Latest / STAR FM Rocktalk / Campino: Sexy sahen wir nicht aus
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- Der Star FM Rock Talk, heute mit Campino und 10 Songs für ein Halleluja. Hallo und willkommen hier zu einer ganz besonderen Reihe, die ursprünglich gar nicht mal so geplant war, die sich irgendwie ergeben hat und bei der ich am Ende mächtig froh bin, dass wir sie realisiert haben. Ich bin Wolfi und wir sprechen jetzt über die einmalige Karriere einer Band, die mich persönlich mein ganzes Leben begleitet hat. Gar nicht mal immer so als Über-Hardcore-Fan oder so, aber die Toten Hosen waren einfach immer da. Meine Schwester hat sie vor mir gehört, ist älter, von hier habe ich mir dann die ersten Kassetten und CDs gemopst, dann irgendwann die ersten eigenen Platten gekauft, das erste Konzert, unvergessen, noch nicht Stadiongröße damals. Und dann, ja, wurden sie zum stabilen Wegbegleiter, hier mal auf einem Festival gesehen, da wieder ein neues Album, Dann hier bei Star FM natürlich auch immer wieder auf die Band getroffen, wenn mal wieder jemand zu Besuch war. Und jetzt diese Reihe, die ich zusammen mit Campino aufnehmen konnte. Auch wenn man ganz klar sagen muss, dass die Grundidee, So Kategorie unmöglich war. Denn mal ehrlich, wie um Himmels Willen will man die Karriere einer der größten deutschen Rockbands überhaupt in so ein Format packen? 10 Folgen, 10 Zeitabschnitte, 10 Songs. Und vor allem bei den Songs, die wir pro Folge als Überschrift gewählt haben, bin ich massiv froh, dass ich die nicht aussuchen musste. Ich hätte mich nie im Leben auf 10 beschränken können bei der Auswahl. Aber ja, wir brauchten ja irgendeinen roten Faden und am Ende hat das auch super geklappt. Und nein, es geht jetzt nicht pro Folge nur um diesen einen Song. Schon auch, klar. Aber an sich ist der nur jeweils die Überschrift und steht für die Zeit, in der dieser Track rauskam. Und diese Zeit ist dann vor allem Thema in jeder Folge. Lass uns loslegen mit Folge 1. Reisefieber als Überschrift. Lass uns gleich mal ganz tief eintauchen in die Anfänge der Toten Hosen. 1982, als alles losging. Wie alt warst du da, Campino? Ich bin 20 gewesen. Als wir die Toten Hosen gegründet haben. Ich bin Sänger geworden mit 16. 1978 haben wir die Band ZK gegründet. Da ist im Laufe der Zeit auch der Gitarrist Kuddel hinzugekommen, der ja nachher auch mit mir die Toten Hosen gemacht hat. Unser Bandfotograf und Rody war Andi Meurer. Auf dem Abschiedskonzert von ZK war ein Fan, der durch lautes Johlen aufgefallen war. Das ist mein Klassengarant Michael Breitkopf gewesen, der nachher bei den Hosen war. Also ich erzähle euch das, um klar zu machen, dass ZK eigentlich die Vorläuferband waren. Von den Toten Hosen. Und ich eigentlich mit 16 in diese Musikwelt gestartet bin, aber mit 20 haben wir dann die Toten Hosen gegründet und unsere ersten beiden Singles haben wir an einem Nachmittag aufgenommen. Und da war eben auch dieses Lied bei Reisefieber. Wie muss man sich vorstellen, wie so eine Aufnahme damals stattgefunden hat? Das war ja vermutlich noch sehr weit weg von der Produktion, wie man sie heute macht. Ja, wir hatten nicht viel Geld, konnten also nur in so ein ganz kleines Werbestudio gehen, das normalerweise gar keine Musikproduktion machen konnte und wollte. Unsere finanziellen Mittel haben nicht für mehr gereicht und dann haben wir innerhalb von drei Stunden vier Lieder da eingespielt, die wir so Ach und Krach abgemischt haben und dann rausgebracht haben. Direkt zwei Singles draus gemacht. Die erste war, glaube ich, Wir sind bereit und Jürgen Englers Party auf der B-Seite. Und die zweite Single, die hieß Reisefieber mit der Rückseite Niemandsland darauf. Und wir haben diese Schallplatten noch