Latest / BZ am Ohr / Regionale Verbrechen (1): Als BZ-Redakteur Patrik Müller den Bahn-Erpresser Monsieur X traf
Transcript
- Es ist 1975. Die Berliner Mauer steht, Helmut Schmidt ist der amtierende Bundeskanzler der BRD, Borussia Mönchengladbach ist drauf und dran, Deutscher Meister zu werden und im Radio läuft Abbas Megahead SOS rauf und runter. Es ist in dieser Zeit, im Oktober 1975, als ein Unbekannter anfängt, die Menschen im Südwesten Deutschlands in Aufruhr zu versetzen. Bis zum Ende des Jahrzehnts wird er die Region in Atem halten. Monsieur X, so nennt sich der Mann in seinen Überpresserbriefen, manipuliert immer wieder Züge und Streckenabschnitte auf der Rheintalstrecke zwischen Mannheim und Basel. Züge müssen zwangsbremsen, weil der unbekannte Drahtfall aufgestellt hat. Mehrere Dutzend Schrauben werden entlang der Gleise gelockert. Und schließlich entgleist ganz in der Nähe von Freiburg, bei Regel am Kaiserstuhl, auch ein Personenzug. Der Italia-Express kommt aus Kopenhagen und ist auf dem Weg nach Rom, als 19 Menschen zum Teil schwer verletzt werden. Insgesamt entsteht durch die Attentate von Monsieur X ein Schaden von 4 Millionen D-Mark. Der Täter erpresst die Deutsche Bundesbahn. Er will 100.000, später bis zu 250.000 D-Mark von dem Unternehmen. Das Verrückte dabei, er gibt an, diese Summe innerhalb eines Jahres zurückzahlen zu wollen. Mit Zinsen. Die Ermittlungen werden aufgenommen, doch der mysteriöse Täter bleibt lange Zeit unbekannt. Später wird er durch eine Art Zufall gefasst und verurteilt. 20 Jahre lang sitzt der für versuchten Mord im Gefängnis. Hermann Kraft, wie Monsieur X mit bürgerlichem Namen heißt, beteuert nicht nur seine Unschuld, sondern flieht zwischenzeitlich auch aus der Haft. Als er 80 Jahre alt und wieder auf freiem Fuß ist, empfängt er meinen Kollegen Patrick Müller bei sich zu Hause im Wohnzimmer für ein Interview. Heute sitzt Patrick Müller bei mir im Podcaststudio. Er ist Redakteur bei der Badischen Zeitung in Emmending und kennt den Fall in- und auswendig. Gemeinsam sprechen wir heute darüber, was damals genau passiert ist. Und vor allem darüber, was für ein Mensch sich hinter Monsieur X verbarg und was unklar bleibt. Mein Name ist Milla Kuhlmann aus dem Podcast-Team der Badischen Zeitung und ihr hört BZ am Ohr. Ja Patrick, schön, dass du heute bei uns im Studio bist. Danke. Und ich muss dich jetzt als erstes mal fragen, dieser Name Monsieur X, was macht das bei dir auf? Was kommen da für Erinnerungen hoch? Was ist das Erste, woran du denkst, wenn du diesen Namen hörst? Also Erinnerungen kommen tatsächlich bei mir wahnsinnig viele hoch, weil der Fall mich auch sehr lange beschäftigt hat und auch immer wieder mal beschäftigt. Was ich total spannend finde an diesem Fall, ist so eine Frage, die ich mir immer wieder stelle, die mir auch immer wieder gestellt wird. Und das ist die gleiche Frage, die auch beim Prozess damals gegen Hermann Kraft, Monsieur X, immer wieder Thema war. War er es eigentlich oder war er es dann doch nicht? Alles klar, spannend. Da können wir auf jeden Fall heute in der Folge auch nochmal darauf zurückkommen. Er wurde verurteilt, also juristisch ist dieser Fall abgeschlossen. Aber trotzdem, du als jemand, der ihn getroffen hat, hast immer noch Zweifel oder auf jeden Fall gibt es da noch eine Idee, was könnte da noch gewesen sein? Ich glaube, Zweifel sind das große Thema, wenn es um diesen Fall geht. Der Prozess, der auch sehr lange gedauert hat, es waren zwölf Tage, es gab 80 Zeugen, blieben am Ende ein reiner Edizienprozess. Es gab wahnsinnig viele Hinweise und Beweise, die den Angeklagten belastet haben. Es gab tatsächlich aber auch einige Unklarheiten, die bis zum Ende auch nicht aufgeklärt werden konnten. Und am Ende stand eben das Urteil und damit ist der Anklagte juristisch gesehen schuldig. Er selbst hat ja bis zum Ende seines Lebens bestritten, dass er es war. Und das hat er dir ja auch so erzählt, als du ihn getroffen hast. Vielleicht