Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 3 - 220-237
Transcript
- 0:00Unter Kapitel 220 Opfer die Opfertiere denken über das
- 0:06Opfern und die Aufopferung anders als die Zuschauer, aber
- 0:10man hat sie noch nie zu Wort kommen lassen.
- 0:12Dies ist eine tiefgreifende Kritik der Moral, der
- 0:15Aufopferung, diejenigen, die ein Opfer fordern oder beklatschen,
- 0:20die Zuschauer sehen darin etwas edles und Notwendiges, die.
- 0:24Diejenigen aber, die das Opfer tatsächlich bringen müssen, die
- 0:28Opfertiere würden es vielleicht als grausam, sinnlos und
- 0:32zerstörerisch empfinden. Nietzsche kritisiert, dass die
- 0:35Moral immer aus der Perspektive der Nutznießer und niemals aus
- 0:39der Perspektive der Opfer geschrieben wurde.
- 0:42Unterkapitel 221 Schonung in diesem sehr kurzen Abschnitt
- 0:49macht Nietzsche eine Beobachtung über die Beziehungen innerhalb
- 0:52der Familie. Er stellt fest, dass Väter und
- 0:55Söhne einander deutlich mehr schonen als Mütter und Töchter.
- 0:59Damit deutet er an, dass die Dynamik und die Konflikte
- 1:02zwischen Männern in der Familie anders ausgetragen werden als
- 1:05die zwischen Frauen, zwischen Vätern und Söhnen herrscht
- 1:09möglicherweise eine Art stillschweigendes Verständnis
- 1:12oder eine Distanz, die zu weniger direkten Konfrontationen
- 1:15führt, bei Müttern und Töchtern hingegen scheinen die
- 1:18Beziehungen oft intensiver und Konfliktreicher zu sein.
- 1:23Unter Kapitel 222 Dichter und Lügner Nietzsche zieht hier eine
- 1:31Parallele zwischen dem Dichter und dem Lügner.
- 1:34Er vergleicht den Dichter mit einem Milchbruder des Lügners,
- 1:37also jemandem, der ihm sehr nahe steht.
- 1:40Der Dichter hat dem Lügner sozusagen die Milch
- 1:43weggetrunken, was bedeutet, dass der Dichter die Fähigkeit zu
- 1:46lügen und zu erfinden für seine Kunst nutzt.
- 1:50Der Lügner selbst bleibt dabei aber elend und ohne ein gutes
- 1:53Gewissen. Der Dichter hingegen erhebt die
- 1:56Lüge zur Kunst und schafft daraus etwas, das bewundert
- 1:59wird, auch wenn es nicht der Wahrheit entspricht.
- 2:04Unterkapitel 223 wie Kariat der Sinne dieses Kapitel, dessen
- 2:11Titel Stellvertretung der Sinne bedeutet, zitiert einen alten,
- 2:14taub gewordenen Beichtvater. Dieser sagt, man habe auch
- 2:18Augen, um zu hören. Damit meint er, dass wenn ein
- 2:22Sinn ausfällt, ein anderer dessen Funktion übernehmen kann.
- 2:26Man lernt aus den Blicken und Gesten der Menschen das zu
- 2:29hören, was man mit den Ohren nicht mehr wahrnehmen kann.
- 2:33Nietzsche fügt hinzu, dass unter den Blinden derjenige der König
- 2:37ist, der die längsten Ohren hat, also am besten hören kann.
- 2:41Es geht um die Kompensation und die Verschiebung der
- 2:44Sinneswahrnehmungen. Unterkapitel 224 Kritik der
- 2:50Tiere Nietzsche äußert die Befürchtung, dass Tiere den
- 2:55Menschen für ein Wesen ihrer eigenen Art halten, das jedoch
- 2:58auf gefährliche Weise den gesunden Tierverstand verloren
- 3:01hat. Aus der Perspektive der Tiere
- 3:04ist der Mensch das wahnwitzige Tier, das lachende Tier, das
- 3:08weinende Tier und das unglückselige Tier die Tiere,
- 3:12die instinktiv und im Einklang mit ihrer Natur leben.
- 3:15Könnten das Komplexe, oft widersprüchliche und von
- 3:19Emotionen und Vernunft geplagte Verhalten des Menschen nur als
- 3:22eine Art Verrücktheit ansehen? Unterkapitel 225 die natürlichen
- 3:32hier kritisiert Nietzsche diejenigen, die das Böse und die
- 3:35Natur verherrlichen. Er zitiert ihre angebliche
- 3:38Argumentation, das Böse hat immer den großen Effekt für sich
- 3:42gehabt, und die Natur ist böse. Seien wir also natürlich diese
- 3:47Menschen, die er als Effekthascher bezeichnet, also
- 3:50als Leute, die nur auf die Wirkung aus sind, würden im
- 3:53Geheimen so denken sie, rechtfertigen ihr Handeln, indem
- 3:57sie sich auf eine angebliche Natürlichkeit des Bösen berufen.
