Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 37
Transcript
- 0:01Kapitel 37 eine neue Alternative die Zeitung starb nicht, und das
- 0:06war die Überraschung, mit der Lena am wenigsten gerechnet
- 0:09hatte, weil sie sich so lange auf das Sterben eingerichtet
- 0:12hatte, dass das Weiterleben sie unvorbereitet traf.
- 0:16Sie hatte es kommen sehen. Das Ende hatte es Monat um Monat
- 0:19näher rücken sehen in den dünner werdenden Ausgaben in den
- 0:22gestrichenen Stellen, in dem Blick, mit dem Brettschneider
- 0:25sie ansah, der Blick eines Mannes, der eine Beerdigung
- 0:28plant und nicht weiß, wie er es der Familie sagen soll.
- 0:31Der Anzeiger war ein Sterbender gewesen, seit Jahren einer, dem
- 0:34man beim Verlöschen zusah, und Lena hatte gelernt.
- 0:37An diesem Bett zu sitzen, wie man an einem Sterbebett sitzt,
- 0:40mit der zähen, hoffnungslosen Treue dessen, der bleibt, weil
- 0:44das Gehen ein Verrat wäre. Und dann, nach der
- 0:47Veröffentlichung nach allem geschah, etwas, das niemand
- 0:51hatte vorhersehen können. Die Geschichte, die der Anzeiger
- 0:54nicht hatte drucken wollen, die Lena über das Recherchebüro
- 0:57hatte herausbringen müssen. Weil ihre eigene Zeitung
- 1:00gekniffen hatte. Diese Geschichte fiel auf die
- 1:02Zeitung zurück, die sie nicht gedruckt hatte, aber sie fiel
- 1:05anders zurück, als Lena gefürchtet hatte, es sprach sich
- 1:09herum in der Stadt, dass die Reporterin, die das alles
- 1:12aufgedeckt hatte, die Frau vom Anzeiger war, die letzte, die
- 1:15das Blatt noch hatte, und plötzlich war der Name der
- 1:18Sterbenden Zeitung mit etwas verbunden, das niemand mehr von
- 1:20ihr erwartet hatte, mit Wahrheit, mit Mut, mit der Sorte
- 1:24Journalismus, von der die Leute glaubten, es gebe sie nicht
- 1:27mehr. Es war, dachte Lena, das Leck
- 1:30von der anderen Seite betrachtet.
- 1:32Ein Jahr lang hatte sie der Wahrheit nachgespürt, wie einem
- 1:35Wasser, das durch eine Decke sickert, hatte den Fleck
- 1:38gesucht, die Stelle, an der es durchkam, Tropfen um Tropfen
- 1:42gegen den Widerstand all derer, die die Decke dicht halten
- 1:45wollten, und nun, da die Wahrheit endlich durchgekommen
- 1:48war, kehrte sich die Bewegung um.
- 1:50Statt dass etwas Heraussickerte, sickerte etwas herein in die
- 1:54Zeitung, in die Stadt. Ein Vertrauen, das sie verloren
- 1:57geglaubt hatte, ein Signal, das endlich lauter war, als das
- 1:59Rauschen. Sie hatte nie geglaubt, dass das
- 2:01geschah, sie hatte geglaubt, die Wahrheit zu drucken, sei das
- 2:05Ende, der letzte Dienst, den man einer sterbenden Sache erweist,
- 2:08bevor man sie begräbt, dass die Wahrheit die Sache nicht begrub,
- 2:11sondern aufrichtete, das war eine Rechnung, die in keinem
- 2:15ihrer Notizbücher gestanden hatte, die Auflage stieg.
- 2:19Nicht dramatisch, nicht so, dass es die Zeitung gerettet hätte
- 2:22über Nacht, aber sie stieg das erste Mal seit Jahren, weil
- 2:25Menschen, die das Blatt abbestellt hatten, es wieder
- 2:27bestellten, weil eine Zeitung, die so eine Geschichte
- 2:30hervorgebracht hatte, plötzlich eine Zeitung war, die man lesen
- 2:33wollte, die man unterstützen wollte, fast trotzig, als ein
- 2:36Bekenntnis. Es kamen spenden, eine Stiftung,
- 2:40die unabhängigen Lokaljournalismus förderte,
- 2:42wurde aufmerksam und bot eine Anschubfinanzierung.
- 2:45Es kam, was man im Sterben nicht mehr erwartet.
