Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Viertes Hauptstück - 216-219
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- 0:00Unterkapitel, 216, Gebärde und Sprache hier untersucht
- 0:07Nietzsche, wie wir Menschen gelernt haben, uns gegenseitig
- 0:10zu verstehen und was das mit der Musik zu tun hat.
- 0:13Er beginnt mit der Feststellung, dass das Nachmachen von Gebärden
- 0:16älter ist als die gesprochene Sprache eine Gebärde ist eine
- 0:20Bewegung des Körpers oder des Gesichts, die etwas ausdrückt,
- 0:24auch heute noch ist dieser Instinkt in uns stark.
- 0:27Wenn wir zum Beispiel sehen, wie jemand ein schmerzverzerrtes
- 0:30Gesicht macht oder gähnt, spüren wir oft unbewusst den Drang, das
- 0:34Gleiche zu tun. Nietzsche erklärt, dass wir ein
- 0:37bewegtes Gesicht nicht ansehen können, ohne dass unsere eigenen
- 0:40Gesichtsmuskeln ganz leicht zucken und sich Regen.
- 0:43Das nennt man Innervation, also die Anregung der Nerven und
- 0:47Muskeln durch dieses Unbewusste nachahmen der Gebärde kommen wir
- 0:51zu dem Gefühl zurück, das diese Gebärde ursprünglich ausgelöst
- 0:55hat. Wenn wir das Gesicht eines
- 0:57anderen nachahmen, spüren wir ein wenig das Gleiche wie er.
- 1:01So haben die Menschen gelernt, sich zu verstehen.
- 1:04Früher wurden Gefühle oft durch den ganzen Körper ausgedrückt,
- 1:08zum Beispiel durch Schlagen an die Brust, bei Trauer auch
- 1:12Gebärden der Freude dienten der Kommunikation, irgendwann
- 1:15begannen die Menschen, sich auf Symbole für diese Gebärden zu
- 1:18einigen, zuerst kam ein Ton zur Gebärde hinzu, später reichte
- 1:23der Ton allein aus. Um die Gebärde und das damit
- 1:26verbundene Gefühl in Erinnerung zu rufen.
- 1:29Nietzsche zieht nun den Vergleich zur Musik, er
- 1:32vermutet, dass es in der Entwicklung der Musik ähnlich
- 1:35war. Zuerst war Musik nur leeres
- 1:37Geräusch, vielleicht begleitet von Tanz und Pantomime durch die
- 1:42lange Gewohnheit, Musik und Bewegung Zusammenzuerleben hat
- 1:45unser Ohr gelernt, die Musik sofort als eine Art Tonsprache
- 1:48zu deuten, wir brauchen heute die sichtbare Bewegung, also den
- 1:52Tanz oder die Geste nicht mehr. Wir verstehen die Musik jetzt
- 1:56direkt, wenn wir von absoluter Musik sprechen, meinen wir
- 2:00eigentlich, dass wir die Tonsymbole sofort verstehen,
- 2:03ohne dass uns jemand durch Bilder oder Worte helfen muss.
- 2:07Unterkapitel 217 die Entsinnlichung der höheren Kunst
- 2:13Nietzsche behauptet in diesem Abschnitt, dass unsere Ohren und
- 2:16unser Kunstverständnis sich verändert haben durch die
- 2:20ständige Übung unseres Verstandes, also unseres
- 2:23Intellekts. In der Entwicklung der Kunst
- 2:25sind wir Intellektueller geworden.
- 2:27Das bedeutet, wir hören Musik heute mehr mit dem Kopf als nur
- 2:31mit den Sinnen. Ein Beweis dafür ist, dass wir
- 2:33heute viel lautere Musik und mehr Lärm ertragen als unsere
- 2:37Vorfahren, wir achten nämlich weniger darauf, ob der Klang an
- 2:40sich schön oder angenehm ist, sondern wir suchen nach der
- 2:44Vernunft in der Musik, wir fragen sofort, was bedeutet das,
- 2:49anstatt nur zu Fragen, ist das schön.
