Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 2 - 72-78
Transcript
- 0:00Unterkapitel 72 die Mütter hier vergleicht Nietzsche die
- 0:06Sichtweise von Tieren und Menschen auf das weibliche
- 0:09Geschlecht. Er stellt fest, dass Tiere die
- 0:12Dinge anders sehen als wir. Für Tiere ist das Weibchen vor
- 0:15allem das produktive Wesen, das Wesen, das Leben hervorbringt.
- 0:20Bei Tieren gibt es keine Vaterliebe in unserem Sinne, es
- 0:24gibt vielleicht eine Art Zuneigung zu den Kindern einer
- 0:26Geliebten, die aus Gewohnheit entsteht.
- 0:29Aber nicht mehr die Mutterliebe der Tiere, beschreibt Nietzsche
- 0:33ganz anders, als wir sie uns oft vorstellen.
- 0:36Für das Weibchen sind die Kinder eine Quelle der Befriedigung,
- 0:39sie sind ihr Eigentum, eine Beschäftigung und etwas, worüber
- 0:43sie mit anderen schwätzen kann. Vor allem befriedigen sie ihren
- 0:47Drang nach Herrschaft, all das zusammen, so Nietzsche, ist
- 0:51Mutterliebe, er vergleicht sie mit der Liebe eines Künstlers zu
- 0:55seinem Werk. Die Schwangerschaft, sagt er
- 0:57weiter, macht die Frauen milder, geduldiger, Furchtsamer und
- 1:01Unterwürfiger. Auf eine ähnliche Weise erzeugt
- 1:05eine geistige Schwangerschaft den Charakter des
- 1:07nachdenklichen, kontemplativen Menschen.
- 1:10Solche Männer, die große Ideen in sich tragen und ausbrüten,
- 1:14nennt Nietzsche männliche Mütter, weil ihr Wesen dem
- 1:17weiblichen Charakter verwandt sei.
- 1:20Am Ende des Kapitels fügt er eine provokante Bemerkung hinzu.
- 1:24Bei den Tieren gilt das männliche Geschlecht als das
- 1:27schöne Geschlecht. Unterkapitel, 73 heilige
- 1:32Grausamkeit dieses Kapitel erzählt eine kurze, aber
- 1:37eindringliche Geschichte, eine Art Gleichnis.
- 1:40Ein Mann kommt zu einem Heiligen, in seinen Armen hält
- 1:44er sein neugeborenes Kind, er fragt den Heiligen, was soll ich
- 1:48mit dem Kind machen, es ist elend missgestaltet.
- 1:53Und hat nicht genug Kraft, um zu sterben.
- 1:56Der Heilige antwortet mit schrecklicher Stimme, töte es,
- 2:00töte es und halte es dann 3 Tage und 3 Nächte lang in deinen
- 2:05Armen, damit du dir ein Gedächtnis schaffst.
- 2:08So wirst du nie wieder ein Kind zeugen, wenn es nicht die
- 2:11richtige Zeit für dich ist, zu Zeugen.
- 2:14Der Mann geht enttäuscht weg, viele Leute, die das Hören,
- 2:18tadeln den Heiligen für seine Grausamkeit.
- 2:21Weil er geraten hatte, das Kind zu töten.
- 2:24Daraufhin stellt der Heilige die entscheidende Gegenfrage aber
- 2:28ist es nicht grausamer, es leben zu lassen?
- 2:31Dieses kurze Stück hinterfragt unsere üblichen Vorstellungen
- 2:34von Mitleid und Grausamkeit. Nietzsche zeigt hier, dass das,
- 2:38was auf den ersten Blick grausam erscheint, das Schnelle Beenden
- 2:42von Leid, unter Umständen die Barmherzigere tat sein kann, die
- 2:46Heilige Grausamkeit des Heiligen zielt nicht auf das Zufügen von
- 2:50Schmerz ab. Sondern auf die Vermeidung von
- 2:52größerem, Sinnlosem Leid und auf eine tiefere Lehre für die
- 2:56Zukunft. Es ist eine harte Weisheit, die
- 2:59sich gegen ein oberflächliches Mitleid stellt.
- 3:03Unterkapitel 74 die erfolglosen in diesem sehr kurzen Aphorismus
- 3:10macht Nietzsche eine Beobachtung über das Verhalten mancher
- 3:13Frauen in der Liebe, er beschreibt Frauen, denen es
- 3:17immer dann an Erfolg mangelt. Wenn sie in der Gegenwart des
- 3:20Mannes, den sie lieben, unruhig, unsicher und redselig werden.
- 3:25Sie reden also zu viel, weil sie nervös sind, der Grund für Ihren
- 3:30Misserfolg, so Nietzsche, ist einfach, Männer werden am
- 3:33sichersten durch eine ganz andere Art von Verhalten
- 3:36verführt, er nennt es eine gewisse heimliche und
- 3:39phlegmatische Zärtlichkeit, Phlegmatisch bedeutet hier so
- 3:43viel wie ruhig, gelassen und unaufgeregt.
