Latest / BZ am Ohr / Jenny Haas steht in Offenburg gegen Rechtsextremismus auf
Transcript
- Ich finde es wichtig, dass wir da hinschauen, weil das eben so ein dunkles Loch ist und auch so ein Kaninchenbau, in dem man sich auch manchmal verrennt. Ich finde es aber unheimlich wichtig, dass die Menschen Bescheid wissen, denn die AfD ist keine Alternative, sie ist keine normale Partei, sie ist rassistisch, antisemitisch. Sie hetzt gegen alles, was irgendwie geht und sie versucht, unsere Demokratie abzuschaffen mit den Mitteln der Demokratie und das halte ich für sehr, sehr gefährlich. Herzlich willkommen zu einer neuen Folge BZ am Ohr. Die Demokratie in Deutschland ist gefährdet wie lange nicht mehr seit Bestehen der Bundesrepublik. Es braucht Menschen, die sie verteidigen, ist allen halben zu hören. Vor zehn Jahren hat sie in Offenburg die Initiative Aufstehen gegen Rassismus gegründet. Ihre Sprecherin Jenny Haas ist heute zu Gast bei uns im BZ-Podcast-Studio. Herzlich willkommen. Ja, danke schön für die Einladung. Sehr gerne. Mein Name ist Sebastian Kaiser. Jenny, wir stehen vor einer wichtigen Landtagswahl. Die AfD wird vermutlich ein sehr starkes Ergebnis einfahren. Mit welchen Gefühlen blickst du auf diesen Wahlgang? Mit gemischten Gefühlen. Ich fürchte das Schlimmste. Ich fürchte, dass die AfD massiv an Stimmen dazugewinnt, was für unsere Demokratie verheerend ist, weil sie dann natürlich im Parlament in noch stärkerer Zahl sitzen. Und was ihnen natürlich einfach Ressourcen schafft, die sie auch in ihrem Sinne nutzen. Über kleine Anfragen, über Interventionen, über Ausschüsse, über irgendwelche Vorstandsposten und so weiter. Und das halte ich für sehr gefährlich. Ihr seid mit Aufstehen gegen Rassismus vor allen Dingen in Offenburg aktiv. Ihr recherchiert dort Demokratiefeind, hier Bestrebungen, rechtsextreme Tendenzen. Wie wirkt sich sowas aus, auch auf eine Stadtgesellschaft dort? Was hast du da für einen Eindruck? Wir gucken ja immer genau dahin, wo sonst keiner hinguckt. Also da, wo es hässlich ist, da, wo Ausgrenzung, Diskriminierung, Hass, Hetze stattfinden, machen das dann auch öffentlich. Wir haben da eine gemischte Erfahrung, sage ich mal. Es gibt Leute, die finden das richtig gut, die unterstützen uns, Die sagen immer wieder, toll und es ist wichtig, dass ihr das macht. Aber es gibt natürlich genauso viele, die sagen, dass wir diejenigen sind, die da immer im Schmutz wühlen und die das rausziehen. Und wenn es uns nicht gäbe, dann wäre die AfD auch nicht so groß, weil wir würden die ja nur groß machen mit unseren Demos oder mit unseren Recherchen. Und dadurch, dass diese Dinge dann an die Öffentlichkeit kommen und natürlich auch eine mediale Aufmerksamkeit bekommen, dass darüber berichtet wird, was natürlich Quatsch ist, weil sie sind ja da. Kurze Werbung. Aus Freiburg nach Kapstadt mit dem Fahrradfahren. Das hat Wiebke Lühmann gemacht. Im Live-Podcast erzählt uns die 31-jährige Freiburgerin, was sie in 22 afrikanischen Ländern erlebt hat. Wie es ist, als Frau alleine zu reisen und das Gefühl von absoluter Freiheit zu genießen. Dabei gibt sie auch ihre eigenen emotionalen Herausforderungen preis. Das Zurückkehren nach Deutschland, ebenso wie den Drang, immer wieder aufzubrechen. Darüber sprechen wir am 13. Februar im Theater Freiburg. Und ihr könnt live dabei sein. Tickets gibt es unter mehr.bz slash Kapstadt und überall, wo es Karten fürs Theater Freiburg gibt. Werbung Ende. Magst du mal ein bisschen auch unseren Hörerinnen und Hörern beschreiben, was ihr denn macht, wie eure alltägliche Arbeit aussieht? Wir schauen uns die Dinge an, die Rechte bei uns in der Gegend, im Ortnau-Kreis in Offenburg speziell machen. Das sieht so