Latest / Spirit Mind Energy – Dein Universum für moderne Spiritualität | Gespräche mit Petra Baum / 017 Tarot in der Literatur - Folge 6: Der Vorleser | mit Tino Wiesinger
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- Petra: Heute widmen wir uns in unserem Tarot in der Literaturgespräch einem der international bekanntesten deutschsprachigen Romane der Gegenwart, der Vorleser von Bernhard Schlenk. Ein Werk, das seit seinem Erscheinen weltweit gelesen, diskutiert und immer wieder neu interpretiert wird. Nicht zuletzt wegen seiner ungewöhnlichen Verbindung von Liebesgeschichte, Schuldfrage und Vergangenheitsbewältigung. Bernhard Schling wurde 1944 in Bielefeld geboren und gehört zur deutschen Nachkriegsgeneration, deren Verhältnis zur NS-Vergangenheit später zum zentralen Thema seines Schreibens werden sollte. Seine Laufbahn begann er nicht mit Literatur, sondern im Recht. Er studierte Jura, wurde Professor für Öffentliches Recht und war Richter am Verfassungsgerichtshof Nordrhein-Westfalen. Diese juristische Prägung spiegelt sich deutlich in seinem Stil wider. der für einen Bestsellerautor ungewöhnlich ist. Nüchtern, analytisch und von fast juristischer Präzision. Mit der Vorleser gelang ihm 1995 der internationale Durchbruch. Der Roman wurde in über 50 Sprachen übersetzt und erreichte besonders in den USA ein Massenpublikum. Maßgeblich gefördert durch die Aufnahme in Ofras Book Club, die ihm weltweite Bekanntheit verschaffte. 2008 wurde das Buch verfilmt. Kate Winslet erhielt für ihre Darstellung der Hannah Schmitz den Oscar als beste Hauptdarstellerin. Für sein literarisches Werk wurde Schling unter anderem mit dem Hans-Fallada-Preis und dem Weltliteraturpreis ausgezeichnet. Ein Blick auf den Menschen Bernhard Schling zeigt einen Autor, der Öffentlichkeit und Privatleben ganz bewusst trennt. Persönliche Details sind selten. ⁓ Seine Interviews konzentrieren sich fast ausschließlich auf Literatur, Recht und gesellschaftliche Verantwortung. Seine Texte liefern dabei weniger fertige Antworten als präzise formulierte moralische Fragestellungen. So, nach diesem kurzen Überblick über Autor und Hintergrund wenden wir uns jetzt dem Roman selbst zu, seinen Figuren, seinen Konflikten und den architypischen Strukturen, die sich Tino Wiesinger: Ja, jetzt haben wir uns für den Vorleser entschieden oder ihn uns vorgenommen. für mich gehört dieser Roman und auch übrigens der Film zu einem, zu einer der schwereren Romane bzw. Filme. Es ist so, wenn ich diesen Roman im Unterricht behandeln, im Deutschunterricht, was ich schon öfter getan habe, dann ist tatsächlich der erste Teil der, also der Roman lässt sich ja in zwei Teile teilen, einmal die Liebesgeschichte zwischen Hanna und Michael und dann diese Schuldfrage oder diese Moralfrage letztendlich in Verbindung mit der NS-Vergangenheit von Hanna. Dann ist der erste Teil der Teil, der die Schüler fesselt und der die Schüler irgendwie bei der Stange hält und der zweite wird dann schwer. dann schwieriger. Mir geht es genauso, gerade auch wenn ich mir den Film anschauhe danach. Als Lehrer bin ich immer glücklich, wenn wir über den zweiten Teil sprechen können, weil da ist tatsächlich der Lernertrag dann höher, wenn es ⁓ den Nationalsozialismus geht und ⁓ die Schuldfrage, auch ⁓ die, ja, ⁓ so