können wir aber nochmal ein bisschen zum Anfang zurückgehen. Also das ist ja wirklich ein erstmal absurder Fall, da geht dieses Erpresserschreiben bei der Deutschen Bahn ein, damals hieß es noch Deutsche Bundesbahn und das war auf der Schreibmaschine getippt, also wirklich ganz oldschool und dann kamen diese Anschläge immer mehr und immer mehr. Welches Ausmaß haben die denn angenommen in diesen Jahren, Ende der 70er Jahre? Ich glaube, diese Anschläge haben damals zu einer massiven Verunsicherung geführt bei Bahnreisenden. Logisch, es sind Züge entgleist. Es war eine Angst dabei. Ich weiß auch, dass die Polizei teilweise nachts die Strecken abpatrouilliert ist mit Maschinenpistolen und Taschenlampen. Ich habe tatsächlich mit einem Beamten gesprochen, der damals dabei war, bei so einer Aktion. Und der hat wirklich gesagt, die hatten ein mulmiges Gefühl, was ja immer hätte sein können, da sich gerade einen Mann treffen, der sich gerade an den Gleisen zu schaffen macht. Und wenn man so an diesen Fall denkt, als der Zug in der Nähe von Riegel, zwischen Riegel und Heckling entgleist ist, der Italia Express mit den 19 Verletzten, der Zug hatte Verspätung und wäre er ein bisschen früher gefahren, hätte er vielleicht sogar mit einem anderen Zug kollidieren können und dann wäre es sehr wahrscheinlich zu Toten gekommen und Monsieur X, der Hermann Kraft, der Mann, den ich getroffen habe, wäre ein Mörder gewesen. Und daher auch die lebenslängliche Verurteilung von Hermann Kraft, weil eben diese Mordmerkmale gegeben waren. Genau, es war ein versuchter Mord. Und ich nehme an, das klassische Mordmerkmal der Habgier, der wollte ja Geld. Genau, und das hat er ja auch sehr klar gemacht in seinen Erpresserbriefen, was genau hat er da gefordert und vor allem noch viel spannender, warum, was war sein Ziel? Also er hat Geld gefordert, zuerst 100.000 Mark, später 250.000 Mark. In einem Brief hieß es auch, er will die Zurückzahlen mit Zinsen. Und der Hintergrund, der immer wieder berichtet wurde zu dem Thema, war, dass er gespielt hat im Casino und wo der Meinung war, ein sehr, sehr sicheres System entwickelt zu haben, mit dem er die Bank überlisten kann. Und klar, wer so ein System hat, der braucht erstmal Startkapital. Aber das Startkapital ist hinterher auch wieder da. Also kann man es auch zurückzahlen. Jetzt könnte jemand meinen, dass es 1975, 1976 schon andere Wege gab, sich einen Kredit zu holen. Aber da hat er ja wirklich eine sehr unkonventionelle Art gewählt, sich dieses Geld irgendwie zu beschaffen. Das heißt, das war auf jeden Fall von der Staatsanwaltschaft der Grund, die Motivation des Theaters? Tatsächlich kann ich nur sagen, ich glaube ja. Ich bin im Prozess gar nicht so sehr drin. Ich bin wirklich später rein, der Prozess war gar nicht so mein Thema. Ich habe etwas darüber gelesen. Irgendwie geht es stark aus, dass Haber das Mordmerkmal war. Für einen versuchten Mord. Und ich glaube auch, dass wegen der Größe des Falles und der Massivität man einfach lebenslänglich gemacht hat. Die Staatsanwaltschaft war jetzt glaube ich sogar zweimal lebenslänglich, was heute glaube ich so gar nicht mehr üblich ist. Spannend. Ja und trotzdem war ja, wir haben gerade schon ein bisschen den Prozess angesprochen. Die Beweislage war ja ein reiner Indizienprozess. Kannst du vielleicht kurz erklären, was das ist und was man sich darunter vorstellen kann und vor allem, wie das im Fall Monsieur X angewandt wurde? Also Indizien sind einfach eine volle Summe von Hinweisen, die dafür sprechen, dass jemand etwas war und die unterscheiden sich eigentlich vom klaren Beweis. Ein klarer Beweis ist heute zum Beispiel eine DNA-Spur, bei der irgendwann die DNA-Experte vom Landeskriminalamt sagt, die Wahrscheinlichkeit, dass der Anklagte es nicht war, liegt bei 1 zu 1 Milliarde. Da gibt es immer noch einen Restzweifel, aber ist trotzdem ein relativ eindeutiger Beweis, dass der Anklagte es war. Ja, oft ist es dann auch so, heute hat der Anklagte oft ein