Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 2. Theil - 16 - Von den Gelehrten
Transcript
- 0:00Unterkapitel 16 von den Gelehrten in diesem Teil des
- 0:05Buches lässt Friedrich Nietzsche seine Hauptfigur Zarathustra
- 0:09über die Wissenschaftler, Forscher und Akademiker
- 0:11sprechen, die er als die Gelehrten bezeichnet.
- 0:15Zarathustra beginnt seine Erzählung mit einem
- 0:17ungewöhnlichen Bild aus einem Traum oder Halbschlaf, er
- 0:20berichtet, dass ein Schaf an dem Efeukranz gefressen hat, den er
- 0:23auf seinem Kopf trug. Ein Epheukranz ist ein altes
- 0:26Symbol, das oft von Dichtern, Denkern oder auch in der Antike
- 0:30zu Ehren von Göttern getragen wurde.
- 0:32Es steht für Weisheit und Verbundenheit mit der Natur, das
- 0:36Schaf, das diesen Kranz frisst, ist bei Nietzsche ein Sinnbild
- 0:39für das gewöhnliche, unkritische Herdentier, also für Menschen,
- 0:43die einfach nur den anderen hinterherlaufen und nicht
- 0:46selbstständig denken, während das Schaf den Kranz frisst,
- 0:49spricht es und sagt, Zarathustra ist kein Gelehrter mehr.
- 0:54Danach geht das Schaf stolz und ein wenig ungeschickt davon.
- 0:58Zarathustra erfährt von diesem Vorfall durch ein Kind, das es
- 1:01ihm erzählt. Zarathustra stimmt dem Schaf zu,
- 1:05er sagt, er liege lieber dort, wo Kinder spielen oder in der
- 1:09wilden Natur unter Disteln und Roten Mohnblumen für die Kinder
- 1:13und die wilde Natur ist er noch ein Weiser, denn sie sind
- 1:17unschuldig, aber für die Schafe, also für die Starrsinnigen und
- 1:21herdengleichen Gelehrten. Ist er kein Wissenschaftler
- 1:24mehr? Zarathustra erklärt auch den
- 1:27Grund dafür. Er ist aus dem Haus der
- 1:29Gelehrten ausgezogen und hat die Tür hinter sich laut
- 1:32zugeschlagen. Er hat sich also bewusst und
- 1:34deutlich von der akademischen Welt und ihren festgefahrenen
- 1:37Regeln abgewandt. Zarathustra beschreibt dann sehr
- 1:40ausführlich, warum er es bei den Gelehrten nicht mehr aushalten
- 1:43konnte, er sagt, seine Seele habe an ihren Tischen gehungert,
- 1:47die Gelehrten suchen nicht nach großen, lebensverändernden
- 1:50Wahrheiten. Stattdessen sind Sie darauf
- 1:52abgerichtet, wissen zu zerkleinern, wie jemand, der
- 1:55Nüsse knackt. Das Nüsseknacken ist hier ein
- 1:57Bild für eine sehr kleinteilige, trockene und oft bedeutungslose
- 2:01wissenschaftliche Arbeit, man wendet viel Mühe auf, um eine
- 2:04harte Schale zu öffnen, aber der Inhalt macht die Seele nicht
- 2:07wirklich satt. Zarathustra liebt die Freiheit
- 2:10und die frische Luft der Erde, er sagt, er würde lieber auf
- 2:14rauen Ochsenhäuten schlafen als auf den weichen Polstern der
- 2:17akademischen würden und der gesellschaftlichen Achtung.
- 2:20Er möchte das echte, raue Leben spüren, die akademischen Titel
- 2:24und die Anerkennung in der Gesellschaft bedeuten ihm
- 2:26nichts. Er beschreibt sich selbst als
- 2:29jemanden, der von seinen eigenen Gedanken verbrennt, er ist
- 2:32voller Leidenschaft und innerer Hitze, oft rauben ihm seine
- 2:37eigenen großen Ideen den Atem, sodass er nach draußen in die
- 2:40freie Natur fliehen muss, weg aus den verstaubten
- 2:43Studierzimmern. Die Gelehrten hingegen verhalten
- 2:46sich ganz anders, sie sitzen gemütlich im kühlen Schatten.
