Latest / Erstklassisch mit Mischke - Klassik hautnah / Dirigent Markus Poschner: „Musik ist Leben, Musik ist Zeit“
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- 0:00Ja, das ist für mich keine Kategorie. Ich habe ja in dem Sinne keinen Beruf, das ist mein Leben.
- 0:07Also so empfinde ich Leben.
- 0:11Also weiß ich, ob das saublöd klingt jetzt, das tut mir sehr leid,
- 0:14aber das ist tatsächlich die Wahrheit.
- 0:16Das ist so ein Suchen nach sich selbst.
- 0:20Und das muss man ja auch mal aufpassen, kann das auch schwer erklären.
- 0:26Also ich möchte jetzt auch nicht zu kompliziert werden. Aber natürlich interessiert
- 0:32mich, was mich antreibt, wer ich selber bin. Was ist da, was mich da immer beschäftigt?
- 0:40Und das ist der Motor. Ich habe kein Ziel.
- 0:44Es gibt kein Ziel. Ich kann nicht sagen, mir fehlen noch fünf Premieren und
- 0:48dann bin ich durch oder so.
- 0:50Oder ich brauche einmal, möchte ich noch Standing Ovations oder dann ist gut.
- 0:54Keine Ahnung. Das hört nie auf. Das ist eine Unruhe.
- 1:00Ich glaube, Musik ist Leben. Musik ist Zeit. Das ist es.
- 1:08Erstklassisch mit Mischke, der musikalische Podcast des Hamburger Amt.
- 1:19Schönen guten Tag zu einer neuen Folge. Mein Gast hat, glaube ich,
- 1:23eine ganze Menge zu erzählen.
- 1:24Die schönste Geschichte, die ich gefunden habe, die spielte sich 2022 ab,
- 1:27hat mit Bayreuth zu tun und mit einem Urlaub auf Kreta, wo sie angeblich einen
- 1:32Anruf bekommen haben, gerade im Wasser, das Bayreuth nach ihnen verlangte.
- 1:36Und er ist Bruckner-Spezialist, er kennt sich mit Maler aus, spielt Jazz-Klavier,
- 1:42in Basel hat er das Sinfonieorchester geleitet, hat das ORF-RSO geleitet und,
- 1:47dem nächsten Jahr ist er dann in Utah beim Utah Symphony in Salt Lake City, meine Meinung nach.
- 1:53Jetzt aber ist er in Hamburg und hat ein Stiefkind auf der Bühne zu versorgen,
- 1:56Humperdings Dornröschen.
- 1:57Das gibt es dann auch noch nicht nur original, sondern mit Weber,
- 2:00Wagner, Madonna und den Spice Girls im Musikangebot. Und mein Gast ist,
- 2:04wer kann es sonst sein, Markus Poschner. Grüß Gott. Grüß Gott, das freut mich sehr.
- 2:10Geht so leicht über die Lippen, wunderbar. Schön, dass Sie da sind.
- 2:13Erzählen Sie mir das mal. Wie war das da auf Kreta? Sie waren im Wasser und
- 2:17dann rief Bayreuth bei Ihrer Frau auf dem Handy an.
- 2:20Es war tatsächlich ganz genau so. Wir waren am Strand mit Kindern und Sandförmchen
- 2:25und Wutteln und Graben, also das ganze Programm.
- 2:29Und tatsächlich am Strand klingelte das Handy und meine Frau ist rangegangen,
- 2:34weil ich war gerade mit Burgenbauern beschäftigt.
- 2:37Und sie hat gesagt, ja, ja, okay, okay, wir melden uns zurück. Und dann, so kam es.
- 2:46Es war am Abend und am nächsten Morgen saß ich schon im Flugzeug.
- 2:50Das war denn so das Erste, was Sie gedacht haben, bevor Sie gedacht haben,
- 2:53oh verdammt Tristan. Irgendwer veralbert mich hier.
- 2:57Naja, also ich habe ehrlich gesagt gedacht, Gott sei Dank Tristan.
- 3:02Also zumindest die Oper, weil die kenne ich. Das kann ich. Das kann ich und
- 3:06die kenne ich wirklich in- und auswendig.
- 3:09Und ja, also ich muss sagen, es war ein Schock.
- 3:13Erstmal, weil ich tatsächlich, wir waren gerade im Urlaub angekommen nach einer
- 3:18unglaublich anstrengenden Saison und ich hatte mich schon sehr gefreut und verzerrt
- 3:23nach Zeit mit der Familie.
- 3:24Das ist die einzige Periode in einer Saison, im Jahr, wo man die Batterie ein
- 3:31bisschen aufladen kann.
- 3:33Und das war tatsächlich mein erster Gedanke. Jetzt gleich wieder zurück,
- 3:39und dann auch noch auf den grünen Hügel.
- 3:45Soll ich das tun? Soll ich das machen? Und dann habe ich wirklich,
- 3:48ich habe mit meiner Frau sehr eingehend diskutiert und dann war schon aber klar,
- 3:53ich muss das tun, ich muss das machen.
- 3:55Und eben dann Gott sei Dank Tristan, also diese Oper, die mir wirklich sehr, sehr nahe steht.
- 4:02Und dann habe ich zurückgerufen und habe gesagt zu Katharina, okay, ich komme.
- 4:07Na gut, und die Familie ist auf Kreta geblieben? Sie ist auf Kreta geblieben, ja.
- 4:11Aber es hat ja ein Happy End gegeben, von daher alles gut. Stimmt.
- 4:15Ich habe über Sie auch gefunden, Sie wollten Astronaut werden als Kind.
- 4:18Was ist denn so von diesem Berufsbild und von dieser Vorstellung noch geblieben
- 4:23in Ihrem Dirigentenjob? Da sind Sie ja jetzt eher auf dem Boden.
- 4:27Also der Blick in so ein Endliche hat mich tatsächlich schon immer begeistert.
- 4:30Ich meine, es war wirklich ein typischer Kinderwunsch. Ich glaube,
- 4:34ich wäre als Physiker nicht wirklich tauglich oder alles, was es da irgendwie
- 4:37dazu braucht, um diese Kavere reinzuschlagen.
- 4:40Aber so dieser Blick in den Sternenhimmel hat mich maßlos begeistert.
- 4:47Auch einfach über die Fantasie und die Geschichten und was mag dahinter stecken.
- 4:52Wer guckt da gerade auf uns? Vielleicht ist da auch irgendjemand auf irgendeinem
- 4:56Pünktchen da oben, was man eben so sich vorstellt. Und was ist da geblieben?
- 5:01Naja, ich glaube schon, dieses Grenzenverschieden, das hat sehr viel mit meinem Beruf zu tun.
- 5:09Gerade auch mit Werken, die eine große, große Aufführungstradition haben und
- 5:15die sehr klar sich in gewissen Leitplanken bewegen.
- 5:20Nehmen wir doch mal Tristan, kein unbekanntes Stück. Und doch immer wieder was
- 5:24Neues zu entdecken, zu forschen, hineinzutauchen, Schichten freizulegen.
- 5:29Ob das Bruckner ist, ob das all diese Themen waren, mit denen ich mich sehr
- 5:33intensiv beschäftigt habe.
- 5:34Aber es ging dann doch, wenn Sie so fragen, eigentlich immer darum,
- 5:38irgendwo etwas zu einem Kern vorzustoßen, der vielleicht so ein bisschen im
- 5:44Verborgenen blieb. Star Trek oder Star Wars?
- 5:48Star Wars. Warum? Wegen dem Soundtrack.
- 5:54Nur wegen der Musik und die ist irgendwie unschlagbar. Na gut,
- 5:58dann kommen wir mal zu vielleicht nicht ganz so guter Musik.
- 6:00Dornröschen, Humperding. Oh, da muss ich jetzt sofort protestieren.
- 6:05Die Uraufführung ist durchgefallen, wenn ich das richtig entdeckt hatte.
- 6:09Die Kritik hat damals von einem Absturz gesprochen, das muss nicht viel heißen,
- 6:12aber nichtsdestotrotz, wollten Sie dieses Stück retten oder reizt Sie gerade,
- 6:16das womöglich Unvollkommene. Wie sind Sie auf dieses Stück geraten?
- 6:22Es war eine Idee der Staatsoper Hamburg. Würde ich das interessieren,
- 6:25zusammen mit Anna Bergmann.
- 6:28Und ich fand das dann ganz toll, weil wir sehr früh hier quasi als Leading-Team
- 6:32zusammengekommen sind.