- 2:52Unsere Sinne sind in gewisser Weise stumpfer geworden, dafür
- 2:55ist unser Verstand aktiver. Diese Entwicklung, die Nietzsche
- 2:59Entsinnlichung nennt, zeigt sich daran, dass wir selbst bei sehr
- 3:03hoher Lautstärke oder bei komplizierten Tönen, die früher
- 3:06als Unharmonisch galten, noch nach der Bedeutung suchen, unser
- 3:10Ohr ist gröber geworden, aber unser Verständnis feiner.
- 3:13Außerdem hat die Musik inzwischen auch die hässliche
- 3:16Seite der Welt erobert, früher sollte Kunst vor allem schön
- 3:20sein. Heute kann Musik auch das
- 3:22furchtbare, unheimliche oder hässliche Ausdrücken, und wir
- 3:26finden das interessant und bedeutend.
- 3:29Sogar Maler machen heute das Auge Intellektueller und nutzen
- 3:33Farben und Formen, um Gedanken auszudrücken, statt nur Freude
- 3:36an der reinen Farbe zu vermitteln.
- 3:39Nietzsche fragt nach der Konsequenz dieser Entwicklung,
- 3:42wenn wir immer mehr mit dem Verstand hören und sehen, kommen
- 3:46wir irgendwann an eine Grenze, wo die Kunst gar nicht mehr
- 3:48sinnlich wahrgenommen werden muss.
- 3:51Die Freude an der Kunst verlagert sich dann fast
- 3:53komplett ins Gehirn. Die Symbole ersetzen das
- 3:56eigentliche Erlebnis. Nietzsche warnt davor, dass
- 4:00dieser Weg uns sicher in eine Art Barbarei führen könnte, weil
- 4:03wir das natürliche Gefühl für Schönheit verlieren.
- 4:06Momentan heißt es noch, die Welt ist vielleicht hässlicher als
- 4:09früher, aber sie bedeutet uns mehr, aber je mehr sich diese
- 4:13Bedeutung verflüchtigt, desto seltener werden die Menschen,
- 4:16die sie noch verstehen. Übrig bleibt dann oft nur das
- 4:19Hässliche, das man direkt zu genießen versucht, was aber
- 4:22meistens scheitert. In Deutschland sieht Nietzsche
- 4:25daher 2 Strömungen in der Musik, eine kleine Gruppe von Menschen
- 4:29hat sehr hohe, feine Ansprüche und hört vor allem auf die
- 4:33Bedeutung, die riesige Mehrheit aber versteht diese Bedeutung
- 4:36nicht mehr und lernt stattdessen mit immer größerem Behagen nach
- 4:40dem hässlichen und ekelhaften in der Musik zu greifen, weil es
- 4:43einen starken Reiz bietet. Unterkapitel. 218 der Stein ist
- 4:50mehr Stein als früher in diesem kurzen Abschnitt überträgt
- 4:55Nietzsche seine Gedanken auf die Architektur, also die Baukunst.
- 4:59Er sagt, dass wir Gebäude heute ganz anders verstehen als die
- 5:02Menschen früher. Wir verstehen Architektur nicht
- 5:05mehr symbolisch, wir haben verlernt, dass Linien und Formen
- 5:08eine tiefe Bedeutung haben können, so wie wir auch in der
- 5:11Musik oft die Wirkung der reinen Rhetorik, also der Redekunst
- 5:15durch Töne nicht mehr gewohnt sind.
- 5:18Bei einem antiken griechischen oder einem christlichen Gebäude
- 5:21bedeutete ursprünglich jedes Detail etwas.
- 5:24Alles verwies auf eine höhere Ordnung der Dinge.
