Latest / DAZWISCHEN Der Sachsen-Anhalt-Podcast / Was, wenn das Dorf stirbt?
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- 0:00Viele Nachkommensarbeiter sind ja sowieso weggezogen. Es wird leerer werden, Häuser verkaufen.
- 0:08Ja, wir hoffen mal, dass sich Leute wieder ansiedeln. Das sagt Andy Söhring.
- 0:14Er wohnt in Talwinkel, einem Ortsteil von Bad Bibera im Burgenlandkreis,
- 0:19und ist dort einer von nur noch 120 Einwohnern. Ja, das ist
- 0:22krass, wenn ich mir vorstelle, alleine in meinem Haus sind wir so
- 0:2520 Leute und dann die ganze Straße eher mehrere Hunderte. Ja, und
- 0:30der Gedanke, der macht auch schon ein Problemfeld auf. Denn allein für
- 0:33deine Straße würde ja wahrscheinlich niemand auf die Idee kommen, da so
- 0:36eine Bushaltestelle zum Beispiel hinzubauen, geschweige denn einen Bahnhof. Und ob sich
- 0:40ein Bäcker oder ein Lebensmittelgeschäft lohnt, das würde ich jetzt mal
- 0:43auch mit einem Fragezeichen versehen. Kindergarten, Schule, Sportverein – all das lohnt sich
- 0:48für so wenige Menschen wahrscheinlich kaum. Ja, und das macht dann das
- 0:52Leben natürlich auch wieder kompliziert und führt im Zweifel dazu, dass noch
- 0:56mehr Menschen einen so kleinen Ort wie Talwinkel verlassen. Dieses Phänomen nennt
- 1:01man Schrumpfung, und das sehen wir in vielen ländlichen Regionen. Und in
- 1:04Sachsen-Anhalt sind davon 95 Prozent der Gemeinden betroffen. Einige Orte sind
- 1:09allein in den vergangenen 15 Jahren um ein Fünftel geschrumpft. Okay, also
- 1:13in anderen Worten, es fehlt fast jeder fünfte Einwohner oder Einwohnerin. Immer
- 1:19mehr Orte drohen also zu verschwinden, ganz langsam. Und wenn das eigene
- 1:24Dorf stirbt, das macht natürlich was mit den Menschen, aber auch mit
- 1:28dem ganzen Land. Was bedeutet der Bevölkerungsrückgang für das Bundesland und vor
- 1:32allem für die Betroffenen? Wie versuchen Menschen, ihre Region trotzdem am Leben
- 1:36zu halten? Und was sagt eigentlich die Forschung dazu, wie es weitergehen
- 1:39kann? Darüber sprechen wir diesmal bei Dazwischen. Vorher schauen wir aber, wie
- 1:52immer kurz in den Rückspiegel. Du bist ja die letzten beiden Folgen
- 1:55krank gewesen, jetzt aber hoffentlich wieder ganz gesund, oder? Ja, also ich
- 1:59glaube, in meiner Stimme hört man es noch, dass da so eine
- 2:02Restkrankheit ist, aber insgesamt geht es mir wieder gut. Und tatsächlich musste
- 2:05ich während meines Ausfalls sehr oft an unsere zweite Folge denken zu
- 2:11den Krankentagen. Weil ich das Gefühl hatte, ich bin wieder krank, ich
- 2:12bin wieder krank. Weil ich in dieser Folge sage, ja, die Leute
- 2:14sollten ja lieber mal krank, richtig krank sein und zu Hause bleiben.
- 2:18Und weil das einfach besser ist, sonst zieht sich das lange raus.
- 2:21Und ich dann so dachte, hm, also vielleicht habe ich da meinen
- 2:25eigenen Preis nicht so ernst genommen, weil ich genau das halt gemacht
- 2:28habe, von dem ich gewarnt habe. Erst irgendwie krank sein, trotzdem weiter
- 2:31arbeiten und dann richtig lange krank sein. Ja, aber jetzt hast du
- 2:35dir da die zwei Wochen sozusagen genommen. Jetzt hoffen wir, dass es
- 2:37alles dann tatsächlich wieder gut ausgeht. Und Leonhard hat dich ja würdig
- 2:41vertreten hier bei uns im Podcast. Ja, und uns interessiert ja besonders
- 2:45wie ihr diesen Podcast findet. Eure Reaktionen sammelt und strukturiert bei uns
- 2:49Anne. Und ich bin gespannt, welche Rückmeldung es in den letzten Tagen
- 2:52so gegeben hat. Ja, es kamen viele Nachrichten wieder rein. Das freut
- 2:55mich sehr. Zum Beispiel hat uns Rebecca aus dem Salzlandkreis gemailt, dass
- 3:00ihr die Ehrenamtsfolge sehr gut gefallen hat und sie daran erinnert hat,
- 3:04dass sie sich auch schon immer ehrenamtlich engagieren wollte. Aber bisher hat
- 3:07es leider noch nicht geklappt. Gerste hat uns auf Mastodon gefragt, wie
- 3:12Menschen überhaupt noch Kapazitäten für ein Ehrenamt haben sollen, wenn die Regierung
- 3:15gleichzeitig die Abschaffung des Acht-Stunden-Tages sowie Kürzungen bei Rente und
- 3:19Gesundheitsversorgung plant. Gute Frage! Grit hat uns auf Mastodon ebenfalls geschrieben und
- 3:25zwar zur Stiftungsfolge: „Liebester Zwischenteam, danke für euren Podcast. Die Stiftungsfolge war
- 3:32auch wieder sehr hilfreich.“ Und sie schlägt eine Folge über Bürgermedien in
- 3:36Sachsen-Anhalt vor. Finde ich auch spannend. Es ist ja auch eine
- 3:39relativ breite Landschaft, die es da gibt. Das können wir uns auf
- 3:41jeden Fall mal anschauen. Und Facebeater, ich hoffe, ich spreche das richtig
- 3:45aus, hat uns auf Mastodon geschrieben, dass er sich mehr Auseinandersetzung mit
- 3:50der hohen Wählerzustimmung zur AfD in Sachsen-Anhalt in Umfragen wünschen würde.
