Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Fünftes Hauptstück - 250-254
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- 0:00Unter Kapitel 250 Manieren hier beschäftigt sich Nietzsche
- 0:06ausführlich mit dem Thema der guten Umgangsformen, also den
- 0:10Manieren. Er stellt fest, dass die guten
- 0:13Manieren immer mehr verschwinden, der Grund dafür
- 0:16ist, dass der Einfluss des adligen Hofes und einer
- 0:18abgeschlossenen Oberschicht der Aristokratie immer schwächer
- 0:22wird. Nietzsche beobachtet, dass man
- 0:24diesen Verfall von Jahrzehnt zu Jahrzehnt sehen kann.
- 0:28Besonders deutlich wird dies bei öffentlichen Veranstaltungen.
- 0:31Die Menschen dort werden immer pöbelhafter, also grober und
- 0:35ungebildeter, niemand versteht es mehr, auf eine geistreiche
- 0:38und elegante Art jemandem zu schmeicheln oder ihn zu ehren,
- 0:42das führt zu einer Situation, die Nietzsche lächerlich findet,
- 0:46wenn man heutzutage einer berühmten Person, zum Beispiel
- 0:49einem großen Staatsmann oder Künstler, öffentlich huldigen
- 0:52muss, weiß man nicht, wie man das elegant tun soll.
- 0:56Stattdessen leiht man sich eine Sprache, die eigentlich für ganz
- 0:59andere Situationen gedacht ist. Man benutzt Worte des tiefsten
- 1:03Gefühls und einer treuherzigen biederen Ehrlichkeit.
- 1:06Das geschieht aus Verlegenheit und weil es an Geist und Anmut,
- 1:10also an Grazie fehlt. Das Ergebnis ist, dass das
- 1:14öffentliche Verhalten der Menschen immer ungeschickter
- 1:17wirkt, es sieht so aus, als wären alle voller tiefer Gefühle
- 1:21und sehr bieder, obwohl sie es in Wirklichkeit gar nicht sind.
- 1:25Nietzsche fragt sich nun, ob es mit den Manieren immer weiter
- 1:28bergab gehen muss. Er glaubt das nicht, er vermutet
- 1:32eher, dass die Entwicklung der Manieren eine tiefe Kurve macht
- 1:35und wir uns gerade dem tiefsten Punkt nähern.
- 1:38Er hofft auf die Zukunft, wenn die Gesellschaft erst einmal
- 1:41wieder sicher in ihren eigenen Absichten und Grundsätzen ist.
- 1:44Werden diese neuen Prinzipien auch die Formen des Umgangs
- 1:47prägen, während wir heute noch versuchen, die alten höfischen
- 1:51Manieren nachzuahmen, die aber immer schwächer werden.
- 1:54Wird es in Zukunft neue Umgangsformen geben?
- 1:57Diese werden so notwendig und natürlich erscheinen, wie es die
- 2:01neuen gesellschaftlichen Prinzipien sind.
- 2:03Nietzsche sieht voraus, dass eine bessere Einteilung von Zeit
- 2:06und Arbeit sowie mehr körperliche Übung und strengeres
- 2:09Nachdenken dazu führen werden, dass die Menschen körperlich
- 2:13klüger und geschmeidiger werden. Das wird auch die Manieren
- 2:16verbessern. Zum Schluss spottet Nietzsche
- 2:19noch ein wenig über die Gelehrten, also die
- 2:21Wissenschaftler seiner Zeit. Eigentlich sollten Sie ja die
- 2:25Vorläufer dieser neuen Kultur sein, aber in Wirklichkeit haben
- 2:29sie oft schlechte Manieren. Ihr Geist mag zwar willig sein,
- 2:32aber ihr ne Fleisch ist schwach, das bedeutet, die Vergangenheit
- 2:36wirkt noch zu stark in ihnen nach, sie stehen oft noch in
- 2:40einer unfreien Position, sind halb wie weltliche Priester oder
- 2:44wie abhängige Erzieher von vornehmen Leuten, außerdem macht
- 2:47sie ihre pedantische Wissenschaft oft steif und
- 2:49unlebendig. Sie sind im Grunde noch Höflinge
- 2:52einer alten, vergreisten Kultur und wirken deshalb selbst
- 2:56altmodisch und unsicher. Der neue freie Geist Humor zwar
- 3:00in ihnen, aber momentan macht sie das nur ängstlich, weil sie
- 3:03zwischen den Zeiten stehen, zwischen den Gespenstern der