- 6:34Was haben wir für eine Fantasie dazu?
- 6:38Ich habe gesagt, ich muss mich erst mal damit beschäftigen und dann lass uns
- 6:40treffen und lass uns mal austauschen, was entsteht daraus.
- 6:43Weil es war ja ziemlich schnell klar, das ist eine Aufgabe, die nicht so eins
- 6:48zu eins einfach übernommen werden kann. Da kannst du nicht einfach die Partitur
- 6:52aufschlagen und man spielt bis zum Ende durch und dann,
- 6:58man weiß genau, was man es da zu tun hat. Aber das sollte man doch bei einer
- 7:01Oper normalerweise erwarten, wenn sie fertig ist, dass man die Partitur nehmen
- 7:04und einfach mal so durchführen kann.
- 7:05Ja, das Problem, ich glaube, das ist das Problem dieses Werkes.
- 7:09Ich glaube, es war Humperding selbst nicht ganz klar, was er da eigentlich in die Welt gesetzt hat.
- 7:15Von ihm stammt der Ausdruck, ein Ausstattungsstück mit allerhand Musik,
- 7:19das hat er selbst drüber gesagt und das trifft es eigentlich ziemlich genau,
- 7:23es ist irgendwas zwischen Tondichtung, Märchenoper,
- 7:26es hat was Wagnereskes natürlich, da ist viel Lone Green, viel Parzival drin,
- 7:31wie bei Humboldt-Denker so oft und man mag es kaum glauben.
- 7:37Da ist schon Kurt Weil auch drin. Und Humperding, das wissen die wenigsten,
- 7:41war ja der Lehrer von Kurt Weil.
- 7:43Also der ist in seinem Leben an einer Schnittstelle als Schüler von Brahms und
- 7:50Assistent von Richard Wagner, gerade beim Parsifal, bei der Urführung.
- 7:54Und dann ist er aber schon quasi dieser Verbindungsscharnier zu Kurt Weil.
- 7:59Und es gibt da viel Sprechgesang da drin und ganz neuartige Klänge.
- 8:04Und das fand ich schon, ich meine, es ist ein Märchen und Märchen sind ja immer
- 8:10nach allen Seiten hin offen. Das sind keine abgeschlossenen Themen.
- 8:14Also einmal in der, ja, also Charles Perrault war ja so, der hat das ja auch,
- 8:20aufgeschrieben. Der erzählt eine ganz andere Geschichte als die Gebrüder Krim.
- 8:24Und das ist schon etwas, wo man glaube ich, es geht um den Traum und besonders bei Dornröschen.
- 8:30Und da kann man schon viel, viel, also viel Fantasie haben, um was ist da,
- 8:34was wird da eigentlich verhandelt, zu was verabredet man sich da.
- 8:36Aber trotzdem und deswegen hat ja irgendjemand hier in der Vorbereitung offenbar
- 8:40allen anderen tief in die Augen geguckt und gesagt, gesagt, das Stück ist zwar
- 8:43fertig und so gedruckt, aber so können wir das nicht machen.
- 8:46Da müssen wir mal was rausnehmen und was anderes reintun. Das dauert,
- 8:48ich glaube, wenn man es so spielt, wie es da steht, 80 Minuten ungefähr.
- 8:54Diese Dialoge sind ganz eigenartig. Gut, das Problem hat man auch bei Vigilio.
- 8:57Das ist kein Einzelfall. Bei vielen anderen Dingen.
- 9:00Aber ich sage mal, das, worum es uns ging, war ja gar nicht so sehr,
- 9:06dass uns interessiert, dass da am Ende ein Prinz, Ente und Röchsen wachküsst,
- 9:10sondern was heißt dieser Schlaf? Was bedeutet das?
- 9:15Die Zeit steht still und alles steht still, fühlt es da ein Röschen,
- 9:23aber hinter ihr dreht sich die Welt einfach weiter und sie wacht auf.
- 9:28Und es ist 100 Jahre später und für sie ist kein Augenblick vergangen.
- 9:32Und wenn man das so ein bisschen weiterdenkt, also diese Geschwindigkeit von
- 9:35Zeit und von Verwandlung, von Veränderung und letztlich natürlich dann auch,
- 9:40von Identität. Was heißt es mit uns?
- 9:44Was macht es mit uns, wenn eine so eine unglaubliche Beschleunigung zu verspüren ist?
- 9:52Wer sind wir eigentlich? Um was geht es? Das wirft einen doch immer sehr stark
- 9:56auf den eigenen Kern zurück.
- 9:58Und das ist dann doch eine sehr, sehr moderne Fragestelle.
- 10:01Dann aber doch nochmal das Handwerkliche. Wer hat denn dann letztlich gesagt,
- 10:04so, Stift raus, jetzt streichen wir mal was?
- 10:06Naja, wir. Wir alle im Leading-Team. Also mit Anna Bergmann,
- 10:10mit Christopher Ramut, dem Dramaturgen, ich.
- 10:14Also wir saßen dann mit der Partitur da. Es gab viele, viele Treffen.
- 10:19Es gab viele Treffen über Video. Und wir haben frei assoziiert,
- 10:23um erstmal eine Geschichte herauszukristallisieren.
- 10:26Wir wollen ja nicht nur quasi ein Märchen nacherzählen, so wie die Gebrüder
- 10:35Grimm das getan haben, sondern wir wollten diese Story verwenden für was anderes.
- 10:39Und so von dem Ausgangsmaterial, wie viel Prozent sind noch Humperding und wie viel sind jetzt neu?
- 10:44Es ist eigentlich alles drin, was Humperding geschrieben hat. Aber noch mehr.
- 10:48Und dazu kam noch mehr. Ich glaube, wir liegen jetzt ungefähr eine Stunde an
- 10:52Aufführungszeit über dem Original.
- 10:54Ach so, Sie haben gar nicht gestrichen, sondern im Prinzip was er reingedert?
- 10:57Wir haben Kleinigkeiten gestrichen hier, verkürzt.
- 10:59Wir haben ein paar Schauspielmusiken rausgenommen und so.
- 11:04Aber es ist fast der komplette Humperding. Wir haben sowas dazu getan.
- 11:06Und die Handlung drückt dann auf die Stopptaste oder auf die Pausentaste und
- 11:10schiebt sich dann ein anderes Stück rein?
- 11:12Es geht um die Dinge, es geht um Selbstbestimmung. Es geht darum, was Dornröschen...
- 11:24Vom Leben erwartet. Das ist so simpel, wie es klingt. Und dass sie sich nicht
- 11:29von anderen vorschreiben will, was Leben bedeutet.
- 11:33Und schon gar nicht nach 100 Jahren, nachdem sie 100 Jahren geschlafen hat und
- 11:38irgendwie einem Prinzen begegnet, der ja dann auch schon der Enkel des Prinzen
- 11:41ist, in dem sie sich vorher verliebt hat.
- 11:43Und da haben wir schon gesehen, dass es wunderbare Werke gibt,
- 11:49wo es um die gleiche Herangehensweise geht.
- 11:52Tchaikovsky, Romeo und Julia, Krokow, Romeo und Julia, Gounaud.
- 11:57Also lustigerweise sind wir
- 11:58sehr stark bei Romeo und Julia hängen geblieben, um zu zeigen, dass das.
- 12:06Eine große Innerlichkeit hat, ein großer Prozess stattfindet in einem Menschen.
- 12:12Wenn jemand bei Wagner sagen würde, also der Rienzi, das ist ein dermaßener
- 12:16Blödsinn, da schieben wir mal ein bisschen Meyerbeer rein, damit was funktioniert
- 12:21und was taugt, dann wäre aber was los.
- 12:23Nein, in Bayreuth nicht, aber es wäre wahnsinnig viel los unter den Wagnerianern
- 12:27oder auch bei irgendwelchen anderen Opern. Wenn Sie eine Mozart-Opern nehmen
- 12:29und sagen, da passt dann noch ein bisschen Beton rein, das geht sich aus.
- 12:33Das ist dann Originalwerk Blasphemie, was da passieren würde.
- 12:38Hier geht das? Es geht nicht um Verbesserung.
- 12:42Wir lesen diese Humperding-Partitur wie eine Art Steinbruch,
- 12:47als eine offene Geschichte. Es ist eine abgeschlossene Partitur,
- 12:50aber das Thema ist etwas für uns nach allen Seiten ein Offenes und dem begegnen wir auch musikalisch.