- 3:54Das machen wir. Das können wir auf jeden Fall versprechen an dieser
- 3:58Stelle. Egal wie, dieses Feedback zu den verschiedensten Themen, was wir ja
- 4:02heute bekommen haben, ist für uns wirklich wahnsinnig wertvoll. Liebe Zuschauer, danke
- 4:05dass ihr eure Gedanken mit uns teilt und teilt sie bitte auch
- 4:08gerne weiter. Wir lesen wirklich jede eurer Nachrichten per Mail, bei Mastodon,
- 4:13in anderen sozialen Netzwerken oder auch auf Podcast-Plattformen wie Apple Podcasts
- 4:18oder Spotify. Schickt uns also bitte jederzeit Lob, Kritik, Themenvorschläge oder was
- 4:23euch sonst noch bewegt. Die Mailadresse dafür lautet dazwischen@detektor.fm.
- 4:28Ihr findet uns aber, wie gesagt, auch bei Facebook, Instagram oder Mastodon.
- 4:33Einfach mal nach detektor.fm suchen und uns eine Nachricht hinterlassen. Tatsächlich
- 4:37helfen uns auch 5 Sterne bei Apple Podcasts oder Spotify, damit noch
- 4:41mehr Leute diesen Podcast hier entdecken. Und da könnt ihr natürlich auch
- 4:44sehr gerne kommentieren. Und wir haben noch ein anderes Feedback bekommen. Genauer,
- 4:49wir haben auch von Deutschlandfunk Kultur ein Lob, vor allem für die
- 4:52spannende Folge 8 zum Thema Stiftung erhalten. Und das in der Sendung
- 4:57Studio 9 mit Daniel Kubiak. Ganz herzlichen Dank dafür! Das hat uns
- 5:01echt überrascht und wahnsinnig gefreut. Marie, heute nehme ich dich mit in
- 5:12den Burgenlandkreis. Schön, noch an Freiburg vorbei in Richtung Bad Bibera und
- 5:19dann biegen wir nach Norden ab. Da fließt der kleine Biberbach und
- 5:23der führt uns in das kleine Dorf Talwinkel. In Talwinkel leben 120
- 5:29Menschen. Einer davon ist Tom Eberling, noch keine 30 und Vorsitzender des
- 5:33Heimat- und Feuerwehrvereins. Also auch ein gutes Beispiel für ehrenamtliches Engagement,
- 5:37haben wir ja in der letzten Folge darüber gesprochen. Und ich habe
- 5:40ihn an Vereinsheim getroffen und direkt auf den schönen neuen Spielplatz angesprochen,
- 5:44der da direkt daneben steht. Es gab in Bad Bibera einen alten
- 5:46Spielplatz, der wurde aber durch Vandalismus beschädigt, sollte abgebaut werden und entsorgt
- 5:51werden. Die Spielgeräte waren aber noch top in Schuss. Die haben wir
- 5:55als Verein abgebaut, haben sie hier wieder aufgebaut, neu aufgerüstet, mal ein
- 6:00paar Bretter getauscht. Und jetzt ergänzen sie unseren Spielplatz. Wir konnten uns
- 6:04erweitern. Durch die Gemeinde kommt immer nicht so viel, weil halt auch
- 6:09keine Mittel da sind, gerade so für freiwillige Leistungen wie Spielplätze. Also
- 6:14müssen wir uns selber organisieren, wenn wir was erreichen wollen. Ja, und
- 6:17was sie erreichen wollen, wird eigentlich ziemlich schnell klar. Sie versuchen nämlich,
- 6:21der Schrumpfung ihres Ortes etwas entgegenzusetzen. Also wir hatten mal rund 200
- 6:26Einwohner in unseren Ortsteilen Tal und Bergwinkel. Aktuell sind wir bei 120. Das
- 6:31hat den Hintergrund, dass nach der Wende, aber auch so in den
- 6:342000er Jahren viele keine Arbeit hier gefunden haben, sondern eher Richtung West
- 6:41oder Richtung Großstädte gezogen sind. Und dadurch sind viele weg. Allerdings hatten
- 6:48wir auch eine sehr hohe Altersrate, Altersquote hier im Ort. Es sind
- 6:53auch viele verstorben. Das gehört auch zur Wahrheit dazu. Also von 200
- 6:57auf 120 Personen, das klingt viel. Ich stelle es mir da gerade
- 7:03sehr leer vor. Also spürt man das schon? Ja, das ist ehrlich
- 7:07gesagt total erstaunlich, wenn man da so zu Besuch ist, wie ich.
- 7:10Dann merkt man das überhaupt nicht. Also ich bin da so durchgelaufen
- 7:13und habe gesagt: Mann, also erstens, es liegt unfassbar idyllisch. Du bist
- 7:17da so eingebettet in so Wald und Wiesen. Dann dieser kleine Biberbach,
- 7:21über den ich ja eben schon gesprochen habe. Also es war dann
- 7:23auch noch so wunderschönes Wetter, als ich da war. Das spielt ja
- 7:25auch immer so eine Rolle. Das heißt, ich bin da durchgegangen und
- 7:28dachte so: Okay, also fühle ich hier irgendwie gar nicht, dass es
- 7:31hier Probleme geben könnte. Und es liegt auch daran, dass Talwinkel 2003
- 7:36Gelder aus dem Dorferneuerungsprogramm bekommen hat und davon auch tatsächlich sehr profitiert
- 7:40hat. Also die haben die Straßen da neu gemacht, die konnten ihr
- 7:43Dorfgemeinschaftshaus umbauen. Da ist jetzt also unten so ein Feuerwehrgerätraum drin und
- 7:48oben so eine Art, ich sage jetzt mal, Veranstaltungsraum. Und die Häuser
- 7:52sehen da gut gepflegt aus. Es gibt keinen Leerstand oder kaum Leerstand.