- 2:48Ein Aufschub, eine zweite Chance, dünn und ungewiss, aber
- 2:51echt. Brettschneider rief sie in sein
- 2:54Büro, in den Tagen, in denen das Geschah, und Lena ging hin mit
- 2:58gemischten Gefühlen, weil zwischen ihnen stand, was er
- 3:01getan hatte, dass er die Geschichte kassiert hatte, aus
- 3:04Feigheit, aus ökonomischer Panik, dass er sie hatte allein
- 3:08stehen lassen in dem Moment, in dem es darauf ankam.
- 3:11Sie hatte ihm das nicht verziehen, nicht ganz, und sie
- 3:14wusste nicht, ob sie es je würde.
- 3:16Er saß hinter seinem Schreibtisch, älter aussehend
- 3:19als noch vor Monaten, und er sah sie an und in seinem Gesicht war
- 3:23etwas, das Lena an ihm nicht kannte, eine Art Scham, die er
- 3:27sonst hinter seiner Müdigkeit versteckte.
- 3:29Setz dich, Lena, sie setzte sich, ich war feige, sagte er
- 3:34ohne Umschweife, ohne die Vorrede, die sie erwartet hatte,
- 3:37mit deiner Geschichte, ich habe gekniffen.
- 3:40Ich habe mir eingeredet, es sei Verantwortung für die
- 3:44Arbeitsplätze, für das Blatt, für die Leute, die hier hängen.
- 3:48Aber es war Feigheit, ich wollte es dir sagen, einmal, bevor er
- 3:52machte, eine Geste, die den Raum umfasste, die Zeitung, die
- 3:55ungewisse Zukunft, bevor ich vielleicht nicht mehr die
- 3:58Gelegenheit habe. Lena sah ihn an, den Mann, der
- 4:02ihr Lehrer gewesen war, vor langer Zeit, der ihr das
- 4:05Handwerk beigebracht hatte. Das hören, das Misstrauen gegen
- 4:08die glatten Sätze und der dann, als es darauf ankam, an seinem
- 4:12eigenen Handwerk gescheitert war.
- 4:14Sie hätte hart sein können, ein Teil von ihr wollte es, aber sie
- 4:18sah die Scham in seinem Gesicht, und sie sah, dass die Scham echt
- 4:21war, und sie hatte in diesem Jahr genug über die gelernt, die
- 4:24Wegsahen, um zu wissen. Dass die meisten es nicht aus
- 4:27Bosheit taten, sondern aus Schwäche, aus Angst, aus der
- 4:31tausendfachen kleinen Feigheit, die das Wegsehen leicht macht
- 4:34und das hinsehen schwer, ich weiß, sagte sie, ich weiß, dass
- 4:39es Feigheit war, sie ließ es einen Moment stehen,
- 4:42ungemildert, weil die Wahrheit nicht gemildert werden sollte.
- 4:45Dann fügte sie hinzu, leiser, aber sie sagen es jetzt, das ist
- 4:49mehr, als die meisten tun, sie hätte mehr sagen können.
- 4:53Sie hätte ihm sagen können, wie es gewesen war in den Wochen
- 4:56nach seinem Kneifen, wie sie allein gestanden hatte mit der
- 5:00Geschichte ihres Lebens und niemandem, der sie drucken
- 5:03wollte. Wie nah sie daran gewesen war,
- 5:05aufzugeben, Auszubrennen, alles Hinzuwerfen.
- 5:08Sie hätte ihm die schlaflosen Nächte vorrechnen können, die
- 5:11Selbstzweifel, das Gefühl, dass 20 Jahre Treue zu nichts geführt
- 5:15hatten, als zu einem Mann, der vor der einen Geschichte
- 5:18Zurückwich, für die sich alles gelohnt hätte, aber sie tat es
- 5:21nicht. Nicht, weil es nicht wahr war,
- 5:24sondern weil sie in diesem Jahr begriffen hatte, dass die
- 5:27Abrechnung selten heilt. Dass das Aufzählen der Wunden
- 5:30sie offen hält und dass es einen Unterschied gibt zwischen der
- 5:33Wahrheit aussprechen, was nötig war, was sie getan hatte, und
- 5:37einen Menschen mit ihr zu erschlagen, was nichts brachte,
- 5:40als die kalte Genugtuung des Rechthabens, Brettschneider
- 5:43würde mit seiner Feigheit leben, das war Strafe genug, sie
- 5:47brauchte sie nicht zu verschärfen.
