Latest / BZ am Ohr / Ausbildung mit 40 - wenn Erwachsene wieder Azubis werden
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- Na, sind Sie der neue Lehrer? Diese Frage hat mein heutiger Podcast-Gast sicher schon in der Berufsschule gehört. Aber Raphael Büchel ist Schüler, genau wie alle anderen. Und die haben am Anfang schon etwas schräg geschaut. Denn Raphael ist 41 Jahre alt und sitzt mit Schülerinnen und Schülern in der Klasse, die kaum älter sind als sein eigener Sohn. Aktuell lernt er in der Berufsschule, was man als Fachkraft für Lagerlogistik alles wissen muss. Und sein Umfeld war schon ein bisschen überrascht, als er gesagt hat, er macht nochmal eine Ausbildung. Ja, zum Teil schon überrascht. Also das ist schon ungewöhnlich. Also ich kenne jetzt ehrlicherweise auch niemanden, der irgendwie so älter ist und das macht oder gemacht hat. Aber generell auch positiv. Also ich glaube, wenn man nochmal wirklich die Möglichkeit hat, das zu machen, dann warum nicht? Also wenn es passt, wenn es einen interessiert, dann auf alle Fälle. Warum er mit über 40 nochmal neu angefangen hat und wie er das finanziell hinbekommt, hören wir gleich noch. Mein Name ist Gina Kuttkatt und ihr hört BZ am Ohr. Ich habe auch noch mit Ella Hartmann gesprochen. Ihr kennt sie vielleicht aus diesem Podcast. Im April war sie bei uns zu Gast, um über ihren besonderen Lebensstil zu sprechen. Ella lebt unter ihren Verhältnissen und kann dadurch am Ende des Monats viel Geld zurücklegen. Deswegen kann sie sich jetzt einen Traum erfüllen und mit 44 Jahren eine Ausbildung zur anästhesietechnischen Assistenz beginnen. Das war keine spontane Entscheidung, sondern es gibt eigentlich schon seit zwei, drei Jahren irgendwie so eine gewisse Unzufriedenheit mit dem, was ich momentan beruflich mache und irgendwie den Wunsch, mal was machen zu können, was ich mir tatsächlich selber ausgesucht habe, denn diese Möglichkeit hatte ich bisher nicht in meinem Leben. Und auch den Wunsch, was zu machen, wo ich auf jeden Fall mehr Geld verdienen kann als in meinem aktuellen Job. Und dann war es tatsächlich ein Gespräch mit meiner ehemaligen Nachbarin, was den Stein des Anstoßes sozusagen dann ins Rollen gebracht hat. Also sie hat mir erzählt, dass sie eine Ausbildung zur Pflegefachkraft gemacht hat und wie das alles so war und wie es jetzt ist, in dem Job zu arbeiten. Und irgendwie hat mir das so den letzten Anstoß gegeben, zu recherchieren. Dass sich Leute jenseits der 30 nochmal für eine Ausbildung entscheiden, kann ganz verschiedene Gründe haben. Vielleicht, weil sie früher eine Familie gegründet haben, deshalb zu Hause waren oder schnell Geld verdienen mussten. Auch eine Krankheit oder ein Unfall kann jemanden länger aus der Bahn werfen. Ein anderer Grund kann auch eine Umorientierung sein, dass jemand also den zweiten Bildungsweg wählt, sei es nach einer ersten Karriere, einem Studium oder einer anderen Ausbildung. So war es zum Beispiel auch bei Raphael Büchel. Raphael, was bringt einen Menschen mit 40 dazu, noch mal eine Ausbildung zu starten? Es war so, dass ich ursprünglich auch was ganz anderes gemacht hatte, auch im Medienbereich tatsächlich, auch freiberuflich. Und das aber irgendwann mit Familie auch schwierig war, also gerade zu Wochenenden und mit Urlaub und allem Drum und Dran. Und habe dann im Einzelhandel angefangen und war dann knapp zwölf Jahre im Einzelhandel. Ja, hat sich einfach irgendwie auch ein bisschen angekündigt, dass sich da die Wege trennen. Dann war nochmal so der Punkt, wo ich mir überlegen konnte, überlegen musste, wie