- 3:06Vergangenheit und denen der Zukunft, deshalb machen sie oft
- 3:10keine gute Figur. Unterkapitel, 251 Zukunft der
- 3:17Wissenschaft. Nietzsche macht sich hier
- 3:21Gedanken darüber, ob die Wissenschaft den Menschen auf
- 3:23Dauer glücklich machen kann. Er sagt, Wer in der Wissenschaft
- 3:27arbeitet und forscht, hat viel Vergnügen daran, aber wer nur
- 3:31die Ergebnisse der Wissenschaft lernt, hat sehr wenig Freude
- 3:34daran. Da aber im Laufe der Zeit alle
- 3:37wichtigen Wahrheiten der Wissenschaft alltäglich werden
- 3:39müssen, wird dieses kleine Vergnügen auch noch
- 3:42verschwinden. Es ist so ähnlich, wie wir uns
- 3:45heute nicht mehr darüber freuen, dass wir das Einmaleins gelernt
- 3:48haben. Es ist einfach
- 3:49selbstverständlich geworden, obwohl es bewundernswert ist,
- 3:52wenn die Wissenschaft nun immer weniger Freude bereitet, aber
- 3:55gleichzeitig durch ihre Kritik immer mehr Freude nimmt, indem
- 3:59sie zum Beispiel die Tröstlichen Gedanken der Religion und der
- 4:02metaphysischen Philosophie verdächtigt und zerstört, dann
- 4:05verarmt die Menschheit. Metaphysik meint hier die Lehre
- 4:09von den Dingen, die hinter der physischen, greifbaren Welt
- 4:12liegen, wie etwa der Glaube an eine höhere Welt oder Seelen.
- 4:16Die Menschheit hat dieser Quelle der Freude fast ihr ganzes
- 4:19Menschsein zu verdanken. Nietzsche schlägt eine Lösung
- 4:22vor eine höhere Kultur muss dem Menschen sozusagen ein
- 4:26Doppelgehirn geben, das ist bildlich gemeint für 2 getrennte
- 4:30Kammern im Kopf, in der einen Kammer soll man Wissenschaft
- 4:33empfinden, in der anderen das nicht wissenschaftliche, also
- 4:37Kunst, Illusionen und Leidenschaften, diese beiden
- 4:40Bereiche sollen nebeneinander liegen, ohne sich zu verwirren.
- 4:44Aber man soll sie trennen und abschließen können.
- 4:47Das ist eine Forderung für die geistige Gesundheit in dem einen
- 4:51Bereich der Illusion und Leidenschaft liegt die
- 4:54Kraftquelle, die Energie, gibt im anderen Bereich der
- 4:58Wissenschaft liegt der Regulator, der verhindert, dass
- 5:01die Maschine überhitzt, man muss mit Illusionen und
- 5:04Einseitigkeiten heizen, aber mit Hilfe der erkennenden
- 5:07Wissenschaft verhindern, dass diese Hitze bösartige oder
- 5:10gefährliche Folgen hat. Wenn diese Forderung einer
- 5:13höheren Kultur nicht erfüllt wird, sieht Nietzsche die
- 5:16Zukunft düster. Das Interesse an der Wahrheit
- 5:19wird aufhören, weil sie keine Lust mehr bereitet, stattdessen
- 5:23werden Illusionen und Aberglaube wieder mächtiger werden, weil
- 5:26sie mit dem Gefühl der Lust verbunden sind.
- 5:29Das würde bedeuten, dass die Wissenschaften ruiniert werden
- 5:32und die Menschheit in eine Barbarei zurückfällt.
- 5:35Die Menschheit müsste dann wieder ganz von vorne anfangen,
- 5:37ihr Gewebe zu weben wie die Sagenfigur Penelope, die ihr
- 5:41Werk nachts immer wieder zerstörte.
- 5:43Aber Nietzsche fragt zweifelnd, ob wir sicher sein können, dass
- 5:46die Menschheit immer wieder die Kraft dazu findet, Unterkapitel
- 5:52252 die Lust am erkennen. In diesem Abschnitt fragt
- 5:59Nietzsche, warum das erkennen, also das Forschen und
- 6:02philosophieren, überhaupt mit einem Gefühl der Lust, also der
- 6:05Freude, verbunden ist. Er nennt 3 Hauptgründe erstens
- 6:10und vor allem wird man sich beim Erkennen seiner eigenen Kraft
- 6:13bewusst. Das ist derselbe Grund, warum
- 6:16körperliche Übungen wie Turnen Spaß machen, auch wenn gar
- 6:19niemand zuschaut. Es ist die Freude an der eigenen
- 6:22Stärke. Zweitens macht es Freude, weil
- 6:25man im Laufe der Erkenntnis alte Vorstellungen überwindet.