aus, dass wir ihre Social-Media-Kanäle überwachen. Oder was heißt überwachen, klingt immer so groß, aber wir schauen sie halt an. Wir lesen mit, was sie schreiben, wir lesen die Kommentare, wir gucken, wer ist da mit wem unterwegs, was passiert da gerade. Dann schauen wir, was passiert auf der Straße. Also wer treibt sich da rum? Was gibt es für Schmierereien? Was sind da für Aufkleber? Also wir hatten zum Beispiel eine Weile ganz, ganz viele Ultrarechteaufkleber von Druck 18 und Druck 88. Das ist ein Ultrarechter Versandhandel aus... Magst du kurz sagen, was die Zahlen 18 und 88 in diesem Kontext bedeuten? Das sind rechte Codes. Die 88 steht für Heil Hitler, der achte Buchstabe im Alphabet, 18 für Adolf Hitler. Das sind natürlich rechte Codes, die dieser Druck ganz bewusst als Provokation einsetzt. Also der hat dann T-Shirts, wo das draufsteht. Aber das ist ja auch ein ganz bekannter Neonazi aus Kloster Vestra, glaube ich, kommt da von der Gegend. Und von diesem Versandhandel hatten wir eine Weile ganz, ganz viele Aufkleber. In der Stadt? In der Stadt. Das waren teilweise in einer Nacht 100, 150 Aufkleber. Das haben wir uns natürlich alles genau angeschaut. Wir haben die zum Teil runtergemacht, zum Teil auch überklebt, wenn sie nicht abzumachen waren. Haben das dokumentiert, wo waren die Aufkleber, wann waren die da. Wir haben diese Aufkleber auch archiviert, haben Fotos gemacht und eben die Aufkleber runtergeknibbelt. Für uns war das insofern interessant, weil wir gesehen haben, dass da Routen gelaufen werden. Also dass da irgendwelche rechten AktivistInnen bestimmte Wege immer wieder gehen. Und das hat man gesehen, wo dann eben diese Aufkleber waren. Hat dann aber plötzlich aufgehört. Ich habe mich dann an den Gemeinderat gewendet. Und da gab es dann wohl auch mal im Gemeinderat so eine Ansage, dass da sehr viele rechte Aufkleber und dann war schlagartig Schluss. Also man weiß nicht, was da war, wer das war. Wir vermuten, das war die junge Alternative, weil es lag immer sehr nah an ihrem Stammtisch. Also an der Zeit, wo sie ihren Stammtisch haben und auch auf dem Weg, wo ihr Stammtisch ist. Wenn ihr solche Enthüllungen macht und ihr habt einige solche Enthüllungen in den vergangenen zehn Jahren gemacht, welche Reaktion bekommt ihr da vor Ort? Zum Teil, wie gesagt, ganz positiv, dass die Leute schockiert sind, dass sie sagen, oh Gott, das habe ich nicht gewusst und das ist ja schlimm und gut, dass das jemand sagt. Und dann aber auch ganz oft negativ, gerade von Mandatsträgern, die sagen, warum müsste das jetzt schon wieder rauskramen, warum muss das jetzt sein. Und die sind ja gar nicht so. Und der AfD-Abgeordnete, der jetzt bei mir im Gemeinderat ist beispielsweise oder im Kreistag, der ist ja gar nicht so rechts. Das sind schon Dinge, die wir oft hören. Das, was ihr macht, ist Graswurzelarbeit. Ihr seid mitten in der Gesellschaft. Warum ist es so wichtig, was ihr tut? Wie motivierst du dich da oder was sind deine persönlichen Beweggründe? Ich finde es wichtig, dass wir da hinschauen, weil das eben so ein dunkles Loch ist und auch so ein Kaninchenbau, in dem man sich auch manchmal verrennt. Ich finde es aber unheimlich wichtig, dass die Menschen Bescheid wissen, denn die AfD ist keine Alternative, sie ist keine normale Partei, sie ist... Rassistisch, antisemitisch. Sie hetzt gegen alles, was irgendwie geht. Und sie versucht, unsere Demokratie abzuschaffen mit den Mitteln der Demokratie. Und das halte ich für sehr, sehr gefährlich. Sie ist keine verbotene Partei in Deutschland? Noch nicht. Ich hoffe, dass es passiert. Das ist eine ganz klare Forderung von uns. Es muss dringend in ein AfD-Verbotsverfahren eingeleitet werden. Ganz, ganz