Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 2. Theil - 3 - Von den Mitleidigen.mp3
Transcript
- 0:00Unter Kapitel 3 von den Mitleidigen Zarathustra beginnt
- 0:06seine Rede an seine Freunde mit einer Beobachtung.
- 0:09Er hat gehört, dass Menschen spöttisch über ihn reden, sie
- 0:12sagen über ihn, seht euch Zarathustra an, er läuft unter
- 0:15uns Menschen herum, als wären wir Tiere.
- 0:18Zarathustra korrigiert diesen Spott, er sagt, dass der Mensch,
- 0:22der nach Wahrheit und tieferer Erkenntnis sucht, also der
- 0:25sogenannte Erkennende, tatsächlich unter den Menschen
- 0:28wandelt wie unter Tieren. Allerdings ist der Mensch für
- 0:31ihn ein ganz besonderes Tier, nämlich das Tier, das rote
- 0:35Wangen hat, mit den roten Wangen ist das Erröten gemeint, der
- 0:39Mensch ist das einzige Tier, das Scham empfinden kann.
- 0:43Zarathustra erklärt auch, warum das so ist.
- 0:46Der Mensch musste sich in seiner Geschichte schon viel zu oft
- 0:48schämen, Scham ist für Nietzsche ein zentrales Gefühl, das den
- 0:52Menschen ausmacht, weil Scham ein so tiefes und schmerzhaftes
- 0:55Gefühl ist, verlangt der vornehme und edle Mensch von
- 0:58sich selbst. Anderen niemals zu beschämen.
- 1:01Er empfindet Scham und Respekt vor jedem, der leidet.
- 1:05Zarathustra lehnt die Menschen ab, die sich selbst als
- 1:07barmherzig bezeichnen, Barmherzigkeit und Mitleid
- 1:10werden oft als große Tugenden angesehen, aber Zarathustra mag
- 1:14diese mitleidigen Menschen nicht, er wirft ihnen vor, dass
- 1:17sie kein Taktgefühl und keine Scham besitzen, sie dringen
- 1:20rücksichtslos in das Leid anderer ein und genießen ihr
- 1:23eigenes Gefühl des Mitleids, dadurch nehmen sie dem Leidenden
- 1:27seine würde. Wenn Zarathustra selbst Mitleid
- 1:30empfindet, dann möchte er dafür nicht gelobt oder als mitleidig
- 1:33bezeichnet werden. Er hilft lieber aus der Ferne
- 1:37oder verbirgt sein Gesicht, bevor er überhaupt erkannt wird,
- 1:41errät seinen Freunden, es genauso zu machen, er wünscht
- 1:44sich für sein eigenes Leben, dass sein Schicksal ihn nur mit
- 1:47Menschen zusammenführt, die frei von Leid sind.
- 1:50Mit diesen Menschen möchte er Hoffnung, Mahlzeiten und das
- 1:54Süße des Lebens, das er als Honig bezeichnet, teilen.
- 1:57Zarathustra gibt zu, dass er zwar ab und zu den Leidenden
- 2:00geholfen hat, aber er hält das nicht für seine wichtigste Tat.
- 2:04Er hat etwas viel Besseres gelernt, nämlich sich selbst
- 2:07besser zu freuen. Nietzsche stellt hier eine
- 2:10traditionelle religiöse Vorstellung auf den Kopf, in der
- 2:13Religion ist die Erbsünde die grundlegende Schuld der
- 2:16Menschheit, die von Anfang an auf ihr lastet.
- 2:19Für Zarathustra ist die wahre Erbsünde jedoch eine ganz
- 2:22andere, die Menschheit hat sich bisher einfach zu wenig gefreut.
- 2:27Wenn wir lernen, uns besser zu freuen und das Leben zu
- 2:29genießen, dann verlernen wir ganz automatisch, anderen
- 2:32Menschen Schmerzen zuzufügen oder uns böse Dinge für Sie
- 2:35auszudenken. Wenn Zarathustra einem Leidenden
- 2:38hilft, wäscht er sich danach nicht nur die Hände, sondern er
- 2:41wischt sich symbolisch auch die Seele ab, wenn er sieht, wie
- 2:45jemand leidet, schämt er sich für den Leidenden, weil dessen
- 2:48Stolz durch die Hilfsbedürftigkeit verletzt
- 2:50wird, wenn man jemandem aus einer großen Not hilft.
- 2:54Macht das den anderen oft nicht dankbar, sondern eher
- 2:57rachsüchtig. Die große Abhängigkeit verletzt
- 3:00den Stolz, und wenn man eine kleine Wohltat nicht schnell
- 3:04vergisst, wird sie zu einem inneren Vorwurf, der wie ein
- 3:07Wurm an demjenigen nagt, dem geholfen wurde.
- 3:10Daher gibt Zarathustra den Menschen, die nichts zu
- 3:13verschenken haben, den Rat, beim Annehmen von Geschenken sehr
- 3:17zurückhaltend zu sein, sie sollen dem Schenkenden eine
- 3:20Auszeichnung damit erweisen, dass sie das Geschenk überhaupt
- 3:23annehmen. Zarathustra selbst ist jemand,
- 3:26der gerne gibt, aber er möchte, dass Fremde und Arme sich die
- 3:29Früchte einfach selbst von seinem Baum pflücken.
