Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Ecce Homo - 2: Warum ich so klug bin. 6+7
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- 0:00Exe, Homo wie man wird, was man ist.
- 0:04Kapitel 2 warum ich so klug bin Abschnitt 6 Nietzsche beginnt
- 0:13diesen Abschnitt mit einem Blick zurück auf seine Jugendzeit.
- 0:16Er stellt die kühne Behauptung auf, dass er seine Jugend nicht
- 0:19überlebt hätte, wenn es die Musik von Richard Wagner nicht
- 0:22gegeben hätte. Der Grund dafür ist sein tiefes
- 0:25Leiden an der deutschen Kultur und Umgebung.
- 0:28Er fühlte sich dazu verurteilt, unter Deutschen zu leben, was er
- 0:31als einen unerträglichen Druck empfand, um sich von diesem
- 0:34Druck zu befreien, brauchte er ein starkes Mittel, dass er mit
- 0:37der berauschenden Droge Haschisch vergleicht.
- 0:40Wagners Musik war für ihn genau dieses Gegengift gegen alles,
- 0:43was typisch deutsch ist. Er erzählt, dass er genau in dem
- 0:46Moment zu einem begeisterten Anhänger Wagners wurde, als es
- 0:49zum ersten Mal einen Klavierauszug der Oper Tristan
- 0:53und Isolde gab. Wagners ältere Werke fand
- 0:56Nietzsche hingegen noch zu gewöhnlich und zu Deutsch, aber
- 0:59beim Tristan war das anders. Nietzsche sagt, dass er bis
- 1:03heute in allen anderen Künsten vergeblich nach einem Kunstwerk
- 1:06sucht, das eine ähnlich gefährliche Faszination und eine
- 1:09solch schaurige und zugleich süße Unendlichkeit besitzt wie
- 1:13der Tristan selbst. Die Fremdartigkeit in den Werken
- 1:16des berühmten Malers Leonardo da Vinci verliert für ihn ihren
- 1:19Zauber, wenn er nur den ersten Ton des Tristan hört.
- 1:23Dieses Werk ist für ihn der absolute Höhepunkt in Wagners
- 1:26schaffen. Dass Wagner danach Werke wie Die
- 1:28Meistersinger von Nürnberg oder der Ring des Nibelungen
- 1:32komponierte, sieht Nietzsche sogar als einen Rückschritt an.
- 1:36Der Grund dafür ist erstaunlich, diese späteren Werke sind ihm zu
- 1:40gesund für Nietzsche, der hier als Psychologe spricht, ist
- 1:44vollkommene Gesundheit in der Kunst nicht immer das höchste
- 1:47Ziel, er betrachtet es als großes Glück, dass er genau zur
- 1:51rechten Zeit gelebt hat. Und gerade unter deutschen Leben
- 1:53musste, um überhaupt reif und bereit für ein so dunkles Werk
- 1:58wie den Tristan zu sein. Nietzsche verwendet hier den
- 2:01Begriff der Wollust, der Hölle, damit meint er eine tiefe,
- 2:05dunkle Lust, die man in extremen seelischen Zuständen und im
- 2:09eigenen Leiden finden kann. Er sagt, dass die Welt arm ist
- 2:13für jene Menschen, die niemals krank genug waren, um diese
- 2:16besondere Art von Lust zu erfahren.
- 2:19In Nietzsches Philosophie ist Krankheit oft kein reines Übel,
- 2:22sondern ein wichtiger Zustand, um tiefere Erkenntnisse zu
- 2:25gewinnen und die eigene Seele zu erforschen.
- 2:28Er ist davon überzeugt, dass niemand besser als er das
- 2:31Ungeheuerliche versteht, das Wagner erschaffen konnte, er
- 2:35spricht von 50 Welten voller fremder, ekstatischer Zustände,
- 2:38in die nur Wagner fliegen konnte, weil Nietzsche sich
- 2:41selbst als sehr starke Natur sieht.
- 2:43Glaubt er, dass er selbst das Fragwürdigste und gefährlichste
- 2:46an Wagners Musik zu seinem eigenen Vorteil nutzen kann, um
- 2:50dadurch noch stärker zu werden? Genau deshalb nennt er Richard
- 2:53Wagner, den großen Wohltäter seines Lebens, was Nietzsche und
- 2:57Wagner für immer miteinander verbindet, ist die Tatsache,
- 3:00dass sie beide tiefer gelitten haben als alle anderen Menschen
- 3:04ihres Jahrhunderts, und zwar auch aneinander.
- 3:08Nietzsche schließt diesen Abschnitt mit der Feststellung,
- 3:10dass Wagner von den Deutschen völlig missverstanden wurde.
- 3:14Genau das Gleiche gelte für ihn selbst.
- 3:16Auch er sei ein bloßes Missverständnis unter den
- 3:18Deutschen und werde es immer bleiben.