- 6:28Man fühlt sich als Sieger über alte Ideen oder ihre Vertreter,
- 6:32oder man glaubt, zumindest gesiegt zu haben.
- 6:35Drittens fühlt man sich durch jede noch so kleine neue
- 6:38Erkenntnis über alle anderen Menschen erhaben, man fühlt sich
- 6:42als der einzige, der in diesem Punkt das richtige weiß, während
- 6:45alle anderen unwissend sind, diese 3 Gründe kraftgefühl Sieg
- 6:50und Überlegenheit sind die wichtigsten, aber es gibt noch
- 6:54viele kleine Nebengründe. Je nachdem, was für ein Mensch
- 6:57der Erkennende ist. Nietzsche verweist hier auf eine
- 7:00seiner eigenen früheren Schriften über den Philosophen
- 7:03Schopenhauer. Er deutet an, dass selbst der
- 7:06objektivste Gelehrte nicht nur aus reiner Liebe zur Wahrheit
- 7:09forscht, es sind oft sehr menschliche Triebe und kleine
- 7:12Eigenheiten, die zusammenkommen, um einen Gelehrten zu formen.
- 7:17Der Gelehrte besteht nicht aus einem reinen Metall, sondern ist
- 7:20ein Geflecht aus sehr verschiedenen Antrieben und
- 7:23reizen. Das gilt auch für die Entstehung
- 7:25von Künstlern, Philosophen und sogenannten moralischen Genies.
- 7:30Nietzsche meint, dass alles Menschliche, wenn man auf seine
- 7:33Entstehung blickt, eigentlich eine ironische Betrachtung
- 7:36verdient, das heißt, wenn man sieht, aus welch kleinen,
- 7:38egoistischen oder banalen Motiven großes entsteht, wirkt
- 7:42das fast lächerlich. Deshalb ist Ironie in der Welt
- 7:45eigentlich überflüssig, die Welt ist schon von sich aus ironisch
- 7:49genug, Unterkapitel 253. Treue als Beweis der
- 7:55Stichhaltigkeit Nietzsche spricht hier über die Qualität
- 7:59von Theorien. Man könnte meinen, es sei ein
- 8:02perfektes Zeichen für die Güte einer Theorie, wenn ihr Erfinder
- 8:0640 Jahre lang kein Misstrauen gegen sie hegt, wenn jemand sein
- 8:10Leben lang an seiner Idee festhält, wirkt das überzeugend,
- 8:14aber Nietzsche widerspricht, dem er behauptet, wenn ein Philosoph
- 8:18nach langer Zeit nicht anfängt, auf seine eigene Philosophie
- 8:21herabzusehen. Oder sie zumindest misstrauisch
- 8:23zu betrachten. Dann ist das kein gutes Zeichen.
- 8:27Vielleicht, so sagt Nietzsche, hat der Denker seine Meinung
- 8:29nicht geändert, weil er eitel ist und öffentlich recht
- 8:32behalten will, oder was bei edleren Menschen
- 8:35wahrscheinlicher ist. Er wollte seine Anhänger schonen
- 8:39und sie nicht enttäuschen, indem er seine Lehre widerruft.
- 8:43Nietzsche meint also, nur weil jemand einer Sache treu bleibt,
- 8:46heißt das noch lange nicht, dass die Sache auch wahr oder
- 8:49stichhaltig ist. Es kann auch einfach Starrsinn
- 8:52oder Rücksichtnahme sein. Unterkapitel 254 Zunahme des
- 8:59interessanten Wenn ein Mensch eine höhere Bildung durchläuft,
- 9:04verändert sich seine Wahrnehmung der Welt.
- 9:07Nietzsche sagt, dass für einen solchen Menschen alles
- 9:09interessant wird. Ein gebildeter Mensch weiß, wie
- 9:13er die lehrreiche Seite einer Sache schnell finden kann.
- 9:16Er kann den Punkt angeben, wo eine Lücke in seinem Denken
- 9:19gefüllt werden muss oder wo ein Gedanke bestätigt werden kann.
- 9:23Durch diese Fähigkeit verschwindet die Langeweile
- 9:25immer mehr aus seinem Leben, gleichzeitig verschwindet aber
- 9:29auch die übermäßige Erregbarkeit des Gemüts.
- 9:32Der gebildete Mensch regt sich nicht mehr so schnell emotional
- 9:35auf, er geht schließlich durch die Welt wie ein Naturforscher,
- 9:38der Pflanzen untersucht. Er läuft unter den Menschen
- 9:41herum und beobachtet sogar sich selbst, wie ein Phänomen, das
- 9:44nur seinen Erkenntnistrieb anregt, aber ihn nicht mehr
- 9:47emotional erschüttert.