es weitergeht. Ja, gab einfach ein paar Möglichkeiten. Als Logistik hatte mich immer interessiert. Ich mache Ausbildung Fachkraft für Lagerlogistik. Hatte ich natürlich im Einzelhandel auch schon ein bisschen Kontakt, klar, auf alle Fälle. Das war so das Naheliegende. Ich war dann bei der Bundesagentur für Arbeit und da kam dann der Vorschlag. Noch mal eine Ausbildung zu machen. Noch mal eine Ausbildung zu machen. Und ich habe da innerlich erstmal gelacht. Klar, irgendwie mit 40, ja, macht man das, macht man das nicht. Und habe dann tatsächlich nochmal ein, zwei Wochen darüber nachgedacht. Ja. Und klang dann auch wirklich, wirklich gut interessant. Also ich hatte vorher nie eine Ausbildung gemacht und da wirklich nochmal von Grund auf was zu lernen, wirklich von der Pike auf im Prinzip, klang irgendwie spannend. Ganz egal, warum man sich mit über 40 für eine Ausbildung entscheidet, ist es immer empfehlenswert, sich gut zu informieren. In Deutschland gibt es laut Statista über 300 anerkannte Ausbildungsberufe. Ein erster Anfang kann eine Online-Recherche sein oder ein Beratungsgespräch mit der Arbeitsagentur oder dem Jobcenter. Bei Ella haben wir gerade gehört, dass sie durch ein Gespräch mit einer ehemaligen Nachbarin auf ihre Ausbildung kam. Also Gespräche mit Menschen, die in dem gewünschten Berufsfeld arbeiten, können auch helfen. Oft gibt es auch die Möglichkeit, die Firmen oder Arbeitsplätze direkt zu kontaktieren und sich so über die Ausbildung zu informieren. Die Initiative Zukunftsstarter von der Arbeitsagentur richtet sich an Menschen über 25, die ohne Berufsabschluss sind. Den Link dazu poste ich in die Shownotes. Und wie ich mich informiert habe, also ich habe alles dazu gelesen, was ich im Internet finden konnte über diesen Beruf. Ich habe verschiedene YouTube-Filmchen dazugeschaut, also eigentlich über alle drei Berufe und habe dann auf dem, was ich so zusammengesammelt habe, so ein bisschen meine Entscheidung getroffen und ich habe tatsächlich auch nach Social-Media-Accounts gesucht von Leuten, die diesen Beruf ausüben. Die Entscheidung, mich zu bewerben, habe ich gefällt irgendwann im Juli, habe mich dann, glaube ich, im August beworben und habe mich gleichzeitig auch für ein Praktikum beworben in dem Bereich. Und für das Praktikum habe ich so ziemlich sofort die Zusage bekommen. Für die Ausbildung habe ich die Zusage bekommen am ersten Tag meines Praktikums. Ist es für mich nicht längst zu spät? Nimmt mich überhaupt jemand? Schaffe ich das? Das sind Fragen, die einem durch den Kopf gehen können, wenn man noch einmal ganz von vorne anfängt. Die gute Nachricht, erfahrene BewerberInnen werden bei Arbeitgebern immer beliebter. Stellenbeschreibungen für Ausbildungsplätze müssen heute auch nach dem allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz nicht nur genderneutral, sondern auch altersneutral formuliert sein. Somit darf man ganz offiziell nicht aufgrund seines Alters benachteiligt werden. Dennoch ist es natürlich richtig, dass Raphael und Ella rein statistisch gesehen eher einen Exotenstatus haben, da die meisten Auszubildenden zwischen 15 und 22 Jahre alt sind. Trotzdem verschiebt sich die Altersgrenze in den letzten Jahren immer mehr nach oben. Wie viele Menschen genau jetzt über 30 oder 40 eine Ausbildung machen, darüber hat die Bundesagentur leider keine Zahlen, weil sie die Auszubildenden nicht nach Alter filtern kann. Aber generell, ja, klar, man fängt wieder von vorne an irgendwie. Man ist natürlich jetzt nicht unbedingt der Azubi, der jetzt irgendwie erst einen Tag da