dringend. Denn diese Partei ist gewillt, das abzuschaffen, was wir haben. und unsere Demokratie ist großartig. Das ist die beste Staatsform, die wir je hatten. Aber ist es nicht auch gefährlich, ein Verbot von einer Partei zu fordern, die von so vielen Menschen in Deutschland gewählt wird und deren Akteure ja nicht alle rechtsextremistisch sind? Ich glaube, dass es wichtig ist, dieses Verbotsverfahren einzuleiten und zu gucken, was passiert. Natürlich werden die Wähler nicht verschwinden. Ich glaube auch, dass das zweigleisig passieren muss. Zum einen brauchen wir da eine juristische Einordnung und ein juristisches Verfahren. Und das ist ja das Tolle an unserem Grundgesetz. Wir haben das ja, wir haben diese Möglichkeit, sowas zu machen. Und zum anderen muss Politik natürlich auch die Wähler dieser rassistischen Partei ein Stück weit wieder einfangen und abholen. Auch Gesellschaft muss ein Stück weit einfangen und abholen und wieder integrieren. Da muss was passieren. Ich halte es aber trotzdem für wichtig, diese Partei zu verbieten, weil man ihnen einfach auch Ressourcen nimmt, wenn sie verboten sind. Die haben ja unendliche Geldressourcen, wenn man sich anschaut, wie viel Geld die im Bundestag beispielsweise für ihre Abgeordneten kriegen. Und da sehen wir ja ganz klar, dass sie Rechtsextreme, dass sie Identitäre, dass sie Neonazis beschäftigen. Und dieses Geld fließt in die Struktur und die sind gewillt, dieses Geld auch auszugeben. Die schießen unendlich viel Geld auch in Kampagnen, in irgendwelche Social-Media-Geschichten, was andere Parteien einfach gar nicht machen. Du sagst, und das finde ich einen spannenden Punkt, Gesellschaft und Politik muss einen Umgang mit dieser Partei finden, sich abgrenzen. Was hast du für einen Eindruck, wie das bei euch in der Ortenau, auch in Offenburg, passiert oder nicht passiert? Ich habe da beispielsweise AfD, Stadtrat, Gemeinderat drinsitzen. Was hast du da für einen Blick drauf? Also ich sehe, es wird versucht, sich abzugrenzen, ja, aber das funktioniert nur dann, wenn wir irgendwas ganz Skandalöses öffentlich machen. Also wir haben öffentlich gemacht, dass unser Stadtrat, also zwei davon, weil wir haben ja eine Fraktion mit sechs AfD-Stadträten, zwei davon waren in Schnellrode bei Götz Kubitschek und haben sich dort quasi ihr geistiges Manner abgeholt und waren dort beim Sommerfest. Da waren jede Menge Rechtsradikale dabei. Da waren Leute von der NPD dabei, da waren Identitäre dabei, da war Maximilian Krah. Also das war so ein Schaulaufen, das Who is Who. Und da waren die dabei und wir haben das öffentlich gemacht. Es gab da sehr gute Fotos von Recherche Nord, die uns die Fotos auch immer zur Verfügung stellen. Was ja auch ganz großartig ist, dass man über die Grenzen des Landes und des eigenen hinaus so miteinander arbeiten kann. Und profitieren und partizipieren kann. Und wir haben das öffentlich gemacht. Und da waren natürlich alle erstmal schockiert. Und das ist ja ganz schlimm. Und ach du meine Güte. Und da hat es auch funktioniert, dass sie eine Stellungnahme gemacht haben. Aber wenn zum Beispiel jetzt irgendeine Veranstaltung ist in der Stadt. Und er taucht da auf, dieser Stadtrat. Dann geben sie sich die Hand. Dann sitzen sie nebeneinander. Ja, ich würde mich nie neben so einsetzen. Und ich würde gar nicht proaktiv da hingehen und sagen, ist der Stuhl noch frei und mich hinsetzen. Aber das passiert. Oder er läuft rein auf die Veranstaltung und da steht unser Oberbürgermeister und er gibt ihm die Hand. Er gibt ihm die Hand, wie jedem anderen Staatrat auch. Und das finde ich schwierig, weil das sind halt genau die Dinge, wo ich sage, da muss man sich distanzieren, weil er muss das ja