- 4:01Nietzsche entlarvt dies als eine oberflächliche und
- 4:04selbstsüchtige Denkweise, Unterkapitel 226 die
- 4:11misstrauischen und der Stil. Nietzsche beobachtet, dass
- 4:16Menschen, die sich ihrer eigenen Stärke sicher sind, ihre
- 4:19Gedanken und Meinungen einfach und direkt ausdrücken.
- 4:23Sie brauchen keine übertriebene oder aufwändige Sprache.
- 4:26Im Gegensatz dazu reden misstrauische Menschen
- 4:29emphatisch, also mit viel Nachdruck und starker Betonung,
- 4:33sie versuchen, durch ihren Stil zu überzeugen, weil sie sich
- 4:37ihrer Argumente nicht sicher sind, ihr Stil wird also zu
- 4:40einem Werkzeug, um mangelndes Vertrauen in die eigene Sache zu
- 4:43überspielen. Unter Kapitel 227 Fehlschluss
- 4:50Fehlschuss in diesem kurzen Aphorismus beschreibt Nietzsche
- 4:55eine Situation, in der eine Frau einen Mann beobachtet, der sich
- 4:59nicht beherrschen kann. Aus dieser Beobachtung zieht sie
- 5:02den falschen Schluss, dass er leicht zu beherrschen sei, sie
- 5:06wirft ihre Fangseile nach ihm aus, in der Annahme, ihn
- 5:09kontrollieren zu können, Nietzsche deutet an.
- 5:13Dass sie sich täuscht und am Ende selbst zu seiner Sklavin
- 5:16werden könnte. Es ist eine Warnung davor, aus
- 5:19einer Schwäche eines Menschen voreilige und falsche Schlüsse
- 5:22über seine Beherrschbarkeit zu ziehen.
- 5:26Unterkapitel 228 gegen die vermittelnden Nietzsche äußert
- 5:33hier seine Abneigung gegen Menschen, die versuchen,
- 5:36zwischen 2 entschlossenen Denkern zu vermitteln.
- 5:39Er sieht in ihnen mittelmäßige Geister, denen das Auge für das
- 5:42Einmalige fehlt. Sie neigen dazu, alles
- 5:46anzugleichen und Ähnlichkeiten zu sehen, wo in Wirklichkeit
- 5:49grundlegende Unterschiede bestehen.
- 5:52Diese ähnlich seherei und Gleichmacherei ist für Nietzsche
- 5:55ein Zeichen schwacher Augen, also eines schwachen Verstandes,
- 5:59der die Tiefe und Einzigartigkeit vom Gedanken
- 6:02nicht erfassen kann. Unterkapitel 229.
- 6:08Trotz und Treue ein sehr kurzer, aber scharfsinniger Aphorismus.
- 6:15Jemand hält aus trotz an einer Sache fest, obwohl er sie
- 6:18durchschaut hat und vielleicht selbst nicht mehr daran glaubt.
- 6:21Diese Haltung nennt er dann aber treue, Nietzsche entlarvt hier,
- 6:26wie ein negativer Antrieb, der trotz in eine scheinbar positive
- 6:30Tugend die Treue umgedeutet wird.
- 6:33Es ist eine Form der Selbsttäuschung, bei der man
- 6:36sich weigert, einen Irrtum zuzugeben und dies als Stärke
- 6:39auslegt. Unterkapitel 230 Mangel an
- 6:44Schweigsamkeit hier beschreibt Nietzsche einen Menschen, dessen
- 6:49ganzes Wesen nicht überzeugend wirkt.
- 6:51Der Grund dafür ist, dass er nie über eine gute Tat, die er
- 6:54vollbracht hat, schweigen kann, er muss immer darüber reden und
- 6:58sich damit brüsten. Dadurch verliert die Handlung an
- 7:02Wert und Überzeugungskraft wahre Stärke und Güte.
- 7:06So deutet Nietzsche anzeigen sich auch in der Fähigkeit, über
- 7:10das eigene gute Handeln zu schweigen, Unterkapitel 231 die
- 7:17gründlichen ein ironischer Seitenhieb auf Menschen, die
- 7:22langsam denken. Nietzsche stellt fest, dass
- 7:25diejenigen, die langsam in ihrer Erkenntnis sind, oft meinen,
- 7:28diese Langsamkeit sei ein notwendiger Teil des
- 7:31Erkenntnisprozesses selbst. Sie verwechseln also ihre
- 7:34eigene, langsame Auffassungsgabe mit Gründlichkeit und Tiefe.