Handy dabei, was dann auch zur Tatzeit in der richtigen Funkzelle eingeloggt war. Und da fällt es, glaube ich, einem Gericht relativ leicht, den Schuldspruch zu verhängen. Aber damals war es wirklich so, es gab wahnsinnig viele Hinweise. Es gab Stimmaufnahmen, zum Beispiel, die ausgewertet wurden. Es gab einen Germanistik-Professor, der sich tatsächlich Texte von Hermann Kraft angeguckt hat und die Erpresser schreiben und am Ende bestimmte Schreibweisen, bestimmte Stile, bestimmte Rechtschreibfehler analysiert hat. Ich glaube, das Wort Computer, das kam damals ja erst auf, wurde immer mit K geschrieben statt mit C. Und ich glaube auch, dass so das immer in der falschen Schreibweise drankam. Und das war dann am Ende eins von vielen Indizien. Ich glaube, der Richter hat sogar gesagt, dass die Sprechweise, die abgehackte Sprechweise und das kurze Lachen des Angegesagten ähnlich war wie auf bestimmten Tonaufnahmen. Und diese ganze Summe von Hinweisen hat dann dem Gericht aufgenommen. Am Ende gereicht zum Schuldspruch. Ich habe bei meiner Recherche damals auch mit dem Vorsitzenden Richter telefoniert und der hat mir gesagt, dass der Fall später immer wieder auch in Lehrbüchern, in Seminaren drangekommen sei unter dem Thema, das hat er wörtlich gesagt, wie das Aufsummieren von sehr wenig, wenn das sehr viel ergibt. Das ist ja wirklich so diese Definition von Indizienprozess. Und genau das ist da ja auch passiert. Und jetzt hast du es schon erzählt, da war sehr viel, also dieser Germanistik-Professor, der da das Gutachten erstellt hat. Wir haben die Schreibweisen und vor allem auch die Schreibmaschine. Wir haben Sprechproben, weil der Täter hat ja auch angerufen. Es blieb ja nicht bei den Erpresserbriefen, es ging ja auch weiter. Und letztendlich wurde er verurteilt und war dann ein Schwerverbrecher. Könnte man schon so sagen, oder? Er ist ein verurteilter Schwerverbrecher. Er war auch sehr lange im Gefängnis. Und als er rauskam, das muss man auch so sagen, er war ein alter Mann, ein armer alter Mann, wahrscheinlich sogar ein gebrochener alter Mann, weil sein Sohn zum Beispiel den Kontakt abgebrochen hat zu ihm. Das heißt, er war auch alleinstehend. Er war alleinstehend, hat alleine gewohnt in einer kleinen Einliegerwohnung. Und ich habe eine gewisse Verbitterung bei ihm gespürt, weil natürlich in seinem Leben auch einiges schief gelaufen ist. Also er war alleinstehend. Wie findet man so jemanden dann? Also wenn er selbst zu seinem eigenen Sohn keinen Kontakt hat, er ist jetzt aus dem Knast raus, wir machen jetzt einen großen Zeitsprung, also die Haft ist abgesessen, er ist wieder auf freiem Fuß, er führt ein einfaches Leben. Du hast gesagt, er kam ein bisschen verbittert drüber. Aber wie hast du ihn überhaupt gefunden? Kann man den einfach in den gelben Seiten nachschlagen oder hast du bei der Polizei angerufen als Journalist? Du hast ihn ja interviewt nach seiner Haft. Wie hast du diesen Mann gefunden? Das war ein totaler Zufall. Und zwar, ich war damals junger Journalist. Ich habe noch studiert und mir mein Studium durch die ganze Zeitungsarbeit auch ein bisschen mitfinanziert oder eigentlich finanziert. Und irgendwann kam dann ein Kollege aus der Redaktion Emding auf mich zu und hat mich gebeten, so mal eine größere Recherche zum Thema. Kopenhagen, Italia Express, Kopenhagen-Wien zu machen, der zum Jahrestag vor genau 30 Jahren damals entgleist ist. Und ich bin in die Geschichte rein, ich bin sehr tief in die Geschichte rein, ich habe mit Zeitzeugen gesprochen, telefoniert, habe Zeitzeugen getroffen, bin ins Archiv eingestiegen. Die Geschichte ist eigentlich während der Recherche immer gewachsen und irgendwann hat ein anderer Kollege nebenbei eher mal gesagt, man müsste gucken, ob man Hermann Kraft treffen kann, ob es den man noch gibt. Du hast gedacht, super, super lustig, wie soll ich das machen? Habe dann ein bisschen überlegt und am Ende war es viel einfacher als gedacht. Es gab nämlich mal vor Jahren in der