- 7:57Ganz im Gegenteil, es wird sogar neu gebaut. Okay, das klingt jetzt
- 8:00aber erstmal widersprüchlich. Also das Dorf wird kleiner und gleichzeitig sehe ich
- 8:04keinen Leerstand. Ja, das liegt zum großen Teil daran, dass wenn man
- 8:08so durch Talwinkel durchläuft, sieht man das auch. Es gibt einfach sehr
- 8:11große Häuser. Ja, da haben halt eben früher mehrere Generationen unter einem
- 8:15Dach gelebt. Und da leben heute dann eben deutlich weniger Menschen zusammen.
- 8:19Also es ist ja so, dass viele Rentner hier alleine wohnen, bzw.
- 8:23vielleicht noch zu zweit, aber beide schon Rentner sind. Also da merkt
- 8:26man den demografischen Wandel extrem. Und genau um die geht es. Die
- 8:31sind jetzt in dem Alter, wo sie dann irgendwann sicherlich versterben und
- 8:35wo dann auch keiner nachkommt, weil einfach die Familien nicht mehr im
- 8:39Haus wohnen. Und das sind dann potenzielle Objekte, die verkauft werden und
- 8:44wo sicherlich Familien nachkommen. Wenn man sich das so durchrechnet, komme ich
- 8:49nicht auf 200 Leute, wie wir mal waren. Also dann waren die
- 8:53Häuser wirklich übervoll. Aber wenn wir wieder so Richtung 150 kommen würden,
- 8:58das wäre schon mal was, denke ich mal. Dann kann man schon
- 9:00mal viel machen hier in dem Ort. Mit diesem Schrumpfen, dieser Entwicklung
- 9:04ist Talwinkel ja nicht allein. Wir haben ja vorhin schon gesagt, in
- 9:07Sachsen-Anhalt sind 95 Prozent aller Gemeinden davon betroffen. Und ab einem
- 9:13bestimmten Punkt steht natürlich schnell beispielsweise die Frage im Raum, ob sich
- 9:17Dinge wie Schule oder Kita dann noch lohnen. Und dann wird das
- 9:22verständlicherweise für die Menschen vor Ort sehr schnell sehr emotional. Wir haben
- 9:26darüber mit Steffen Maretzke vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung
- 9:30gesprochen. Denn er beschäftigt sich genau mit diesen Fragen und ist einer
- 9:33der Autoren der aktuellen Raumordnungsprognose 2045. Diese Prognose verlinken wir euch gern
- 9:39im begleitenden Online-Artikel beim Podcast Radio detektor.fm und natürlich auch
- 9:44hier in den Shownotes. Und um das mal so ganz kurz und
- 9:47knapp zusammenzufassen: Diese Raumordnungsprognose untersucht, wie sich die Bevölkerungszahlen in den
- 9:52vergangenen 15 Jahren bis runter auf Kreisebene verändert haben und sich in
- 9:56den nächsten 20 Jahren vermutlich verändern werden. Steffen Maretzke: „Wenn eben eine
- 10:01Kommune damit konfrontiert ist, dass die Kitas kaum noch ausgelastet sind, dass
- 10:06die Schulen immer weniger besetzt sind, dann steht man zum Beispiel gerade
- 10:10in Sachsen-Anhalt vor der Frage: Kann ich die Kitas noch halten?
- 10:13Muss ich Schulen schließen? Ich kann die Kosten, die ich für Kitas
- 10:17und Schulen aufwende, gar nicht so schnell reduzieren, wie die Bevölkerungszahl schwindet.
- 10:22Und naja, wenn Schule oder Kita wegbrechen, wandern dann ja vielleicht noch
- 10:27mehr Menschen ab. Also das ist da dann schon eine ziemliche Spirale,
- 10:30die dann losgeht. Über diese Spirale werden wir heute leider noch so
- 10:33ein paar Mal sprechen müssen, denn es sind ja nicht nur Kitas
- 10:35und Schulen betroffen, sondern eigentlich fast alle Dinge des alltäglichen Lebens. Das
- 10:41ist also auch gerade für diese Dienstleistungsunternehmen, die so haushaltsorientiert sind: Bäcker,
- 10:47Banken, was wir alles da so kennen. Es ist sehr schwer, im
- 10:51Grunde genommen dort ein tragfähiges Wirtschaftsmodell aufzubauen. Also diese Unternehmen haben einfach
- 10:56Probleme, sich am Markt zu behaupten. Und man erlebt, dass viele dieser
- 11:01Unternehmen letztendlich schließen und die Versorgung in der Breite nicht gegeben ist.
- 11:07Ja, das sehen wir eigentlich überall. Das Läden, Kneipen, Bäcker zumachen. Und
- 11:12dabei sind diese Orte ja so wichtig für die Gemeinschaft. Darüber haben
- 11:15wir auch schon in unserer Folge über das Mitmachlokal in Dessau und
- 11:19die dritten Orte im Allgemeinen gesprochen. Hört da gern nochmal rein. Ihr
- 11:23findet diese Episode vom 9. April hier im Podcast-Feed von Dazwischen.