eine, ja, fast Erbschuld, von der man dann reden kann. Inwiefern sind denn die nachfolgenden Generationen auch noch schuld am Nationalsozialismus? Und das hat mehr Substanz. Aber der erste Teil, die Liebesgeschichte zwischen Hanna Der älteren Hanna und dem jungen Michael, das ist das, was natürlich interessiert oder was die Leser und Zuschauer erstmal in den Bann zieht. Denn... Ja, es ist erstmal ein gewisser Zauber da. Ein Zauber, der sehr sexualisiert ist, muss man zugeben. Also es ist ein sexualisierter Zauber, aber das heißt ja nicht, dass es ein schlechter Zauber sein muss. Ja, denkt man am Anfang, wenn Hanna und Michael in dieser Liebesbeziehung sind, natürlich sofort an die Liebenden. Das ist sozusagen sofort der Archetyp, der da deutlich wird. Und klar, ist eine ungleiche Liebe. Hannah ist wesentlich älter als Michael. Und die Frage, die dann immer wieder kommt von den Schülern, ist das denn erlaubt? Darf man das denn überhaupt? Ja, darum geht es dem Romane überhaupt nicht. Es geht hier in dem Moment noch überhaupt nicht ⁓ Schuld oder Unschuld, sondern es geht ⁓ dieses Geborgensein. Michael fühlt sich geborgen bei Hannah. Auch Hannah fühlt sich bei Michael geborgen. Sie kann sich ⁓ jemanden kümmern. Sie nennt ihn ja auch immer Jungchen. Und das hat schon was. was leicht Mütterliches in dem Fall. Und ja, da ist es am Anfang auf jeden Fall erst mal schön. Man kann sich gut in Michael hineinversetzen, wie er sich vielleicht in der Situation fühlt. Man entwickelt sofort auch Sympathie für ihn. Verhanna, ob man Verhanna so Sympathien entwickelt, da will ich mich jetzt nicht auf eine klare Antwort festlegen. Michael ist der Sympathieträger, direkt am Anfang. Petra: Sie bleibt ja emotional eher etwas verschlossen und bestimmt auch die Beziehung mit Regeln und anderem und lässt sich ja im wahrsten Sinne des Wortes nachher auch nicht ganz in die Karten blicken. Tino Wiesinger: Richtig. Sie bleibt kalt. Sie bleibt einfach kalt. Aber trotzdem nicht gefühllos, finde ich. Also komplett gefühllos bleibt sie nicht. Ich glaube, wenn man da genau tief reingeht, spürt man schon am Anfang, dass da etwas in ihr brodelt. Sonst würde sie sich ja gar nicht auf diesen Michael einlassen. Im zweiten Teil spielen dann nicht mehr die Liebenden. die große Rolle, sondern dann spielt tatsächlich die Gerechtigkeit eigentlich die größte Rolle. Es geht in diesem Prozess ⁓ ein gerechtes Urteil. Diejenigen, in der NS-Zeit Taten begangen haben, die sie nicht hätten tun sollen, sollen jetzt einem gerechten Urteil zugeführt werden. Und das schlimme ⁓ ist für Michael, er entdeckt sich dann Jahre später in dieser Gerichtsverhandlung, eben Hanna wieder. Und da geht es nicht mehr ⁓ also jedenfalls nach außen, erstmal nicht mehr ⁓ die Liebe, sondern wirklich darum, ⁓ Jura tatsächlich. ⁓ die Frage nach Gesetz und ⁓ die Frage nach Moral letztendlich. Da durften diese Frauen ⁓ Die Gefangene, da so behandeln in dieser Zeit, natürlich nicht. Es war absolut unmoralisch in der Zeit. Da hatten sie aber vielleicht gar keine andere Möglichkeit. Bahana kommt ja dann noch dazu, was sich dann später herausstellt, dass sie eine Alphabetin ist. Das ist ja ein ganz zentrales Thema, dass sie Ja, ich will auch hier nicht so viel Details erzählen, aber sie kann im Prinzip für viele Dinge