- 2:51Sie wollen immer nur unbeteiligte Zuschauer sein.
- 2:54Sie meiden die brennende Sonne, die bei Nietzsche für die echte,
- 2:57gefährliche und verzehrende Leidenschaft des Lebens und des
- 3:00Denkens steht. Zarathustra vergleicht die
- 3:03Gelehrten mit Leuten, die auf der Straße stehen und die
- 3:06Passanten anstarren, genauso starren die Gelehrten nur auf
- 3:09die Gedanken, die andere Menschen bereits gedacht haben,
- 3:12sie erschaffen keine eigenen lebendigen Ideen, sondern
- 3:16verwalten nur das Wissen der Vergangenheit.
- 3:19Wenn man die Gelehrten anfasst, so sagt Zarathustra, dann
- 3:22stauben sie wie alte Mehlsäcke. Dies ist ein weiteres Bild für
- 3:26ihre Leblosigkeit, sie enthalten nur trockenen Staub, und niemand
- 3:30würde ahnen, dass dieser Staub ursprünglich von dem lebendigen
- 3:33Korn auf den goldenen, sonnigen Sommerfeldern stammt.
- 3:36Die Gelehrten haben das lebendige Wissen zermahlen, bis
- 3:39nur noch lebloser Staub übrig ist.
- 3:42Wenn die Gelehrten versuchen, Weise zu klingen, dann spürt
- 3:45Zarathustra eine unangenehme Kälte.
- 3:48Ihre kleinen Sprüche und angeblichen Wahrheiten riechen
- 3:51oft so, als kämen sie aus einem Sumpf.
- 3:53Ein Sumpf ist ein Ort mit stehendem, faulem Wasser, das
- 3:57bedeutet, ihr Wissen fließt nicht, es erneuert sich nicht
- 4:00und bringt kein Leben. Zarathustra spottet, dass er aus
- 4:04ihrer Weisheit sogar schon den Froschquaken gehört hat, das
- 4:08Quaken des Frosches steht hier für dummes, hohles Geschwätz,
- 4:11das sich als tiefsinnige Wahrheit tarnt.
- 4:14Dennoch gibt Zarathustra zu, dass die Gelehrten sehr
- 4:16geschickt sind. Sie haben kluge Finger, mit
- 4:19denen sie Fäden ziehen, Knoten binden und weben können.
- 4:23Damit ist gemeint, dass sie sehr gut darin sind, komplizierte
- 4:26Theorien zu konstruieren und feine, logische Netze zu
- 4:29spinnen. Zarathustra nennt das spöttisch,
- 4:32sie stricken die Strümpfe des Geistes, er selbst setzt dem
- 4:36seine einfache und direkte Art entgegen und fragt sich, was
- 4:39seine ehrliche Einfalt in dieser komplizierten, aber leblosen
- 4:42Vielfalt überhaupt soll. Er vergleicht die Gelehrten auch
- 4:46mit guten Uhrwerken. Wenn man sie richtig aufzieht,
- 4:49dann zeigen sie zuverlässig die Zeit an und machen dabei ein
- 4:52bescheidenes, leises Geräusch. Sie funktionieren also wie
- 4:57Maschinen ohne eigenen Willen und ohne echte Schöpferkraft,
- 5:01ebenso sind sie wie Mühlen, die immer nur stampfen und Korn zu
- 5:04weißem Staub zermahlen, man muss ihnen nur etwas zum Nachdenken
- 5:08hinwerfen und sie zerkleinern es sofort.
- 5:11Ein weiteres Merkmal der Gelehrten ist ihr Misstrauen
- 5:14untereinander. Zarathustra beobachtet, dass sie
- 5:17sich gegenseitig ständig genau auf die Finger schauen.
