Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Drittes Hauptstück - 112-117
Transcript
- 0:00Unterkapitel 112 beim Anblick gewisser antiker
- 0:04Opfergerätschaften in diesem kürzeren Abschnitt spricht
- 0:09Nietzsche über den Wandel unserer Gefühle im Laufe der
- 0:11Geschichte. Er betrachtet alte Gegenstände,
- 0:14die für religiöse Opferrituale genutzt wurden, und stellt fest,
- 0:18dass wir heute bestimmte Gefühle verloren haben, die für die
- 0:21Menschen der Antike ganz normal waren.
- 0:24Nietzsche bezieht sich hier speziell auf die Mischung von
- 0:26Gefühlen, die für uns heute widersprüchlich erscheinen.
- 0:30Es geht um die Verbindung von dem religiösen und erhabenen,
- 0:34dem Heiligen ernsten und dem obszönen, lustigen oder
- 0:39lächerlichen, für uns moderne Menschen passt das nicht
- 0:43zusammen, wenn etwas heilig ist, darf es nicht lächerlich oder
- 0:46anstößig sein, aber Nietzsche weist darauf hin, dass dies in
- 0:50der Antike anders war, bei den alten Griechen gab es feste, wie
- 0:55zum Beispiel die Dionysosfeste. Oder später auch christliche
- 0:58Osterspiele im Mittelalter, bei denen das Heilige eng mit dem
- 1:01derben und lustigen verbunden war.
- 1:04Die Menschen damals empfanden dabei keinen Widerspruch, sie
- 1:07konnten das Erhabene fühlen, auch wenn es mit Burlesken, also
- 1:11grob komischen Elementen vermischt war.
- 1:14Nietzsche sagt, dass diese Fähigkeit, diese spezifische
- 1:17Gefühlsmischung zu empfinden, historisch ist.
- 1:20Sie schwindet, wir können das heute nur noch verstandesmäßig
- 1:23nachvollziehen, dass es so war. Aber wir fühlen es nicht mehr.
- 1:27Das Unterkapitel zeigt, dass unsere Moral und unsere
- 1:30Empfindungen nicht ewig gleich sind, sondern sich im Laufe der
- 1:33Kulturgeschichte stark verändern.
- 1:36Was früher eine tiefe religiöse Erfahrung war, wirkt auf uns
- 1:39heute vielleicht nur noch befremdlich.
- 1:43Unterkapitel 113 Christentum als Altertum.
- 1:50In diesem Unterkapitel übt Nietzsche starke Kritik am
- 1:52Christentum, indem er es als etwas veraltetes darstellt, das
- 1:56nicht mehr in unsere moderne Zeit passt.
- 1:58Er beginnt mit einem bildhaften Vergleich.
- 2:01Wenn wir an einem Sonntagmorgen die alten Kirchenglocken läuten
- 2:04hören, sollten wir uns eigentlich wundern, wir sollten
- 2:08uns fragen, ist das wirklich möglich?
- 2:11Nietzsche zählt dann auf, was das Christentum eigentlich
- 2:14behauptet, um zu zeigen, wie fremd und unglaublich diese
- 2:17Ideen für einen aufgeklärten Menschen klingen müssten.
- 2:20Er beschreibt die christliche Geschichte fast so, als würde er
- 2:23über eine alte Mythologie sprechen, an die niemand mehr
- 2:26glaubt, er erwähnt zum Beispiel die Idee, dass ein Gott Kinder
- 2:30mit einer sterblichen Frau zeugt, damit meint er die
- 2:33Jungfrauengeburt Jesu, die Vorstellung, dass ein Weiser.
- 2:37Jesus den Menschen sagt, sie sollen nicht mehr arbeiten und
- 2:41sich nicht um das weltliche Gericht kümmern, weil die Welt
- 2:44ohnehin bald untergeht. Die Vorstellung, dass Gott ein
- 2:47Opfer braucht, den Tod seines Sohnes, um den Menschen ihre
- 2:51Sünden zu vergeben, das rituelle Trinken von Blut, damit meint er
- 2:56das Abendmahl, die Angst vor einem Jenseits und ewigen
- 2:59Strafen. Nietzsche nennt diese
- 3:02Vorstellungen Schauerlich. Er sagt, sie wehen uns an wie
- 3:05ein Wind aus einer uralten Gruft.
- 3:08Für ihn gehört das Christentum in die Antike, in eine ferne
- 3:11Vorzeit, genau wie die griechischen sagen.
- 3:14Sein Argument ist, wenn man diese Glaubensinhalte mit den
- 3:18Augen eines modernen Menschen betrachtet, der an Wissenschaft
- 3:21und Vernunft gewöhnt ist, wirken sie absurd.