- 7:39Wahre Erkenntnis kann aber auch blitzschnell und intuitiv sein
- 7:42und hat nichts mit einem langsamen, mühsamen Prozess zu
- 7:46tun. Unterkapitel 232 träumen.
- 7:54Ein kurzer, fast beiläufiger Satz, der aber tiefgründig ist.
- 7:58Nietzsche sagt, man träumt entweder gar nicht oder man
- 8:01träumt interessant. Genauso müsse man lernen, auch
- 8:04im wachen Zustand zu leben, entweder gar nicht, was
- 8:08natürlich nicht wörtlich gemeint ist, oder interessant, es ist
- 8:12ein Appell, das Leben bewusst und intensiv zu gestalten und
- 8:16nicht in einem Zustand der geistigen Abwesenheit oder
- 8:18Langeweile zu verharren. Unterkapitel 233 gefährlichster
- 8:25Gesichtspunkt Nietzsche formuliert hier einen Gedanken,
- 8:30der die Bedeutung des eigenen Handelns in eine ungeheure
- 8:33Perspektive rückt. Er sagt, was er jetzt tue oder
- 8:36lasse, sei für alles kommende so wichtig wie das größte Ereignis
- 8:40der Vergangenheit. Mit dieser Überlegung wird jede
- 8:43einzelne Handlung, egal wie klein sie scheint, mit einer
- 8:47enormen Verantwortung und Bedeutung aufgeladen.
- 8:50In dieser ungeheuren Perspektiv der Wirkung werden alle
- 8:53Handlungen, ob groß oder klein, gleich wichtig.
- 8:58Unterkapitel 234 Trostrede eines Musikanten ein Musiker spricht
- 9:06hier tröstende Worte, die sich an Menschen richten, deren Leben
- 9:09und Wirken von der Masse nicht wahrgenommen wird.
- 9:12Dein Leben klingt den Menschen nicht in die Ohren, sagt er,
- 9:16diese Menschen leben ein Stummes leben.
- 9:18Und all die Feinheiten und zarten Entschließungen ihres
- 9:21Handelns bleiben verborgen. Sie gehen nicht den lauten,
- 9:25breiten Weg mit Regimentsmusik, aber nur, weil die guten, also
- 9:29die breite Masse, es nicht hören, heißt das nicht, dass
- 9:32ihrem Lebenswandel die Musik fehlt.
- 9:35Wer Ohren hat zu hören, der höre, so der abschließende
- 9:39Appell, der an eine biblische Formulierung erinnert,
- 9:43Unterkapitel 235. Geist und Charakter in diesem
- 9:51Aphorismus stellt Nietzsche fest, dass Geist und Charakter
- 9:54eines Menschen nicht immer auf der gleichen Höhe sind.
- 9:57Mancher erreicht seinen Höhepunkt als Charakter, hat
- 10:00also eine starke, gefestigte Persönlichkeit, aber sein Geist,
- 10:04sein Intellekt ist dieser Höhe nicht angemessen, und umgekehrt
- 10:09gibt es Menschen mit einem brillanten Geist, deren
- 10:11Charakter aber schwach oder unausgeglichen ist.
- 10:15Es ist die Feststellung einer möglichen Diskrepanz zwischen
- 10:17der Persönlichkeit und der intellektuellen Fähigkeit eines
- 10:20Menschen, Unterkapitel 236, um die Menge zu bewegen.
- 10:29Wer die Menge bewegen will, so Nietzsche, muss selbst zum
- 10:32Schauspieler werden, er muss sich und seine Sache grotesk
- 10:35deutlich übersetzen, also stark vereinfachen und vergröbern.
- 10:39Er muss seine ganze Person und sein Anliegen in dieser
- 10:42vereinfachten und übertriebenen Form vortragen.
- 10:45Die feinen Nuancen und die Komplexität der Wahrheit gehen
- 10:49dabei verloren, denn die Menge kann nur das grobe und
- 10:52vereinfachte verstehen und darauf reagieren.
- 10:56Unterkapitel 237 der höfliche Nietzsche beschreibt einen
- 11:03übertrieben höflichen Menschen, er ist so höflich, sagen die
- 11:08Leute. Nietzsche erklärt diese
- 11:10Höflichkeit aber anders. Dieser Mensch hat immer einen
- 11:14Kuchen, für den Cerberus bei sich Cerberus ist in der
- 11:18griechischen Mythologie der dreiköpfige Höllenhund, der
- 11:21höfliche ist so Furchtsam, dass er in jedem Menschen, auch in
- 11:25dir und mich, einen Cerberus sieht, den es zu besänftigen
- 11:28gilt. Seine Höflichkeit ist also keine
- 11:31Tugend, sondern entspringt seiner Furcht.