- 3:32Das beschämt den nehmenden viel weniger, als wenn man es ihm
- 3:35direkt als Almosen in die Hand drückt.
- 3:38Zarathustra spricht sich sogar dafür aus, Bettler ganz
- 3:41abzuschaffen, er meint, man ärgert sich, wenn man ihnen
- 3:44etwas gibt, und man ärgert sich genauso, wenn man ihnen nichts
- 3:48gibt. Ähnlich verhält es sich mit
- 3:50Menschen, die sich als Sünder fühlen oder ein schlechtes
- 3:53Gewissen haben. Gewissensbisse machen einen
- 3:56Menschen nicht besser, sie erziehen ihn nur dazu, noch
- 3:59bissiger zu werden. Das Schlimmste sind für
- 4:02Zarathustra jedoch die kleinen, heimlichen Gedanken, eine offen
- 4:06begangene böse Tat ist wie ein Geschwür, das juckt und
- 4:10aufbricht, es ist zumindest ehrlich, ein kleiner, fieser
- 4:13Gedanke aber ist wie ein Pilz, der sich kriechend ausbreitet,
- 4:17bis der ganze Körper morsch und krank davon ist.
- 4:20Wenn jemand von einem Teufel, also von einem dunklen Trieb
- 4:24besessen ist, rät Zarathustra ihm, ziehe Deinen Teufel groß.
- 4:29Sogar in diesem dunklen Antrieb liegt noch eine Möglichkeit,
- 4:32wahre Größe zu erreichen. Zarathustra klagt darüber, dass
- 4:36das Zusammenleben mit Menschen sehr schwer ist, vor allem, weil
- 4:39es so schwierig ist, einfach mal zu schweigen.
- 4:43Man durchschaut einander oft zu sehr, wenn ein Freund leidet,
- 4:47soll man ihm kein weiches Bett des Mitleids anbieten.
- 4:50Stattdessen soll man ihm eine harte Ruhestätte sein, wie ein
- 4:53einfaches Feldbett. Diese Strenge hilft dem Freund
- 4:56am besten, wieder stark zu werden, wenn ein Freund einem
- 4:59etwas Schlimmes antut, soll man nicht von oben herab vergeben,
- 5:03man soll stattdessen sagen, ich vergebe dir, was du mir angetan
- 5:07hast, dass du es aber dir selbst angetan und dich selbst damit
- 5:11erniedrigt hast. Das kann ich nicht vergeben,
- 5:14eine solche große Liebe steht weit über dem einfachen Vergeben
- 5:17und mitleiden. Man muss sein Herz gut
- 5:20festhalten. Wer sein Herz einfach gehen und
- 5:23weich werden lässt, der verliert schnell auch seinen Verstand.
- 5:27Zarathustra behauptet, dass die größten Dummheiten und das
- 5:30meiste Leid in der Welt genau von den Menschen verursacht
- 5:33wurden, die aus reinem Mitleid gehandelt haben.
- 5:36Liebe muss eine Ebene erreichen, die über dem bloßen Mitleid
- 5:39steht, um zu zeigen, wie zerstörerisch das Mitleid sein
- 5:42kann, erzählt Zarathustra eine Geschichte über Gott.
- 5:45Der Teufel sagte Einmal zu Zarathustra.
- 5:48Dass auch Gott seine eigene Hölle hat, nämlich seine Liebe
- 5:51zu den Menschen. Später hörte Zarathustra den
- 5:54berühmten Satz, dass Gott tot sei.
- 5:57Hier erklärt er den wahren Grund dafür.
- 6:00Gott ist an seinem eigenen Mitleid mit den Menschen
- 6:02gestorben, das Leid der Menschen war so unerträglich, dass dieses
- 6:06Mitleid selbst das höchste Wesen vernichtet hat.
- 6:09Deshalb warnt Zarathustra eindringlich vor dem Mitleid,
- 6:12aus ihm entsteht eine dunkle Wolke, die den Menschen bedroht.
- 6:16Er sagt, er könne diese Zeichen sehr gut deuten.
- 6:20Alle große Liebe ist immer mehr als nur Mitleid, denn die wahre
- 6:23Liebe will den geliebten Menschen formen und neu
- 6:25erschaffen. Wer wirklich liebt und
- 6:27erschafft, der bringt sich selbst und seine nächsten als
- 6:30Opfer für dieses höhere Ziel dar.
- 6:32Das Kapitel endet mit dem Fazit, Alle Menschen, die wirklich
- 6:35Neues erschaffen wollen, die sogenannten Schaffenden, sind
- 6:38hart. Sie müssen hart und
- 6:40widerstandsfähig sein, um nicht im Mitleid zu ertrinken, sondern
- 6:44die Welt und die Menschen zu einer besseren Zukunft zu
- 6:46formen.