Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 4. Theil - 17 - Die Erweckung 2
Transcript
- 0:00Also sprach Zarathustra ein Buch für alle und keinen vierter Teil
- 0:05Unterkapitel 17 die Erweckung Abschnitt 2.
- 0:13In diesem Abschnitt passiert etwas sehr unerwartetes in
- 0:15Zarathustras Höhle Zarathustra steht noch draußen vor seiner
- 0:19Höhle und freut sich darüber, dass seine Gäste endlich
- 0:22fröhlich sind, aber plötzlich erschrickt er, seine Ohren
- 0:27bemerken eine abrupte Veränderung.
- 0:29Die Höhle, in der es gerade noch sehr laut war und in der viel
- 0:32gelacht wurde, ist mit einem Schlag totenstill.
- 0:37Gleichzeitig riecht zarathustras Nase auf einmal einen starken
- 0:40Duft nach Rauch und Weihrauch. Es riecht, als ob Pinienzapfen
- 0:44verbrannt werden. Weihrauch ist ein Harz, das beim
- 0:47Verbrennen einen typischen Duft verströmt und in vielen
- 0:50Religionen, zum Beispiel in der katholischen Kirche, bei
- 0:53feierlichen Gebeten und Gottesdiensten verwendet wird.
- 0:57Zarathustra wundert sich sehr. Er fragt sich, was in der Höhle
- 1:00vor sich geht und was seine Gäste dort treiben.
- 1:04Heimlich und leise schleicht er sich an den Eingang der Höhle,
- 1:07um Hineinzuschauen, ohne selbst bemerkt zu werden, was er dort
- 1:11sieht, ist für ihn ein unglaubliches und verrücktes
- 1:14Schauspiel, er sagt sich, dass seine Gäste alle wieder fromm
- 1:17und gläubig geworden sind, sie beten und scheinen für ihn
- 1:21völlig verrückt geworden zu sein, die Gäste in der Höhle
- 1:24sind die sogenannten höheren Menschen.
- 1:27Nietzsche verwendet den Begriff, höhere Menschen für eine
- 1:30bestimmte Gruppe von Leuten. Es sind Menschen, die klüger
- 1:33sind als die große Masse, sie haben bereits verstanden, dass
- 1:36der alte Glaube an Gott nicht mehr funktioniert, dass Gott tot
- 1:40ist, aber diese höheren Menschen sind noch nicht stark genug, um
- 1:44eigene neue Werte zu erschaffen, sie leiden an der Sinnlosigkeit
- 1:48der Welt, weil sie diesen Zustand der Lehre nicht ertragen
- 1:52können, fallen sie hier in alte Gewohnheiten zurück.
- 1:55Das menschliche Bedürfnis, irgendetwas anzubeten und sich
- 1:58vor etwas niederzuwerfen, ist so groß, dass sie sich nun ein
- 2:01neues, völlig lächerliches Idol suchen.
- 2:05Zarathustra sieht, wie all diese gebildeten und ehemals stolzen
- 2:08Männer auf ihren Knien liegen, sie knien auf dem Boden wie
- 2:11kleine Kinder oder wie alte abergläubische Frauen, und sie
- 2:16beten niemanden anderen an als den Esel.
- 2:19Der Esel ist in diesem Text ein ganz wichtiges Symbol.
- 2:22Nietzsche nutzt den Esel, um sich über das Christentum und
- 2:25über blinden Gehorsam lustig zu machen.
- 2:28Ein Esel ist ein lastentier, er trägt schwere Gewichte, er
- 2:32beschwert sich nie, er ist geduldig und er gilt als dumm,
- 2:36wenn ein Esel schreit, macht er i.
- 2:38A. Im Deutschen klingt dieses IA
- 2:41genau wie das Wort. Ja, der Esel sagt also zu allem
- 2:45ja und lässt sich alles gefallen.
- 2:48Nietzsche kritisiert damit eine Religion, die von den Menschen
- 2:50verlangt, dass sie leiden, gehorchen und ihre Lasten ohne
- 2:54Widerstand tragen. Angeführt wird dieses Gebet von
- 2:57einer bestimmten Person, nämlich von dem hässlichsten Menschen.
- 3:02Dieser hässlichste Mensch ist bei Nietzsche die Figur, die den
- 3:04alten Gott getötet hat, weil er das ständige Mitleidige starren
- 3:08Gottes nicht mehr ertragen konnte.
- 3:11Es ist also eine enorme Ironie, dass genau dieser Mann, der die
- 3:14Religion abgeschafft hat, nun eine neue, dumme Religion
- 3:17erschafft und vor einem Esel kniet.
- 3:20Der hässlichste Mensch beginnt laut zu gurgeln und zu
- 3:23schnauben, als ob etwas Unaussprechliches aus ihm heraus
- 3:26will, schließlich formt er Worte und beginnt eine Litanei, eine
- 3:31Litanei ist eine Form des Gebets in der Kirche, bei der ein
- 3:34Vorbeter einen Satz spricht und die Gemeinde oder der Chor immer
- 3:38wieder mit demselben Spruch antwortet.
- 3:40Diese Litanei ist eine feierliche Lobpreisung für den
- 3:43Angebeteten Esel, der mit Weihrauch umnebelt wird.