gar nichts, weil sie einfach nicht lesen kann und gar nicht durchdringen kann, was da so gerade passiert. Petra: Aber die Scham, es zuzugeben dominiert im Prinzip den kompletten Prozess mit der Schuld, die sie auf sich nimmt. Tino Wiesinger: Sie hätte ihr Urteil wesentlich beeinflussen können, hätte sie zugegeben, dass sie eine Analphabetin ist. Und auch das Verhältnis zu Michael wäre ein anderes gewesen, hätte sie von Anfang an zugegeben. Was sie nicht kann, hätte sie Schwächen gezeigt. Sie zeigt keine Schwäche. Sie braucht sich gar keine Schwäche zu zeigen. Wer in der Zeit des Nationalsozialismus eine junge Erwachsene ist, die würde schwer haben, auch im späteren Leben dann noch Schwächen zeigen zu können. Das ist eine Sache, die man wirklich verarbeiten muss. Und Schwächen zeigen ist gefährlich. Aber gerade dann später, wenn diese Zeit dann überstanden ist, man muss sich mit seiner eigenen Vergangenheit auseinandersetzen. Und dieser Roman selber wegt ja wirklich dazu an, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. ich frag dann, auch wenn wir diesen Roman im Unterricht behandeln, fragt dann die Schüler, habt ihr denn was mit dem Nationalsozialismus zu tun, ist das auch eure Vergangenheit? Und dann kommt ganz ehrlich bei ganz vielen erstmal Das ist doch jetzt eine ganz andere Zeit. Das ist so lange her. Man sollte sich da jetzt nicht mehr auseinandersetzen. Wir sind doch nur die nachfolgenden Generationen. Das sehe ich anders. Ich persönlich sehe das anders. Ich finde, wir haben immer noch eine Verantwortung, eine Verantwortung, uns mit unserer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Das muss Hanna natürlich als diejenige, die noch in diese Generation so gehört, so oder so tun. Und da liegt für mich übrigens der Unterschied. Jetzt kommen wir nämlich zum Gericht, nicht mehr zur Gerechtigkeit, sondern zum Gericht. Es geht ⁓ die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und dann am Ende davon, ich bin ja eigentlich kein Freund davon, Karte Gericht zu nennen. Ich nenne sie ja immer gerne auch Auferstehung oder auch Erlösung. Die Erlösung kann man aber nur kriegen. wenn man sich mit seinen eigenen Taten und mit seiner eigenen Verantwortung auseinandersetzt. Petra: und hoffentlich irgendwann sich selber in die Augen gucken kann, ⁓ dann den Schritt weiterzugehen. Tino Wiesinger: Und das ist für mich dieses Thema des Romans letztendlich. Wir müssen zur Gerechtigkeit finden, müssen aber ⁓ Gerechtigkeit zu finden, müssen auch das Gericht durchleben und müssen dann uns letztendlich, damit wir uns, wie du sagst, in die Augen gucken können. Also das ist erst mal grob die Geschichte. Jetzt können wir uns ja den Personen im Roman zuwenden. Die erste Person, ⁓ die es ja dann auch geht, er dann erst mal krank ist am Anfang des Romans. Ich glaube er ist 15 Jahre alt, wenn ich mich richtig entsinne. Und er hat die Gelbsucht. Ich glaube es ist die Gelbsucht. Glaube ich auf jeden Fall. Auf jeden Fall eine schwere Erkrankung, die ihn daran hindert. Schule zu gehen und dann muss ich auf dem Weg zurück von der Schule über, gibt er sich und ihm geht es richtig schlecht, diesem Michael zu dem man sofort eine gewisse Sympathie und auch so einen gewissen Mutterinstinkt bekommt. Petra: Sie ist ja auch gute 20 Jahre älter. Sie