- 5:49Was sie ihm nicht sagte und was sie für sich behielt, war das
- 5:52bittere unter der Versöhnung, dass sie ihm nicht ganz verzieh
- 5:55und vielleicht nie verzeihen würde, dass zwischen ihnen,
- 5:57solange sie beide lebten, dieser eine Moment stehen würde, in dem
- 6:01er gekniffen hatte. Verzeihen und verstehen waren
- 6:04nicht dasselbe, sie verstand ihn, sie verzieh ihm nicht ganz.
- 6:09Und sie hatte gelernt, dass man mit beidem zugleich leben kann,
- 6:13dass das verstehen, das Verzeihen nicht erzwingt und das
- 6:16Nichtverzeihen das verstehen nicht aufhebt, dass ein
- 6:19erwachsener Mensch diese 2 Dinge nebeneinander tragen muss, ohne
- 6:22dass das eine das andere auflöst.
- 6:25Sie hätte gehen können. Das war es, was Lena in diesen
- 6:28Wochen Begriff. Mit der Klarheit eines Menschen,
- 6:31der zum ersten Mal seit Langem eine echte Wahl hat.
- 6:34Sie hätte endlich gehen können, jetzt, da ihr Name etwas galt,
- 6:37da die Türen offen standen, die ihr ein Leben lang verschlossen
- 6:41gewesen waren, sie kamen, die Angebote, wie sie zu Jasmin
- 6:44gekommen waren, wie sie zu allen kamen, die plötzlich einen Namen
- 6:47hatten, überregionale Redaktionen, die sie ein Jahr
- 6:51zuvor nicht zurückgerufen hätten, riefen jetzt an.
- 6:54Eine große Zeitung in Berlin bot ihr eine Stelle, ein festes
- 6:57Gehalt, das Dreifache von dem, was der Anzeiger zahlte, ein
- 7:01Büro, Kollegen, Sicherheit, all das, wonach sie sich in den
- 7:04mageren Jahren manchmal gesehnt hatte, bis die Sehnsucht selbst
- 7:07müde geworden war. Sie hätte aus der sterbenden
- 7:10Stadt heraus können, aus dem sterbenden Blatt hinein in das,
- 7:13was sie als junge Frau einmal hatte erreichen wollen, bevor
- 7:16das Leben sie zurückgeholt hatte in die Stadt, aus der sie kam.
- 7:19Sie blieb. Und anders als bei Jasmin, deren
- 7:22Bleiben Lena von außen gesehen und bewundert hatte, verstand
- 7:25sie jetzt von innen, warum man blieb.
- 7:27Warum, das bleiben die schwerere und die richtigere Wahl war, sie
- 7:31blieb nicht aus trotz und nicht aus jener zähen, hoffnungslosen
- 7:35Treue, mit der sie an dem Sterbebett gesessen hatte, sie
- 7:38blieb, weil sich in diesem Jahr etwas verschoben hatte, weil die
- 7:41Frage nicht mehr war, ob man eine sterbende Sache aus
- 7:44Loyalität begleitete, sondern ob man eine lebende Sache aufbaute.
- 7:49Die Zeitung starb nicht mehr, sie hatte einen Aufschub, eine
- 7:52Chance. Dünn, ungewiss, aber echt und
- 7:56eine Chance war kein Sterbebett, eine Chance war ein Anfang, und
- 8:00Anfänge brauchten Menschen, die blieben, sie hatte sich ihr
- 8:02halbes Leben gefragt, ob ihre treue Dummheit war.
- 8:06Es war die Frage gewesen, die unter allem gelegen hatte, das
- 8:09leise Rauschen unter jedem ihrer Tage, ob sie ihr Leben an etwas
- 8:13vergeudet hatte, das ohnehin starb.
- 8:15Ob das bleiben, auf das sie so stolz sein wollte, nur eine Art
- 8:19war, sich vor dem Eingeständnis zu drücken, dass sie es nicht
- 8:21weitergebracht hatte, dass die anderen, die gegangen waren,
- 8:24klüger gewesen waren. Sie hatte die Frage nie laut
- 8:27gestellt, nicht einmal sich selbst, aber sie hatte sie
- 8:30gehört, immer, wie man ein Geräusch im Nebenzimmer hört,
- 8:33das nicht aufhört. Jetzt war das Geräusch
- 8:35verstummt. Nicht, weil jemand ihr die
- 8:37Antwort gegeben hatte, sondern weil die Treue die Dummheit
- 8:40gewesen wäre, hätte die Sache sterben müssen, keine Dummheit
- 8:43mehr war, nachdem die Sache lebte.