ist mit 17 oder 18 oder so oder auch jünger. Hat natürlich schon einfach auch, bringt viel Lebenserfahrung mit und das funktioniert natürlich dann schon anders. Aber das Spannende auch, also ich gehe natürlich auch normal zur Berufsschule. Also du drückst nochmal die Schulbank, kann man ja quasi sagen. Drücke nochmal die Schulbank und macht mir auch Spaß und ist tatsächlich auch anders als jetzt, also ich habe, kann man auch so sagen, so dieses Abi mit dem Minimum das irgendwie gemacht und bin da aber jetzt auch ganz anders motiviert. Also das natürlich jetzt 20 Jahre später im Prinzip, schaue ich da auch anders drauf, interessiert mich viel mehr und bin ich ganz anders motiviert. Und wenn du so in die Reihen neben dir schaust, dann nehme ich an, sind die Gesichter da ein bisschen, nicht nur die Gesichter, sondern auch die Menschen ein bisschen jünger. Reist du die dann eher mit so? Also können die ein bisschen was lernen von deiner Reife oder bist du einfach einer von allen quasi, einer von vielen? Ja, also ich glaube, ich bin schon so ein bisschen, also Außenseiter würde ich nicht sagen, aber klar, die meisten sind, ich sage mal zwischen 18 und 22. Es gibt trotzdem ein paar, die sind auch Anfang, Mitte 30 und das ist noch so die Mitschüler, die am nächsten dran sind, die auch einfach ein bisschen mehr Lebenserfahrung haben. Spannend ist natürlich auch noch die Frage nach den Finanzen. Raphael Büchel kommt mit seinem Azubi-Gehalt aktuell gut aus, da er von der Arbeitsagentur unterstützt wird. Diese gewährt eine Berufsausbildungsbeihilfe, also einen Zuschuss zum regulären Ausbildungsgehalt. Man bekommt diesen Zuschuss, wenn einer dieser folgenden Punkte zutrifft. Entweder man hat bisher noch keinen Berufsabschluss oder man kann aus gesundheitlichen Gründen den momentanen Beruf nicht mehr ausüben oder man hat im jetzigen Beruf keine Möglichkeit mehr, in der Berufswelt Fuß zu fassen. Es gibt noch weitere Finanzspritzen, die zählen könnten. Zum Beispiel kann man Wohngeld beantragen, einen Bildungsgutschein oder ein Aufstiegs-BAföG. Also grundsätzlich habe ich das natürlich klar mit meiner Frau auch besprochen und so. Und es ist aber einfach so, dass die Ausbildung ist normalerweise drei Jahre. Verkürzt für mich im Prinzip jetzt auf zwei Jahre, einfach mit der Erfahrung und Berufserfahrung. Und man wird eben auch unterstützt von der Bundesagentur für Arbeit. Also das ist nicht so, dass man jetzt wirklich mit dem Azubi-Gehalt auskommen muss. Was man so kennt aus dem ersten Ausbildungsjahr. Genau. Und weil sonst wäre das schon schwierig. Und dadurch aber das mit der Unterstützung, das funktioniert dann schon. Anders als Raphael steht Ella der Ausbildungsbeginn noch bevor und sie hat jetzt keine großen finanziellen Ängste. Sie hat ja schon gesagt, dass sie voraussichtlich sogar ein bisschen mehr verdienen wird als in ihrem aktuellen Job, aber sie hat trotzdem ein paar Sorgen, die sie jetzt hier mit uns teilt. Und ja, natürlich ist das irgendwie eine Entscheidung, die jetzt nicht super, super glatt mir von der Hand geht. Vor allem halt deshalb, weil ich drei Kinder habe, unter anderem eins, was behindert ist. Und ich muss eine dreijährige Ausbildung machen, in der ich eine maximale erlaubte Fehlzeit von 10 Prozent habe. Also egal, ob ich krank bin oder sonst irgendwas, ich darf nicht mehr als 10 Prozent fehlen. Und das ist mit Kindern sowieso schon, aber insbesondere mit einem behinderten Kind einfach eine Riesenherausforderung. Und dieser ganze Ausbildungsplan, der steht und fällt damit, wie gut ich meine Tochter