- 12:57Wenn man, auch das habe ich, da bin ich ja um Gottes Willen,
- 13:01da bin ich ja überhaupt nicht allein, das gibt es ja ganz oft,
- 13:04also Beethoven mit anderen Komponisten ergänzt.
- 13:08Ich denke, wenn die Frage ist, was ist das Narrativ, was ist die Geschichte,
- 13:11was ist die Geschichte, die man erzählen will.
- 13:13Weil besonders bei einem Märchen wie Dornröchsen gibt es ja keinen musealen,
- 13:19Heran, also nichts Konservierendes, dass diese Geschichte eine abgeschlossene Geschichte ist.
- 13:26Sondern wir wollen zeigen, dass diese Geschichte doch mit uns heute etwas zu tun hat.
- 13:34Und es sind diese Themen Identität, Selbstbestimmung, Selbstfindung.
- 13:40Die wir uns da ganz stark angesprungen haben.
- 13:44J. Ihre Kollegin, die Regisseurin Anna Bergmann, hat gesagt,
- 13:47sie will ein Märchenspektakel für alle Generationen. Wen wollen Sie denn am
- 13:50liebsten dann im Saal haben, Kinder oder Opernkenner?
- 13:53Ich hoffe, dass sich alle damit beschäftigen und angesprochen fühlen.
- 14:02Es beschränkt sich nicht auf ein gewisses Klientel, auf ein Publikum,
- 14:06was sich irgendwie in gewissen Schubladen bewegt.
- 14:10Ich glaube, es ist für alle was dabei. Ich meine, wir fahren ja auch alles auf, was irgendwie.
- 14:16Gut und teuer ist. Es ist mit dem Thadier Theater eine Koproduktion.
- 14:19Wir haben wunderbare Schauspieler dabei. Es sind ganz tolle Tänzer mit dabei.
- 14:22Video spielt eine große Rolle.
- 14:25Ich habe mal geguckt, das sind glaube ich zwei Dornröschen, 13 Feen,
- 14:2812 Prinzen, Live-Kamera, Animation, Schauspieler vom Thalia, ein Puppenspieler.
- 14:32Also richtig volle Lotte. Das sind viele Bälle in der Luft. Wo sind Sie denn dann noch als Dirigent?
- 14:40Überall und nirgendwo, überall dazwischen. Also es ist schon,
- 14:43ich glaube, wir haben ja, also über diese Fassung, die wir da erstellt haben,
- 14:49ist schon die große Herausforderung, stringent zu bleiben.
- 14:52Also diese Dinge, dass es nicht, also das, was Humperding selbst gesagt hat,
- 14:56Ausstattungstheater mit allerhand Musik, sondern doch schon,
- 15:01dass es eine konkurrente Story gibt, dass wir quasi diesen roten Faden immer
- 15:05weiter erzählen und weiterspinnen.
- 15:07Sie haben jetzt da Musik rausgesucht, um sie da reinzulöten von Madonna,
- 15:11von Cher, von den Spice Girls. Also Madonna ist, glaube ich, 68.
- 15:16Teile von Cher sind 80. Die Spice Girls haben sich vor einem Vierteljahrhundert
- 15:20aufgelöst. Also kein Kind von heute, wenn es in die Oper kommt,
- 15:23wird die noch irgendwoher kennen, außer Erzählungen von der Oma.
- 15:27Warum haben Sie denn jetzt nicht Shirin David oder Icky Mel oder wenigstens
- 15:30Taylor Swift genommen, um da diesen Anschluss zu haben, wenn es schon darum
- 15:34geht, Popmusik in dieses Stück reinzusetzen? Ähm...
- 15:40Weil es inhaltlich gepasst hat. Also es ging uns da jetzt nicht um eine zeitliche
- 15:43Überschneidung. Es muss jetzt ein Hit von gestern sein.
- 15:47Oder jetzt direkt von heute, was möglichst viele kennen.
- 15:50Sondern es geht ja schon darum, dass wir Songs aus diesem Bereich,
- 15:54ich sag mal im weitesten Sinne, aus der Gegenwart,
- 15:59gesucht haben, die dieses Stück zu Ende erzählen und zu Ende führt.
- 16:05Und da sind wir eben bei diesen Besagten fündig geworden.
- 16:07Und das ist nur ein ganz, ganz kleiner Teil, weil die nur ganz am Ende kommen.
- 16:11Wo dieses Stück ja dann weit in der Zukunft eben nach diesen 100 Jahren spielt.
- 16:15Und das ist ja mehr, ich sag mal, mehr,
- 16:19ein symbolisch-dramaturgischer Kniff gewesen, als da jetzt jahreszeitlich irgendwie
- 16:27gewisserweise korrekt zu sein.
- 16:28Okay, wenn wir mal grundsätzlich, Sie haben mal gesagt, wenn es stimmt,
- 16:32die Klassik ist manchmal immer noch zu elitär, das sagen ja viele.
- 16:35Das ist ja auch nicht ganz verkehrt an vielen Stellen, aber was machen Sie oder
- 16:39was haben Sie konkret dagegen getan, um das vielleicht ein bisschen runterzuköcheln?
- 16:45Ja, das ist richtig. Ich denke, dass wir,
- 16:49uns nicht mehr einfach nur darauf verlassen können, am Abend das Licht einzuschalten
- 16:52in einem Konzertsaal oder Opernhaus, sondern dass wir.
- 16:57Brücken bauen müssen. Das ist jetzt, ich glaube, auf die Idee sind viele gekommen,
- 17:03das haben viele erkannt. Es gibt ja viele Vermittlungsprojekte und Formate.
- 17:08Ich glaube, ich habe den Gedanken, wir dürfen das nicht von der Institution selbst,
- 17:16wegnehmen, sondern beispielsweise mit dem Radio-Sinfonieorchester in Wien haben
- 17:21wir mit dem Musikverein zusammen ein Projekt ins Leben gerufen,
- 17:25das heißt Poschnas Meilensteile,
- 17:28wo wir Repertoires aus dem 20. Jahrhundert,
- 17:30Auf die Bühne bringen mit vollem Orchester, ungefähr eine halbe Stunde dieses
- 17:35Werk beleuchten, aufschneiden, nicht erklären.
- 17:39Ich bin der Meinung, man kann Musik nicht erklären. Es geht immer ums Erleben.
- 17:44Ich kann nur ganz persönlich über mein Erleben und meine Erfahrungen berichten
- 17:47und die anderen so ein bisschen wie so ein Stadtführer da irgendwie hinein,
- 17:51hinten hinführen und irgendwie mit der Taschenlampe hinleuchten.
- 17:55Und dann irgendwie die Hoffnung haben, dass die dort vielleicht selbst ein bisschen ins Erleben kommen.
- 18:00Und dann, da ist keine Pause und dann wird dieses Stück komplett gespielt.
- 18:05Das ist das einzige Stück am Abend.
- 18:07Und das ist so ein Format, was es so in Wien bisher nicht gab.
- 18:10Das ist gerade gestartet.
- 18:14Und.
- 18:17Die erste Folge war auf Anhieb ausverkauft. Also ich sehe irgendwie, da ist Bedarf da.
- 18:22Wir haben viele offene Proben, wo man auch zeigen kann, wo ich wahnsinnig gern
- 18:29zeige, was passiert hinter den Szenen.
- 18:31Also wie arbeitet ein Orchester, wie verändert sich Klang?
- 18:35Und dann natürlich auch ganz spezifisch, was fasziniert uns an dem Werk, was passiert da?
- 18:42Das sind oft Formate, die auch mittags stattfinden und die oft nur eine halbe Stunde dauern.
- 18:47Dann natürlich, ich bin auch felsenfest überzeugt, das Ritual,
- 18:50so wie wir es kennen und wie wir es auch lieben,
- 18:56dass am Abend um 20 Uhr oder um 19.30 Uhr ein zweieinhalbstündiges oder zweistündiges
- 19:02Konzert stattfindet oder eine Oper oder so, die ja dann unter Umständen noch
- 19:06viel länger dauert. Ich glaube, dass es auch...
- 19:09Ganz wichtig und vielleicht wird es sogar immer wichtiger, weil es auch eine
- 19:13Eintrittskarte ist in eine ganz andere Welt, hinter unserer sichtbaren Welt.
- 19:18Aber ich glaube, was ich nur sagen will, wir müssen alle nach Kräften schauen,
- 19:23wie wir uns breiter aufstellen können, wie wir.
- 19:29Mehr Angebot präsentieren können, um diese Brücke in die Gesellschaft hinein
- 19:35aufrechtzuhalten und sogar noch viel breiter zu bauen, als sie ohnehin schon ist.