- 11:29Und ja, wie sieht es in Talwinkel mit der Infrastruktur aus? Ja,
- 11:33man könnte sagen, Talwinkel hat Pech und Glück zugleich. Pech, weil es
- 11:38all diese Dinge im Ort nicht mehr gibt. Also der Konsum hat
- 11:40schon kurz nach der Wiedervereinigung zugemacht. Es gab noch länger so eine
- 11:44Gaststätte, die das Ehepaar, dem sie gehört hat, noch fast bis zum
- 11:48Tod geführt hat. Aber bis jetzt irgendwie auch eine ganz schöne Geschichte,
- 11:51weil da ist jetzt ein ziemlich großes Gebäude. Es ist jetzt eine Familie
- 11:53mit vier Kindern eingezogen. Also das haben sie ganz gut sozusagen übertragen
- 11:56bekommen. Aber es gibt eben diese Gaststätte nicht mehr. Und Kita und
- 12:00Schulen gibt es auch schon nicht mehr. Und der Bus fährt so
- 12:02ganz klischee-mäßig wirklich zweimal am Tag. Einmal, um die Kinder zur
- 12:06Schule zu bringen, einmal, um sie dann wieder zurückzuholen. Es gibt so
- 12:10ein Pilotprojekt oder es soll so ein Pilotprojekt mit Rufbussen geben aus
- 12:12Bad Bibera, aber das ist noch nicht so richtig angelaufen. Okay, und
- 12:16wo hat Talwinkel da jetzt Glück? Ja, so blöd das klingt, weil
- 12:20es all diese Dinge nicht mehr gibt und die Leute, die da
- 12:23wohnen, da trotzdem noch wohnen. Also die haben sich in den letzten
- 12:26sage ich mal 36 Jahren daran gewöhnt und kennen es zum Teil
- 12:29auch gar nicht mehr anders. Die haben sich einfach arrangiert und das
- 12:32ist fairerweise in Talwinkel auch gar nicht so schwer. Wir sind dennoch
- 12:36gut angebunden an unsere Nachbarorte. Direkt nebenan ist Bad Bibera. In Bad
- 12:41Bibera gibt es eigentlich alles, was man zum Leben braucht: Einzelhandel, mehrere
- 12:45Kleidungsgeschäfte, es gibt Post, Arzt, Sekundarschule, Grundschule, noch einen Ort
- 12:51weiter. Alles, was man zum Leben braucht und das in drei Kilometer
- 12:55Entfernung. Also wir fahren mit dem Fahrrad zehn Minuten. Das ist alles
- 13:00super erreichbar. Und mein Arbeitgeber ist auch in Bad Bibera, der von
- 13:05meiner Partnerin noch zehn Minuten weiter entfernt. Aber das ist alles machbar.
- 13:10Ja, okay, also wenn ich selbst auf dem Land mit dem Fahrrad
- 13:12nur zehn Minuten zur nächsten Einkaufsmöglichkeit brauche, dann ist das natürlich ziemlich
- 13:17super. Aber Arbeitsplätze, das ist ja auf jeden Fall immer ein wichtiges
- 13:23Thema, wenn es darum geht, ob Menschen irgendwo bleiben oder ob sie
- 13:25eben weggehen. Das hat ja Tom auch vorhin gesagt, dass eben viele
- 13:28Leute nach dem Mauerfall in den Westen oder auch in größere Städte
- 13:31wie Magdeburg, Halle, Leipzig oder Berlin gezogen sind. Klar, das ist ein
- 13:35Riesenproblem. Also erstens gibt es, wie in vielen Regionen in den ostdeutschen
- 13:38Bundesländern, auch in dieser Region einfach nicht so viele große Unternehmen. Und
- 13:44fast überall wird auch immer noch schlechter bezahlt als in den meisten
- 13:47westdeutschen Bundesländern. Tom hat mir trotzdem gesagt, manche Leute müssen ehrlich gesagt
- 13:51auch mal 30, 40 Minuten fahren bis zu ihrer Arbeitsstätte. Das ist
- 13:56so, aber ganz ehrlich, in der Großstadt ist es manchmal auch so.
- 13:59Wenn man durch die Stadt durch muss, ist man auch seine Zeit
- 14:01unterwegs. Aber es gibt öffentliche Arbeitgeber in der Umgebung. Es gibt ein
- 14:07Zementwerk in Karstorf. Da finden viele ihre Arbeit und es gibt verschiedene
- 14:14mittelständische Unternehmen im Straßenbau vor allem. Da sind auch sehr viele in
- 14:19unserem Ort, aber auch in Nachbarschaften tätig. Also halten wir fest: Talwinkel
- 14:25ist zwar in den letzten Jahrzehnten stark geschrumpft. Gleichzeitig haben die Menschen
- 14:29sich damit aber ganz gut arrangiert und ja, zurzeit zumindest noch ganz
- 14:35gute Ausweichmöglichkeiten, was so Arbeitsplätze, Kita, Schule und so weiter betrifft. Wir
- 14:40haben ja aber auch gesagt, dass dieses Phänomen des Bevölkerungsrückgangs ganz Sachsen
- 14:45Anhalt betrifft. Gibt es denn dort eine Region, die besonders stark betroffen
- 14:50ist, wo es wirklich dramatisch aussieht? Ja, also was wirklich auffällt, ist
- 14:53der Kreis Mansfeld-Südharz. Denn der hat den stärksten Bevölkerungsrückgang aller Kreise
- 14:58in Deutschland. Besonders stark verlassen erwerbstätige Menschen die Region und deswegen ist
- 15:03Mansfeld-Südharz mittlerweile auch eine der ältesten Regionen in Deutschland. Da haben
- 15:06wir, glaube ich, in der Gesundheitsfolge auch schon drüber gesprochen. Und das
- 15:10ist natürlich total schwierig, weil damit wirklich ein Haufen Probleme einhergeht. Zwischen
- 15:20den Zeilen war das ja immer schon herauszuhören. Aber lass uns doch
- 15:23nochmal ganz konkret darüber sprechen, wie dieser Bevölkerungsrückgang zustande kommt. Was glaube
- 15:30ich schon ganz gut rausgekommen ist: Der demografische Wandel spielt eine wichtige
- 15:34Rolle. Also die Menschen werden immer älter und es werden gleichzeitig aber
- 15:39immer weniger Kinder geboren. Genau, also das haben wir ja schon an
- 15:42vielen Stellen besprochen. Wie in vielen anderen Regionen haben nach der Wiedervereinigung
- 15:46viele Menschen Sachsen-Anhalt verlassen und sind in die westdeutschen Bundesländer oder