könnte es ja auch sein. Tino Wiesinger: Hannah begegnet Michael und Hannah nimmt ihn mit und kümmert sich. Muss sich erstmal bisschen sauber machen und so weiter. Michael zeigt sich als sensibles Jungchen. Das sensible Jungchen im Tarot ist natürlich der Page der Kelche. Petra: kümmert sich. ⁓ Tino Wiesinger: Allein mit seinem Kelch und diesem kleinen Fisch, der da so rausguckt, das ist das Bild des sensiblen Jungchens. Und ⁓ den will und muss man sich kümmern. Und ja, man fragt sich dann, was ist denn da mit den eigenen Eltern, kümmern die sich denn nicht? Offenbar nicht so, wie Hannah sich kümmert. Denn aus dieser Beziehung, die dann entsteht, entwickelt sich tatsächlich eine Liebesgeschichte. Denn Hanna, ja, sie kümmert sich. Man könnte mal jetzt denken, ist sie denn die Herrscherin oder ist sie die Königin der Münzen? Man weiß es nicht. ist die Königin. Eigentlich in dem Fall ist sie die Königin der Schwerter zunächst erstmal. Denn sie wirkt auf Michael ziemlich kalt ein. Sie kümmert sich zwar, aber So wie sie mit ihm redet, wie sie mit ihm umgeht. Also von Wärme würde ich da erstmal nicht sprechen. Vielleicht ist genau das, was Michael an ihr reizt. Petra: und er kriegt natürlich auch eine Aufmerksamkeit auf einer Ebene, wie er das ansonsten nicht bekommen kann. Umgekehrt ist sie als Königin der Schwerte ja auch jemand, die das Bedürfnis, was sie hat, sich auch wunderbar im Intellektuellen Mentalen befriedigen lassen kann, weil sie kann eben nicht lesen. Tino Wiesinger: Sie kann ich nicht lesen. Aber wenn man jetzt mal so den Pagen der Kelche und die Königin der Schwerte so übereinander legt, dann sieht man, die ergänzen sich komplett. Also letztendlich hat man, ja genau, da ist eine absolute Ergänzung. Der Page der Kelche reicht. Petra: Lies zu. Tino Wiesinger: Das Gefühl der Reich dieser Königin, Schwerte, erst mal so zu macht. Also gerade wenn man das so sieht. Das Schwert, da muss dieser Kelch erst mal durchkommen durch dieses Schwert. Aber durch seine Sensibilität, durch seine Art, auch durch seine kluge Art letztendlich, schafft er das. Er kann erreichen. Und zwar auf eine tiefe Art letztendlich. wahrscheinlich berührt er auch ihr Herz. Und das kann der Page der Kirche schaffen. Und das finde ich da so großartig komponiert. Und wenn man dann einfach nur denkt, na mein Gott, ist das nur heute, würde man sagen, ist denn Michael nur ein Toyboy für sie. Das ist ja so der moderne Begriff, dann irgendwie die älteren Damen so jüngere Spielgefährten haben sozusagen. Nein, das ist viel mehr. Petra: Genau, dafür passt der Inhalt als solches nicht vom Vorleser. Ansonsten hätte man sich ja dieses Vorspiel sparen können. Tino Wiesinger: Eben. Ja, genau. es geht hier, Michael berührt sowohl den Leser als auch Hanna auf einer tieferen Ebene und es ist schwer, Hanna berühren zu können, eben aufgrund ihrer Vorgeschichte. Petra: die man ja zu diesem Zeitpunkt nicht weiß. Das heißt, man reflektiert den Roman, und das ist ja das Spannende, mit nach dem zweiten Teil anders als beim Lesen des ersten Teils. Das ist, glaube ich, auch dieser Bezug von Schling zu sagen, dieses juristische, analytische, der immer wieder neu interpretiert wird. Tino Wiesinger: Genau. Und es ist wirklich schwierig, überhaupt an sie ranzukommen, an diese Hanna. Weil