- 19:39Was machen Sie denn so persönlich, um zu vermeiden, dass sich bei Ihnen auf
- 19:44dem Dirigentengemüt so eine Routine Hornhaut verfestigt?
- 19:48Dass Sie sich sagen, ja Beethoven 5, ja okay, nächste Woche mache ich dann mal,
- 19:54Schubert 7 und übernächste Woche ist Don Giovanni und so.
- 19:58Und dann ist Weihnachten. Ich meine, das ist natürlich eine zutiefst persönliche
- 20:03Frage und auch eine ganz persönliche Überzeugung damit einhergeht.
- 20:07Ich meine, worum ich immer ringe und vielleicht auch immer wieder scheitere,
- 20:12das ist aber ein ganz offener Prozess, ist herauszufinden, was uns diese Stücke
- 20:17heute angehen. Also wo ist die Dringlichkeit? Was macht das mit uns?
- 20:23Und nicht so sehr diesen musealen Gedanken. Ich meine, klar,
- 20:26in Beethoven 5, es gibt Werke, man kann Statistiken aufmachen,
- 20:29keine Ahnung, die kennen Sie genauso gut wie ich, was sind die Greatest Hits.
- 20:35Aber das tut ja nichts zur Sache. Ich meine, das macht es uns meistens noch
- 20:39schwieriger, weil wir vorgefertigte Erwartungen haben und ein komplettes Bild
- 20:45schon im Kopf haben, eine Zauberflöte heute neu zu inszenieren und zu musizieren.
- 20:50Ist mitunter der schwerste, wenn man so viel Aufführungsgeschichte da irgendwie
- 20:56noch vor sich her schiebt und beiseite schieben muss.
- 20:58Letztlich, es geht um diesen befreienden Gedanken, finde heraus,
- 21:05Warum diese Kunst und wir haben es da oft und meistens mit Meisterwerken zu
- 21:11tun, warum das auch dein Leben verändern kann, warum das mit dir zu tun hat, mit uns.
- 21:17Und ich glaube, das ist der ganze Zauber. Darum geht es immer.
- 21:23Ich kann es kulinarisch schon natürlich verstehen, dass man sagt,
- 21:26ich gehe jetzt einfach mal, ich möchte einfach nicht gestört werden,
- 21:29ich möchte abschalten. Das ist wunderbar. Es muss ja letztlich ohnehin jeder
- 21:33selbst entscheiden, was er von einem Kunstwerk mit nach Hause nimmt.
- 21:37Aber es kann ja durchaus mal passieren, auch in Ihrem Beruf,
- 21:40dass Sie da am Abend stehen auf der Bühne oder im Graben und Sie sagen,
- 21:45ja Gott, jetzt noch drei Sätze und dann ist Feierabend.
- 21:50Aber innerlich sind Sie schon in der Garderobe und vielleicht gar nicht geschüttelt
- 21:55und gerührt oder sonst wie emoviert.
- 21:59Das sollte nicht sein kann aber passieren.
- 22:03Nein, kann nicht passieren weil dann sollte man nicht auf die Bühne gehen ich
- 22:06möchte nicht sagen, es gibt Zeiten da ist man müde da ist man auch körperlich,
- 22:11ausgelaugt aber das was ich da tue das ist schon mein innerstes Herz.
- 22:20Was ich da auf die Bühne trage und
- 22:23da geht es ja auch nicht um Verstellung sondern da geht es eigentlich um,
- 22:28Um, ja, man stülpt sein Innestes nach außen und sonst gibt es gar keinen Grund, dass ich da hinlaufe.
- 22:38Und eigenartigerweise ist das aber auch etwas, was wie eine Obsession ist.
- 22:44Man hat einen anstrengenden Tag gehabt, man muss sich um viele Dinge kümmern,
- 22:47man hat Meetings, Treffen, Vorsingen mit Gremien.
- 22:51Klar, also der Beruf, mein Beruf bringt viel dieser Dinge mit.
- 22:56Aber wenn es zur Musik kommt, dann ist das schon so eine Insel,
- 23:03auf die man sich flüchtet und nach der man süchtig ist.
- 23:07Sie haben ja noch eine Zweitinsel gewissermaßen, den Jazz. Wie ist denn das
- 23:11so über Sie gekommen? Welche Aufnahme, welche Platte hat Ihnen gesagt,
- 23:14das könnte Musik sein, die mir gefällt?
- 23:17Das kann ich ziemlich genau beantworten. Da war ich zehn und habe mir von meinem
- 23:21Taschengeld eine Vinyl-Schallplatte von Louis Armstrong. gekauft.
- 23:26Die gab es in einem Plattenladen, der ganz bei uns in der Nähe war.
- 23:31Und die stand immer im Schaufenster.
- 23:34Und da war das Cover schon so toll.
- 23:36Und ohne zu wissen, wer das genau ist und war, aber die habe ich mir gekauft.
- 23:39Und die lief natürlich unendlich oft zu Hause. Und dann war aber ziemlich schnell
- 23:45Oskar Peterson, einer meiner Götter, als Teenager.
- 23:49Und auch mein großes Vorbild.
- 23:53Der mich dann tatsächlich nächtelang auch ans Klavier gezogen hat und ich wollte
- 23:57das versuchen nachzuspielen.
- 23:58Ich habe versucht, das wirklich war kompliziert, die Sachen zu transkripieren,
- 24:02also herunterzuhören, immer wieder vor, zurück gespult, vor,
- 24:04zurück gespult und versucht, weil der spielt das meiste in einem unfassbaren
- 24:08Tempo, da irgendwie zu verstehen, was der macht.
- 24:12Und ich muss sagen, das war mein eigener Weg. Ich komme aus einer Musikerfamilie,
- 24:18aber es sind alles klassisch ausgebildete Leute.
- 24:21Mein Vater war Chordirektor und Kirchenmusiker.
- 24:30Und das ist etwas gewesen, was so quasi etwas war, was nur ich,
- 24:36also ein Weg, den nur ich gehen konnte.
- 24:39Ich versuche mal grob nachzurechnen. Das wird dann in Ihrer Jugend so gewesen
- 24:43sein, vielleicht, dass Sie haben John Coltrane Ascension gehört und der Rest
- 24:49der Klasse hat Pink Floyd toll gefunden. Ich habe Love Supreme gehört.
- 24:52Okay, gut. Cold Train, Love Supreme, das war meine Bibel. Aber trotzdem,
- 24:57der Rest der Klasse haben Pink Floyd gehört. Ja, du bist sehr einsam.
- 25:00Du bist sehr einsam damit.
- 25:02Aber das war, ich habe das tatsächlich, ich traue es mich ja fast nicht laut
- 25:06auszusprechen, aber ich hatte keine Ahnung, wer war Pink Floyd und wer war,
- 25:10wobei mittlerweile, ich verehre die sehr.
- 25:13Aber damals, also alles, was nicht Jazz war, hat mich sowas von 0,0 interessiert.
- 25:19Und sich gegenwärtig verachtet, Sie und der Rest der Klasse.
- 25:22Aber nein, ich würde sagen, es gab noch so ein paar, die auch da unterwegs waren.
- 25:27Aber man, wie gesagt, man ist da relativ auf einsamen Pfaden unterwegs.
- 25:31Also ich konnte einfach nicht mitreden.
- 25:33Und man hatte ja dann immer so Jacken an, mit so Stickern.
- 25:40Ich habe peinliche Fragen stellen müssen.
- 25:45Auch ein Zitat von Ian Jers ist ein anderer Begriff von Freiheit.
- 25:49Wie verträgt sich das mit einem Beruf, wo im Prinzip ja alles grundsätzlich,
- 25:55theoretisch wie praktisch in der Partitur festgelegt ist? Sie haben zwar trotzdem
- 25:58viele Freiheiten, aber in der guten Partitur steht eigentlich alles drin,
- 26:02man muss es nur noch ausführen.
- 26:03Die wesentlichen Zahlen stehen natürlich nicht drin. Also es stehen,
- 26:08alle musikalischen Parameter sind relativ gut beschrieben, je nachdem welchem
- 26:12Jahrhundert wir jetzt da irgendwie unterwegs sind.
- 26:14Bei Mozart anders als bei Monteverdi und bei Albernberg anders.
- 26:17Mahler ist ja kurz davor, noch reinzuschreiben, was man frühstücken soll. Richtig.
- 26:21Das ist gut gesagt. Mahler, der bringt einen oft zur Verzweiflung.
