Latest / STAR FM Rocktalk / Campino: Genervt von die Ärzte
Transcript
- Der Star FM Rock Talk, heute mit Campino und 10 Songs für ein Halleluja. Hallo noch einmal, ich bin Wolfi und du bist jetzt hier bei Teil 3 von dieser Reihe rund um die Geschichte der Toten Hosen, wer jetzt erst direkt dazu gekommen ist. Es gibt hier 10 Folgen mit 10 Songs als Überschrift, die an sich aber nur den groben Zeitrahmen markieren. Und das ist ja auch das Spannende, diese ganzen kleinen Geschichten und Anekdoten rund um die Alben aus eben jener Zeit und da wir ja noch recht früh sind in der Totenhosengeschichte, sprechen wir über eine Zeit, die sehr, sehr, sehr wild war mit vielen Drogen, aber in Anführungsstriche das Gute war damals, man hatte ja nicht sofort den ganz großen Erfolg und man hatte die ersten Jahre ja auch überhaupt keine Kohle. Sprich, alleine aus finanziellen Gründen konnte man den einen oder anderen Weg erstmal gar nicht einschlagen. Aber der Erfolg kam. Mit dem Album, ein kleines bisschen Horrorshow, das war 1988. Und natürlich war es da wiederum vor allem ein Lied, das alles änderte. Hier kommt Alex. War das der wichtigste Song der Toten Hosen-Geschichte? War es das wichtigste Album damals? Es ist in jedem Fall ein Wendepunkt gewesen. Es ist der Moment gewesen, wo wir als Rockband in Deutschland ernst genommen wurden. Ganz interessant, wir hatten in der Zeit davor versucht, uns wieder in die Arbeit zu werfen, ein neues Album zu schreiben und wir waren sehr, sehr orientierungslos im Studio. Wir konnten keine guten Themen greifen und genau in dieser Zeit erreichte uns ein Anruf von Bernd Schadewald, einem Regisseur fürs Theater und auch für Filme. Und der sagte mir, Campino, ich habe ein Theaterstück übernommen in Bonn, darf Clockwork Orange aufführen. Das hat Anthony Burgess auch immer als Theaterstück geschrieben. Es ist aber nur als Film erschienen. Es gab bis dahin kein Theaterstück. Ich würde das gerne weltweit der Erste sein, der das aufführt. Aber ich kann mir als Soundtrack und als Musik eigentlich nur die Toten Hosen vorstellen. Und das war der Startschuss für uns sozusagen, eine Auftragsarbeit fürs Theater zu machen. Und hier kommt Alex, war der Titelsong zu diesem Theaterstück und ging uns gut von der Hand, weil wir konkret wussten, worüber der Text handeln sollte. Und das hat mir die Arbeit damals leicht gemacht und auch die anderen Titel, die jeweils eingesetzt wurden, um bestimmte Szenen in diesem Theaterstück zu untermalen, die. Flossen dann einfach so aus uns heraus und damit stand das halbe Album eigentlich schon auf einem festen Fundament und wir haben das dann nur noch mit anderen Songs aufgefüllt, die die Platte, in die Richtung verändern sollten, dass auch Menschen damit was anfangen konnten, die das Theaterstück jetzt nicht gesehen haben. Das war ja schon eine radikale Entwicklung für die Band. Ging da jeder innerhalb der Gruppe den Weg direkt mit oder gab es da vielleicht auch Diskussionen, ob man dem Stil treu bleiben sollte, mit dem man angefangen hatte? Ne, das fanden alle gut. Also Clockwork Orange war für uns ein Kultfilm, war prägend auch für die ganze Punk-Szene. Alle Punks in Düsseldorf sind immer wieder ins Kino, wenn dieser Film mal gezeigt wurde. Also da hat Bernd Schadewald bei uns einfach nur offene Türen eingerannt. Alles, was in diesem Film verhandelt wird, in dieser Geschichte, Jugendliche in einer Welt, in der sie irgendwo verloren sind, die zu Gewalt neigen, das hat uns wahnsinnig angesprochen und mit dem ganzen Thema konnten wir wirklich was anfangen. Das war ganz im Sinne unserer Punkrock-Vorstellung. Also da hat sich nichts gebissen und es war einfach etwas ganz Besonderes, ein richtig festes Konzept zu haben, getragen durch Beethoven und all den anderen Dingen. Wir hatten nach diesem Album das Gefühl, diese Geschichte passt von A bis Z, da ist keine schwache Stelle drin. Das war wirklich etwas Besonderes und wurde auch so wahrgenommen. Das ist auch die erste tote Hosenscheibe gewesen, die dann wirklich ganz oben in den Charts mit dabei war. Ich habe mich ja immer so ein bisschen gewundert, dass dieser Schritt so früh kam, weil so gefühlt, man redet viel mit Bands und über ihre Karrieren und es gibt viele Gruppen, die so diesen Schritt in irgendeine