Hanna ist in sich selbst gefangen. Man kann quasi sagen, sie ist nicht nur in sich selbst gefangen, sondern sie ist irgendwie immer noch gefangen von der Zeit, in der der Roman spielt, von... von dem Nationalsozialismus auch noch gefangen. Da ist sie auch noch nicht wirklich raus. kann... Damals gibt es keine Psychotherapie oder irgendwas, wo sie die Möglichkeit hat, das großartig zu verarbeiten. Sie kann nicht aus ihrem eigenen Gefängnis heraus treten. Denn was beschäftigt Hannah denn die ganze Zeit? Einerseits natürlich, dass nicht lesen kann. Sie müsste dann Schwäche zeigen, wenn sie sagt, sie kann nicht lesen. Andererseits auch ihre Vergangenheit. Ich glaube nämlich, dass sie wirklich schon auch darüber nachdenkt, was sie da eigentlich getan hat und wie ihre Verantwortung in dieser Situation in der Zeit des Nationalsozialismus in diesem Konzentrationslager auch gewesen ist. und da ist schon mal ganz klar, sind wir wieder bei der Schwerte Energie, die Hanna da beschäftigt. So, jetzt ist nur die Frage, was sind das für Schwerter? Und es sind eigentlich, es müssen die 8 Schwerter sein. wenn man sich die Karte vor Augen führt, Hanna ist gefesselt in sich selbst. Sie kommt da nicht irgendwie raus. Sie traut sich aber auch keinen Schritt nach vorne, nach außen zu gehen und zu sagen, ja Mensch, ich kann nicht lesen, ich wusste gar nicht, was ich tue und ich kann überhaupt, ich kann im Prinzip da... ich jetzt sage, ⁓ schon was dafür, aber sie ist eben nicht die, die in erster Linie die Hauptschuld an dieser ganzen Sache hat, wie sich dann später herausstellt. ⁓ Petra: aber sie bleibt in ihrer eigenen Schuld gefangen. Mit Schuld definitiv. Und sie geht, wie du ja richtig sagst, auch mit der Verurteilung. Sie bleibt in dieser Position stehen. Sie geht keinen Schritt raus aus Scham, allen Gründen, die in ihr vorgehen. Tino Wiesinger: bis zum Ende eigentlich nicht, aber sie beginnt zumindest, und das finde ich auch so großartig, ihre Fesseln so ein bisschen zu lockern, weil sie ja dann selber das Lesen lernt. Sie bringt sich ja durch diese Erzählung die Dame mit dem Hündchen dann das Lesen bei. Ich es übrigens auch so großartig, die Dame mit dem Hündchen, diese unscheinbare kleine Erzählung, die dann Petra: Ja. Tino Wiesinger: wirklich eigentlich so viel auch für sie bedeutet. Das ist so ein kleines Lösen dieser Fesseln, aber sie löst diese Fesseln nicht komplett, weil später dann als Michael auf sie zugeht und sie dann besucht, kurz vor ihrer Entlassung, da könnte sie sich eröffnen, sie könnte ihre Fesseln komplett lösen und könnte mit ihm reden. Das macht sie nicht, das traut sie sich nicht. Aus Scham, aus Schamgefühl, aus Angst vielleicht auch dann. verlassen zu werden, aus Angst Schwäche zu zeigen und so weiter. Petra: vielleicht auch wie er die Situation im Nachhinein interpretiert, deren Zusammenhänge er nicht kannte, als sie sich das erste Mal begegnet sind. Tino Wiesinger: Mh. Denn wir wissen ja auch, auch schon während, also in diesem Konzentrationslager, Hanna immer wieder Vorleser hatte, Vorleserinnen hatte, die ihr dann irgendwas vorgelesen haben, die sie dann abends zu sich geholt hat. Ähnlich wie sie es dann mit Michael tut. das ist natürlich, also da läuft es dann irgendwie auch schon kalt den Rücken runter, muss man sagen. Und