Badischen Zeitung die Rubrik Wir gratulieren. Da haben wir, die Zeitung Altersjubilaren, die 90, 95 Jahre alt geworden sind, in so einem kleinen Kasten gratuliert. Und die Daten, wer jetzt gerade einen Geburtstag hat, kamen damals von den Rathäusern. Die Rathäuser machen sowas aus Datenschutzgründen heute nicht mehr. Damals haben sie es noch gemacht. Und Hermann Kraft hatte es nicht gemacht oder vergessen, eine Auskunftssperre zu erteilen. Das heißt, irgendwann, als er, glaube ich, Geburtstag hatte. Ist in der Badischen Zeitung unter der Rubrik Wir gratulieren, sein Name erschienen mit einer Adresse und einem Wohnort. Okay, also wirklich auf dem Silbertablett serviert und dann konntest du da einfach hinfallen, oder? Eigentlich auf dem Silbertablett. Tatsächlich, er stand nicht im Telefonbuch, aber sein Nachbar, der über ihm wohnt, stand im Telefonbuch. Der hat mich dann auch durchgestellt. Irgendwann hatte ich diesen älteren Mann mit seiner Stimme am Telefon und er hat sehr offen gefragt, ob er derjenige ist, der damals verurteilt wurde. Er hat ja gesagt. Ich glaube, wenn er nein gesagt hätte, wäre die Geschichte so auch nie erschienen. Aber er hat ja gesagt und er war bereit, mich zu treffen. Und bei diesem Treffen hat sich herausgestellt, warum er bereit war, mich zu treffen. Er war nämlich total scharf drauf, seine Geschichte zu erzählen. Das ist wirklich spannend, vor allem, weil man ja auch als Journalist sich oft die Frage stellt oder generell Journalisten ja auch sich die Frage stellen, wem geben wir überhaupt eine Plattform und wen wollen wir interviewen, wem geben wir diesen Raum in den Medien und vor allem einem verurteilten Verbrecher. Das ist natürlich so ein bisschen umstritten auch immer noch. Was war denn dein Grund, mit ihm zu sprechen? Also eben, er wollte unbedingt seine Geschichte erzählen. Wahrscheinlich, also sprechen wir auch gleich noch drüber, seine Unschuld beteuern und seine Version der Geschichte rausgeben. Aber was war für dich die Motivation, mit so jemandem zu sprechen? Außer so dieses, ja, es könnte ganz spannend sein. Tatsächlich war dieses, es könnte ganz spannend sein, ganz wichtige Motivation bei der Geschichte. Aber tatsächlich bin ich auch der Meinung, dass eine Geschichte erst dann rund ist, wenn man alle Seiten gehört hat. Das heißt nicht, dass man die Ansicht aller Seiten unkritisch übernehmen muss. Man muss sie einordnen, man muss sie auch nachprüfen. Ich denke, es ist auch gelungen damals, aber ich bin fest überzeugt, dass man wirklich nur erst dann ein richtiges Bild hat, wenn man mit allen Zeiten geredet hat. Also du wolltest einfach seine Seite der Geschichte hören? Genau, ich wollte hören, was er erzählt hat. Ich wollte wissen, was ist das für ein Mensch, wie lebt er, was macht es auch mit einem, so lange im Gefängnis zu sein, für eine wirklich äußerst schwere Straftat, die nur durch einen glücklichen Zufall nicht dem Tod vieler Menschen geendet hat. Ich wollte ihn mal kennenlernen, ja. Ja, auch einfach eine Kuriosität, also deinerseits. Journalisten sind Menschen, die von Natur aus vor allem neugierig sind. Und ich bin auch ein sehr neugieriger Mensch. Und dann habe ich mir ein Herz gefasst und einen Termin ausgemacht und ihn getroffen. Jetzt hast du gerade schon gesagt, eben, dass es dieser Mann, der hat wissentlich das Leben zahlreicher Menschen gefährdet. Also es war ja wirklich eine Glückssache, dass vor allem bei dieser Entgleisung des Italia-Expresses niemand ums Leben gekommen ist. Dieser Mann hat sich auch wissentlich auf dieses Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei eingelassen über mehrere Jahre. Und, das haben wir jetzt, glaube ich, noch gar nicht erwähnt, er ist ja auch gegen Ende seiner Haft nochmal aus dem Gefängnis geflohen. Und ich finde das alles, als jemand, der dieser Artikel jetzt nur gelesen hat und ihn nicht getroffen hat, das zeigt schon so ein Bild von jemandem, der sehr abgebrüht ist irgendwie. Findest du, das passt