- 26:24Man hat noch gar nichts gemacht und dann steht er schon nicht schleppend.
- 26:28Und das ist schon großartig. Das ist wirklich die Gebrauchsanweisung für Dirigenten.
- 26:33Aber trotzdem sind es ja nur Codes und die ja quasi erst zu diesem Kunstwerk
- 26:40hinführen, also dieses Nachspüren.
- 26:43Und das letztlich aber auch, und das ist ja immer die Aufgabe,
- 26:46wir müssen ja auch schauen, was macht das mit meinem Innenleben?
- 26:51Man ist ja immer zu zweit. Also ich sage mal, der Gustav Mahler und ich.
- 26:56Und um diese Beziehung geht es. Also das ist ja etwas sehr Persönliches und auch ein Auftrag.
- 27:03Also wir haben ja alle gelernt, dass über.
- 27:08Diese Art von Abstrahierung oder Objektivierung von Aufführungspraxis,
- 27:13von Interpretationen, nicht zuletzt
- 27:14auch über die historische Aufführungspraxis, wo ich ja auch herkomme.
- 27:17Ich bin ja auch ein großer, habe ja Roger Norrington lange assistiert.
- 27:22Also ich habe das ja alles wirklich ganz hautnah erlebt und geliebt.
- 27:26Und das ist wahnsinnig wichtig, weil es nur darum geht zu sehen,
- 27:29wie liest man das richtig? Wie dechiffriert man? Wie dekodiert man eine Partitur?
- 27:36Dass man überhaupt weiß, mit was hat man es zu tun? Aber das ist ja immer nur der halbe Weg.
- 27:40Also selbst wenn ich fähig bin, eine Partitur von Gustav Mahler zu lesen,
- 27:48Sagt es nun nichts darüber aus, ob ich auch fähig bin, sie zu verstehen.
- 27:51Und verstehen ist aber keine allgemeingültige Wahrheit. Und dann kommt das Dirigieren noch an Top.
- 27:57Das ist aber, ich sage mal, natürlich, es herzustellen, es zu vermitteln,
- 28:01dann auch die Sachen, die man selbst meint, verstanden zu haben.
- 28:07Und das ist ja auch ein Work in Progress.
- 28:10Mein Gott, wie oft habe ich ein
- 28:12gewisses Werk dirigiert. Das ist jedes Mal wieder neu und wieder anders.
- 28:15Und man schlägt sich selbst die Hand gegen die Stirn. Wie konnte ich das übersehen?
- 28:18Ich habe das 20 Jahre dirigiert und plötzlich findet man Gegenstimmen und Motivik
- 28:25und keine Ahnung und Inhalte, die man so immer übersehen hat.
- 28:30Also eine eigene Idee, eine Geschichte zu finden und das dann dafür zu werben
- 28:40und anzubieten einem Ensemble, einem Orchester, Sängerinnen und Sängern.
- 28:44Also da quasi ein Team, um diese Idee herum zu formen, mit allem,
- 28:50was man hat, mit den Proben, mit Sprache, aber auch mit Körpersprache und intelligentisch.
- 28:55Das ist die andere Seite der ganzen Geschichte. Also dann gibt es ja vielleicht,
- 29:00sagen wir mal, zwei Denkschulen.
- 29:01Die einen Dirigenten sagen sich womöglich, ich bin hier nur der Transmissionsriemen,
- 29:05ist völlig egal, wie ich das finde, ich habe diese Musik abzuliefern und fertig.
- 29:08Und Sie stehen hier auf dem Standpunkt, ich muss damit persönlich umgehen.
- 29:13Wenn ich da keine Tür reinfinde, dann wird das auch nichts. Aber dann ist es
- 29:17doch womöglich auch so, dass es Werke gibt oder Komponisten,
- 29:21Werkkataloge, vor denen Sie staunen bis genervt stehen und sagen,
- 29:24keine Ahnung, was das soll, für mich ist das nichts, soll ich mal anderes machen.
- 29:27Sicherlich, ja. Und was und wer ist das so? Oh, das ist schwer zu beantworten,
- 29:32weil ich ja immer selbst auch den Fehler bei mir suche.
- 29:34Ich habe mich nur noch nicht intensiv genug damit beschäftigt,
- 29:38um tatsächlich irgendeinen Zugang zu finden. Respighi ist so ein Komponist,
- 29:43wo ich noch keinen Zugang habe.
- 29:47Beispielsweise.
- 29:53Aber wie gesagt, es ist,
- 29:57ein... Eine tief persönliche Sache und ich glaube auch nicht daran,
- 30:01ich weiß, dass Sie reden von Denkschulen,
- 30:03ich bin da ein bisschen skeptisch, weil ich glaube nicht, dass wir als Interprete,
- 30:06egal ob Sie dirigieren oder Klavier spielen oder irgendetwas machen,
- 30:10sich selbst herausdividieren können. Also es ist ja immer so, dass,
- 30:16Das Innenleben eines Kunstwerkes, eines Musikstückes, geht über das Innenleben
- 30:22des Interpreten hin zum Innenleben des Hörers.
- 30:27Das ist meine Vorstellung. Also man transportiert, also es ist eine unsichtbare
- 30:32Verbindung einer emotionalen Botschaft.
- 30:37Und mehr hat man schon gar nicht im Griff, weil natürlich so viele Leute sie
- 30:40im Publikum haben, so unterschiedliche Abende werden erlebt,
- 30:44so unterschiedliche Tristan und Isoldes werden gehört.
- 30:48Das ist ja nicht vereinheitlichbar. Aber ich glaube, dass wir uns in gewisser
- 30:52Weise, dass wir etwas meinen, oder man kann auch sagen, dass es eine Dringlichkeit bekommt.
- 31:01Dass es lebendig wird, eine Patitur, das was zwischen diesen zwei Buchdeckeln ist.
- 31:07Ist wie ein Gefäß. Und ich muss ja da immer wieder Leben hineinfüllen.
- 31:11Ich muss es verlebendigen.
- 31:13Und da glaube ich nicht daran, selbst wenn ich sage, ich möchte tatsächlich,
- 31:20wie Stravinsky das gesagt hat, ich möchte nicht interpretieren, ich möchte nur machen.
- 31:25Er sagte ja bitte, ich will, dass niemand von euch, Dirigentinnen und Dirigenten
- 31:29auf die Idee kommt, meine Musik zu interpretieren. Macht einfach, was da steht.
- 31:34Und dann guckt man, was er selbst aufgenommen hat. und wie er selbst irgendwie
- 31:38da steht und macht alles anders.
- 31:40Weder das Tempo, was er genau aufschreibt, noch die Agogik, die er eigentlich
- 31:44nicht schreibt, das macht er. Es ist seine Musik. Es ist seine Musik. Aber ich sage mal.
- 31:52Nur so viel kann ich sagen, für mich ist das nichts Abstraktes.
- 31:55Also nichts, was man in eine Vitrine stellt, sondern ich muss einen persönlichen Bezug herstellen.
- 31:59Okay, dann kommen wir doch mal ein bisschen zum Praktischen.
- 32:01Was glauben Sie oder was hoffen Sie, sagt eines Ihrer Orchester über Sie,
- 32:06wenn Sie schon raus sind aus dem Probensaal, idealerweise?
- 32:10Also losgelöst von endlich ist er weg oder so. Aber was wäre der Wunsch für
- 32:17ein gesundes, okayes Arbeits- und Schöpfungsverhältnis zwischen Ihnen und einem Orchester,
- 32:25was ja nicht sich nur darauf konzentrieren soll, dass sie die zur Höchstleistung
- 32:30prügeln, sondern dass man ja auch gemeinsam irgendwas hinbekommt.
- 32:35Also ich bin immer wahnsinnig glücklich, wenn ich merke, dass mein Gegenüber,
- 32:42das Kollektiv oder Einzelne,
- 32:46eine große emotionale Beteiligung haben. Also an dem, was sie gemacht haben,
- 32:50ein Gefallen finden und das tatsächlich meinen,
- 32:56und sich darum bemühen.
- 33:01Dass es auch wirklich so gut wird, wie nur irgendwie möglich.
- 33:04Also für mich ist die Höchststrafe eine gewisse Unbeteiligkeit oder eine...
- 33:11Man bringt sich nicht ein, man ist nicht emotional beteiligt an dem, was passiert.
- 33:17Also es ist wie, wenn Sie eine Idee haben und Sie müssen die Leute und wollen die Leute begeistern.