da ist dieses Bild, was man am Anfang hat, der Liebenden schon ziemlich verdunkelt und im Nebel, muss ich sagen. Also dementsprechend bleibt es nicht bei diesem Bild, auch für die Leser nicht. Und Hanna traut sich nicht da rauszukommen. und was führt das alles bei Michael? Michael ist tief traurig. Er ist enttäuscht darüber zu erkennen, vielleicht auch benutzt worden zu sein. Am Anfang als Vorleser benutzt worden zu sein, als jemand benutzt worden zu sein, ⁓ den man sich kümmern kann, erfahrt sich, war das denn wirklich, also für sie war das ja offenbar nicht wirklich Liebe. Er hängt sein ganzes Leben an. Petra: Er hält sein ganzes Leben an ihr. ich glaube, dieses zu realisieren, dass seine Intention nicht synchron zu ihrer Intention war, das tut weh. Er war 15, damals, da ist Liebe absolut. Da kennt Liebe wenig Erfahrung. Tino Wiesinger: Ja, also es ist auch Liebeskummer. Genau. Das ist das Krasse, dass er darüber das ganze Leben nicht hinwegkommt. Petra: Er hat ja auch nie erfahren, warum sie plötzlich aus seinem Leben verschwunden ist. Es ist mir hier etwas genommen worden und vielleicht auch die Angst, ist das meine Schuld oder nicht, oder was ist passiert, das beschäftigt natürlich unglaublich. Tino Wiesinger: Ja, er heiratet, kriegt ja sogar eine Tochter. Aber er guckt nicht wirklich auf diese, ich glaube die Ehefrau heißt Gertrud, wenn ich mich richtig ansehe. Da guckt er nicht hin, er guckt die ganze Zeit, sein ganzes Leben eigentlich nur auf Hannah und die Geschichte. Und wenn du jetzt die fünf Kelche zeigst... Petra: Ja, er droht, Er droht ja. Tino Wiesinger: dann ist genau das das Bild. Die zwei Kelche, die Tochter und die Ehefrau, stehen da, die sind da. Aber er nimmt es nicht wahr. ist tief traurig. Er sieht, was er verloren hat oder was er vielleicht auch nie hatte, was er gehofft hat zu haben. Und das ist die Energie der fünfter Kelche eindeutig. Petra: und es nicht war. Ja. Tino Wiesinger: völlig in Schwarz gekleidet, sieht ja auch schon aus wie so eine Anwaltsrobe, er studiert ja immer. Also es ist wirklich heftig, muss ich sagen, was das Tarot dann auch wieder zeigt, mit diesem Roman dann auch nochmal anders zu sehen letztendlich. Ja, also letztendlich ist das eine sehr, traurige Geschichte, gerade wenn man weiß, dass es ja auch mit dem Tod von Hannah endet. Es gibt kein Happy End. Petra: Nein. Und es lässt auch die weitere Entwicklung alles offen und dem Leser eigentlich überlassen, zu denken, was der Protagonist gefühlt haben könnte. Es bleiben viele Enden tatsächlich offen. Tino Wiesinger: ein positives Ende hätte vor dem Hintergrund dieser Geschichte auch nicht gepasst. Diese Verantwortung, die Hannah trägt, die dann aber letztendlich auch Michael tragen muss, die bleibt. Und es wäre, wenn der Roman jetzt mit einem Happy End ausgehen würde. Dann würde es, dafür sprechen, okay, die Verantwortung können wir jetzt abgeben, jetzt können wir wieder frei durch die Welt gehen. Aber wir können mit, diesem Hintergrund nicht einfach so frei durch die Welt gehen und sagen, ⁓ das können wir jetzt alles vergessen. Wir müssen diese Schuld, die Generationen vor uns auf sich geladen haben, immer noch mittragen. Das ist tatsächlich meine These. Auch wenn ich bin Jahrgang 84. Das heißt im Prinzip da auch meine Eltern sind die