- 3:47Eine Frau, die also eine ruhige, zärtliche und geheimnisvolle
- 3:50Ausstrahlung hat, ist in Nietzsches Augen weitaus
- 3:53erfolgreicher in der Verführung als eine, die ihre Nervosität
- 3:57durch übermäßiges Reden zeigt. Unterkapitel 75 das dritte
- 4:04Geschlecht auch dieses Kapitel ist extrem kurz und besteht nur
- 4:09aus 2 Zitaten, die Nietzsche 2 historischen Figuren zuschreibt.
- 4:13Zuerst zitiert er einen alten Tanzmeister, der sagt.
- 4:17Ein kleiner Mann ist eine Paradoxie, aber doch ein Mann.
- 4:21Aber die kleinen Weibchen scheinen mir im Vergleich mit
- 4:24hochwüchsigen Frauen von einem anderen Geschlechte zu sein.
- 4:27Der Tanzmeister meint also, dass kleine Frauen so anders sind als
- 4:31große, dass sie wie ein drittes Geschlecht wirken.
- 4:34Danach zitiert er den antiken Philosophen Aristoteles mit
- 4:38einem noch härteren Urteil, ein kleines Weib ist niemals schön
- 4:44Nietzsche kommentiert diese Aussagen nicht weiter.
- 4:46Er stellt sie einfach in den Raum und lässt sie für sich
- 4:49wirken. Der Aphorismus spielt mit
- 4:51ästhetischen Vorurteilen und der Idee, dass Körpergröße ein
- 4:55entscheidendes Merkmal für Schönheit und sogar für die
- 4:58Geschlechterdefinition sein kann.
- 5:00Es ist eine provokante und zugespitzte Darstellung von
- 5:03Schönheitsidealen unter Kapitel 76 die größte Gefahr hier
- 5:11beschreibt Nietzsche, was er für die größte Gefahr für die
- 5:14Menschheit hält. Es ist nicht der Irrtum oder die
- 5:17Lüge, sondern der ausbrechende Irrsinn.
- 5:21Mit Irrsinn meint er aber keine Geisteskrankheit.
- 5:24Er meint damit die Lust am unkontrollierten, zügellosen
- 5:28Denken, fühlen, sehen und hören, die Freude am
- 5:32Menschenunverstande es ist der Hang, sich von Fantasien und
- 5:36wirren Ideen mitreißen zu lassen, anstatt vernünftig und
- 5:40diszipliniert zu denken. Der Gegensatz zu dieser Welt des
- 5:44Irrsinns ist für Nietzsche nicht die Wahrheit, sondern die
- 5:47Allgemeinheit und Allverbindlichkeit eines
- 5:50Glaubens. Damit meint er ein System von
- 5:53Regeln und Überzeugungen, auf das sich alle geeinigt haben,
- 5:56ganz egal, ob es wahr oder falsch ist.
- 5:59Die größte Leistung der Menschheit war es bisher, sich
- 6:02auf solche gemeinsamen Regeln zu einigen, er nennt das die Zucht
- 6:07des Kopfes, die uns vor dem Chaos des Irrsinns bewahrt.
- 6:11Und die Menschheit zusammengehalten hat.
- 6:13Doch nun, so beobachtet Nietzsche, gibt es eine
- 6:16Gegenbewegung, gerade die feinsten und kreativsten
- 6:19Geister, die Künstler, Dichter und Erforscher der Wahrheit
- 6:23empfinden, diese allgemeine Übereinkunft als langweilig und
- 6:26erstickend, sie wehren sich dagegen und finden gerade im
- 6:30Irrsinn ein fröhliches, schnelles Tempo, das sie reizt.
- 6:34Daraus zieht Nietzsche eine paradoxe Schlussfolgerung.
- 6:38Damit die große Masse der Menschen zusammen bleibt und
- 6:41ihren Tanz weiter tanzt, braucht es tugendhafte Dummheit und
- 6:45einen langsamen, unerschütterlichen Geist.
- 6:48Die Masse braucht also die Sicherheit der gemeinsamen
- 6:51Unhinterfragten regeln, die anderen die Ausnahme sind.
- 6:55Eine ständige Gefahr für diese Ordnung.
- 6:57Nietzsche zählt sich selbst zu diesen Ausnahmen, er sagt, dass
- 7:02diese Ausnahmen ewig der Verteidigung bedürfen, aber
- 7:04gleichzeitig auch wichtig sind, vorausgesetzt.
- 7:07Dass die Ausnahme niemals zur Regel wird.
