betraf die rechtlichen Vorgaben
- 16:22für den sogenannten finalen Rettungsschuss.
- 16:25Um solche endlosen Fahrten zu unterbinden.
- 16:27Richtig, man hatte schmerzhaft verstanden, dass man Tätern, die
- 16:31hochgradig gewaltbereit sind und bereits getötet haben, nicht
- 16:34endlos Zeit geben darf, wenn das Leben von Geiseln akut bedroht
- 16:38ist, muss schnell und final gehandelt werden können.
- 16:41Und wie sieht es bei den Medien aus?
- 16:43Es ist ja heute völlig undenkbar, dass Journalisten
- 16:45live mit Geiselnehmern sprechen. Auch hier zog man drastische
- 16:49Konsequenzen. Der Deutsche Presserat passte
- 16:51den Pressekodex als direkte Reaktion auf Gladbeck an, Live
- 16:55Interviews mit Tätern während einer laufenden Tat sind heute
- 16:58strikt untersagt. Auch Vermittlungsversuche von
- 17:01Reportern. Absolut tabu die professionelle
- 17:04Distanz, also die Beobachterrolle außerhalb der
- 17:07polizeilichen Sperrzone. Wurde wieder als oberstes Gebot
- 17:10der Medienethik zementiert. Wir haben heute viel über das
- 17:13Versagen der Polizei, die kognitive Dissonanz der
- 17:16Journalisten und die Planlosigkeit der Täter
- 17:19gesprochen. Aber wenn ich mir die Aufnahmen
- 17:22von damals ansehe, fällt mir noch etwas auf.
- 17:25Was meinen Sie? Im Hintergrund der Kölner
- 17:28Fußgängerzone sieht man hunderte von Schaulustigen, normale
- 17:33Menschen, die sich das Geschehen ansehen, als wäre es ein
- 17:36Volksfest. Hm ja, der öffentliche
- 17:39Voyeurismus. Genau.
- 17:41Wir zeigen immer mit dem Finger auf die Journalisten, die die
- 17:44Mikrofone hinhielten, aber diese Kameras liefen letztlich nur
- 17:48deshalb, weil Millionen Menschen zu Hause fasziniert zuschauten
- 17:52und nicht wegschalten konnten. Die Einschaltquoten explodierten
- 17:56damals. Das ist ein sehr wichtiger
- 17:58Aspekt. Und das wirft für mich eine sehr
- 18:01unbequeme Frage auf, gerade heute, in einer Zeit, in der
- 18:05jeder mit seinem Smartphone filmen kann, wenn ein Verbrechen
- 18:09heute live gestreamt wird und wir zuschauen, klicken und
- 18:13teilen. Sind wir dann nicht eigentlich
- 18:16diejenigen, die den Tätern die Bühne.
- 18:17Bieten, das ist eine hochaktuelle ethische Frage, ja.
- 18:21Welche Verantwortung tragen wir als Medienkonsumenten in
- 18:25Krisensituationen und wo sollte die Grenze zwischen öffentlichem
- 18:29Informationsinteresse und journalistischer Zurückhaltung
- 18:33liegen? Ein Gedanke, den wir ihnen,
- 18:36liebe Zuhörer, am Ende dieser Analyse mit auf den Weg geben
- 18:39wollen. Danke, dass Sie bei diesem
- 18:41Deepdive dabei waren. Vielen Dank auch von mir für
- 18:43Interesse, bis zum nächsten Mal.