andere Richtung irgendwann machen, aber meistens kommt der später und nicht noch so relativ früh in der Karriere, sage ich mal. Ich glaube, dass wir schon auf der Damenwahl einige Lieder hatten, die in diese Richtung gehen, eben auch Wort zum Sonntag oder Ehrenmann gab es da ein Stück. Komm mit uns, verschwende deine Zeit. Ich glaube schon, dass wir thematisch irgendwo in derselben Richtung geblieben sind. Wir hatten uns nur professionalisiert. Das hat angefangen mit dem Wechsel am Schlagzeug. Also Wölli hat wirklich viel besser gespielt als Trini und mit ihm hatten wir plötzlich wirklich einen Maschinenraum, der funktioniert hat. Der war unheimlich steady, unheimlich solide in seinem Spiel und das hat sich auf die ganze Band ausgewirkt. Und deshalb waren wir auch auf dem Album ein kleines bisschen Horrorshow. Viel breitbeiniger und solider. Und ich gebe zu, das Lied hier kommt Alex selber, das ist ja schon ein richtiger Rock-Sound im Gegensatz zu das, was man unter Punk versteht. Damit haben wir anfangs auch gehadert. Mir war es eigentlich in den ersten Tagen irgendwie zu langweilig. Ich fand das zu rockig. Und dann hat mich unser, dann inzwischen unser Manager und Berater Trini Trimpop hat dann gesagt, nee, nee Campino, das ist euer bester Song auf der Scheibe, und dann habe ich gesagt, naja, wenn du meinst und so und dann haben wir daran weitergearbeitet, also ich musste auch erstmal überzeugt werden davon. Nach der Produktion, wenn man das dann wirklich im fertigen Mix gehört hat, war euch da schon relativ schnell klar, dass ihr damit was Großes erreichen könnt? Nee, das haben wir. Das hatten wir nicht so auf dem Schirm. Uns war wichtig, dass sich das gut anhört. Wir haben die meisten Stücke nachts im Theater aufnehmen können, weil da der Sound besser war als in irgendeinem Studio. Wir haben also das Bonner Theater gefragt, ob wir dort ein paar Nächte bleiben durften und das haben die dann gerne gemacht und wir waren sehr zufrieden mit dem Sound. Wir fanden, das war endlich die Härte und die Wucht, die wir immer versucht hatten zu erreichen, aber es hat bis dahin nicht geklappt. Und bei der Horrorshow war der Sound dann schon wirklich zufriedenstellend für uns. Und darüber waren wir glücklich, aber nach wie vor haben wir uns nicht wirklich ausgemalt, dass das durch die Decke gehen würde. Und mit dieser Platte haben sich die Verhältnisse dann wirklich geändert. Das ist noch nicht die Nummer 1 gewesen. Ich glaube, wir sind mit der Platte auf Platz 4 gelandet. Aber von da an wurden die Uhren anders gestellt und unsere Ansprüche waren auch anders. Wir wussten, wir können mit unseren Sachen in die Charts kommen. Und wenn wir das tun, dann wollen wir auch richtig vorne landen. Und da war unser Ehrgeiz geweckt. Ich habe vor einer Weile eine Sendung rund um das Jahr gemacht, aus einem anderen Zusammenhang. Und da liefen dann eben, was halt damals so rauskam. Ganzen Roses, Sweet Child O' Mine, Primitives, Inexcess, Iron Maiden, Aerosmith, Pixies und dazwischen eben plötzlich die toten Hosen. Hier kommt Alex. Und ja, das muss ja damals was mit einem gemacht haben. Ich meine, das war vermutlich, als ihr dann mitbekommen habt, okay, hier ist dieser Erfolg, das muss ja verrückt gewesen sein für einen selbst, oder? Also um ganz ehrlich zu sein, mich zu erinnern, dass wir genervt waren, weil im selben Moment die Ärzte zeitgleich rauskamen und die waren immer ein, zwei Positionen über uns. Und uns hat wenig interessiert, aber das hat uns genervt. Und deshalb war das irgendwo eher so die Frage, wieso ist das jetzt nur auf Platz vier und die sind auf eins oder zwei, das kann jetzt nicht wahr sein. Das hat uns so ein bisschen den Spaß vergällt. Ansonsten war das eher so... Dass wir versucht haben, unsere eigenen Anhänger zu beruhigen. Passt auf, Leute, die Platte ist in den Charts. Ja, es kaufen viele die Musik, wir sind aber immer noch dieselben. Wir waren da irgendwo ein bisschen besorgt, dass die Basis denken würde, wir würden uns von denen entfernen. Da sind wir eher in Erklärungsnot geraten, wie wir mit dem Erfolg umgehen. Das war so das Gefühl dieser Zeit. Und dann sind wir sehr lange auf Tournee gewesen und waren einfach nur froh, dass diese Abende überall gut angenommen wurden. Also es ging zum ersten