merken, dass man ihn nicht mag. Fehlt es da in den Kommunen an Problembewusstsein oder fehlt es euch direkt in Offenburg da auch an Problembewusstsein den politischen Akteuren vor Ort? Ich sehe eine große Normalisierung, die da stattfindet. Dadurch, dass sie eben im Mandat sind und ihren Mist rausplappern können, wie sie wollen. dadurch, dass sie auch immer wieder in der Zeitung erscheinen und gehört werden, findet so eine gewisse Normalisierung statt. Und dann ist es halt ein Stadtrat wie jeder andere und der hat halt krude Ansichten vielleicht und vielleicht hat er auch rechte Ansichten, aber es ist halt so ein Stadtrat wie jeder andere auch. Und das ist gefährlich, wenn wir anfangen, sie zu normalisieren. Wenn wir denken, ja, die sind wie jeder andere Stadtrat auch und das ist sein gutes Recht, dass er das da reden darf und, und, und. Und das ist schwierig. Er darf alles sagen, aber man muss ihm halt auch immer widersprechen, wenn er halt Quatsch sagt. Oder wenn er rechte Parolen loslässt. Oder der Taras Mayguchek, der läuft ja immer auf so einer roten Linie. Immer noch, gerade so im Bereich des Legalen. Erst während Corona mit einem Schild um den Hals rumgelaufen, da stand drauf, ich bin im Ort das größte Schwein, ich setze mich für die Grundrechte ein. Wir kennen dieses Bild. Wir kennen dieses Bild aus der NS-Zeit. Das ist eine ganz krasse Relativierung der Shoah. Das ist eine krasse Geschichtsrelativierung grundsätzlich. Und es passiert erst dann was... Wenn wir das dann öffentlich machen, wenn dann ein kleiner Skandal draus wird. Und eigentlich müsste da sofort was passieren. Wie reagiert die Zivilgesellschaft bei euch vor Ort auf solche Enthüllungen? Die sind meistens tatsächlich erstmal entsetzt. Ganz oft kommt, das habe ich nicht gewusst. Also wir hatten letztes Jahr im März bei den Internationalen Wochen gegen Rassismus eine große Ausstellung. Die haben wir 14 Tage laufen lassen. Und das Thema der Ausstellung war rechte Strukturen in der Ortenau. Und da waren über 200 Besucher und die sind alle rausgelaufen und haben gesagt, ich wusste nicht, dass es so schlimm ist. Das habe ich nicht gesehen, das habe ich nicht gewusst. Die sind ganz entsetzt, wenn sie, wir haben so eine Echokammer quasi gemacht, wo wir die schlimmsten Screenshots und die schlimmsten Social-Media-Beiträge mal in eine Datei gefasst haben und die dann auch mit eingelesenem Text unterlegt haben. Und da stehen die Leute davor und sind entsetzt darüber, was im Netz passiert. Und das sind nur Screenshots und nur Beiträge von Leuten aus Offenburg und Umgebung. Also das ist nicht irgendwas im Osten, was man ja gerne sagt, weil der Osten ja so radikal ist. Oder weil da ja die ganz schlimmen Nazis sind. Bei uns sind sie ja nicht so schlimm. Und darüber waren die Leute entsetzt, weil sie die Leute teilweise ja auch kannten, was da an Hass und Hitze unterwegs ist. Und ich glaube, viele wissen dann auch nicht, was sie tun sollen. Ja, das ist ja auch schwierig. Was soll man denn tun? Sie können das ja einfach ungefiltert raushauen. Aber ja, wir haben die Möglichkeit zu widersprechen. Und das ist ja eben das Großartige an unserer Demokratie, die Meinungsfreiheit. Und wir können die ja auch nutzen. Und wir haben ja genau dieselben Ressourcen. Wir haben alle ein Handy, wir haben alle einen Internetzugang. Wir können diese Ressource nutzen und widersprechen. Auch wenn es manchmal nicht schön ist, dahin zu gucken, auch wenn es nicht schön ist, zu widersprechen, weil es kommt immer ein Widerspruch, es entwickelt sich dann immer irgendwas. Man muss da dranbleiben, es ist anstrengend, es ist unbequem. Bequemer ist es, im Biergarten zu sitzen und sein Bier zu trinken und zu ignorieren, dass