Nachkriegsgenerationen. Ich habe tatsächlich auch nie so richtig bisher mit ihnen darüber gesprochen, weil man auch in dieser Generation, glaube ich, merkt, wollen nicht darüber reden. Petra: Das ist, glaube ich, ein Thema, was ja auch bis heute nachschwingt. Eine ganz laute, aber niemals ausgesprochene Schuldfrage. Ich glaube, macht dieses Buch auch so bezwingend zu sagen, wer hat hier welche Schuld? Was ist ein persönliches Schicksal? Inwieweit ist das persönliche Schicksal aber überhaupt eine Reduzierung der Schuld, die man trotzdem auf sich geladen hat? Und natürlich für alle Beteiligten die Erkenntnis, in Nachhinein bei den Prozessen zu wissen, die Entscheidungen waren moralisch und natürlich auch gesellschaftlich absolut falsch. Was man aus welcher Intention auch immer, auch das wird ja nicht zu hundertprozentig aufgeklärt, davor sie verteidigt übernommen und durchgeführt hat. Oder ohne hinterfragen. Ich glaube, das ist natürlich ein Thema. Wer möchte das in seinem Leben wirklich zulassen, diese Fragestellung? Tino Wiesinger: Ja. Deswegen irgendwie ist diese Fünftekelche für mich eigentlich sogar fast eine Zusammenfassung des gesamten Romans, weil man am Ende so als Leser auch da steht. Genauso wie Michael da steht, wir als Leser auch. Und vor dieser gesamten Zeit stehen wir ja so da. Und das finde ich so bezeichnend. Petra: Und auch diese Karte drückt diese Sprachlosigkeit in dem Kontext sehr gut aus. Man sieht, was kaputt gegangen ist, aber es ist niemand anderes da. Man nimmt keinen Kontakt auf. Es ist wirklich so diese Resignation ohne Chance auf Veränderung bei diesem Blick. Und wie du ja sagtest, hinter ihm würden ja seine Frau und seine Tochter stehen, nimmt man nicht mehr wahr. Tino Wiesinger: kann man auch nicht wahrnehmen. Weil die Emotionen dann so stark sind, die einen da überwältigen ein Stück weit. Petra: Vielen Dank. Ich glaube, da haben wir dem Intro tatsächlich genüge getan. ist ein Roman, der vieles offen lässt, der durch dieses analytische, juristische sehr viel an Interpretationsmöglichkeiten gibt und jeden auch auf sich zurückbaut. Ich glaube, man wird immer wieder neue Sachen noch mal versuchen zu interpretieren und auch keinen Abschluss finden. Tino Wiesinger: stimmt. Ich meine, wir haben ja auch wieder Karten gezogen, auch zu diesem Roman, was uns dieser Roman noch weitergehend auch sagen möchte, was wir bisher vielleicht noch nicht so erkannt haben. Ich muss sagen, ich hatte diesmal erstmal so ein paar Schwierigkeiten dabei bei der Deutung und gedacht, naja, weil ich auch so dieses klare Bild vor Augen hatte, diese Enttäuschung von Michael Petra: Ja. Ja. Tino Wiesinger: und Hannas gefangen sein. Ich habe aber die drei der Münzen gezogen. Meine ersten Gedanken waren dazu tatsächlich, naja, die drei der Münzen, die Verantwortung liegt nicht auf einem allein. Die liegt nicht auf Michael allein. dass er irgendwie für die Verurteilung von Hannah daran Schuld trägt, weil er nicht eingegriffen oder weil er nicht rechtzeitig eingreift und sagt, die ist Analphabetin, hat das unterschrieben, ohne zu wissen, da drin steht, gibt ja ⁓ dieses Bekenntnis oder das, da passiert sein Das tut er ja erst mal so nicht und deswegen hat er auch Schuldgefühle. ⁓ Aber für mich drei der Münzen spiegelt jetzt nochmal ein bisschen