irgendwie mit dem oder stimmt mit dem überein, was du von ihm erlebt hast, als du dort warst? Ich glaube tatsächlich, wenn ich so zehn Adjektive finden müsste, wäre abgebrüht nicht dabei. Okay, sogar in den Top 10 nicht. Das ist eine gewisse Verbitterung. Abgebrühtheit eigentlich nicht. Er hat ja auch selbst gesagt, er ist auch nicht geflohen aus dem Gefängnis, sondern er ist einfach davongelaufen. Man stellt sich Flucht immer so vor, jemand gräbt heimlich einen Graben, deckt das Loch in der Gefängniszelle ab mit einem Poster oder Plakat. Aber es ist oft sehr viel trivialer. Irgendwann wird eine Haft gelockert, irgendwann dürfen die Gefangenen auch raus zum Arbeiten, irgendwann sind die Gitter nicht mehr immer abgeschlossen und dann ist er einfach davongelaufen. Also würdest du sagen, er ist nicht dieser abgebrühte Typ Mensch, sondern er war eher ja schon dann ein, ja, du hast jetzt verbittert ein paar Mal gesagt, und er war ja auch ein alter Mann. Er war ja wirklich schon, ich glaube, Ende 70 oder Anfang 80. Ich habe ihn in 80 Jahren getroffen. Er war immer noch groß, hatte so einen leicht gebeugten Gang. Das war so eine typische Wohnung, wie man es ja auch vermutet. Weltkarte an der Wand, Schuhe an der Haustür in Reihe und Glied. So habe ich es damals auch beschrieben. Es war ihm wirklich ein großes Anliegen, nochmal zu reden. Ich glaube, er hatte auch nicht mehr so viele Leute zum Reden. Und natürlich dabei auch seine Version der Geschichte nochmal zu erzählen. Und wie hast du dich gefühlt, als du da rein bist, zu diesem Mann? Was du jetzt erzählst, hört sich natürlich nicht annähernd so gefährlich oder aufreibend an, wie die Geschichten, die wir über ihn im Fernsehen gesehen haben. Aber trotzdem ist er ja jemand, der so lange verurteilt wurde. Also mit was für einem Gefühl bist du da reingegangen? Also im Nachhinein war der Mann meiner Ansicht nach überhaupt nicht gefährlich. Aber das weiß man vorher ja auch nicht. Tatsächlich habe ich sicher schon mal besser geschlafen als in der Nacht vor diesem Gespräch. Und ich habe mich auch von einem Freund back upen lassen. Der hat mich quasi hingefahren, bei dem Haus gewartet und hatte so ein bisschen die Anweisung. Zu agieren bzw. die Polizei zu rufen, wenn ich mich nach einer bestimmten Zeit nicht melde. Es war im Nachhinein völlig unbegründet, aber ich glaube, es war eine wichtige Vorsichtsmaßnahme. Aber es musste zum Glück nicht in Kraft treten, diese Vorsichtsmaßnahme. Es war im Nachhinein eigentlich ein sehr entspanntes Gespräch, beziehungsweise so entspannt, wie ein Gespräch mit einem verurteilten Straftäter. Über auch so ein Lebensthema von ihm sein kann. Das stimmt, es hat ja wirklich sein ganzes Leben eingenommen. Eine Sache, die mir im Kopf geblieben ist von dem Text, den du damals geschrieben hast, ist, dass er dir vorab einen Textvorschlag gegeben hat, den er sich auch hat quittieren lassen. Kannst du dazu irgendwas sagen? Das ist eine kleine Szene mit der Quittierung, die ich aber im Nachhinein total typisch finde für jemanden, der versucht, sehr viel zu kontrollieren. Und ich würde eher sagen, das ist so ein Charakterzug von ihm. Monsieur X wollte vieles kontrollieren. und Hermann Kraft war eigentlich auch ein Mensch, der es nicht gemocht hat, wenn irgendwas die seiner Kontrolle entzogen hat. Also habe ich ihm diesen Text, den Erhalt quittiert. Ich habe nicht nur den Erhalt quittiert. Hätte er mir seinen Textvorschlag vorgelegt und mich unterschreiben lassen, dass ich das genauso drucke, hätte ich die Unterschrift verweigert. Aber den Erhalt konnte ich guten Wissens quittieren. Das heißt, er hat einfach seine Geschichte, so wie er sie erlebt hat oder wie er, also seine Wahrheit praktisch, hat er dir aufgeschrieben und gesagt, das wäre doch mal eine Idee, so könnte doch der Artikel ungefähr gehen. Es war tatsächlich ein Blatt Papier. Es gab aber noch ein anderes Dokument, nämlich einen großen roten Leitzordner mit der Aufschrift MX, großes M, großes