- 3:46Das Gebet des hässlichsten Menschen geht genauso, zuerst
- 3:50spricht er typische religiöse Formeln, Amen und Lob und Ehre
- 3:55und Weisheit und dank und Preis und Stärke sei unserem Gott von
- 3:59Ewigkeit zu Ewigkeit der Esel antwortet darauf in seiner
- 4:03eigenen Sprache und schreit laut.
- 4:06IA. Dann geht das Gebet weiter.
- 4:10Der hässlichste Mensch sagt, dass der Esel unsere Last trägt,
- 4:14dass er die Gestalt eines Knechtes, eines Dieners
- 4:17angenommen hat, dass er von ganzem Herzen geduldig ist und
- 4:20niemals nein sagt. Und wer seinen Gott liebt, der
- 4:24Züchtigt bestraft oder schlägt ihn auch hier benutzt Nietzsche
- 4:29ganz absichtlich Beschreibungen, die sonst für Jesus Christus
- 4:32verwendet werden. Im Christentum heißt es, dass
- 4:35Jesus die Lasten und Sünden der Menschen trägt und wie ein
- 4:38Diener zu den Menschen kam. Nietzsche nimmt diese Heiligen
- 4:42Bilder und wendet sie spöttisch auf ein dummes Lastentier an.
- 4:46Der Esel antwortet auf diesen Lobpreis wieder mit.
- 4:49IA der. Vorbeter fährt fort er lobt den
- 4:53Esel dafür, dass er nicht spricht.
- 4:56Der Esel spricht nur, um zu seiner eigenen Welt, die er
- 4:59erschaffen hat, immer ja zu sagen, also.
- 5:03I. A zu rufen.
- 5:05Seine angebliche Schlauheit besteht genau darin, dass er
- 5:08schweigt, denn wer nichts sagt, dem kann man auch selten
- 5:11beweisen, dass er Unrecht hat. Wieder schreit der Esel dazu.
- 5:16IA. Die Litanei beschreibt das
- 5:19Aussehen des neuen Gottes. Er geht unscheinbar durch die
- 5:22Welt, seine Körperfarbe ist grau, grau ist die Farbe der
- 5:26Bescheidenheit, in die er seine Tugend hüllt, wenn er überhaupt
- 5:30einen eigenen Geist oder Verstand hat.
- 5:32Dann versteckt er ihn gut. Alle Menschen glauben ohnehin
- 5:36nur an seine langen Ohren, lange Ohren sind ein bekanntes Symbol
- 5:40für Dummheit, aber hier werden sie von den betenden Männern wie
- 5:44etwas Heiliges verehrt, der Esel brüllt dazu sein lautes.
- 5:48IA. Der hässlichste Mensch fragt im
- 5:51Gebet, welche verborgene geheime Weisheit wohl dahinter steckt,
- 5:55dass der Esel lange Ohren hat und immer nur ja und niemals
- 6:00Nein sagen kann. Er fragt spöttisch, ob dieser
- 6:04Eselgott die Welt vielleicht nach seinem eigenen Bild
- 6:06erschaffen hat, nämlich so dumm wie nur möglich.
- 6:10Der Esel antwortet pflichtbewusst.
- 6:12IA. Dann lobt das Gebet den Esel für
- 6:15seine Art zu laufen. Er geht gerade und krumme Wege,
- 6:19es interessiert ihn überhaupt nicht, was die Menschen für
- 6:22richtig gerade oder falsch krumm halten.
- 6:26Sein Reich ist jenseits von Gut und böse.
- 6:29Jenseits von Gut und Böse ist ein zentraler Begriff von
- 6:32Nietzsche. Er beschreibt einen Zustand, in
- 6:35dem die alten, starren, moralischen Regeln von gut und
- 6:38böse keine Gültigkeit mehr haben.
- 6:40Der Esel hat diese Grenze überschritten, aber nicht durch
- 6:43große Klugheit, sondern durch tierische Ignoranz, seine
- 6:47Unschuld besteht einfach darin, dass er gar nicht weiß, was
- 6:50Unschuld ist. Auch hierauf schreit der Esel.
- 6:54IA. Das Gebet bewundert den Esel
- 6:57dafür, dass er niemanden von sich stößt.
- 7:00Er nimmt alle an, die Bettler genauso wie die Könige.
- 7:03Er lässt kleine Kinder zu sich kommen und selbst wenn böse
- 7:06Jungen ihn ärgern und anlocken, sagt er einfach nur ganz simpel.
- 7:10IA. Er zeigt keine Wut, sondern
- 7:13nimmt alles passiv hin. Der Esel bestätigt dies mit
- 7:17seinem. IA.
- 7:19Zum Schluss preist der hässlichste Mensch die Vorlieben
- 7:22des Esels. Er sagt, dass der Esel weibliche
- 7:25Esel und frische Feigen liebt. Er verschmäht aber auch
- 7:29schlechtes Essen nicht sogar eine stachelige Distel kitzelt
- 7:32sein Herz, wenn er großen Hunger hat.
- 7:35Der betende Mann behauptet, genau in dieser
- 7:37Anspruchslosigkeit liege die absolute Weisheit eines Gottes
- 7:41und der Abschnitt endet damit, dass der Esel ein letztes Mal
- 7:45sein dummes, zustimmendes IA dazu schreit.