betreut bekomme. Ich habe dafür jetzt erstmal eine ganz gute Lösung gefunden. Und ich suche auch nach weiteren Betreuungs-Backups und irgendwelchen Notfallmöglichkeiten und so weiter, damit es nicht nur auf einem Fuß, auf einer Säule steht sozusagen. Aber es ist halt einfach echt heikel. Also es darf in den drei Jahren einfach nichts Wesentliches passieren. Und natürlich bin ich noch in der Phase, wo ich diese Entscheidung immer wieder anzweifle. Aber dann muss ich mir halt auch sagen, egal was ich mache oder was ich nicht mache und auch dann, wenn ich diese Ausbildung jetzt nicht machen würde, kann in drei Jahren alles passieren und es kann auch einfach in drei Jahren gar nichts passieren. Und auch wenn ich diese Ausbildung nicht machen würde und in dem vermeintlich sicheren Job bleiben würde, könnten in drei Jahren einfach Dinge passieren, die mich auch irgendwie existenziell in irgendwelche Grenzgebiete bringen. Also nur weil ich den Job jetzt habe, heißt das ja auch nicht, dass der auf alle Ewigkeiten sicher ist. Ich kann das ganz gut nachvollziehen, was Ella hier beschreibt und trotz der Sorgen und kleinen Zweifel hört man, finde ich, bei ihr raus, dass sie sich total auf den Ausbildungsstart im Frühjahr freut. Anders als Ella ist Raphael schon fast am Ende seiner Ausbildung angekommen und ist froh, dass er geregelte Arbeitszeiten hat und auch mit Themen zu tun hat, die ihn wirklich interessieren. Also es ist eine 40-Stunden-Woche und ich habe jede Woche Mittwochs Berufsschule und jeden zweiten Freitag Berufsschule. Und ansonsten, was ich auch sehr angenehm finde und meine Söhne auch und meine Frau auch, das sind einfach geregelte Arbeitszeiten. Ich habe jetzt keine Arbeit, keine Schichten mehr. Das heißt, 7 bis 16 Uhr, Montag bis Freitag und das war's. Mehr Struktur so im Alltag? Definitiv mehr Struktur und ich habe halt wirklich früher, also fast jeden Samstag, gearbeitet. Und das hat mir jetzt nicht viel ausgemacht, aber es ist natürlich schon was anderes, auch wenn man wirklich zwei Tage am Stück frei hat und mal ein Wochenende was planen kann mit der Familie und so weiter. Und das kannte ich davor auch so nicht. Und schon schön, ja. Was natürlich für jeden Auszubildenden, jede Auszubildende total wichtig ist, ist von der Firma am Ende übernommen zu werden und wenn man einfach schon ein gewisses Alter erreicht hat, spielt das nochmal eine wichtigere Rolle. Für mich war es wichtig, mir einen Job rauszusuchen, bei dem ich nach der abgeschlossenen Ausbildung quasi eine Übernahmegarantie habe, weil es mir einfach nichts bringt, mit Ende 40 eine abgeschlossene Ausbildung zu haben, aber dann halt Berufsanfängerin zu sein und keiner will mich haben. Und ja, ich wollte auch einfach was machen, natürlich in einem Feld, was mich interessiert. Und so bin ich dann halt ziemlich schnell auch bei medizinischen Berufen gelandet und damit natürlich bei der Uniklinik in Freiburg. Hab dann geschaut, was es da so an Angeboten gibt und es gibt eine Menge verschiedener medizinischer Ausbildungsberufe. Jetzt gibt Raphael noch einen kleinen Ausblick, wie es bei ihm weitergeht. Ich bedanke mich fürs Zuhören. Ihr findet alle Infos und Links in den Shownotes und bis zum nächsten Mal bei BZ am Ohr. Ja, also sind jetzt Anfang Mai die Prüfungen. Das heißt, ja, ich werde im Prinzip jetzt auch Anfang nächsten Jahres anfangen mit Lernen. Und das sind eben auch, genau, theoretische, praktische Geschichten. Und ja, ich bin im Gespräch mit meinem Chef, meinen Chefs, wie es weitergeht, und ist aber noch nichts Konkretes. besitzt.