- 15:50auch in die ganze Welt gezogen. Und es sind nach der Wiedervereinigung
- 15:54deutlich weniger Kinder geboren worden. Das ist nicht nur in Sachsen-Anhalt
- 15:57so, das ist auch in anderen ostdeutschen Regionen so. Und das spüren
- 16:00wir bis heute quasi doppelt. Denn weniger Kinder nach 1990 hier bedeutet
- 16:05auch weniger Menschen, die jetzt hier selber Kinder kriegen können. Und außerdem
- 16:10wandern immer noch viele junge Erwachsene und Familien in wirtschaftlich stärkere Regionen
- 16:15ab. Und dadurch sinkt die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter, obwohl
- 16:19ich diesen Begriff ganz furchtbar finde. Aber er ist eben wichtig dafür,
- 16:22weil weniger Geburten eben diesen Schrumpfungsprozess zusätzlich verstärken. Außerdem wissen wir, dass
- 16:27Menschen in Krisenzeiten weniger Kinder bekommen. Und da würde ich schon mal
- 16:31sagen, so mit Klimawandel, Kriegen und auch so dieser gesellschaftlichen Spaltung stecken
- 16:36wir da gerade mittendrin in einer. Also es ist eigentlich jetzt schon
- 16:40klar, dieser Bevölkerungsrückgang, der setzt sich bis 2045 fort. Besonders in den
- 16:46ländlichen und strukturschwachen Regionen. Und gleichzeitig altern diese Regionen auch noch besonders
- 16:51stark. Also das bedeutet, es gibt nicht nur weniger Einwohnerinnen und Einwohner
- 16:55insgesamt, sondern vor allem einen starken Rückgang der arbeitenden Bevölkerung, weniger Steuereinnahmen
- 17:02und das verschärft dann wieder Fachkräftemangel, Pflegeprobleme und die Finanzierung der Infrastruktur
- 17:07vor Ort. Genau, und da sind wir wieder bei der vorhin schon
- 17:10angesprochenen Spirale. Naja, wir haben einen sehr problematischen Mix in vielen ostdeutschen
- 17:15Regionen, und das gilt auch für Sachsen-Anhalt. Und das ist das
- 17:19eine, dass im Grunde genommen die Gemeinden durch eine kommunale Finanzschwäche ausgeprägt
- 17:26sind. In diesen Regionen war es nach der Wende auch in den
- 17:31sachsen-anhaltinischen Regionen, wo eine Menge Arbeitsplätze weggefallen sind. Die Steuereinnahmen der
- 17:38Kommunen sind vergleichsweise unterdurchschnittlich. Man kann also vergleichsweise weniger machen. Die Bevölkerungszahlen
- 17:44schrumpfen. Der ÖPNV leidet unter diesen Rahmenbedingungen, sodass es schon schwierig ist,
- 17:51die Lebensbedingungen attraktiv zu halten, gerade wenn wir immer über die Sicherung
- 17:55gleichwertiger Lebensverhältnisse sprechen. Durch die klammerwerdenden kommunalen Kassen fallen dann noch mehr
- 18:01Dinge weg, wie zum Beispiel eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr,
- 18:05also Busse und Bahnen. Das macht dann das Pendeln schwieriger. Ich brauche
- 18:08länger bis in die nächstgrößere Stadt, bin deshalb vielleicht nicht ganz so
- 18:12flexibel bei der Wahl des Arbeitsplatzes und das verstärkt die Abwanderung dann
- 18:16nochmal zusätzlich. Außerdem darf man natürlich auch den emotionalen Aspekt nicht vergessen.
- 18:21Also viele Menschen erinnern sich ja noch daran, wie das Leben im
- 18:24Ort früher vielleicht mal war, vor 50 Jahren, als da noch mehr
- 18:28Menschen gelebt haben. Oder sie hören das vielleicht zumindest von den Eltern
- 18:31oder von den Großeltern. Und da bleibt natürlich manchmal auch so ein
- 18:35Gefühl von Verlust und ja, manchmal auch dieses Gefühl, vergessen zu werden.
- 18:47Wir haben jetzt sehr ausführlich darüber gesprochen, was die Gründe dafür sind,
- 18:52dass Dörfer schrumpfen, manchmal sogar schleichend ganz verschwinden. Und auch wie sich
- 18:57das vor Ort anfühlt. Ja, und auch wenn sich in Talwinkel viele
- 19:01mit der Situation arrangiert haben, versucht man da ja schon aktiv, neue
- 19:05Menschen in den Ort zu holen. Aber ich habe mich gefragt, ob
- 19:08das überhaupt gelingen kann. Und das habe ich auch den Experten Steffen
- 19:11Maretzke gefragt, und der hat eine ziemlich klare Botschaft: „Stellt euch darauf
- 19:16ein, dass ihr mit schrumpfenden Umführungszahlen leben müsst. Das ist meine wesentliche
- 19:20Botschaft. Gerade an Gemeinden, die abseits der Zentren gelegen sind, werden letztendlich
- 19:28immer auch noch weniger Steuern an die Kommunen weiterleiten können, sodass sich
- 19:34die Rahmenbedingungen einfach ungünstig gestalten. Und vor dem Hintergrund wird es kaum
- 19:39gelingen, die Rahmenbedingungen so zu verändern, dass sich kurzfristig, kurz- und
- 19:44mittelfristig etwas in eine Richtung dreht, die es realistisch erscheinen lässt, dass
- 19:49sich an den Grundtrends der Bevölkerungsentwicklung etwas verändern wird.“ Klingt sehr ernüchternd,
- 19:55aber auch sehr ehrlich. Ich kann mir vorstellen, dass es sehr schwierig
- 19:59ist, aber zu akzeptieren, dass der eigene Ort verschwindet und man nichts
- 20:03machen kann, gerade wenn man da aufgewachsen ist und eigentlich auch sehr
- 20:07gern bleiben will. Ich kann das nachvollziehen. Fand das aber in Talwinkel
- 20:11ganz spannend. Ich habe da mit Tom im Gemeinschaftshaus gesessen und dann
- 20:14kam sein Stellvertretender Andy Söhring noch dazu. Auch noch keine 40 und
- 20:19ich habe die beiden gefragt, wie sich genau das anfühlt.