X, in dem auch sehr viel drin war zum Thema, Zeitungsartikel, Protokolle, andere Geschichten. Er hat ja auch ein Buch geschrieben tatsächlich über den Fall, was dann aber keinen Verleger gefunden hat. Okay, da muss man sich nicht wundern nach der lebensmänglichen Haft. Aber er hat es ja trotzdem weiterhin versucht. Und eine Dokumentation hat er auch noch verfasst, glaube ich, auch während seiner Zeit im Gefängnis. Wenn ich mich richtig erinnere, hieß diese Dokumentation sogar Die immer erfolgreiche Justiz. Und es ist auch so eine Art von Sarkasmus oder Humor, der sich so in einigen dieser Erpresserschreiben gefunden hat. weil einmal fiel, glaube ich, der Satz 100.000 Mark waren zu viel. Jetzt wird es viel billiger. Also sein zweites Erpresserschreiben ging dann so? Ob es das zweite war, weiß ich nicht. Aber es gab ein Erpresserschreiben, was eben diesen Humor hatte. Und da habe ich eine gewisse Ähnlichkeit im Humor gesehen, was wiederum im Nachhinein vielleicht ein weiteres von vielen Indizien ist, die gegen ihn sprechen oder für die Verurteilung. Aber ich glaube letztendlich, juristisch ist der Fall aufgeklärt und der Restzweifel wird immer bleiben. Kann man nur spekulieren noch. Es gibt ein Indiz, was im Nachhinein immer wieder genannt wurde, wenn es um die Schuld geht. Und zwar die Tatsache, dass nach seiner Verurteilung diese Bahnattentate aufgehört haben. Und das ist natürlich das Indiz, was mich am wenigsten überzeugt. Denn nehmen wir mal an, es hätte einen anderen Täter gegeben, den großen Unbekannten. Mhm. Der hätte vielleicht auch gemerkt, es funktioniert nicht, es ist zu gefährlich, dann wäre die Verurteilung genau der richtige Zeitpunkt gewesen, aufzuhören. Wenn er weitergemacht hätte, wäre die Ermittlungen natürlich weitergelaufen. Okay, das stimmt. War das auch die Version von Hermann Kraft? Jetzt haben wir ja so viel darüber gesprochen. Was war denn seine Version davon? Was hat er denn gesagt? Wie ist er in diesen Fall reingeraten? Und was war seine Rolle in dieser ganzen Müsse X-Geschichte, wenn es nicht die Version der Staatsanwaltschaft war? Es gab tatsächlich in der Version von Hermann Kraft, gab es eine Art Missio X, das war ein Mann namens Alfred Brockmann, oder der sagt ja, hieß er Alfred Brockmann, der sich als Privatdetektiv ausgegeben haben soll. Ein Mann mit Schnurrbart, buschigen Augenbrauen und sehr sicherem, souveränen Auftreten. Und dieser Alfred Brockmann soll ihm Anweisungen gegeben haben. Und zwar hilft mir, Verbrecher zu fangen tatsächlich. Und für ihn hat er tatsächlich Leute angerufen und auch Botengänge ausgeführt. Und natürlich bei einem dieser Botengänge, angeblich, ist er dann aufgefallen, das war in Straßburg meiner Erinnerung nach, und so wurde er auch verhaftet. Und es war eine wahnsinnige Ansammlung von Zufällen, die überhaupt zur Verhaftung geführt haben. Ja, also in seiner Version war er dann wirklich nur dieser Laufbursche, der diese Botengänge erledigt hat. Und du hast jetzt gerade schon diesen Zufall in Straßburg angesprochen. Der kam ja letztendlich raus, weil der auch in der Fernsehserie Aktenzeichen XY erwähnt wurde, die damals ja auch den Pfeil ganz groß aufgerollt haben. Und dann sollte es erst ausgeschreit werden und wurde es dann doch nicht, weil Müsse X davon Wind bekommen hat und es dann verhindert hat. Und letztendlich hat ja jemand diese Serie gesehen und diesen Hinweis irgendwie durchgegeben. Und zwar war das jemand vom, ich glaube, Verfassungsschutz, der dort die Serie gesehen hat und dann den Hinweis weitergegeben hat an die Polizei. Genau, und ich glaube, dass damals auch in der ganzen Sicherheitsszene, in der Polizeibranche, durch den deutschen Herbst, durch die RAF, eine gewisse Wachsamkeit da war. Man war vorsichtiger als sonst. Ich persönlich glaube sogar, dass der Fall Monsieur X, der wirklich sehr prominent war, der überregnar in Medien verhandelt wurde, sogar noch prominenter gewesen wäre, wenn zwei Tage nach dem Anschlag in Riegel die