- 8:46Es war dieselbe Treue, nur die Sache hatte sich geändert und
- 8:50mit ihr der Name dessen, was die Treue war, sie hatte eine Idee
- 8:53in diesen Wochen, und die Idee wuchs, je mehr sie sie bedachte,
- 8:56von einem Tagtraum zu einem Plan, der Anzeiger in seiner
- 8:59alten Form war nicht zu retten, das wusste sie.
- 9:02Die alte Lokalzeitung, das Modell mit den Anzeigen und dem
- 9:05Abonnement und der Druckerei war ein Sterbendes, dem auch der
- 9:08schönste Aufschub nur ein paar Monate schenkte.
- 9:11Aber das, was die Geschichte bewiesen hatte, dass es einen
- 9:14Hunger gab, nach Wahrheit, nach Journalismus, der hinsah, der
- 9:17nicht kniff, das war kein Sterbendes, das war etwas, das
- 9:21man neu bauen konnte auf einem anderen Fundament, sie wollte
- 9:24etwas Neues gründen. Etwas kleineres Unabhängigeres
- 9:29getragen von denen, die es lasen, finanziert durch Spenden
- 9:32und die Stiftung und die trotzige Treue der Leser.
- 9:35Ein Recherchebüro für die Stadt, für die Region, das Tat, was der
- 9:39Anzeiger nicht mehr gekonnt hatte.
- 9:40Hinsehen, nachfragen, drucken, was weh tut, sie hatte noch
- 9:44keinen Namen dafür, aber sie wusste, was es sein sollte, eine
- 9:48Alternative. Nicht die, die auf den Plakaten
- 9:50stand, nicht die der kalten Farben und der leeren
- 9:53Versprechen, sondern die andere, die wahre.
- 9:56Eine Alternative zu dem Schweigen, zu dem Wegsehen, zu
- 9:59der Müdigkeit, die das Land ein Jahr lang in den Schlaf gewiegt
- 10:02hatte, eine Alternative, die darin bestand, dass jemand wach
- 10:05blieb. Die politische Lage, in der sie
- 10:08das plante, war offen, und sie blieb offen.
- 10:10Und Lena, die Journalistin, die gelernt hatte, der Wirklichkeit
- 10:14ins Gesicht zu sehen, ohne sie schön zu färben, ließ sie offen,
- 10:18auch in ihren eigenen Gedanken. Die Regierung war am Ende, die
- 10:21Mehrheit zerbröselt, Neuwahlen drohten, aber was die Neuwahlen
- 10:25bringen würden, wusste niemand, vielleicht würde die Partei
- 10:29verlieren, gedemütigt durch den Skandal, gestraft von den
- 10:32Wählern, die sahen, was sie angerichtet hatte.
- 10:36Vielleicht aber würde sie gewinnen, größer als zuvor, weil
- 10:39der Zorn, der sie nährte, durch keinen Skandal verschwand, weil
- 10:43die Menschen, die sich abgehängt fühlten, sich weiter abgehängt
- 10:46fühlten, weil eine Geschichte über ein gestürztes Punktesystem
- 10:50die Wut nicht stillte, die tiefer saß als jedes
- 10:52Punktesystem. Lena wusste es nicht, niemand
- 10:56wusste es, und sie hatte aufgehört zu glauben, dass es
- 10:59ihre Aufgabe war, es zu wissen oder vorherzusagen.
- 11:02Ihre Aufgabe war eine andere, eine Bescheidenere und eine
- 11:06Beständigere, hinzusehen, aufzuschreiben, wach zu bleiben,
- 11:09ganz gleich, wer regierte. Denn das war die Lehre des
- 11:12Jahres, die sie mitnahm in das, was kommen würde, dass die
- 11:15Maschine sich stoppen ließ, einmal an dieser Stelle durch
- 11:19diese Menschen und dass sie es wieder versuchen würde, in einer
- 11:22anderen Form mit einem anderen Namen, und dass es dann wieder
- 11:25Menschen brauchen würde, die Hinsahen.