- 20:23„Ich bin der Letzte, der aus dem Dorf rausgeht. Nach mir... Ja, darüber macht
- 20:31man sich keine Gedanken eigentlich. Aber ja klar, der Ort ist geschrumpft,
- 20:35der könnte auch noch weiter schrumpfen. Klar, die Theorie würde bestehen. Aber
- 20:39selbst wenn wir hier mit 20 Leuten da wären, ich glaube, dann
- 20:43würde die Arbeit zwar mehr werden, aber deswegen wird die Lebensqualität hier
- 20:47nicht schlechter.“ Also da waren die sich wirklich total einig. Die Menschen,
- 20:51die dort leben, die wollen da eben auch leben. Die haben das
- 20:54für sich entschieden. Die haben da gebaut oder renoviert oder im Fall
- 20:58von Talwinkel eben auch so eine Gemeinschaft aufgebaut, mit der sie es
- 21:01sich da einfach schön machen. „Wir haben so eine Gruppe an jungen
- 21:05und alten Leuten, sind hier sehr aktiv am Machen und Tun, gerade
- 21:10im Ort. Wir sind stets daran getan, den Ort zu verschönern, die
- 21:16Lebenssituation hier zu verschönern. Und dazu gehören natürlich auch mal Arbeitseinsätze, wo
- 21:20wir dann nachmittags uns treffen, organisieren. Und ja, dann sind wir froh,
- 21:27dass wir was gemacht haben, dass wir was geschafft haben, dass wir
- 21:29wieder ein Stück weiter gekommen sind. Und ja, dann trinken wir unser
- 21:34Feierabendbier und dann sind wir auch mit unserem Nächsten zusammen. Das schätzen
- 21:40wir alle sehr.“ Durch so eine besonders enge Gemeinschaft kann man ja
- 21:44auch den Anreiz erhöhen, dass mehr Menschen bleiben, zum Beispiel die Kinder
- 21:49von Tom. Aber wir haben ja auch schon gehört, die generelle Schrumpfung
- 21:54hält das eben allein nicht auf. Es gibt deswegen ja auch Experten,
- 21:58zum Beispiel den Hallenser Ökonom Reint Grob, die fordern, man soll diese
- 22:03sehr kleinen Orte aufgeben und dort eben weder in Arbeitsplätze noch in
- 22:09sowas wie den Ausbau des 5G-Netzes investieren. Ja, das sind natürlich
- 22:13reine Kosten-Nutzen-Diskussionen und manchmal auch eher so Gedankenspiele. Denn es
- 22:18stimmt schon, die Infrastruktur im ländlichen Raum zu erhalten, ist somit vielfaches
- 22:22teurer als in der Stadt. Also nehmen wir mal so eine Wasserleitung,
- 22:25die kostet auf dem Land zehnmal mehr als in der Stadt, wenn
- 22:27man das so pro Kopf berechnet, die Ausgaben. Trotzdem geht diese Diskussion
- 22:33natürlich an der Lebensrealität der Menschen vorbei. Es gibt eine Befragung von
- 22:36MDR fragt aus dem Jahr 2021 in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.
- 22:41Da haben 89 Prozent der Befragten eben abgelehnt, dass ländliche Regionen aufgegeben
- 22:46werden sollten. Keine große Überraschung, weil einfach viele Menschen dort leben. Und
- 22:50was die Kosten angeht, da gibt es eine Erhebung vom Bundesinnenministerium, die
- 22:54fand ich auch ganz spannend. Und aus der geht hervor, dass die
- 22:57Aufgabe eines Ortsteils für die Gemeinde teurer wird als dessen Erhalt, wenn
- 23:01man mehr als 13 Haushalte auf 18 Gebäude verteilt hat. Also das
- 23:05ist auf jeden Fall weniger als das, was wir in Talwinkel sehen.
- 23:08Weil du musst ja, um sozusagen diesen Ortsteil aufzulesen, musst du also
- 23:11den Leuten ihre Grundstücke abkaufen und auch die Gebäude abkaufen. Du musst
- 23:15irgendwie den Umzug finanzieren und da kommt dann natürlich schon ganz schön
- 23:18was zusammen. Okay, also ein ganzes Dorf oder ganze Ortsteile sterben zu
- 23:22lassen, das spart nicht pauschal Geld. Wir müssen uns aber einfach darauf... 00:23:25.000 --> 00:23:30.000 Einstellen, dass sich die Schrumpfung nicht aufhalten lässt. Das ist irgendwie ziemlich
- 23:30unbefriedigend. Wie gehen wir also aus dieser paz Situation raus, oder wie
- 23:35gehen wir damit um? Ja, Steffen Maritzke sagt, es gibt drei große
- 23:38Punkte, wie man die Situation für einzelne Orte in Sachsen-Anhalt verbessern
- 23:42kann. Der erste ist eine stärkere Zusammenarbeit von kleinen Orten. Das macht
- 23:46ja auch Sinn. Also bestimmte Strukturen muss man dann eben zum Beispiel
- 23:49nur noch einmal vorhalten. Das sieht man ganz häufig bei der Freiwilligen
- 23:52Feuerwehr, dass also verschiedene Orte gemeinsam Einsätze fahren. Das ist auch in
- 23:57Talwinkel so, und manchmal bilden die zum Beispiel auch ihren Feuerwehrnachwuchs zusammen
- 24:01aus, weil es einfach nicht genug Kinder gibt, dass du das jetzt
- 24:04in jedem Ortsteil, in jedem Dorf alleine machst. Man könnte laut Steffen
- 24:08Maritzke auch über eine noch stärkere Eingemeindung nachdenken, um eben auch bei
- 24:13den Verwaltungsstrukturen zu sparen. Ja, wobei das Zusammenlegen von Städten und Gemeinden,
- 24:19das weiß ich aus eigener Erfahrung, ja nicht immer positiv von den
- 24:22Menschen aufgenommen wird. Es hat wieder sehr emotionale Folgen, und wenn dann
- 24:27so eine sehr große Einheitsgemeinde entsteht, egal wie effektiv die auch sein
- 24:32mag, ja, dann bleibt da immer was, oder oft was bei den