selber, die Aufnahmen noch im Presswerk abgegeben und dort auch abgeholt und haben diese Platten, um ein wenig Geld zu sparen, auch noch selber eingetütet in die Umschläge und sind dann kartonweise in die Schule und haben versucht, bei unseren Klassenkameraden da so einzelne Kopien zu verkaufen und im Umfeld von uns. Wie stolz war man damals, so die eigene Scheibe draußen zu haben? Das war schon richtig gut. Die erste Erfahrung war natürlich schon bei ZK. Die hatten ein Studioalbum und ein Livealbum rausgebracht. Ich wusste also, was das heißt, aber das war immer damals ein wirklich großer Moment und letztendlich war es dann so eine Legitimierung. Ja, wir sind eine echte Band, schau, wir haben sogar schon mal eine Platte gemacht. Und diese Platte und die ersten Songs grundsätzlich und später auch Opel Gang, das klang ja alles vom Sound her schon relativ typisch, Toten Hosen, wie man es auch heute im Ohr hat, wenn man die Band hört, oder? Also weil es ja nicht, dass man sich da ewig lang drauf hingearbeitet hätte, um so einen typischen Sound zu haben. Ja, das war bei den Toten Hosen relativ schnell klar, was wir wollten. Wir konnten es nur noch nicht richtig umsetzen in den ersten Jahren. Aber das hat sicherlich auch mit der Band ZK zu tun, denn da konnten wir uns ausprobieren. Da habe ich viel lernen können im Umgang mit den anderen Bandmitgliedern und auch in der Sicherheit, wohin unser Weg führen sollte. Letztendlich haben wir damals in der Punk-Welt gelebt. Ich hatte gar keine anderen Freunde außer dieser Clique. Und der Rest war für uns einfach ein Paralleluniversum. Wir haben uns gar nicht mit anderer Musik beschäftigt und es war uns auch alles nicht wichtig, sondern entscheidend war, wie wir uns in unserer Welt verhalten und eingeordnet haben. Und das bedeutete für ZK auch dort innerhalb der Gesetze der Punkwelt ein bisschen auszubrechen. Wir sind extra so eine Art Spaßkombo gewesen, weil die meisten Bands sehr ernst zu dieser Zeit gewesen sind und in Lederjacken und Nieten rumgelaufen sind und so. Und wir wollten damals schon so einen Kontrapunkt setzen und das haben wir mit den toten Hosen auch weiter so durchgezogen. Wir haben ja uns extra deshalb diese billigen synthetischen Klamotten gekauft, um klar zu erkennen zu sein als Gang und um uns aber auch von dem ganzen Rest abzuheben. Wir waren in unserer eigenen Welt und das war gut so, auch wenn niemand uns folgen wollte. Also sexy sahen wir nicht aus. Auf eurer Homepage steht, das Konzept bestand darin, wie Verlierer auszusehen, die Erwartungen herunterzuschrauben, aber schließlich die Zuschauer zu verblüffen. Summa summarum ist es doch aufgegangen, oder? Ich hoffe, dass das aufgegangen war. Es ist tatsächlich so, dass ich mit Andi im Ratinger Hof war. Da haben häufiger Bands aus England gespielt und da kam eine Gruppe auf die Bühne, die nannte sich The Managing Directors. Ich habe nie wieder was von denen gehört. Aber was mir tief in Erinnerung geblieben ist, dass der Gitarrist auf die Bühne gegangen ist, die Gitarre in die Hand genommen hat und dann vor seinen Verstärker getreten hat, um den anzumachen. Der hat da einfach vorgekickt und dann war das Ding an und dann habe ich gesagt, Andi, so müssen wir auf die Bühne gehen. Wie präsent ist denn noch die Zeit damals? Ich meine, es sind ein paar Jahre her und man hat viel erlebt in der Zwischenzeit. Also erinnerst du dich noch bewusst an diese ganzen Dinge? Muss man sich da manchmal wieder reinlesen und dann so, ach ja, so war es ja damals? Ja. Naja, wenn ich mit jemandem im Austausch bin, wenn ich mit jemandem rede, der ebenfalls diese Tage erlebt hat, dann bricht das wieder hervor. Dann kommen immer mehr Erlebnisse von damals raus. Aber ja, die Zeit im Ratinger