- 33:24Und wenn diese Begeisterung mit dieser Funke überspringt, also wir müssen jetzt
- 33:29nicht in Ekstase geraten oder sowas, Aber ich merke schon.
- 33:36Wenn man beteiligt ist und wenn ich die Verantwortung auch abgeben kann,
- 33:43also wenn ich merke, alle sind dabei, alle kümmern sich darum,
- 33:47das nenne ich großen Erfolg.
- 33:49Gibt es einen bewährten, praktischen Dirigententrick, um ein neues Orchester für sich einzunehmen?
- 33:56Also sowas wie, keine Ahnung, Sie schmeißen eine Runde fürs Blech in der Kantine
- 34:00und dann läuft das? Oder wie kriegt man ein Orchester auf seine Seite?
- 34:08Ich glaube, weil man es ja mit hochspezialisierten Menschen zu tun hat,
- 34:14immer dann, wenn sie merken, dass es einem sehr ernst ist, um dieses Stück.
- 34:21Und ich glaube, dass man auch sehr aufrichtig ist mit den Dingen,
- 34:25die man da herauszieht und liest.
- 34:27Man trifft ja nie den Geschmack von allen. Den einen ist es zu schnell,
- 34:30den ist es zu langsam, zu laut, zu leise, zu transparent, zu wenig Pathos, keine Ahnung.
- 34:35Das ist gar nicht der Punkt. Also sämtliche musikalischen Parater können ja
- 34:38immer wieder neu verhandelt werden. Aber ich glaube, die Sache,
- 34:42die jeder unterschreiben kann, ist, wenn,
- 34:47man die Ernsthaftigkeit und die Ehrlichkeit seines Gegenübers sieht, Die Bemühung.
- 35:01Aus diesem Stück, und jetzt sind wir wieder dabei, zu dienen,
- 35:04in dem Sinne, dieses Stück zu übersetzen und lebendig werden zu lassen,
- 35:12Das ist das Allerwichtigste. Aber den Blech einen auszugeben,
- 35:15kann nicht sein. Das ist immer eine gute Idee. Nicht nur den Blech.
- 35:18Umgekehrt auch. Ich möchte auch, dass mir jemand jemand einen ausgibt.
- 35:24Nein, ich meine, die Balance ist in unserem Metier gar nicht so einfach herzustellen
- 35:30zwischen Intensität, auch in den Proben.
- 35:33Es ist schon etwas sehr Anstrengendes. Also die Ränder zu verschieben,
- 35:39also in die Bereiche zu kommen, in den roten Bereich und nicht nur im Komfortmodus.
- 35:44Da ist es immer schwierig, also dieser Wahrheit, auch ein großes Wort,
- 35:49nahe zu kommen, was wir hören wollen.
- 35:53Letztlich kann man ja eine Probe dient, finde ich ja, und da haben wir vorhin
- 35:57kurz drüber gesprochen, eh nur einem Zweck, bei aller genauen Festlegung und
- 36:02Verabredung über den Text, den wir vor uns liegen haben,
- 36:06ist das, worum es geht, die Freiheit. Und da sind wir wieder beim Jazz.
- 36:09Und da sind wir letztlich, ganz am Ende berühren sich diese beiden Genres. Also du musst,
- 36:15Und wenn du auf der Bühne bist und wenn es dann wirklich zum Schwur kommt,
- 36:19zum Konzert, brauchst du die maximale Freiheit, sonst kann kein großer Abend entstehen.
- 36:26Das ist natürlich also selbst die kompliziertesten Partituren und die anspruchsvollsten,
- 36:33technischen Probleme, die man hat, ja, 100 Personen da so zusammen zu kriegen,
- 36:38wenn du ganz in diesem Werk bist und vollkommen orientiert bist und weil es
- 36:43schon die zwölfte Aufführung ist, ja, die wir jetzt heute Abend machen und auch
- 36:46die Bühne, die Sänger alle sind komplett vertraut damit, da,
- 36:50meiner Erfahrung nach kommst du immer am weitesten, also weil dann kann alles möglich sein.
- 36:55Jeder Übergang, völlig neue Tempi, neue Rubati.
- 37:00Das leiseste Pianissimo genügt dann, weil alle sind frei.
- 37:04Also wenn Sie am Ende von so einem Konzertabend noch wissen,
- 37:07wie Sie heißen oder immer noch wissen, wie Sie heißen, dann war es kein gutes Konzert.
- 37:10Ja, das führt zum Weg hin, das stimmt schon.
- 37:13Ich meine, man kann das ein bisschen belächeln, das klingt auch recht lustig,
- 37:20ist manchmal schrecklich. Also weil man ja tatsächlich nicht mehr weiß, wohin mit einem selbst.
- 37:25Also diese Werke.
- 37:32Am Ende einer gewissen Skala steht eh Tristan und Isolde, ein Werk,
- 37:35wo sich nicht nur die, die es spielen und machen, sondern auch die,
- 37:38die es hören, ja völlig verlieren können. Also dieses Werk, man kann sich ja
- 37:43auflösen, es schmeißt einen zurück.
- 37:46Das sind existenzielle Erfahrungen und Fragen, die da aufgemacht werden.
- 37:50Das macht ja was mit einem.
- 37:51Und sowas kann einen unglaublich auspowern und.
- 38:00In die Verzweiflung werfen. Es kann aber auch wahnsinnig befreiend sein und
- 38:04ein Leben verändern. Das war vorhin nicht so dahingesagt. Ich glaube schon,
- 38:07all diese Kunstwerke, und ich glaube, vielleicht haben Sie die Erfahrung auch gemacht,
- 38:12Machen mit einem was und auch, es geht nicht,
- 38:17um das Quantitative, das können ganz kleine Momente sein, die,
- 38:20also ich habe die Erfahrung sehr öfter schon gemacht, die deinem Leben wirklich
- 38:24plötzlich irgendwie einen anderen Ruck geben, in eine andere Richtung,
- 38:28weil du etwas begreifen konntest.
- 38:32Oder überhaupt in der Musik.
- 38:38Wird etwas begreifbar, weil es dich ergreift.
- 38:44Das ist, glaube ich, immer das Geheimnis. Wenn wir ergriffen werden,
- 38:50dann verstehen wir es. Wenn wir versuchen, begrifflich ein Werk zu begreifen,
- 38:54dann verstehen wir es nicht.
- 38:56Es geht um das Erleben, es geht ums Ergriffenwerden.
- 39:00Und deswegen ist es tatsächlich nicht so einfach, über Musik zu sprechen.
- 39:04Also darüber zu reden, ist sehr schwer möglich.
- 39:08Dann reden wir mal über das Praktische nochmal, weil vorhin das Stichwort Freiheit
- 39:11fiel. Und ich wollte mal auf ein ganz spezielles Orchester zurückkommen oder
- 39:15hinkommen, das Sie demnächst öfter sehen und mit dem Sie öfter zu tun haben werden in Utah.
- 39:21Stichwort Freiheit, Stichwort Utah. Utah ist ein, glaube ich,
- 39:24sehr konservativer Staat.
- 39:26Sie nehmen jetzt also einen Job an und beginnen ihn im nächsten Jahr in einem
- 39:30Land oder in einer Nation, die extrem gespalten ist. Wird ihn da schon ganz
- 39:34anders jetzt, weil ich denke, worauf habe ich mich da eingelassen?
- 39:37Also mir wird es grundsätzlich ganz anders, das ist richtig.
- 39:41Nicht nur, wenn man nach Amerika blickt.
- 39:42So weit müssen wir gar nicht mehr schauen, wo mir sehr anders wird.
- 39:46Und auf der anderen Seite ist es meine tiefste Überzeugung, dass jetzt auch
- 39:50die Zeit ist, da zu sein und aktiv zu sein. Und wir dürfen da nicht wegschauen.
- 39:57Und das war das Agreement auch mit Jutzer Symphony und ein großartiges Orchester,
- 40:01was ich vor fünf Jahren kennengelernt habe, oder noch länger her.
- 40:05Und mit der ganzen Leitung, die Amerikaner sind sehr große Institutionen.
- 40:13Die Mitarbeiter auch im Büro haben große Möglichkeiten, weil sie auch sehr viel von Donatoren leben.
- 40:20Und man kann sich nicht auf öffentliches Geld, was es da kaum gibt,
- 40:23verlassen. sondern da gibt es ein großes Team, was damit beschäftigt ist,
- 40:28die Existenz zu sichern.
- 40:30Also man hat es wirklich mit vielen, vielen Leuten zu tun. Es gibt ein Board,
- 40:33also Leute, die im Hintergrund sind, die dieses Orchester mitdenken.