- 24:34Menschen einfach so ein Unbehagen. Auf jeden Fall, und das ist auch
- 24:37in Talwinkel so. Also die sind mittlerweile Ortsteil von Bad Bibra und
- 24:41Teil der Verbandsgemeinde an der Finne. Und da muss man dann schon
- 24:45gucken, dass man eben nicht an Mitspracherecht und auch an, ja, ich
- 24:49sag mal, so etwas wie lokaler Identität verliert. Bei den vergangenen drei
- 24:54Gemeinderatswahlen kann man sagen, sind unsere Stimmrechte immer weniger geworden, also unsere
- 24:59Stimmrechte als Ort. Aber im letzten Gemeinderat haben sich wiederum drei Leute
- 25:03von uns gestellt, von unserem Ort. Einer ist gewählt worden, das ist
- 25:06aber okay, und damit haben wir unsere Stimme, die erhört wird und
- 25:10denjenigen, der unsere Interessen auch im Rat vertritt. Das ist übrigens der
- 25:15Bruder von Tom, das fand ich auch ganz interessant, weil das ja
- 25:19auch wieder etwas ist, was extra Zeit kostet und Engagement. Aber ich
- 25:23finde, auch hier hat die Recherche wieder gezeigt, wenn du in so
- 25:26einem kleinen Ort lebst, dann musst du schon auch schauen, dass du
- 25:29die Dinge irgendwie mitgestaltest, damit es da schön bleibt oder schön wird.
- 25:33Von den Kommunen kommt da aus den genannten Gründen eben einfach nicht
- 25:37mehr so viel, denn viele Kommunen sind froh, wenn sie überhaupt noch
- 25:40ihre Pflichtaufgaben erfüllen können. Aber das wäre ja vielleicht schon auch noch
- 25:44eine Sache, das haben wir, glaube ich, auch schon an anderer Stelle
- 25:47besprochen. Vielleicht braucht es da auch eine Art, ja, von Reform, damit
- 25:51die Kommunen einfach freier und agiler handeln können. Da triffst du einen
- 25:55Punkt, den auch Steffen Maritzke mit angebracht hat. Und ich glaube, dass
- 25:59gerade in solchen Regionen, die von starken Schrumpfungsprozessen geprägt sind, es wichtig
- 26:06ist, dass Kommunen noch selbstständiger, selbstverantwortet agieren können, um dann die nötigen
- 26:14Entscheidungen treffen zu können und auch Entwicklungen vorantreiben zu können, die es
- 26:21ermöglichen, die Attraktivität dieser Gemeinden zu erhalten. Ja, zumindest zu sichern. Das
- 26:29wäre aus meiner Sicht auch ein wichtiger Punkt. Gut, aber wie wahrscheinlich
- 26:33das ist, darüber braucht man wahrscheinlich auch nicht lange diskutieren. Also bleibt
- 26:36es dabei, dass die Menschen in kleinen Orten ja vorher selbst schauen
- 26:40müssen, wie sie ihre Lage ja erhalten oder selbst verbessern. Ja, aber
- 26:46um die Schrumpfung aufzuhalten, hätten sie dafür vielleicht noch ein Ass im
- 26:50Ärmel. Wir sehen nämlich in den wenigen Kreisen, wo die Bevölkerung wächst,
- 26:54da tut sie das vor allem, weil Menschen aus dem Ausland kommen.
- 26:57Das hat auch Steffen Maritzke bestätigt. Er sagt, das ist eigentlich das
- 27:00Einzige, was die Schrumpfung ausgleichen kann. Also, dass Menschen aus dem Ausland
- 27:05nach Sachsen-Anhalt kommen, dort arbeiten, Steuern bezahlen, Produktivität generieren und Orte
- 27:10so lebendig halten. Ja, dafür müssen sie dort aber natürlich willkommen sein,
- 27:16willkommen geheißen werden, sich willkommen fühlen. In einem Bundesland, wo die AfD
- 27:20Umfragewerte von über 40 Prozent hat, bin ich mir da nicht so
- 27:24sicher. Ja, uns muss einfach klar sein, dass die Gemeinden in Sachsen
- 27:27Anhalt bis auf ganz wenige Ausnahmen ohne Menschen von außen langsam aber
- 27:32sicher immer mehr schrumpfen. Das mag in Talwinkel, wo eh nur noch
- 27:36120 Menschen leben, nicht mehr so schlimm sein. Aber in anderen Orten
- 27:40fallen ja dann erst Kitas und Schulen weg, macht dann erst der
- 27:43Bäcker und das Lebensmittelgeschäft zu. Und wenn man das gewöhnt ist, verliert
- 27:47man damit natürlich schon ein Stückchen Lebensqualität. Ich habe die Talwinkler natürlich
- 27:51auch gefragt, ob bei ihnen denn wirklich alle willkommen wären. Und die
- 27:56Antwort fand ich auf ganz sympathische Weise typisch Sachsen-Anhalt: Ich sehe
- 28:01da kein Problem dahinter. Es ist auch tatsächlich so, dass wir eine
- 28:06Familie aus der Ukraine haben, die hier wohnen. Und nicht zuletzt, wir
- 28:09haben jetzt eine Familie aus Bayern auch integriert. Also es ist ja
- 28:12auch fast Ausland. Und die machen sich auch, man versteht es ein
- 28:18bisschen schlecht, aber warte einen Moment, nicht Bayern, Fränkisch. Oh ja, das
- 28:22ist schon ein Unterschied. Fränkisch, das ist jetzt... Also wir können es
- 28:25nachher nochmal klären. Ich bin auch damit seiner Meinung, die, die aufs
- 28:30Land wollen, die sich integrieren wollen, würde für uns jetzt kein Problem
- 28:35darstellen. Wir wären froh, wenn sich welche, egal wie, ansiedeln würden. Auch
- 28:40Bier trinken müssen sie, nur das ist wichtig. Ja, so ein Spruch
- 28:45der hätte auch von meinem Vater kommen können. Aber ich glaube, was
- 28:48man hier schon spürt, es gibt da jetzt kein Argwohnen oder Ablehnung.