Hof Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre, das war wirklich sehr prägend. Und da hat man viele Bilder, die so im Kopf sich zurückmelden, wenn man über das Thema spricht. Wenn man so an die frühen Jahre zurückdenkt, als ihr angefangen habt Musik zu machen, als du angefangen hast, gibt es da irgendwas, was dir heute vielleicht fehlt? Weiß nicht, die Leichtigkeit, das Unbeschwerte, wenn es um das Thema Musik geht? Also was es heute vielleicht nicht mehr so gibt, das ist die allgemeine Aufbruchsstimmung in der Szene gewesen. Ich meine, ich war ein Teenager und vielleicht kam mir deshalb diese ganze Welt so unglaublich spannend vor, aber es war zu Beginn der Punkbewegung wirklich so, als ob jedes Single, die da erschienen ist, wieder eine neue Welt aufgemacht hat. Das war ein unfassbarer Quell an guten Bands, die plötzlich aus dem Boden schossen. Ich weiß, dass ich mehrmals nach London gefahren bin für Wochenenden oder ein paar Tage, um Bands zu sehen und ich guckte in diesen London Gig Guide, wo also die ganzen Veranstaltungen abgedruckt waren, die an diesen Tagen stattfinden würden und manchmal kam es vor, ungelogen, dass 20 Bands an 20 verschiedenen Locations in London gespielt haben, die ich alle gerne gesehen hätte. Es war nicht zu schaffen. Es war zu viel. Es war ein Paradies. Und das ging so bis vielleicht 1979. Dann ebbte das auch ab. Aber es war bis dahin einfach unfassbar krass. Und das wird in meinem Leben für mich so nie wiederkommen. Die Begeisterung dafür, dass man sich mit Haut und Haaren da reingeworfen hat. Ich bin einfach nur dankbar, dass ich das erleben durfte. Ich zehre da bis heute von. Es hat mich geprägt. Ich muss das auch nicht nochmal haben. Es ist ja geschehen. Aber das wäre zum Beispiel so ein Punkt, der einfach nicht mehr wiederherzustellen ist. Und genauso halt... In den Rattiger Hof zu gehen an einem Wochenende in Düsseldorf und mit vier, fünf Jungs zu flippern, die auch alle in einer Band spielen. Und keiner hat da eine große Story draus gemacht. Wir waren alle Freunde miteinander. Und wenn irgendwo eine Veranstaltung war, dann sind wir da zusammen hingefahren und man hat sich das Schlagzeug geteilt und man ist zusammen wieder nach Hause gefahren, wie auch immer. Es gab natürlich schon so ein bisschen einen sportlichen Kampfgeist. Man wollte nicht die schlechteste Band des Abends sein, aber wir waren alle zusammen. Es war eine wirkliche Szene und es hat unglaublich viel Spaß gemacht. War das dann diese Leidenschaft, die da für die Musik und die ganze Szene da war, auch ausschlaggebend dafür, dass Opel Gang dann am Ende auch gleich richtig gut funktioniert hat als Album? Klar ist es vielleicht noch nicht dieser Monster, was weiß ich, genreübergreifende Erfolg, aber in der Bubble drin war das ja schon gleich mal ein richtiges Statement, oder? Es hat uns wahnsinnig geholfen, dass wir den Produzenten John Caffrey kennengelernt hatten. Der ist unserem Manager über den Weg gelaufen, als er in Berlin die eidstürzenden Neubauten produziert hat. Das hat er viele Jahre lang gemacht. Wir kannten die Neubauten, waren mit denen befreundet. Und Jochen hat diesen John eben angesprochen, hör mal Max, sind nicht auch mal nach Düsseldorf kommen und so, wir würden gerne mit dir arbeiten. Und dieser John Caffrey hat in London in verschiedenen Bereichen, Studios seine Lehre gemacht und war auch bei der einen oder anderen Sex Pistols Produktion dabei. Und der hat dieser Platte schon einen deutlich professionelleren Sound gegeben, als wir das in der Lage gewesen selber zu machen. Also er hat wirklich dafür gesorgt, dass die Opel Gang sich schon vernünftig angehört hat und dass da ein gewisser Druck hinter war. Wie hat man denn damals Werbung für das Album