der Stammtisch da stattfindet. Aber manchmal muss man halt auch einfach aufstehen und was tun und unbequem und ungemütlich sein. Aufstehen gegen Rassismus ist ein ganzer Kreis von Personen. Jetzt ist es so, dass du die Sprecherin bist und auch das Gesicht der Initiative. Was bringt das im Alltag mit sich für dich? Positives und Negatives. Also Positives ist, wenn mich Leute ansprechen und sagen, toll, was ihr macht. Positives ist auch, wenn Leute sich melden und sagen, ich habe dieses und jenes erlebt, könnt ihr uns helfen. Und wenn wir dann tatsächlich auch helfen können. Also inzwischen ist es so, dass auch ganz viele Menschen ihre Rassismuserfahrung mit uns teilen, was ja auch ein großer Vertrauensbeweis ist. Nicht so schön ist, wenn ich angefeindet werde oder wenn im Gemeinderat die ganze Arbeit von AGR Offenburg halt auf mich konzentriert wird und dann heißt Frau Haas hat gesagt. Das ist nicht so schön, vor allen Dingen, weil dann keiner sagt, halt Moment, hören Sie auf. Es stimmt ja auch, was Frau Haas sagt zum Beispiel, weil wir recherchieren ja immer sehr, sehr genau, dass da eben nichts ist, was nicht wahr ist. Wenn du angefeindet bist, wie äußert sich sowas? Wie muss man sich das vorstellen? Ganz, ganz schlimm war es während der Corona-Proteste. Da bin ich zum Teil angespuckt worden, da bin ich angebrüllt worden. Denn mir ist auch passiert, dass man mir hinterherläuft, dass man mich anzischt und mir irgendwelche Schimpfwörter hinterherzischt. Also das allerschrägste Erlebnis, was das betrifft, war, da war ich nachts allein unterwegs. Und mir kam ein Mensch von der AfD entgegen, der mich angeschrien hat und gesagt hat, du bist die Erste, die an der Laterne hängt, wenn wir an der Macht sind. Und das ist bestimmt schon fünf Jahre, sechs Jahre her. Und das macht natürlich was. Das macht einen natürlich sprachlos. Auf der einen Seite, mich macht es manchmal dann auch wütend. Wirklich Angst macht es mir keine. Aber ich gehe schon anders durch die Stadt. Ich bin schon ein bisschen aufmerksamer. Du machst trotzdem weiter mit deiner Arbeit? Warum? Weil es wichtig ist. Es ist einfach wichtig. Sie sind gefährlich, sie sind Menschenfeinde. Und es kann nicht sein, dass wir solche Menschenfeinde dulden und tolerieren und unwidersprochen ihren rassistischen Mist machen lassen. Das kann einfach nicht sein. Hat das auch mit deiner eigenen politischen Sozialisation ein wenig zu tun? Ja, das hat natürlich... Ich bin in einem sehr politischen Elternhaus aufgewachsen. Wir waren immer sehr politisch. Also ich erinnere mich an so viele Küchentischgespräche. Ich erinnere mich auch an viele Feste bei uns innerhalb der Familie, wo die Internationale gesungen wurde oder andere Arbeiterlieder. Das gehört schon zu meiner Sozialisierung. Das gehört zu mir. Das wäre ich auch nicht ablegen können. Und ich komme schon auch aus einer renitenten Familie, glaube ich. Und hilft dir das? Ja, ja, ja. Also ich kriege ja von meiner Familie auch Feedback und die sind schon auch stolz drauf, dass wir so Sachen machen und dass wir das machen. Und dass wir eben nicht still sind. Ja, und auch, dass ich nicht still bin. Jetzt ist es so, dass... Die gesellschaftliche Situation sich immer weiter zuzuspitzen scheint. Wir haben Extremismus von rechts, der in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Wir haben es aber auch mit Extremismus von links zu tun, teilweise auch mit Antisemitismus, der von links kommt. Macht dir das Sorgen? Ja, also gerade der aufkeimende Antisemitismus sowohl von rechts als auch von links, der macht mir große Sorgen. Und wenn ich höre, was da passiert, dann bin ich entsetzt, wie viele Menschen ihren Kompass verlieren. Also auch wie viele