Zeitung nicht über den Tod von Andreas Bader und Gudrun Enzien berichtet hätten. Das wurde nämlich zum ganz großen Thema. Noch mehr. Vielleicht können wir jetzt nochmal zu diesem Treffen zurückspringen mit dir und mit Monsieur X. Du hast schon ein bisschen ausgeführt, er hatte diesen roten Ordner, das ist ja wirklich so wie im Film mit MX da drauf. Also er hatte wirklich schon auch einen Bezug zu diesem Charakter, diesem Monsieur X und er wusste schon irgendwie, wer das, er hat das aufgehoben alles. Es schien ihm ja nicht egal zu sein, dass er hatte da nicht vergeben und vergessen. Und auch mit diesem Buch und allem Hast du irgendwelche neuen Informationen aber noch von ihm mitgenommen, die du davor noch nicht kanntest? Tatsächlich habe ich an Sachinformationen, Zufall an sich, fast nichts Neues mitgenommen. Ich habe viel über seinen Charakter erfahren, über diesen Wunsch zu kontrollieren, zu bestimmen, teilweise auch über den Humor. Aber neue Sachinformationen hatte ich so eigentlich nicht. Denn die Version, die er immer noch präsentiert, ist auch die, die er im Prozess präsentiert hat. Er war der Laufbursche, der später Sündenbock wurde. Und quasi zwei Jahrzehnte einsaß für etwas, was ein anderer gemacht hat. Und auch spannend, was du sagst, dass ja da wirklich viele Parallelen sind. Also von den Charakterzügen, diese zehn Adjektive, über die wir gesprochen haben, die hat man ja auch im Monsieur X gefunden. Diesen Kommentar mit dem Jetzt wird es billiger, dass das ein bisschen der Humor auch von ihm war. Das ist ja schon spannend, dass du das auch wirklich persönlich in diesem Mann sehen konntest, der ja, soweit wir wissen, der Täter ist. Was mich auch noch interessieren würde, hast du damals auch mit Opfern oder Angehörigen gesprochen? Du hast ja schon erwähnt, dass du mit dem Polizist, der damals an der Strecke entlang gearbeitet hat, auch ein Interview geführt hast. Aber im Zuge der Recherche zum Italia-Express, hast du da noch mit anderen Leuten gesprochen, die auch involviert waren? Ich habe mit vielen Leuten gesprochen, die involviert waren. Ich glaube sogar auch mit dem damaligen Kreisbrandmeister, dem Feuerwehrchef, der ja auch massiv im Einsatz war. Ich habe mit einer Krankenschwester telefoniert, die Dienst hatte am Abend, als es passiert ist. Auch das ist eine kuriose Geschichte. Denn die Verletzten wurden ins Kreiskrankenhaus nach Emdingen gebracht. Und tatsächlich war das die erste Betriebswoche des Neubaus des Kreiskrankenhauses Emdingen. Irgendwann jetzt eine persönliche Geschichte ins Spiel. Ich bin ein paar Jahre später im Kreiskrankenhaus Emdingen geboren worden. Nein. Doch. Okay, also wirklich noch ein persönlicher Bezug. Da merkt man auch, wie nah das hier nicht nur an der Badischen Zeitung, sondern auch wirklich an Freiburg und der Region ja dran ist. Und wie nah eigentlich auch an mir und meiner Biografie der Kopenhagen. Der Italia-Express ist zwischen Heckling und Riegel entgleist. Heckling ist ein Ortsteil von Kensingen. Ich bin Kensinger. Okay, dann hat es ja wirklich wie die Faust aufs Auge gepasst bei dir. Und du hast wirklich noch diesen persönlichen Bezug. Aber du kanntest niemanden persönlich, oder, der da involviert war? Ich kannte dem Namen nach Leute persönlich von der Feuerwehr, aber ich, nee, nicht wirklich. Okay. In dem Zug saßen ja auch die meisten Leute, die aus Kopenhagen nach Rom gefahren sind. Genau, es war niemand aus der Region. Es gab andere entgleiste Züge. Da bin ich nicht, ob das Fernverkehrszüge waren. Ich glaube, es war ein Güterzug auf jeden Fall noch. Aber nee, da habe ich tatsächlich, diese Seite der Geschichte hatte ich nicht. Okay. Leider. Aber auf jeden Fall schon spannend, dass es wirklich in dieses Krankenhaus gekommen, also die alle da reingekommen sind. Aber mit den Opfern hast du dann nicht direkt gesprochen? Ich habe tatsächlich keine gefunden. Okay. Ja, die waren ja auch hauptsächlich Italiener beziehungsweise Internationale. Viele Italiener, genau. Jetzt