gemacht? Ich meine, es war ja noch eine Zeit weit vor, Social Media Das war einfach in der Punk-Szene so, dass es überall in der Republik, in ganz Europa, in den Städten Treffpunkte, Plattenläden gab, die Treffpunkte für die Szene waren. Independent Record Shops, Rough Trade, Virgin. Also es gab einfach klassische Punk-Läden, die wurden bemustert und die wollten auch immer das Neueste haben. Die Punk-Szene war sehr konspirativ. Das heißt, wenn eine Berliner Band eine Single rausgebracht hat, dann haben wir in Düsseldorf diese Single auch gekauft. Das war eine Sache der Loyalität und nicht, ob einem die Platte gefällt. Und genauso wurden unsere Scheiben in Berlin und Hamburg von den Kids da gekauft. Das gehörte einfach dazu. Wir haben hier als Überschrift über diese erste Folge den Titel Reisefieber genommen. Ich glaube auch erst das Musikvideo damals zu dem Song. Viel schon typische Toten Hosen mit drin und ja auch ein bisschen Experimente, dass man wirklich pfiffen wird, Dudelsack-Intro und so weiter und so fort. Und ich liebe auch das Video, wenn ich es mir so anschaue. Ich finde ja die Nummer für so einen der ersten frühen Tracks von einer Band eigentlich sehr weit und sehr reif, auch wenn man sie mit heutigen Dingen vergleicht. Ja, freut mich, dass du das sagst. Ich. Habe diesen Dudelsack mir besorgt, ohne irgendeine Ahnung zu haben, wie man das Ding spielt. Bin daran verzweifelt, habe dann irgendwann einfach die Flöte abgeschraubt und das im Studio nur über die Flöte eingespielt. War natürlich schwer inspiriert von ACDC, It's a long way to the top if you wanna rock'n'roll. Da war das ja schon alles drin. Das habe ich mir erlaubt, es war einfach genial, einen Dudelsack in die Rockmusik einzubauen. Aber man hört da schon klar unseren Hang zu Melodien, zu Popmusik, die O-O-O-Chöre von The Clash inspiriert und einigen anderen. Der Geist der Undertones, dieses, auch von der Kleidung her, wenn du dir das so ansiehst, unser Outfit, wir waren bewusst uncool und wollten irgendwie daneben aussehen. Das Video war ja noch nicht mal von uns produziert oder so. Also ein Bremer Sender hat das aufgenommen für uns und wir waren froh, damit arbeiten zu können. Aber das war einfach nur ein Beitrag von denen. Wir haben da keinen Penny reinstecken können. Wir hatten gar nicht so viel Geld. Wenn du jetzt heute dir den Song vielleicht mal wieder anhörst, wenn er mal wieder in die Ohren kommt, ist man dann stolz darauf, was man damals geleistet hat oder denkt man eher auch, hätte ich mal das oder das damals gemacht? Ja, stolz ist das falsche Wort. Also ich bin eher so froh, dass es nicht völlig peinlich gewesen ist. Ich glaube, wir sind damit ganz gut weggekommen. Und auch dieses Lied über einen Mensch, der so versucht, sein Leben hinter sich zu lassen, aber auch nicht weiß, wo er da hin soll mit sich. Das war schon ein guter Ansatz. Ganz egal, wie das Endergebnis geworden ist. Der Versuch von der Thematik her, ein Thema aufzunehmen, das vielleicht nicht alltäglich war, das war schon in Ordnung. Der Star FM Rock Talk, heute mit Campino und 10 Songs für ein Halleluja. Hör dir die Playlist an, hör dir die Songs an zur Podcast-Reihe mit Campino über die Geschichte der Toten Hosen. haben wir dir in der Caption verlinkt. In der nächsten Folge kümmern wir uns um die Mitte der 80er bei den Toten Hosen, als der große Traum schon fast wieder vorbei war. Wir hatten damals kein Geld. Wir sind extrem knapp am Konkurs vorbeigewandert. Wir brauchten Hilfe und haben teilweise bei Musikverlagen unterschrieben und die Rechte an unseren eigenen Songs weggegeben, nur um kurzfristig ein bisschen Geld in die Kasse zu kriegen, um weiter laufen zu können. Also das war ein Klammermoment, die Zeit um Damenwahl.