- 5:21Sie warten darauf, dass ein anderer einen Fehler macht, sie
- 5:24sind erfinderisch darin, sich kleine Schlauheiten auszudenken
- 5:27und lauern wie Spinnen auf ihre Opfer.
- 5:30Zarathustra hat gesehen, wie Sie vorsichtig Ihr Gift mischen, und
- 5:34zwar ziehen Sie sich dabei Handschuhe aus Glas an, das
- 5:37bedeutet, Sie greifen andere Wissenschaftler aus sicherer
- 5:40Entfernung an, um sich selbst nicht schmutzig zu machen oder
- 5:43in Gefahr zu bringen. Sie spielen auch mit falschen
- 5:46Würfeln. Das ist ein Bild dafür, dass sie
- 5:49in ihrem Streben nach Ruhm und Erfolg auch betrügen und
- 5:53manipulieren. Sie nehmen dieses falsche Spiel
- 5:56so ernst, dass sie dabei sogar schwitzen.
- 5:59Wegen all dieser Eigenschaften sind Zarathustra und die
- 6:01Gelehrten einander völlig fremd. Ihre angebliche Tugend widert
- 6:05ihn noch mehr an als ihre Falschheit und ihr Betrug, als
- 6:09Zarathustra noch unter den Gelehrten lebte, wohnte er im
- 6:12übertragenen Sinne über ihnen. Er dachte höher, weiter und
- 6:16freier als sie das machte die Gelehrten wütend auf ihn.
- 6:21Sie wollten nicht wahrhaben, dass jemand über ihren Köpfen
- 6:24wandelt, um sich vor zarathustras großen Gedanken zu
- 6:27schützen, bauten sie in ihren Häusern einen sogenannten
- 6:30Fehlboden ein, ein Fehlboden ist eine doppelte Decke oder ein
- 6:34Zwischenraum, der oft mit Schutt, Holz und Erde gefüllt
- 6:38wird, um Geräusche zu dämmen. Im übertragenen Sinne haben die
- 6:42Gelehrten all ihre menschlichen Schwächen.
- 6:44Ihre Fehler und ihren geistigen Schutt zwischen sich und
- 6:47Zarathustra gelegt, um seine Schritte nicht mehr hören zu
- 6:50müssen. Sie wollten sich vor seinen
- 6:52revolutionären Ideen verschließen, und tatsächlich,
- 6:56so klagt Zarathustra, haben die Gelehrtesten ihn bisher am
- 6:59schlechtesten verstanden. Trotzdem lässt sich Zarathustra
- 7:02nicht aufhalten, er sagt, er wandle mit seinen Gedanken immer
- 7:06noch über ihren Köpfen, selbst wenn er sich dazu herablassen
- 7:10würde, auf seinen eigenen Fehlern zu wandeln.
- 7:12Wäre er immer noch weit über Ihnen, Zarathustra beendet
- 7:16diesen Abschnitt mit einem sehr wichtigen philosophischen
- 7:19Leitsatz von Nietzsche. Er sagt, dass die Menschen nicht
- 7:22gleich sind, das ist für ihn der Ausdruck der wahren
- 7:26Gerechtigkeit. In Nietzsches Philosophie gibt
- 7:29es Menschen, die das Potential haben, Schöpfer zu sein, und
- 7:32solche, die nur zur Herde gehören.
- 7:34Die Gelehrten gehören für ihn zur Herde, weil sie nichts Neues
- 7:37erschaffen. Deshalb sagt Zarathustra, dass
- 7:40diese Gelehrten all das, was er will und wofür er steht, niemals
- 7:44selbst wollen dürften. Sie haben gar nicht die geistige
- 7:47Größe, um seine Ziele auch nur zu begehren, so trennt sich
- 7:51Zarathustra endgültig von der akademischen Welt und ihren
- 7:54Vertretern.