Mal so richtig los, dass da Fans waren, die lange auf uns gewartet haben, die sich die Tickets im Vorfeld gekauft haben. Das sind alles Dinge gewesen, die bis dahin eigentlich nicht gelaufen sind. Weil du das Wort professioneller vorhin in den Mund genommen hast. Ihr wart ja auch bereit, einfach diesen Schritt zu gehen, so im Nachhinein, oder? Also kam nicht zu früh. Nee, kam auf keinen Fall zu früh. Also ich hatte ja letztendlich zu diesem Zeitpunkt schon zehn Jahre Musik in den Knochen, wenn man die Zeit mit ZK reinrechnet. ZK gab es glaube ich dreieinhalb Jahre. Das war dann schon irgendwo angemessen. Es ist dann aber nie eine klare Entscheidung gewesen, so ab morgen bin ich Musiker oder ab heute, sondern das ist schleichend gekommen. Ich musste mit Breitie feststellen, dass wir kaum Zeit hatten zur Uni zu fahren und zu studieren, weil ständig Termine dazwischen gekommen sind. Also tatsächlich bin ich bei keiner einzigen Lesung gewesen. Ich war eingeschrieben für Englisch und Geschichte und ich wusste noch nicht mal genau, wo die Mensa ist. Also bin da immer nur hingefahren, um meine Studentenscheine da einzureichen, dass ich wieder fürs nächste Semester verlängert habe oder so. Also das ging vorne und hinten nicht. Und dieser Moment Horrorshow und dann nachher Kreuzzug ins Glück. Das war so die Zeit, in der man eingesehen hat, dass das als Student jetzt auch keinen Sinn mehr macht. Die anderen hatten schon so einen Vorsprung. Wir würden eventuell anders durchs Leben schippern. Das war so diese Phase. Hier kommt Alex natürlich auch als Überschrift von dieser Folge hier. Für viele euer wichtigster Song, der einfach die Grundlage für den ganz großen Erfolg gelegt hat. Singst du ihn heute noch gerne? Sehr, sehr gerne. Das liegt auch daran, dass wir das bis heute geschafft haben, hoffe ich, dass die Menschen auch unsere neuen Lieder hören wollen. Ich würde, glaube ich, verkrampfen, wenn ich das Gefühl hätte, das Publikum erduldet jetzt diese ganzen neuen Songs und wartet eigentlich nur auf irgendwelche Hits aus den 80er Jahren. Dann würde mein Verhältnis auch zu Hier kommt Alex sich deutlich verschlechtern. Aber weil ich weiß, dass die Menschen eigentlich jedes Lied von uns abfeiern, egal ob alt oder neu, das ist der Moment, wo ich ein wahnsinnig schönes Gefühl zu Hier kommt Alex habe, wo ich das mit einem Lächeln spielen kann, mit einem Zurückblicken, aber ohne, dass da so eine Bitternis ist, dass ich feststellen müsste, das war der Höhepunkt meines Lebens. Was ich halt toll finde bei so einem Song wie Hier kommt Alex, wenn man ihn live bei einem von euren Konzerten hört, dass den so viele Generationen mittlerweile mitsingen. Das sind die Oldschool-Fans, die ihn damals miterlebt haben, das sind deren ihre Kinder mittlerweile und vielleicht sogar haben sie mal, die ihre Kinder auch noch mitbringen. Das ist großartig und das schaffen nicht viele Lieder, dass sie über Generationen aktuell bleiben und dass sie über Generationen begeistern. Ja, das freut mich auch sehr. Das ist irgendwo ganz schön zu sehen, dass Lieder, sobald sie veröffentlicht sind, die Künstlerin oder der Künstler dieses Werk dann loslassen. Die entwickeln ein Eigenleben. Da verbinden die Menschen Geschichten mit, mit denen wir nichts zu tun haben. Und das ist richtig und gut so. Und ja, bei Hier kommt Alex war das sicherlich auch der Fall. Hör dir die Playlist an, hör dir die Songs an zur Podcast-Reihe mit Campino über die Geschichte der Toten Hosen, haben wir dir in der Caption verlinkt. In der nächsten Folge thematisieren wir Argentinien, die große Liebe der Toten Hosen, wie sie überhaupt dazu kam, dass diese Band so weit entfernt so groß und beliebt wurde und warum das eine ganz schwierige nächste Reise darunter sein wird. Die Tatsache, dass wir jetzt im Herbst dort unser allerletztes Konzert spielen, das bereitet mir schon ein mulmiges Gefühl. Ich weiß, dass es richtig ist, das wird uns nahe gehen und das ist eine erste Übung für den Moment, wo das dann auch in Deutschland der Fall sein wird irgendwann. Und jetzt kommt der Übercliffhanger. Ob Campino auch verraten hat, wann und wo das wirklich allerletzte deutsche Toten Hosen Konzert stattfinden wird? Nee, hat er nicht. Aber lohnt sich trotzdem zum Anhören. Versprochen.