- 3:24Er fragt provokant, sollte man glauben, dass so etwas noch
- 3:27geglaubt wird? Nietzsche bezeichnet das
- 3:30Christentum hier als Altertum. Er meint damit, dass es ein
- 3:34Überbleibsel aus einer vergangenen Epoche der
- 3:36Menschheit ist. Es ist für ihn eine
- 3:39Ungriechische und eher orientalische Denkweise, die
- 3:43zwar historisch interessant ist, aber in der heutigen Zeit
- 3:46eigentlich keinen Platz mehr als ernsthafte Wahrheit haben
- 3:49sollte. Er drückt sein Erstaunen darüber
- 3:51aus, dass diese uralten mythischen Vorstellungen in der
- 3:54modernen Welt immer noch so mächtig sind, Unterkapitel 114.
- 4:01Das Ungriechische im Christentum in diesem Abschnitt vergleicht
- 4:06Nietzsche die Art und Weise, wie die alten Griechen ihre Götter
- 4:09sahen, mit der Art, wie das Christentum Gott und den
- 4:12Menschen sieht. Nietzsche stellt fest, dass die
- 4:15Griechen ihre Götter nicht als strenge Herren betrachteten, die
- 4:18über Sklaven herrschen, stattdessen sahen die Griechen
- 4:21in ihren Göttern ein Spiegelbild ihrer selbst.
- 4:24Nur in einer perfekteren Form, die griechischen Götter waren
- 4:27wie der Adel oder die Oberschicht der Griechen.
- 4:30Sie waren das ideal, dem die Menschen nacheiferten.
- 4:34Es gab ein Gefühl der Verwandtschaft und des
- 4:36gegenseitigen Interesses zwischen Mensch und Gott, man
- 4:40könnte es fast wie ein Bündnis oder eine Partnerschaft nennen.
- 4:43Der Mensch dachte damals stolz über sich selbst und schuf
- 4:46Götter, die diesen Stolz widerspiegelten.
- 4:49Im Gegensatz dazu sieht Nietzsche im Christentum eine
- 4:52ganz andere Dynamik, er sagt, das Christentum habe den
- 4:56Menschen zerdrückt und zerbrochen.
- 4:59Es habe den Menschen wie in tiefen Schlamm getaucht.
- 5:02Das bedeutet, das Christentum vermittelt dem Menschen das
- 5:04Gefühl, völlig wertlos, sündhaft und schlecht zu sein.
- 5:09Erst wenn der Mensch sich ganz unten und elend fühlt, lässt das
- 5:13Christentum plötzlich ein göttliches Licht der Gnade
- 5:15leuchten, der Mensch ist dann so überrascht und überwältigt von
- 5:19dieser Gnade, dass er in einen Zustand der Betäubung und des
- 5:22Rausches gerät, er glaubt dann den Himmel in sich zu tragen.
- 5:27Nietzsche kritisiert dies scharf.
- 5:29Er nennt es einen krankhaften Übermut des Gefühls.
- 5:32Das Christentum arbeitet mit extremen Gefühlen, erst tiefe
- 5:36Verzweiflung, dann absolute Erlösung Nietzsche kommt zu dem
- 5:41Schluss, dass das Christentum in diesem Punkt barbarisch,
- 5:44asiatisch und unvornehm ist. Es ist ungriechisch, weil ihm
- 5:48das Maß fehlt. Die Griechen schätzten
- 5:51Ausgewogenheit und Mäßigung, während das Christentum den
- 5:53Menschen erst vernichten will, um ihn dann zu berauschen.
- 5:58Unterkapitel 115 mit Vorteil religiös sein hier untersucht
- 6:05Nietzsche, warum bestimmte Menschen an der Religion
- 6:07festhalten und welchen Nutzen sie daraus ziehen.
- 6:11Er unterscheidet dabei verschiedene Gruppen von
- 6:13Menschen, zuerst spricht er von nüchternen, geschäftstüchtigen
- 6:16Leuten, für diese Menschen ist Religion wie ein schöner Saum an
- 6:20ihrer Kleidung, sie ist eine Art Dekoration, die sie menschlicher
- 6:25und vornehmer wirken lässt. Es verschönert sie, wenn sie
- 6:28neben ihrem Geschäftssinn auch noch religiös bleiben.
- 6:31Dann spricht er von Menschen, die keine Macht haben, also
- 6:34weder politische Macht, das Schwert noch die Macht des
- 6:38Wortes, die Feder besitzen für diese dienenden Menschen ist die
- 6:42christliche Religion sehr nützlich, warum, weil die
- 6:46christliche Religion Demut und Unterordnung als Tugenden
- 6:49preist. Wenn man arm ist und anderen
- 6:52dienen muss, hilft einem die Religion dabei, diesen Zustand
- 6:55nicht als Schande, sondern als etwas Gutes und Tugendhaftes zu
- 6:59sehen. Die Religion verschönert also
- 7:01das Dienen und gehorchen, schließlich gibt es Menschen,
- 7:04deren Leben leer und langweilig ist.