- 3:21Den Deutschen, so sein hartes Urteil, fehle einfach die
- 3:25psychologische und künstlerische Disziplin, um solch tiefgründige
- 3:28Geister wie Wagner oder ihn selbst zu verstehen.
- 3:32Abschnitt 7 in diesem Abschnitt wendet sich Nietzsche an Zuhörer
- 3:38mit einem besonders feinen und auserlesenen Geschmack.
- 3:42Er möchte erklären, was er eigentlich von der Musik
- 3:44verlangt. Für ihn muss Musik 2 scheinbar
- 3:47gegensätzliche Eigenschaften haben, sie soll heiter und
- 3:51zugleich tief sein, wie ein goldener Nachmittag im Oktober,
- 3:55er beschreibt die ideale Musik mit dem Bild einer Frau, sie
- 3:58soll eigenwillig, ausgelassen und zärtlich sein, wie ein
- 4:02kleines süßes Weib, das voller Anmut, aber auch voller
- 4:06Niedertracht ist. Mit in Niedertracht meint
- 4:09Nietzsche hier keine böse Absicht im kriminellen Sinn,
- 4:12sondern eher eine reizvolle spielerische Boshaftigkeit und
- 4:15Hinterlist, die die Musik spannend macht.
- 4:18Nietzsche weigert sich strikt anzuerkennen, dass ein echter
- 4:21Deutscher überhaupt wissen könne, was gute Musik ist.
- 4:24Die Künstler, die man allgemein als die größten deutschen
- 4:27Musiker feiert, sind für ihn in Wahrheit Ausländer, zum Beispiel
- 4:31Slawen, Kroaten, Italiener, Niederländer oder Juden.
- 4:37Wenn es doch echte Deutsche waren wie die Komponisten
- 4:40Heinrich Schütz, Johann Sebastian Bach und Georg
- 4:43Friedrich Händel, dann gehörten sie zu einer starken, aber heute
- 4:46ausgestorbenen deutschen Rasse. Er selbst fühlt sich von seiner
- 4:50Abstammung her immer noch stark als Pole, deswegen würde er fast
- 4:53die gesamte andere Musik aufgeben, wenn er nur die Musik
- 4:56des polnisch französischen Komponisten Frederic Chopin
- 4:59behalten dürfte, er macht nur wenige Ausnahmen, er würde
- 5:03Wagners Siegfried Idyll verschonen.
- 5:06Und vielleicht auch die Musik von Franz Liszt, weil dieser dem
- 5:09Orchester besonders vornehme und feine Klänge entlocken konnte.
- 5:13Aber das Wichtigste für Nietzsche ist die Musik, die
- 5:15südlich der Alpen entstanden ist.
- 5:18Er betont, dass er nicht auf den italienischen Komponisten
- 5:20Giorgino Rossini verzichten könnte und noch viel weniger auf
- 5:24seinen eigenen Süden in der Musik, damit meint er die Musik
- 5:28seines Freundes Pietro Gasti, der eigentlich Peter Gast hieß
- 5:33und in Venedig lebte. Wenn Nietzsche das Wort jenseits
- 5:37der Alpen benutzt, denkt er im Grunde nur an die Stadt Venedig.
- 5:41Wenn er ein anderes Wort für Musik sucht, fällt ihm immer nur
- 5:45das Wort Venedig ein, für ihn verschmelzen die Gefühle,
- 5:49erkennt keinen Unterschied mehr zwischen weinenden Tränen und
- 5:52dem Hören von Musik, wenn er an das große Glück und an den Süden
- 5:56denkt, dann spürt er immer auch einen leichten Schauder der
- 5:59Furchtsamkeit, weil diese Schönheit so überwältigend ist.
- 6:03Zum Abschluss dieses Abschnitts fügt Nietzsche ein kurzes, sehr
- 6:06stimmungsvolles Gedicht ein, das seine Liebe zu Venedig und zur
- 6:10Musik ausdrückt. In dem Gedicht beschreibt er,
- 6:13wie er in einer dunklen braunen Nacht an einer Brücke steht, von
- 6:17weit her hört er Gesang, der wie goldene Tropfen über die
- 6:20zitternde Wasseroberfläche fließt, er sieht Gondeln,
- 6:23Lichter und hört Musik, und all das scheint wie betrunken in die
- 6:27Dämmerung hinaus zu schwimmen, seine eigene Seele vergleicht er
- 6:31mit einem Saiteninstrument. Das unsichtbar berührt wird und
- 6:34heimlich ein Gondelied mitsingt. Die Seele zittert dabei vor
- 6:38lauter bunter Seligkeit, das Gedicht endet mit der einsamen
- 6:41und melancholischen Frage, ob ihm überhaupt jemand bei diesem
- 6:44inneren Gesang zugehört hat.