- 40:37Und ich habe, und das hat mich eigentlich sehr,
- 40:43wahnsinnig überrascht und auch irgendwo glücklich gemacht, die sehen ihre gesellschaftliche
- 40:49Verantwortung oder die gesellschaftliche Verantwortung,
- 40:52Das ist eine emotionale und politische Verantwortung einer Kulturinstitution in diesen Zeiten.
- 40:58Wollen Sie sich denn dann da einmischen oder wollen Sie sich um Himmels Willen
- 41:02überhaupt gar nicht in deren Themen einmischen?
- 41:04Als der Neue, als der Europäer, der dann da hinkommt und sagt oder sagen könnte,
- 41:11also was hier abgeht, das ist wirklich nicht mehr normal.
- 41:14Diese Nation braucht mehr als ein Pflaster und wie ihr euch gegeneinander verhaltet,
- 41:19ist einer demokratischen Nation eher nicht mehr würdig.
- 41:22Es geht nur ums Einmischen.
- 41:26Und die große Frage ist aber, wie dieses Einmischen aussieht.
- 41:30Einmischen nicht im Sinne von Urteilen, sondern im Sinne von.
- 41:38Verständlich machen. Und da bin ich auch wieder beim Erleben.
- 41:41Also ein Konzert ist ja das beste Beispiel. Man hat, da heißt es Abravanel Hall,
- 41:46ist die Konzerthalle, da passen 2400 Leute rein, das ist eine riesige Halle,
- 41:50eine wunderbare Akustik und die ist tatsächlich voll.
- 41:53Also da gibt es eine wirklich große Akzeptanz.
- 41:57Und da sitzen vielleicht, sagen wir mal 1200, die sagen, ich habe Trump gewählt
- 42:03und ich würde ihn auch immer wieder wählen. Genau.
- 42:04Und man hat sicherlich mit allen, also es repräsentiert einfach die Gesellschaft.
- 42:10Jetzt ist Salt Lake City, wie alle großen Städte, eher demokratisch und liberal.
- 42:16Und Umland ist genau anders auch.
- 42:18Du triffst aber in diesen Konzertsälen sicher auf die Schnittmenge von allen.
- 42:22Und das, was aber dort zu erleben ist, dass wir jenseits von...
- 42:28Parteizugehörigkeit von Hautfarbe, von Religion, von Passport oder was auch immer.
- 42:36Dass wir fähig sind, uns gemeinsam zu erleben und auch uns zu respektieren, zuzuhören.
- 42:44Und da haben wir in der Musik ja sozusagen Expertise als Orchester.
- 42:48Einander zuzuhören, das sind elementare menschliche Dinge. Respekt zu haben,
- 42:56tolerant zu sein, auch gegenüber Dissonanzen und Dingen, die man nicht kennt.
- 43:01Also wir machen da wahnsinnig viel neue Musik, neue amerikanische Musik,
- 43:05aber auch Auftragskompositionen gemacht.
- 43:10Messia hat ja auch für Utah-Symphonie Werke komponiert, weil er von dieser Landschaft so begeistert war.
- 43:16Also die sind sehr gewohnt mit Musik des 20. Jahrhunderts und auch des 21.
- 43:19Jahrhunderts umzugehen.
- 43:21Das ist diese Art von Bildung. Bildung, klar.
- 43:26Das sagen wir ja auch hier immer. Aber ich meine immer, das ist Herzensbildung.
- 43:31Und das geht für mich noch weiter. Und ich glaube, da passiert etwas,
- 43:36wo sich alle doch wiederfinden können.
- 43:37Und ich glaube, die Frage ist ja wirklich, es hat ja nichts,
- 43:41wir sehen ja, dass wir auch argumentativ da an Grenzen stoßen.
- 43:46Das sind emotionale Prozesse, die ablaufen.
- 43:49Hier geht es nicht nur.
- 43:52Um die Überzeugung im Wort, in der Argumentation, in der Diskussion.
- 43:56Es geht um eine grundlegende menschliche Erfahrung.
- 44:00Trotzdem und dennoch und überhaupt stelle ich es mir schwierig vor,
- 44:04zu sagen, wir möchten jetzt eine möglichst schöne Mozart-Sinfonie abliefern,
- 44:08während draußen vor der Halle Eis irgendwelche Immigranten einsammelt und in
- 44:13Drittländer verfliegt.
- 44:16Ist das dann nicht Eskapismus womöglich auch einfach? Nein, aber man muss ja irgendwo anfangen.
- 44:21Also ich kann, deswegen bin ich auch, ich möchte über niemanden urteilen,
- 44:25an Gottes Willen, aber es ist nicht meins und ich sehe das ja auch unter vielen
- 44:29Kollegen und Kolleginnen, die sagen, ich fahre nie wieder in die USA,
- 44:32da möchte ich nicht mehr auftreten.
- 44:35Sagen alle Tourneen ab und die Tourneen es. Ich denke gerne andersrum.
- 44:39Ich glaube, gerade jetzt,
- 44:42Es wandert in gewisser Weise aber auch die Verantwortung weg von der Politik hin zu uns Künstlern.
- 44:48Also ich meine, es gibt auch viele historische Vorbilder, ob das Woodstock ist
- 44:53oder sonst irgendwas, keine Ahnung. Man kann da sicher viel drüber nachdenken.
- 44:58Wir können das nicht an jemand anderen delegieren. Also wir sind die Gesellschaft,
- 45:01wir gehören auch dazu, wir sind Gemeinschaft.
- 45:04Und wir können uns das nicht wegnehmen lassen, im Positiven wie im Negativen.
- 45:08Wir brauchen diese Erfahrung.
- 45:14Das betrifft den Alltag.
- 45:17Ich muss einfach lernen, auch in der Straße, meine Nachbarn,
- 45:22keine Ahnung, an welchen Gott der glaubt da gegenüber oder welchen Menschen der liebt.
- 45:28Wir teilen Werte und wir können und müssen diese Werte auch erfahren.
- 45:35Und wir müssen auch lernen, dass davon keine Gefahr ausgeht.
- 45:37Also das ist wirklich eine elementare menschliche Erfahrung,
- 45:42die wir irgendwie gerade scheinen zu verlieren, nicht mehr zu verstehen und uns nur noch anbrüllen.
- 45:50Ich meine, das ist ja auch kein Geheimnis, aber dafür haben wir jetzt nicht
- 45:53die Zeit in diesem Podcast.
- 45:55Diese Art von Polarisierung, die ja stattfindet überall.
- 45:58Fragmentierung. Jeder lebt in seiner Bubble und wir nehmen nicht mehr Notiz von anderen.
- 46:04Ich glaube, das ist ein sehr archaisches Problem und nicht nur ein intellektuelles Problem.
- 46:09Und deswegen habe ich sehr viel Hoffnung, dass wir das auch über die Kunst,
- 46:13und da ist die Musik vielleicht eine starke, die stärkste Form,
- 46:17weil sie halt, weil sie auditiv ist und weil sie tatsächlich in der Zeit stattfindet,
- 46:23ich glaube, dass wir dort,
- 46:26Erfahrungen, gute Erfahrungen geben müssen. Das, was Besseres fällt mir nicht ein.
- 46:34Okay, dann biegen wir nochmal ganz woanders hin ab. Ich habe von Ihnen ein Zitat
- 46:38gefunden. Manchmal tanze ich am Pult, manchmal stehe ich wie versteinert da.
- 46:43Was von beiden sieht schlimmer aus und wer hat Ihnen das schon mal schonend beigebracht?
- 46:47Ja, immer. Ich sehe das selbst, wenn ich dann irgendwie Videos oder irgendwelche
- 46:51Übertragungen von mir sehe. Das ist manchmal schwer, selbst auszuhalten,
- 46:55aber Aber da bin ich nicht allein.
- 46:59In der Sekunde denkt man natürlich nicht darüber nach. Und es ist so, wie es ist.
- 47:05Man muss auch sein Vokabular, also seine Gestik, immer wieder weiterentwickeln.
- 47:10Und das ist für mich als Dirigent schon sehr wichtig. Was ist effektiv?
- 47:14Was kann man sich sparen?
- 47:16Jetzt bin ich schon relativ lange auch in diesem Geschäft. Und das wird aber nie aufhören.
- 47:21Da denke ich seit der ersten Sekunde nach. Und manchmal gibt es schlaflose Nächte.
- 47:24Ich weiß nicht, wie soll ich den Anfang von diesem Werk dirigieren?