- 5:27Um solche Gebäude lag eine Stimmung von unerschöpflicher
- 5:30Bedeutsamkeit wie ein zauberhafter Schleier, Schönheit
- 5:34war dabei nur Nebensache, das wichtigste war das Gefühl des
- 5:37Unheimlichen und erhabenen, das Gefühl, dass dieser Ort durch
- 5:41Götter oder Magie geweiht ist. Die Schönheit milderte dieses
- 5:45Grauen höchstens ein wenig ab. Aber das Grauen war die
- 5:47Voraussetzung für die Wirkung des Gebäudes.
- 5:50Heute dagegen fehlt uns dieses Gefühl für die tiefe Bedeutung,
- 5:54für uns ist die Schönheit eines Gebäudes oft nur noch wie das
- 5:57schöne Gesicht einer geistlosen Frau, es ist etwas maskenhaftes
- 6:02wir sehen die schöne Hülle, aber der Stein ist für uns nur noch
- 6:05Stein ohne den Geist, den er früher für die Menschen hatte.
- 6:09Unterkapitel 219 religiöse Herkunft der neueren Musik.
- 6:16Nietzsche erklärt hier, woher die gefühlvolle, Seelenvolle
- 6:19Musik kommt, die wir heute kennen.
- 6:22Er führt ihren Ursprung auf die Religion zurück, genauer gesagt
- 6:25auf den wiederhergestellten Katholizismus nach dem Konzil
- 6:28von Trient, eine Kirchenversammlung im 16
- 6:31Jahrhundert Jahrhundert und auf den Protestantismus, er nennt
- 6:36Palestrina einen berühmten Komponisten der Kirchenmusik,
- 6:39als denjenigen, der dem tief bewegten Geist der Religion
- 6:42musikalisch Ausdruck verlieh. Später tat Diesbach im
- 6:46Protestantismus. Diese Musik entstand aus der
- 6:48Vertiefung des religiösen Gefühls, wie es die Pietisten
- 6:51eine fromme Bewegung im Protestantismus forderten, damit
- 6:55eine solche Musik überhaupt entstehen konnte, war eine
- 6:58Vorstufe nötig, die Musik der Renaissance in dieser Zeit
- 7:03beschäftigten sich die Menschen auf eine fast wissenschaftliche
- 7:06Weise mit Musik, mit Harmonien und Kunststücken der
- 7:09Stimmführung, aber erst durch die tiefe religiöse Stimmung,
- 7:13die danach kam. Wurde diese formale Musik mit
- 7:16Seele gefüllt, ohne diesen inneren religiösen Sturm wäre
- 7:20die Musik bloß gelehrt oder opernhaft geblieben?
- 7:24Nietzsche sagt, dass wir unser heutiges tiefes Empfinden in der
- 7:27Musik dem religiösen Leben verdanken, Musik ist für ihn die
- 7:31Gegenrenaissance in der Kunst. Die Renaissance war eine
- 7:35Rückbesinnung auf die Antike und das diesseits, die Musik
- 7:39hingegen gehört eher zum Barockstil oder zur katholischen
- 7:41Kirche. Sie hat wenig mit der Antike
- 7:44oder der Renaissance zu tun. Er stellt eine kritische Frage,
- 7:48wenn unsere moderne Musik Töne hätte, die sogar Steine bewegen
- 7:51könnten, würde daraus eine antike Architektur entstehen.
- 7:55Er bezweifelt das sehr, die moderne Musik wird von Affekten
- 7:59regiert, also von starken gemütsbewegungen, sie will
- 8:03Erhebung, Spannung, lebendigen Wechsel der Gefühle und starke
- 8:06Effekte, das alles hat schon einmal in der Kunst regiert,
- 8:10aber nicht in der Antike. Sondern in Zeiten, in denen
- 8:13neue, oft überladene Stilgesetze entstanden.
- 8:16Musik ist also ein Erbe der Religion, nicht der klassischen
- 8:20Antike, das bedeutet, je mehr wir uns von der Religion
- 8:23entfernen, desto mehr verlieren wir vielleicht auch den Zugang
- 8:26zu dieser Art von tiefer seelenvoller Musik, da sie im
- 8:30Grunde ein Nachhall religiöser Gefühle ist.