- 7:11Unterkapitel 77 das Tier mit gutem Gewissen in diesem Kapitel
- 7:19vergleicht Nietzsche die Kultur des Südens mit der des Nordens,
- 7:22besonders in Europa. Er beginnt mit der Feststellung,
- 7:26dass vieles, was im Süden Europas gefällt, zum Beispiel
- 7:29die italienische Oper oder der spanische Abenteuerroman, etwas
- 7:33Gemeines an sich hat, gemein meint hier einfach.
- 7:37Volkstümlich, nicht elitär. Er sagt aber, dass ihn diese Art
- 7:42von Gemeinheit nicht beleidigt. Er vergleicht es mit dem Gefühl,
- 7:46dass man bei einer Wanderung durch Pompeji oder beim Lesen
- 7:49antiker Bücher hat. Auch dort trifft man überall auf
- 7:52diese einfache, volkstümliche Art, der Grund, warum es ihn
- 7:56nicht stört, ist, dass diese Gemeinheit ohne Scham auftritt,
- 8:00sie präsentiert sich genauso selbstbewusst und sicher wie
- 8:03etwas edles, Liebliches oder leidenschaftliches.
- 8:07Nietzsche formuliert daraus eine Art Moral.
- 8:11Das Tier hat sein Recht, wie der Mensch.
- 8:13Er meint damit, dass die einfachen, natürlichen und sogar
- 8:16triebhaften Seiten des Lebens ihre Berechtigung haben und sich
- 8:20nicht zu verstecken brauchen, das sei die Eigenheit der
- 8:23südländischen Humanität. Der schlechte Geschmack hat sein
- 8:27Recht, genauso wie der Gute in der südlichen Kultur, so
- 8:31Nietzsche, ist die Maske. Also die übertriebene,
- 8:34stilisierte Form wie in der Oper etwas Volkstümliches und wird
- 8:39mit gutem Gewissen getragen. Man versteht das antike Leben
- 8:43nur, wenn man diese Lust an der Maske versteht.
- 8:46Im Gegensatz dazu beleidigt ihn eine gemeine Wendung in
- 8:49nordischen Werken, zum Beispiel in der deutschen Musik,
- 8:53zutiefst. Der Grund dafür ist, dass hier
- 8:56die Gemeinheit mit Scham verbunden ist.
- 8:59Der Künstler errötet sozusagen vor sich selbst, weil er glaubt,
- 9:02für sein Publikum herabsteigen zu müssen.
- 9:04Nietzsche und das Publikum schämen sich dann mit ihm, weil
- 9:07sie spüren, dass der Künstler glaubt, sich für sie erniedrigen
- 9:11zu müssen unter Kapitel 78, wofür wir dankbar sein sollen.
- 9:19Nietzsche erklärt hier, welche wichtige Rolle Künstler und die
- 9:22Religion für die Entwicklung des menschlichen Selbstbildes
- 9:25gespielt haben. Er sagt, dass es vor allem die
- 9:28Künstler, insbesondere die Theaterschaffenden waren, die
- 9:31den Menschen beigebracht haben, sich selbst mit anderen Augen
- 9:35und Ohren wahrzunehmen. Sie haben uns gelehrt, das zu
- 9:39hören und zu sehen, was jeder von uns selbst ist, erlebt und
- 9:43will Künstler haben uns die Wertschätzung für den Helden
- 9:47beigebracht, der in jedem noch so alltäglichen Menschen
- 9:50verborgen ist. Sie haben uns die Kunst gelehrt,
- 9:53uns selbst als Held zu betrachten.
- 9:55Aber aus einer gewissen Distanz vereinfacht und verklärt.
- 10:00Es ist die Kunst, sich selbst in Szene zu setzen.
- 10:04Nur durch diese künstlerische Distanz können wir über die
- 10:06kleinen, unbedeutenden Details unseres Lebens hinwegkommen.
- 10:10Ohne diese Kunst wären wir nur Vordergrund und gefangen in
- 10:14einer Perspektive, die das nächste und alltägliche als
- 10:16riesig und als die einzige Wirklichkeit erscheinen lässt.
- 10:20Eine ähnliche Funktion schreibt Nietzsche auch der Religion zu.
- 10:25Die Religion, so sagt er, lehrte jeden einzelnen Menschen seine
- 10:28Sündhaftigkeit durch ein Vergrößerungsglas zu sehen.
- 10:32Sie machte aus dem einfachen Sünder einen großen,
- 10:35unsterblichen Verbrecher, indem sie den Menschen in eine ewige
- 10:39Perspektive stellte, lehrte sie ihn, sich selbst aus der Ferne
- 10:43zu betrachten, als etwas Vergangenes und als ein Ganzes.
- 10:47Sowohl Kunst als auch Religion sind für Nietzsche also
- 10:50Werkzeuge, die uns helfen, Abstand zu uns selbst zu
- 10:52gewinnen und uns in einem größeren, bedeutungsvolleren
- 10:56Licht zu sehen.