linke Menschen ihren Kompass verlieren. Aber die größte Gefahr geht immer noch von rechts aus. Die meisten antisemitischen Äußerungen, die meisten antisemitischen Übergriffe kommen von rechts. Und da sitzt die Gefahr tatsächlich am meisten. Woran machst du das fest? Dazu gibt es auch eindeutig Studien, wo man das festmachen kann. Und wir brauchen ja nur mal in die Social-Media-Kanäle schauen von jetzt, sage ich mal, so besonders völkischen oder besonders rechten Leuten. Das sind ja antisemitische Stereotype, die da reproduziert werden. An die hat man ja schon manchmal fast nicht mal gedacht, die jetzt auf einmal wieder so aufploppen. Oder während der Corona-Zeit, also diese ganzen antisemitischen Verschwörungsnarrative, die da so breit getreten wurden. Oder irgendwelche Marionettengeschichten, irgendwelche Deep State und irgendwelche Ostküstenbänker und so. Also dieses ganze klassische Vokabular der Verschwörungserzählung, die antisemitische Ursachen hat, das ist ja alles wieder aufgeblöppt. Und es war erschreckend zu sehen, wie anschlussfähig das ist in der Pandemie, wie anschlussfähig das auch ist für Leute, die jetzt so aus dem eher grünen, esoterischen Bereich kommen, von denen man das eigentlich gar nicht denkt. Wir hatten hier auch in Südbaden eine rege Querdenker-Szene. Wir hatten Demonstrationen, Autokorsos. Was ist da passiert in unserer Gesellschaft? Was ist da kaputt gegangen? Ich glaube tatsächlich, dass, wenn man sich die Pandemie anschaut, ganz am Anfang war eine große Solidarität da. Da haben sich die Leute gegenseitig geholfen. Man hat Masken genäht, man hat sich gegenseitig eingekauft und, und, und. Und wahrscheinlich haben viele gedacht, okay, das ist jetzt mal 14 Tage und dann geht es weiter wie normal. Und das ist nicht passiert. Und eine Pandemie ist natürlich eine sehr, sehr komplexe Lage. Das ist hochkomplex. Wir wussten viel zu wenig. Wir waren schlecht vorbereitet auf eine Pandemie grundsätzlich. Es ist viel passiert. Politik hat jeden Tag neu entscheiden müssen. Virologen haben heute dies und morgen das gesagt. Aber das ist Wissenschaft. Das ist Wissenschaft und das ist Forschung. Und das kann sich ja permanent ändern, weil wir immer wieder neue Erkenntnisse gewinnen. Und die muss man da natürlich auch transportieren. Und ich glaube, die Leute sind nicht mitgekommen. Ich glaube, das war teilweise einfach auch zu viel. Und dann kam so ein ganz großer Egoismus auch. Ich, ich, ich möchte aber jetzt wieder meinen Kaffee trinken, meine Freunde treffen. Und ich glaube, dass das ganz viel kaputt gemacht hat. Und die haben so eine Schicksalsgemeinschaft gegründet, diese ganzen Pandemiegegner oder diese ganzen Corona-Leugner. Das war so eine Schicksalsgemeinschaft, da haben auf einmal Leute zusammengefunden, die normalerweise nie zusammengekommen wären und die haben ein gemeinsames Ziel gehabt und Rechte haben relativ schnell gemerkt, dass man das gut unterwandern kann und haben das dann auch erfolgreich getan. Müssen aber nicht auch Medien und Politik sich den Vorwurf gefallen lassen, zu einer Seite kommuniziert zu haben und vielleicht diese Menschen auch nicht mitgenommen zu haben und auch ihre Bedenken, die ja nicht alle unberechtigt waren? Ich glaube, durch diese hochkomplexe Lage in dieser Pandemie, da ist viel auf der Strecke geblieben an Kommunikation. Und ich glaube auch, und das hat mich auch selber oft entsetzt, wie die Kommunikation war. Man hätte definitiv anders kommunizieren müssen, man hätte Leute viel mehr mitnehmen müssen. Ich glaube aber, dass es wirklich der Komplexität der Lage geschuldet war, dass es nicht passiert ist. Es gab auch viele wirklich unsinnige Beschränkungen oder unsinnige Regeln, wo