Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 3. Theil - 14 - Von der grossen Sehnsucht
Transcript
- 0:00Also sprach Zarathustra ein Buch für alle und keinen dritter Teil
- 0:05Unterkapitel 14 von der großen Sehnsucht in diesem Unterkapitel
- 0:12führt Zarathustra ein tiefes und inniges Gespräch mit seiner
- 0:15eigenen Seele. Es ist ein Rückblick auf all
- 0:18das, was er ihr beigebracht hat, und eine Feier ihrer gemeinsamen
- 0:21Entwicklung. Er beginnt damit, dass er seiner
- 0:24Seele beibrachte, das heute genauso zu betrachten wie das
- 0:27einst und das ehemals. Das ist eine Anspielung auf die
- 0:30Idee der ewigen Wiederkunft. Die Ewige Wiederkunft ist einer
- 0:34der wichtigsten Gedanken von Friedrich Nietzsche und
- 0:37bedeutet, dass sich das ganze Leben mit all seinen Freuden und
- 0:40leiden unendlich oft genau gleich wiederholt.
- 0:44Wer das heute wie die Vergangenheit akzeptiert und
- 0:47bejaht, befreit sich von der Last der Zeit.
- 0:50Zarathustra erklärt weiter, dass er seine Seele von allem Staub,
- 0:53von Spinnweben und aus engen, dunklen Ecken befreit hat.
- 0:57Diese Begriffe stehen bildlich für alte, verstaubte
- 1:00Moralvorstellungen und kleine bürgerliche Tugenden, die die
- 1:03Menschen klein halten. Er hat die Seele gewaschen und
- 1:07sie nackt in das Licht der Sonne gestellt, das bedeutet, die
- 1:10Seele muss sich für ihre wahre, natürliche Art nicht mehr
- 1:13schämen, sie ist frei von dem falschen schlechten Gewissen,
- 1:17das ihr von der Gesellschaft eingeredet wurde, er beschreibt,
- 1:21wie er die Seele mit einem starken Sturm gereinigt hat,
- 1:24diesen Sturm nennt er den Geist Dieser Geist hat alle dunklen
- 1:28Wolken weggeblasen und auch die sogenannte Sünde erwürgt.
- 1:32Die Sünde ist für Nietzsche nur ein von Menschen erfundenes
- 1:35Konzept, das dazu dient, die Seele einzuschnüren und zu
- 1:38kontrollieren. Nun hat die Seele das Recht, ein
- 1:42starkes Nein zu sagen, das wie ein Sturm alles alte umreißt und
- 1:46ein strahlendes Ja zu sagen, das so offen und weit ist wie der
- 1:50Himmel dieses Ja sagen, ist die absolute und freudige Bejahung
- 1:54des Lebens, genauso wie es ist. Zarathustra hat der Seele auch
- 1:58das verachten beigebracht, aber er meint damit keinen
- 2:02gewöhnlichen Hass. Er nennt es das Große, das
- 2:06Liebende verachten, das bedeutet, man verachtet den
- 2:10aktuellen, unvollkommenen Zustand des Menschen nur aus dem
- 2:13Grund, weil man das riesige Potential liebt, das in der
- 2:16Menschheit steckt, man liebt das, was der Mensch in der
- 2:19Zukunft noch werden kann. Für Nietzsche ist dieses Ziel
- 2:23der Übermensch. Der Übermensch ist ein Mensch,
- 2:26der alle alten Werte hinter sich gelassen hat und aus eigener
- 2:29Kraft neue, lebensbejahende Werte für sich erschafft, um die
- 2:33Seele dorthin zu führen, hat er sie davon befreit, immer nur
- 2:36gehorchen zu müssen oder vor anderen Autoritäten auf die Knie
- 2:39zu fallen. Er hat ihr neue stolze Namen
- 2:42gegeben, er nennt sie zum Beispiel Schicksal.
- 2:46Die Seele ist nun kein Opfer mehr, das von außen gelenkt
- 2:49wird, sondern sie ist ihr eigener Herr und bestimmt ihr
- 2:52Schicksal selbst. Zarathustra hat seiner Seele all
- 2:56seine Weisheit zu trinken gegeben.
- 2:58Er vergleicht diese Weisheit mit alten und neuen starken Weinen
- 3:02durch diese geistige Nahrung ist die Seele gewachsen und gereift,
- 3:06er beschreibt seine Seele nun als einen überreichen Weinstock,
- 3:09an dem die Reifsten und schwersten Trauben hängen, die
- 3:13Seele ist so voll von innerem Reichtum, Kraft und Weisheit,
- 3:16dass sie fast unter ihrem eigenen Gewicht leidet, sie
- 3:20wartet sehnsüchtig darauf, ihren Überfluss an andere abgeben zu
- 3:23können. Hier berührt Nietzsche sein
- 3:25Konzept der schenkenden Tugend. Die schenkende Tugend ist die
- 3:29höchste Form der Tugend, sie entsteht nicht aus einem Gefühl
- 3:32der Pflicht oder aus Mitleid, sondern aus purer innerer
- 3:36Überfülle. Die reiche Seele muss sich
- 3:38verströmen und ihre Schätze verschenken wie eine Sonne, die
- 3:41gar nicht anders kann, als zu leuchten.
- 3:44Zarathustra fragt sich in diesem Moment, wer eigentlich wem
- 3:47danken muss, muss nicht der gebende dem Nehmenden danken,
- 3:50dass er ihm die Last seines Überflusses abnimmt?
- 3:53Diese gewaltige Fülle und Sehnsucht erzeugt in der Seele
- 3:56eine goldene Traurigkeit oder Schwermut.
- 4:00Die Seele ist so überwältigt von ihrem eigenen Reichtum, dass sie
- 4:03am liebsten weinen möchte, sie sucht nach Menschen, die stark
- 4:07genug sind, ihre Geschenke zu empfangen, aber Zarathustra
- 4:10möchte nicht, dass seine Seele weint, weinen ist für ihn eine
- 4:14Form der Klage, und Klagen bedeutet immer, dass man etwas
- 4:18anklagt oder mit dem Leben unzufrieden ist.
- 4:21Die vollkommene Seele darf das Leben aber nicht anklagen.
- 4:24Wenn die Seele also ihre tiefe Sehnsucht nicht durch Tränen
- 4:27ausdrücken darf, muss sie einen anderen Weg finden.
- 4:31Zarathustra befiehlt ihr deshalb zu singen, sie soll mit einem
- 4:35brausenden, gewaltigen Gesang singen, bis alle Meere still
- 4:38werden und nur noch auf ihre Lieder hören.
- 4:41Der Gesang ist der höchste Ausdruck der Lebensbejahung und
- 4:44der Freude. Zarathustra schließt seine Rede
- 4:47ab, indem er sagt, dass er seiner Seele alles gegeben hat,
- 4:51was er besaß. Seine Hände sind nun leer, sein
- 4:55letztes Geschenk und sein letzter Befehl an sie war die
- 4:58Aufforderung zum Singen, nun fordert er sie auf, dieses Lied
- 5:02anzustimmen, während die Seele singt, will Zarathustra
- 5:05derjenige sein, der zuhört und einfach nur von ganzem Herzen
- 5:09dankt.