- 11:29Es gab kein Ende des Kampfes, keinen Sieg, nachdem man die
- 11:32Waffen niederlegt. Es gab nur das wachbleiben Tag
- 11:35um Tag, das Hinsehen, das Aufschreiben, die unermüdliche,
- 11:38Undankbare, niemals abgeschlossene Arbeit derer, die
- 11:41sich weigern, eine Stadt im Schlaf zu lassen.
- 11:44Sie fuhr an einem Abend Ende November zu ihrem Vater durch
- 11:47eine Stadt, in der der erste Schnee gefallen und gleich
- 11:50wieder zu grauem Matsch geworden war.
- 11:52Und sie brachte eine Flasche Wein mit und die Absicht, ihm
- 11:55von dem Neuen zu erzählen, von der Idee, von dem, was sie bauen
- 11:59wollte. Theo öffnete langsamer als
- 12:02früher, das war Lena in den letzten Monaten aufgefallen, wie
- 12:05alles langsamer wurde an ihm, das Öffnen der Tür, das
- 12:08Aufstehen aus dem Sessel, das Treppensteigen, das er vermied,
- 12:11wo er konnte. Sein Herz, das im Frühling
- 12:14versagt und dass man notdürftig wieder zusammengeflickt hatte,
- 12:17trug ihn noch, aber es trug ihn knapper, mit weniger Reserve,
- 12:20und Lena sah es ihm an, auch wenn er es nie erwähnte, dass
- 12:24jeder Tag eine Rechnung war, die knapper aufging, als der davor.
- 12:27Sie saßen am Küchentisch, an dem sie ihr halbes Leben gesessen
- 12:31hatten, an dem sie als Kind Hausaufgaben gemacht und als
- 12:34Erwachsene über die Welt gestritten hatten, der Tisch, an
- 12:37dem im Sommer der Kriegsrat getagt hatte, an dem all die
- 12:40Fäden zusammengelaufen waren. Jetzt war er wieder leer.
- 12:43Nur sie beide und der vierte Stuhl, der Stuhl ihrer Mutter,
- 12:47stand am Kopfende, wie er immer gestanden hatte, leer, und
- 12:50niemand setzte sich je darauf, und niemand stellte ihn je weg.
- 12:54Sie erzählte ihm von dem neuen, von der Idee, etwas zu gründen,
- 12:57etwas eigenes, kleines, unabhängiges von der Stiftung,
- 13:01von den Spenden, von der trotzigen Treue der Leser.
- 13:04Sie redete schneller als sie wollte, mit einer Begeisterung,
- 13:07die sie an sich selbst seit Jahren nicht gekannt hatte.
- 13:10Und Theo hörte zu, wie er immer zugehört hatte, mit dem ganzen
- 13:14Gesicht und in seinen Augen war etwas, das Lena erst spät als
- 13:18das erkannte, was es war, stolz und unter dem Stolz, etwas
- 13:21anderes, etwas, das mit dem Stolz verwandt war und doch
- 13:25trauriger, das Wissen eines Vaters, dass seine Tochter etwas
- 13:28begann, dessen Ende er nicht mehr sehen würde.
- 13:31Du machst es richtig. Sagte er, als sie geendet hatte.
- 13:35Nicht die alte Sache am Leben halten, bis sie dich mit
- 13:38Runterzieht, etwas Neues bauen, das ist er suchte nach dem Wort,
- 13:43und es war selten, dass Theo nach einem Wort suchte, das ist
- 13:46der einzige Trost, den die Geschichte bereithält.
- 13:48Weißt du, dass nichts wirklich endet, dass das, was stirbt, den
- 13:52Platz freimacht für das, was kommt?
- 13:54Die Alten haben das gewusst. Wir haben es verlernt, weil wir
- 13:58glauben, alles müsse bleiben, wie es war.
- 14:00Du klingst schon wieder historisch, Papa, sagte Lena.
- 14:03Aber es war nicht der Vorwurf, der es früher gewesen wäre.
- 14:06Es war fast zärtlich, er lächelte, ich bin ein alter
- 14:10Mann, was bleibt mir? Er drehte das Weinglas in der
- 14:14Hand, langsam, sah hinein, weißt du, wie du es nennen solltest?
- 14:18Dein neues Ich hab noch keinen Namen, doch, sagte Theo, den
- 14:24hast du schon, du traust dich nur nicht, ihn auszusprechen.