auch ich da gesessen bin und gedacht habe, ja, aber das ist völliger Quatsch. Warum soll ich das oder jenes nicht tun? Ja, damit gefährde ich niemand. Aber trotzdem haben wir ja als Gesellschaft so einen großen Wertekompass. Und der heißt ja, dass wir eine Solidargemeinschaft sind, dass wir uns gegenseitig schützen, dass wir aufeinander aufpassen, auch ein Stück weit. Und wenn das jetzt halt notwendig ist, dass ich... Wenn ich auf einer Bank sitze und mein Buch lese, dann mache ich das halt, weil das tut mir ja nicht weh. Und viele haben sich da so in ihrer Freiheit eingeschränkt gefühlt, die sind damit gar nicht klargekommen. Die haben das nicht verpackt, dass sie jetzt halt mal für eine gewisse Zeit die Füße stillhalten müssen und auf sich selber zurückgeworfen sind. Da kann man ja noch viel, viel tiefer blicken. In der Pandemie war man auf sich selbst zurückgeworfen. Und wie komme ich denn mit mir selber klar? Da könnte man lang drüber reden, aber ich glaube, dass Politik vieles versäumt hat und vieles nicht klar genug kommuniziert hat. Welche Lehren müssen wir daraus ziehen? Wir leben jetzt in der Zeitenwende, in einer ganz schwierigen politischen Situation. Auch wirtschaftlich sind die Probleme groß und viele Menschen treiben sich mit sehr vielen Ängsten und Sorgen um. Was kann man da besser machen, auch mit Hinblick auf das, was wir in der Pandemie vielleicht falsch gemacht haben? Ich glaube, Politik muss dringend wieder mehr mit den Menschen reden. Also nicht über irgendwelche Bildschirme, nicht über Social Media, sondern wirklich tatsächlich draußen auf der Straße. Die Parteien müssten dringend ihre Stammtische wieder installieren. Sie müssten dringend auch jetzt im Wahlkampf auf die Straße gehen, mit den Leuten reden, auch dahin gehen, wo es vielleicht unbequem ist, auch mal in ein Viertel gehen, wo halt 40 Prozent die AfD wählen. Ihr habt es in Offenburg, ihr habt solche Viertel. Geht die Politik dahin, dorthin, wo es wehtut, dorthin, wo man sich die unbequemen Fragen gefallen lassen muss? Nahezu nie. Und das ist ziemlich schade, weil ich bin überzeugt, dass man den einen oder anderen durchaus erreichen kann. Ich finde es wichtig, dass man es versucht, also als Politik oder als Partei. Und ich finde es wichtig, dass wir bei all dem, was die Rechten betrifft, Was die AfD so tut, die schürt ja nur Angst. Angst und Hass und Hetze und negative Gefühle. Und der große Motor der AfD ist ja dieses Arbeiten mit der Angst. Und ich glaube, dass demokratische Parteien dem enorm was entgegenzusetzen haben. Nämlich eigentlich auch ein positives Narrativ. Und dieses positive Narrativ, sie schaffen es im Moment einfach nicht, dieses Narrativ zu bilden und zu sagen, aber wir kriegen das hin und wir kriegen das hin, weil wir das so und so machen. Das wird vielleicht am Anfang nicht so toll sein, aber ihr werdet sehen, mit einer gewissen Zeit wird sich dieses und jenes so und so entwickeln. Sprichst du mit euren Landtagskandidaten, keine Ahnung, von CDU, SPD, Grüne und fragst sie, warum geht er nicht vor Ort, warum geht er nicht in diese Problemviertel? Ich spreche mit denen, ja. Ich biete es auch immer wieder an, im Austausch zu bleiben. Ich glaube, ganz vieles passiert nicht, weil sie Angst haben. Ganz vieles passiert nicht, weil sie zum Teil auch resigniert haben, was ich ganz, ganz, ganz furchtbar finde. Und vieles passiert nicht, weil sie die Notwendigkeit nicht sehen. Weil sie sagen, ja, aber wir haben ja unsere Wähler und die sprechen wir an und dann gehen wir nicht in dieses Problemviertel und ja, wenn uns da was passiert. Also teilweise auch Angst, ja. Teilweise haben sie auch Bedenken, wenn sie da hingehen. Ja, kann man haben, aber da