- 7:07Diese Menschen werden leicht religiös, um diese Lehre zu
- 7:10füllen. Nietzsche findet das
- 7:12verständlich und verzeihlich, er kritisiert jedoch, dass diese
- 7:16Menschen kein Recht haben von anderen.
- 7:18Deren Leben nicht leer, sondern erfüllt und tatkräftig ist.
- 7:22Ebenfalls Religiosität zu fordern.
- 7:25Wer ein erfülltes Leben führt, braucht die Religion nicht als
- 7:28Lückenbüßer gegen die Langeweile.
- 7:31Unterkapitel 116 der Alltagschrist Nietzsche stellt
- 7:37in diesem Abschnitt ein Gedankenexperiment an.
- 7:40Er sagt, Wenn das, was das Christentum lehrt, wirklich wahr
- 7:44wäre, dann müssten Christen sich ganz anders verhalten.
- 7:47Die christliche Lehre besagt, dass es einen rächenden Gott
- 7:50gibt, dass der Mensch sündhaft ist, dass es eine Gnadenwahl
- 7:54gibt, also dass Gott entscheidet, wer gerettet wird
- 7:57und dass die Gefahr einer ewigen Verdammnis in der Hölle besteht.
- 8:01Wenn ein Mensch das wirklich und ernsthaft glaubt, wäre es laut
- 8:04Nietzsche ein Zeichen von Dummheit oder
- 8:06Charakterlosigkeit, ein normales Leben zu führen, wenn diese
- 8:10Lehren wahr wären, müsste man alles stehen und liegen lassen.
- 8:15Man müsste Priester, Apostel oder Einsiedler werden, man
- 8:19müsste ständig mit Furcht und zittern nur an seinem eigenen
- 8:22Seelenheil arbeiten. Es wäre völlig unlogisch, sich
- 8:25um alltägliche Dinge wie Vorteile oder Bequemlichkeit zu
- 8:28kümmern, wenn das ewige Leben auf dem Spiel steht.
- 8:31Aber Nietzsche beobachtet, dass die meisten Christen ganz
- 8:34normale Alltagshisten sind, sie leben ihr Leben weiter, als ob
- 8:39diese schrecklichen Drohungen der Religion gar nicht
- 8:41existieren würden. Daraus schließt Nietzsche, dass
- 8:45der Alltagschrist im Grunde eine erbärmliche Figur ist.
- 8:48Er ist ein Mensch, der nicht wirklich bis 3 zählen kann, also
- 8:51die Konsequenzen seines Glaubens nicht versteht und weil er
- 8:55geistig so unzurechnungsfähig ist, verdient er es nach
- 8:58Nietzsches Meinung auch nicht, so hart bestraft zu werden, wie
- 9:01das Christentum es androht. Unterkapitel 117 von der
- 9:06Klugheit des Christentums. In diesem Unterkapitel
- 9:11beschreibt Nietzsche einen psychologischen Trick, den das
- 9:13Christentum anwendet, um den Menschen das Gefühl der eigenen
- 9:16Schlechtigkeit erträglich zu machen.
- 9:19Das Christentum lehrt sehr laut und deutlich, dass der Mensch an
- 9:22sich unwürdig, sündhaft und verächtlich ist.
- 9:26Das klingt zunächst furchtbar, aber Nietzsche entdeckt darin
- 9:30eine Klugheit oder Schläue, der Trick besteht darin, wenn alle
- 9:35Menschen schlecht und sündhaft sind, dann ist das für den
- 9:37Einzelnen gar nicht mehr so schlimm.
- 9:40Der Christ kann sich sagen, ich mag zwar sündigen, aber ich bin
- 9:44nicht anders als alle anderen. Er fühlt sich zwar schlecht,
- 9:48aber nicht schlechter als sein Nachbar.
- 9:51Die Verachtung, die man eigentlich für sich selbst
- 9:53empfinden müsste, wird abgemildert, weil sie alle
- 9:56betrifft. Nietzsche drückt es so aus, der
- 10:00Christ glaubt nicht an seine individuelle Verächtlichkeit,
- 10:02sondern nur an die Verächtlichkeit des Menschen im
- 10:05allgemeinen, er kann sich damit trösten, dass wir alle.
- 10:09Eine Art sind, das nimmt dem Schuldgefühl die schärfste
- 10:12Spitze. Es ist, als würde man sagen, wir
- 10:15sitzen alle im selben Boot der Sünde, und das macht es leichter
- 10:19zu ertragen.