vielleicht können wir nochmal so zum Anfang zurückkommen. Ich habe dich gefragt, was ist das Erste, woran du denkst? Und du hast gesagt, okay, die Schuld war es oder war es nicht, obwohl er ja verurteilt wurde. Aber was hat es vielleicht so mit dir als Journalisten gemacht? Was denkst du irgendwie jetzt anders über solche Taten? Oder denkst du vielleicht mal selber daran, wenn du Bahn fährst? Oder wie gehst du an der Geschichte jetzt ran? Also beim Bahnfahren tatsächlich denke ich relativ selten daran, was jetzt passieren würde, wenn dieser Zug entgleist. Und in meiner Arbeit als Journalist bin ich nach eigentlich bestärkt worden, dass es immer wichtig ist, sich alle Versionen der Geschichten anzuhören. Aber dann natürlich auch sehr exakt einzuordnen, was die Gegenseite sagt. Nicht nur zu schreiben, ich war der Sündenbock, ich war der Laufbursche von diesem Privatdetektiv, sondern auch eben zu sagen, es gab die und die Beweise und der Richter, war sich eigentlich, wie er am Ende sagt, durch dieses Aufsummieren auch sehr sicher und er hat diesen Schuldspruch ja auch nicht bereut. Das ist auch gut zu hören. Aber tatsächlich hat Hermann Kraft ja auch nochmal, das stand auch in deinem Text, angedeutet, dass er sich an der Justiz hat rächen wollen. Da kam natürlich dann ein Glück nichts mehr. Also er war dann im Gefängnis und dann Und war ja in Freiburg in seiner kleinen Wohnung. Aber zu Beginn seiner Haft war das schon noch sein Plan, oder? Ich glaube tatsächlich, dass jeder Mensch, der für einen großen Teil seines Lebens ins Gefängnis geht, in irgendeiner Form mal drüber nachdenkt, sich zu rächen. Weil zwei Jahrzehnte, oder das Urteil war lebenslänglich. Und es ist eine sehr lange Zeit. Und man hat einfach auch Zeit im Gefängnis, sich Gedanken zu machen und Rachepläne zu schmieden. Aber tatsächlich hat er mir auch gesagt, dass er diese Rachepläne dann im Gefängnis auch von selbst aufgegeben hätte. Okay, also hat sich da so ein bisschen so… Ich glaube auch, dass die Zeit da vielleicht auch einiges… Der Begriff Heid ist sicher schwierig, aber die Zeit hat sicher einiges abgeschliffen, was an Racheplänen da war. Und ich glaube dann auch, er ist in sehr hohem Alter entlassen worden, dass ihm vielleicht auch die Anarchie gefehlt hat. 2015, du hast ihn 2007 interviewt und 2015 ist Hermann Kraft dann verstorben. Was war das noch für ein Leben, dass Monsieur X, dieser Schwerverbrecher, der in allem Munde war, was hat er noch für ein Leben gelebt am Ende? Ich glaube, ich habe die Formulierung kleines Leben benutzt. Ob ich das so noch schreiben würde, weiß ich gar nicht. Auf jeden Fall ist es ein sehr typisches Leben. Weil eigentlich hat Monsieur X geliebt wie ein stinknormaler Rentner, wie ein stinknormaler alleinstehender älterer Mann, der natürlich eine sehr eigene Geschichte hat und eine spannende Biografie. Aber ich finde, er hat sich eigentlich nicht so sehr unterschieden von vielen anderen älteren Menschen. Es ist ja auch spannend, dass man diesen Einblick mal so hat und merkt, okay, da hat jemand so eine Geschichte und letztendlich ist er in seiner Wohnung, er hatte keinen Kontakt zu seiner Familie, er war geschieden und dann endet diese große Geschichte, die bei Aktenzeichen XY war und in der Zeitung und überall, endet die wirklich so ganz regulär. Ich glaube ja tatsächlich, dass die meisten Biografien von berühmten Menschen, von großen Menschen, von bekannten Menschen, auch von prominenten Verbrechern am Ende relativ klein und leise enden. Das ist doch ein gutes Ende für diese Geschichte. Und du hast dieses Stelleende auch miterlebt. Vielen Dank, Patrick, dass du heute im Studio warst, dass du uns diese Geschichte erzählt hast von deinem Treffen mit dem Schwerverbrecher. und vielen Dank für euch fürs Zuhören. In den Show Notes findet ihr jetzt nochmal ein paar Links zum Fall und natürlich auch Patricks Artikel darüber. Lest da gerne nochmal nach und schreibt uns, wenn ihr Fragen oder Feedback habt, an.