muss man sich halt überwinden. Wir haben jetzt viel über die Politik gesprochen. Was kann Zivilgesellschaft vor Ort tun, in der Stadt, in der Gemeinde, im ländlichen Raum? Was kann man tun im Umgang mit Extremisten, mit Antisemitismus, mit all diesen gesellschaftlichen Problemen, über die wir gerade gesprochen haben? Ich glaube, wichtig ist, dass wir erstmal solidarisch bleiben. Dass wir uns nicht spalten lassen. Dass wir uns die Demokratie nicht schlecht reden lassen. Dass wir uns keine Angst machen lassen und nicht auf diese rechten Narrative reinfallen. Wir werden nicht umgefolgt, wir werden nicht ausgetauscht. Wir haben nicht viel zu viele Ausländer hier. Uns geht es gut. Ich glaube, das muss man sich auch immer wieder mal sagen. Uns geht es gut. Ja, wir sind unheimlich privilegiert. Also gerade hier in Baden-Württemberg. Und ich glaube, dass es enorm wichtig ist, dass wir widersprechen, dass wir nicht einfach tatenlos zuschauen, was da passiert. Wenn in unserer Stammkneipe der Stammtisch der AfD stattfindet, dann muss ich mit dem Wert reden. Und wenn das nicht funktioniert, wenn der weiter da stattfinden kann, dann kann ich da halt vielleicht auch mal nicht mehr hingehen. Auch wenn es ein schöner Biergarten ist, auch wenn es meine Lieblingskneipe ist, auch wenn es mir dort ganz gut gefällt und es dort super Pizza gibt, aber dann kann ich da vielleicht einfach nicht mehr hingehen, weil ich das nicht mit unterstütze. Weil ich das nicht möchte. Ich kann eingreifen, wenn ich sehe, dass jemand rassistisch beleidigt wird. Ich kann immer eingreifen. Und wenn ich das nicht kann, weil ich mich das nicht traue, was völlig legitim ist, dann kann ich aber jemand anderen ansprechen und kann sagen, gehen wir da zusammen hin. Und da kann ich immer nur sagen, seid solidarisch, bildet Banden. Was sind die Dinge, wir haben ganz viele über Aspekte gesprochen, die negativ sind, die einem Sorgen machen können, Aber es gibt ja auch noch die andere Seite. Was stimmt dich auch als Sprecherin von einer demokratischen Initiative optimistisch für die Zukunft? Ich glaube, dass wir das alles hinkriegen können, wenn wir zusammenhalten. Wir sind immer noch mehr. Also auch wenn die AfD 30, 40 Prozent hat, je nachdem wo wir sind, sind wir immer noch 60 Prozent oder 70 Prozent Demokraten. Und wenn wir uns ein bisschen berappeln und ein bisschen, ja ich will nicht sagen zusammenreißen, aber wenn wir uns so ein bisschen berappeln und zusammenhalten. Dann können wir das auch schaffen. Und wenn Politik sich dazu durchringen kann, dieses Verbotsverfahren einzuleiten, ich glaube, dann haben wir schon mal ganz viel geschafft. Und das stimmt mich positiv, wenn ich sehe, wie viele Menschen sich für dieses Verbotsverfahren zum Beispiel einsetzen. Es stimmt mich positiv, wenn ich sehe, wie viele Menschen auch bei schwierigen Demos auf der Straße sind und Gesicht zeigen. Und da denke ich jetzt gerade tatsächlich an den Osten, wo es einfach unheimlich schwierig ist für Demokraten, was zu machen. Da gibt es dieses Dorf Jamel. Die sind ganz alleine. Du musst du kurz erklären. Jamel ist ein Dorf, hauptsächlich mit Neonazis und Nazis und Völkischen. Und das sind zwei Leute, die machen da jedes Jahr ein Konzert gegen rechts. Und die haben es unheimlich schwer. Die haben auch jetzt den Friedenspreis verliehen bekommen. Und die brauchen einfach Unterstützung. Die sind da ganz alleine und die machen das trotzdem. Und das stimmt mich hoffnungsvoll, dass es Menschen gibt, die trotz allem immer wieder aufstehen und sagen, nee, das ist nicht richtig. Das finde ich total wichtig. Okay, vielen Dank Jenny Haas für das spannende Gespräch. Ja, ich danke dir für die spannende Unterhaltung. Musik.