- 47:28Wie erzeuge ich Spannung?
- 47:32Wie wird es auch ein Orchester verstehen? Man muss, glaube ich,
- 47:36bis zuletzt darüber nachdenken. Dirigieren Sie tendenziell mehr,
- 47:40in Anführungszeichen, oder weniger?
- 47:43Weniger. Wie bei Strauß, wo man
- 47:45genau hingucken muss, ob der schon angefangen hat oder ob er noch lebt.
- 47:49So weit sind Sie noch nicht. Oder wenn er auf die Uhr geguckt hat,
- 47:51er muss ein bisschen schneller machen als ein Kartenspiel.
- 47:54Gleich beginnt. Nein, aber ich glaube, je weiter ich komme, desto mehr habe
- 47:58ich schon das Gefühl, werde ich zur Empfangsstation als zur Sendestation.
- 48:05Also als junger Dirigent, klar, du hast wahnsinnig viel im Kopf und Ideen und
- 48:09bist auch sehr verliebt in diese eigenen Ideen.
- 48:12Und man hört manchmal dem Orchester gar nicht zu, sondern man dirigiert seine innere Vorstellung.
- 48:18Und das ist schon ein großer Lernprozess. Man braucht ja wirklich Zeit.
- 48:24Zeit, Zeit, Zeit. Also ich zumindest habe sehr viel Zeit gebraucht. Zu sehen,
- 48:29Ich muss nur dann wirklich aktiv sein, wenn ich.
- 48:36Gebraucht werde. Also ein, was mich sehr beeindruckt hat, ein Lehrer von mir,
- 48:41dieser berühmte Panula, Jörg mal Panula, Finisher.
- 48:48Der hat immer gesagt, don't disturb, only help. Don't get in the way, only help.
- 48:55Und noch besser kann man das nicht ausdrücken. Also du musst entscheiden,
- 49:00ich bin für die anderen da.
- 49:02Also da können sich auch Politiker immer was abschauen ein Stück weit.
- 49:06Also man ist für die anderen da, man ist für das Werk da, aber man muss sehen,
- 49:11wo brauchen die meine Hilfe, wo brauchen sie es nicht.
- 49:14Und je weiter man kommt, desto mehr,
- 49:18glaube ich, kann man das abschätzen. Also wo schaltet man sich ein und wo kann
- 49:25man blind darauf vertrauen und einfach nur genießen und zuhören.
- 49:30Ich habe noch eine kleine Blitzrunde, da können Sie mir die eine oder die andere,
- 49:33Variante nehmen oder kurz antworten.
- 49:36Probe oder Konzert? Probe. Warum?
- 49:40Ja, ich finde ja, ich liebe es zu proben.
- 49:44Ich liebe zu experimentieren. Ich liebe zu arbeiten an diesen Dingen.
- 49:51Ich bin so ein Vielprober. Das hören viele nicht gern. Ich gehe auch vielen
- 49:54auf die Nerven damit. Das ist mir, glaube ich, auch klar.
- 49:57Ich kann trotzdem nicht umhin.
- 50:01Und dann muss ich aber gleich ergänzen. Und dann natürlich mit größter Lust
- 50:04des Konzerts. Aber ich liebe zu arbeiten an den Werken.
- 50:08Auswendig oder Partitur? Auswendig.
- 50:12Welche Superkraft hätten Sie gern?
- 50:16Geduld.
- 50:20Im Urlaub das Handy aus oder sagt Kreta immer an?
- 50:24An. Was ist in Bayreuth im Graben schlimmer? Die Hitze und die stickige Luft
- 50:30oder die Koordination mit den Sängern? Die Tradition.
- 50:35Die Badehose aus Kreta, ist das als Talisman irgendwo eingerahmt oder ist die jetzt entsorgt?
- 50:40Ich muss sofort zu Hause nach dieser Badehose suchen. Klavier oder Taktstock?
- 50:46Taktstock. Keith Jarrett oder Brad Mildow? Keith Jarrett. Bruckner oder Mahler?
- 50:55Oh Gott, das ist schwer. Unterschiedlicher geht es nicht. Ich kann nicht anders als zu sagen,
- 51:06das wäre eine gute Antwort, aber sie sind draufgekommen. Das ist ja irgendwo
- 51:09ein bisschen zwei Seiten einer derselben Medaille.
- 51:14Astronaut oder Dirigent? Dirigent. Brezen oder Schnitzel?
- 51:21Schnitzel. Mittlerweile Schnitzel. Und was würden Sie Ihrem 16-jährigen Ich am Klavier sagen?
- 51:30Ah, Coraggio, Coraggio, geh weiter, geh.
- 51:36Das soll nicht wie ein Kalenderblatt klingen. So ein bisschen ist ja diese Antwort,
- 51:39aber es ist tatsächlich für einen Künstler die größte Hölle und das größte Feuer,
- 51:44durch das man hindurch muss, das Feuer des Zweifels und vor allem auch,
- 51:49der Vergleichbarkeit und der Unsicherheit.
- 51:52Und dieses Vertrauen muss wachsen. Das braucht Zeit. Da gibt es keine Abkürzung.
- 52:00Es gibt die nicht. Es gibt diese Abkürzung nicht.
- 52:04Und das muss man einfach akzeptieren. Man darf Fehler machen,
- 52:07aber vertraue deine Intuition und vertraue dem, was du hörst und vor allen Dingen,
- 52:13warum du gewisse Dinge gut findest und andere nicht.
- 52:16Wenn Sie jetzt am 8. November nach dem Ende vom Dornröschen die Partitur zuklappen,
- 52:21woran merken Sie, dass der Abend gelungen ist? Applaus kann es ja nicht sein, das gilt ja nicht.
- 52:27Das ist tatsächlich wahr, ja das ist richtig das ist nur ein relativ,
- 52:35ja nicht ganz so zentraler Punkt es ist das eigene Gefühl es ist tatsächlich
- 52:41und das kann ich auch schwer erklären oder auch nicht mal nicht mal,
- 52:45begreifen, es ist wirklich ein Gefühl dass etwas richtig war und sich gut anfühlt
- 52:52oder ob man unrund ist am Ende Das ist aber bei mir sehr ausgeprägt.
- 53:00Dementsprechend schläft man dann gut oder nicht. Und zum Abschluss,
- 53:06Sie haben mal gesagt, Routine ist der größte Feind.
- 53:09Unbehagen ist ein sehr produktiver Zustand und Entwicklung passiert selten im
- 53:13Liegestuhl. Jetzt haben Sie bald, ich glaube, drei Orchester auf zwei Kontinenten.
- 53:18Sie schreiben Bücher, Sie moderieren, Sie spielen Klavier, Sie dirigieren, Sie fahren in Urlaub.
- 53:24Aber all das beruflich, ist das noch Neugier oder ist das die eleganteste Art,
- 53:28um nicht zur Ruhe kommen zu müssen?
- 53:33Ja, das ist für mich keine Kategorie. Ich habe ja in dem Sinne keinen Beruf, das ist mein Leben.
- 53:40Also so empfinde ich Leben.
- 53:43Also weiß ich, ob das saublöd klingt jetzt, das tut mir sehr leid,
- 53:47aber das ist tatsächlich die Wahrheit.
- 53:49Das ist so ein Suchen nach sich selbst.
- 53:52Und das muss man ja auch mal aufpassen, kann das auch schwer erklären.
- 53:59Also ich möchte jetzt auch nicht zu kompliziert werden. Aber natürlich interessiert
- 54:04mich, was mich antreibt, wer ich selber bin. Was ist da, was mich da immer beschäftigt? Und,
- 54:14das ist der Motor. Ich habe kein Ziel. Es gibt kein Ziel. Ich kann nicht sagen,
- 54:19mir fehlen noch fünf Premieren und dann bin ich durch oder so.
- 54:23Oder ich brauche einmal, möchte ich noch Standing Ovations oder dann ist gut.
- 54:26Keine Ahnung. Das hört nie auf. Das ist eine Unruhe.
- 54:33Ich glaube, Musik ist Leben. Musik ist Zeit. Das ist es.
- 54:38Na gut, dann zumindest eine Premiere haben Sie noch absehbar,
- 54:41die am 8. November, das Dornröschen.
- 54:43Das werden Sie dann irgendwie wach küssen und gut übers Ziel bringen müssen.
- 54:47Und da wünsche ich mal Glück auf.
- 54:50Und erst mal danke fürs Gespräch und Mast und Schotbruch.
- 54:55Vielen Dank. Sehr schön.