- 28:52Also die versuchen in Talwinkel schon, jeden zu integrieren. Aber ich glaube,
- 28:56was einem schon auch klar sein muss, man zieht da in einen
- 28:59kleinen Ort, wo jeder jeden kennt und irgendwie auch alles über jeden
- 29:03weiß. Das ist Klischee, aber das ist auch das, was die beiden
- 29:06mir erzählt haben. Also wenn man da nicht Teil dieser Gemeinschaft werden
- 29:11will, dann fühlt sich das, glaube ich, auch ganz schnell ziemlich komisch
- 29:13an. Vielleicht an der Stelle nochmal ein kleines Fazit: Dorfsterben und Schrumpfungen
- 29:20im Allgemeinen stellen viele Regionen Sachsen-Anhalt vor ziemlich große Herausforderungen. Weniger
- 29:26Steuern, noch klemmere Kassen, Strukturen, die wegbrechen. Ja, und so richtig viel
- 29:31dagegen tun kann man eigentlich nicht. Mit viel Engagement und Gemeinschaft, wie
- 29:36in Talwinkel, kann man es sich schön machen und natürlich im Zweifel
- 29:38auch dafür sorgen, dass nicht noch mehr Menschen weggehen. Aber um wirklich
- 29:42etwas zu bewegen, bräuchte es Ansiedlungen von außen und im besten Fall
- 29:47auch eine Finanzreform für die Kommune. Damit kommen wir zum Ende dieser
- 29:53Podcast-Folge. Aber vorher hat Anne noch eine Einladung für euch aus
- 29:58der Hohen Bürde. Ja, unser Veranstaltungstipp kommt von der Stiftung Leben. Sie
- 30:03lädt ein zur Eröffnung des Hauses des Ehrenamtes in Hermsdorf. Das ist
- 30:07ein Ortsteil in der Hohen Bürde. Das ehemalige Hortgebäude wurde von Ehrenamtlichen
- 30:12renoviert und soll zukünftig eine Begegnungsstätte sein für Vereine, Initiativen und bürgerschaftliches
- 30:17Engagement. Und am 30. Mai kann man sich zwischen 14 und 16
- 30:21Uhr die neuen Räume anschauen. Es wird eine Theateraufführung, Bilderbuchkino für Kinder,
- 30:26einen Kurs im Korbflechten und Führungen geben. Unter anderem stellen sich auch
- 30:30die Ehrenamtlichen des Näh- und des Reparaturcafés vor. Und natürlich gibt
- 30:34es Kaffee und Kuchen im neuen Haus des Ehrenamtes in Hermsdorf. Ja,
- 30:38der Veranstaltungstipp passt ja super zu unseren bisherigen Folgen über Ehrenamt, Stiftungen
- 30:42und Reparaturkultur im Osten und auch die dritten Orte. Das gefällt mir
- 30:46gut. Ja, und vielleicht hat ja jemand von euch Lust, mit dabei
- 30:49zu sein. Wenn ja, dann schickt uns gern Fotos. Und wir freuen
- 30:53uns natürlich auch immer über eure Veranstaltungstipps, Lieblingsorte oder Heldinnen und Helden
- 30:58des Alltags. Schickt uns einfach eine Mail oder Sprachnachricht an dazwischen at
- 31:04detektor.fm. In der nächsten Folge widmen wir uns dem Thema Freiheit
- 31:08der Wissenschaft, denn mehrere Forschungseinrichtungen, Hochschulen und Institute in Sachsen-Anhalt sehen
- 31:14die Forschungsfreiheit in Gefahr. Die AfD hat ja angekündigt, die Wissenschaftslandschaft umbauen
- 31:19zu wollen, sollte sie an die Regierung kommen. Viele Forscherinnen und Forscher
- 31:24warnen davor, dass das schwerwiegende Konsequenzen hätte. Sie sagen, freie Forschung ist
- 31:30eine der wichtigsten Ressourcen der Demokratie. Deshalb habe ich mich mit Rhein
- 31:34Grob getroffen. Den Namen habt ihr ja in dieser Episode schon mal
- 31:36kurz gehört. Der denkt nicht nur über die Zukunft von ländlichen Regionen
- 31:40nach, sondern ist auch Präsident des Leibniz Instituts für Wirtschaftsforschung Halle und
- 31:45Professor für Volkswirtschaftslehre an der Otto von Gehricke Universität Magdeburg. Ich habe
- 31:49mit ihm gesprochen und ihn gefragt, wodurch er die Wissenschaftsfreiheit in Gefahr
- 31:53sieht und was eine Einschränkung für Sachsen-Anhalt konkret bedeuten würde. Und
- 31:57wir haben natürlich auch darüber gesprochen, was getan werden kann, um die
- 32:01Wissenschaftsfreiheit zu schützen. Mehr dazu in der neuen Folge nächste Woche hier
- 32:06bei Dazwischen. Ich freue mich drauf. Dieser Podcast ist eine Kooperation von
- 32:17detektor.fm und dem Media Forward Fund. Podcast Hosts Marie Landes und
- 32:22Katja Schmidt. Community-Redakteurin Anne Koslowski. Akneig Podcast Redaktion Leonard Schubert. Cover
- 32:30Design Claudia Dölling und Anja Kremer von Sisters of Design. Originalmusik Florian
- 32:36Sievers. Audio Produktion Benjamin Serdani, Stanley Beidorf und Tim Schmutzler. Projektleitung Christian
- 32:43Wollert.