was Größeres wider, dieses wir müssen zusammen als Gemeinschaft an dieser gesamten Schuld auch arbeiten und daran weiter auch aufbauen an dem was was unsere Vergangenheit auch ist. Also wieder einen Neuaufbau und all das, ja, auch dass sowas nie wieder passiert, solche Dinge. Also, die gemeinsam daran arbeiten. ist nicht die Verantwortung eines Einzelnen allein, sondern wir als Gesellschaft müssen irgendwie da weiter dran arbeiten und müssen immer wieder neue Dinge aufbauen. ja, es ist schon einiges erreicht worden. Aber wir müssen auch immer wieder aufpassen, dass es keine Rückfälle gibt. Und das sind für mich auch diese drei Münzenergie. Petra: bisschen andere Energie manchmal als sie sonst hat. Und das ist ja auch genau richtig zu sagen, wo ist der Bezug. Bei mir ist es anders. Ich habe eine ganz andere Kartenenergie gezogen mit der Königin der Münzen, spannenderweise aber auch Münzen. Und ich würde sagen, in diesem Dreiergespann zwischen Liebesgeschichte, Schuldfrage und Vergangenheitsbewältigung ist hier natürlich ganz klar die Liebesgeschichte und sehr wahrscheinlich so, wie Michael Hanna auch gesehen hat. Die Dame oder die Frau, die mehr im Leben stand als er, die mit Altersunterschied natürlich auch schon eine gesettelte Frau war, die auch eine mütterliche Seite hatte, indem sie sich ⁓ ihn gekümmert hat, der er etwas aufsehen konnte, was vielleicht auch im Elternhaus nicht war und natürlich eine andere Komponente hatte. Und natürlich auch die Königin der Münzen ist eine Frau, eine Realistische Sinnlichkeit mitbringt und fand ich ganz spannend. Bei mir wurde also das Thema Aufarbeitung ausgeblendet, sondern tatsächlich so die Betrachtungsweise, mit der der Roman eigentlich losgeht. Tino Wiesinger: Ja, sehr spannend. da sieht man, der Roman hat nicht einfach nur zwei Teile, die irgendwie nicht lose aneinander hängen, sondern das ist für mich eigentlich ein Meisterwerk. Eigentlich so wenige Seiten, die dieser Roman nur da steckt so viel drin, worüber man nachdenken kann. Und nicht umsonst wird dieser Roman bis heute ⁓ Petra: Nein. Tino Wiesinger: noch so intensiv und auch in den Schulen immer wieder gelesen. es lohnt sich, wer diesen Roman noch nicht kennt, auch wenn es jetzt erstmal wie schwere Kost wirkt. Aber diesen Roman zu lesen lohnt sich definitiv. Und auch den Film zu schauen, wie ich finde, ich finde ihn auch sehr gut, gerade mit Klo. Petra: ist sehenswert, definitiv sehr sehenswert. Und wir sind wieder am Ende von unserem Literatur-Special. mit Tarot und ja, wie wir schon gesagt haben, ist schwere Kost, zumindest keine leichte Kost, es bringt verschiedene Sachen zusammen, die glaube ich jeden von uns zum Nachdenken anregen und gerade bei dem Buch konnte ich mir auch vorstellen, dass es noch ganz andere Ansätze gibt, Karten mit rein zu ziehen. Auch wir hatten am Anfang, haben wir gar nicht mehr gemacht, auch den Mond zum Beispiel noch mit reingegangen, in diese Ungewissheit reinzugehen und ich weiß nicht, vielleicht fallen euch auch noch andere Karten ein oder andere Assoziation wie immer. Wir freuen uns über alles, was es mit euch macht und Neues hervorbringt und hoffen, dass wir auch hier wieder eine spannende Betrachtung hatten. In dem Sinne, bis zum nächsten Mal und Tschüss! Tino Wiesinger: Bis nächsten Mal. Ciao.