- 14:27Er sah sie an und in seinem Blick war der alte Spott, aber
- 14:30darunter etwas Festes, fast Feierliches.
- 14:33Die Partei hat sich ein Wort genommen, das ihr nicht gehört,
- 14:36sie nennt sich eine Alternative, und sie ist keine, sie ist das
- 14:40Gegenteil, sie ist die Wiederkehr von etwas altem in
- 14:42neuen Farben, aber das Wort ist gut, das Wort ist wahr, nur im
- 14:47falschen Mund, nimm es zurück, das was du baust, das, was ihr
- 14:52alle in diesem Jahr gebaut habt, ohne es zu planen, das ist die
- 14:55Alternative. Nicht die auf den Plakaten, die
- 14:58am Küchentisch Lena schwieg, weil er etwas ausgesprochen
- 15:01hatte, das in ihr schon gelegen hatte.
- 15:03Ungeformt und das nun, da er es sagte, eine Gestalt bekam, die
- 15:07sie nicht mehr loslassen würde. Dann wurde er ernst, und er
- 15:11legte die Hand auf den Tisch, die Hand, die in den letzten
- 15:14Monaten dünner geworden war, mit den Adern dicht unter der Haut,
- 15:18und er sah sie an, lange, mit einem Blick, der etwas
- 15:21vorbereitete, das er noch nicht aussprach, Lena.
- 15:25Es gibt etwas, worüber wir reden müssen.
- 15:27Nicht heute, bald etwas, das ich dir geben will, solange ich es
- 15:31noch selbst geben kann, Papa nicht heute, sagte er sanft,
- 15:36aber bestimmt mit der Bestimmtheit eines Mannes, der
- 15:38seine Zeit einteilt, weil er weiß, dass sie bemessen ist.
- 15:42Heute erzählst du mir von deiner Zeitung, die keine Zeitung mehr
- 15:45sein wird, und ich höre zu und ich freue mich und wir trinken
- 15:49den Wein, den Du mitgebracht hast und von dem du glaubst, ich
- 15:52hätte nicht gesehen, dass es der Gute ist, den ich mag ich.
- 15:55Er lächelte wieder. Das schiefe, trockene Lächeln,
- 15:58das sie liebte. Das andere hat Zeit, ein
- 16:01bisschen Zeit, nicht viel, aber ein bisschen.
- 16:05Lena sah ihn an, und sie verstand, dass er von etwas
- 16:08sprach, das größer war als sein Abschied, und sie spürte die
- 16:11Kälte, die das Verstehen mit sich brachte, die Kälte, die in
- 16:14ihre Finger kroch, in die Hand, die das Weinglas hielt, aber sie
- 16:18tat, worum er sie bat. Sie erzählte weiter von der
- 16:22Zukunft, von dem, was sie bauen wollte, und er hörte zu.
- 16:26Und draußen fiel wieder Schnee, diesmal feiner, langsamer,
- 16:29einer, der vielleicht liegen bleiben würde, und im Fenster
- 16:32spiegelten sich 2 Menschen an einem Küchentisch, ein Alter und
- 16:36eine, die nicht mehr jung war und zwischen ihnen am Kopfende
- 16:39der leere Stuhl und über dem leeren Stuhl an der Wand das
- 16:43schwache warme Licht der Küchenlampe, das nicht das blaue
- 16:46Licht der Bildschirme war, sondern ein anderes.
- 16:48Ein Licht, bei dem Menschen einander ansehen können.
- 16:52Sie blieb lange an diesem Abend, länger als sonst, als hätte sie
- 16:56verstanden, dass die Abende, an denen man bleiben kann, nicht
- 16:59unendlich sind, dass sie gezählt werden, irgendwann von einem
- 17:03Herzen, das knapper schlägt, und dass man jeden Einzelnen nehmen
- 17:06muss, solange er da ist, weil man nie weiß, welcher der
- 17:10Vorletzte war, bis der letzte gekommen ist.
- 17:12Sie räumte die Gläser nicht weg, als es spät wurde, ließ sie
- 17:15stehen, wo sie standen, weil das Wegräumen ein Ende gewesen wäre
- 17:19und sie das Ende nicht wollte, noch nicht, nicht an diesem
- 17:22Abend, an dem ihr Vater ihr ein Wort zurückgegeben und ein
- 17:25anderes versprochen hatte, das größer war und das er noch nicht
- 17:28aussprach.