Latest / Pod und die Welt – Das außenpolitische Update / Was kann Diplomatie noch leisten? (mit Sabine Sparwasser)
Transcript
- 0:00Ich glaube, die größte Währung, die Diplomatie hat das Vertrauen.
- 0:04Macht gehört natürlich auch dazu, aber ich glaube, die wichtigste Währung ist Vertrauen.
- 0:10Markus Söder setzt auf die Wurst. Helmut Kohl, Schwor auf den Saumagen und Olaf Scholz
- 0:16versuchte es mit Fischbrötchen.
- 0:18Die Überzeugung dahinter ist klar, Diplomatie geht durch den Magen.
- 0:22Aber was kann Diplomatie in diesen Zeiten der Multiplen-Krisen und Kriege überhaupt noch leisten?
- 0:28Mit dieser Metafrage der internationalen Politik wollen wir uns in der heutigen Folge von POT und die Welt beschäftigen.
- 0:34Ich bin Marti Mieleki und ich bin Katharina Pitz. Schön, dass Sie zu uns gefunden haben.
- 0:40Die Diplomatie ist die Kunst des Verhandelns.
- 0:43Wenn man sich derzeit aber in der Welt umschaut, dann scheint es einem als Würde kaum noch verhandelt und stattdessen gleich eskaliert.
- 0:49Der Krieg in Naos, der Ukrainekrieg, die jüngste militärische Auseinandersetzung zwischen Indien und Pakistan
- 0:55oder auch die vom US-Präsidenten gestürten Zollkonflikte,
- 0:58diplomatische Gespräche wirken vor diesem Hintergrund wie fast wirkungslose Instrumente aus vergangenen Zeiten.
- 1:04Aber ist das wirklich so, welche Voraussetzungen brauchen gelungene diplomatische Gespräche?
- 1:10Und wie viel Diplomativ findet auch aktuell noch statt, jenseits der offenen Bühne?
- 1:14Diese und weitere Fragen können wir besprechen mit der früheren deutschen Botschafterin in Kanada, Sabine Sparwasser.
- 1:19Herzlich willkommen.
- 1:20Vielen Dank, dass ich da sein darf.
- 1:26Um mal positiv einzusteigen, gibt es aus ihrer Erfahrung, aus ihrer Erinnerung in den letzten Jahren ein leuchtendes Beispiel dafür, was Diplomatie erreichen kann.
- 1:36Eines der besten Beispiele, was Diplomatie erreichen konnte, war die Verhandlung der E3 mit dem Iran.
- 1:44Im Grunde war es eine ganz, ganz detaillierte und ganz intensive Verhandlung, die dazu führen sollte,
- 1:52dass die iranische atomare Auffrüstung gestoppt wurde.
- 1:56Und dafür sind die Nationen, die mitgemacht haben, Deutschland, Großbritannien, Frankreich und die USA,
- 2:03in jedes Detail mit dem Iran hineingegangen in der Verhandlung, um jede Möglichkeit auszuschöpfen,
- 2:11um Sicherheit zu schaffen und um eine Möglichkeit zu schaffen, zu überwahren.
- 2:16Dieses Abkommen war nie perfekt, aber es war ein Abkommen, was deutlich mehr Sicherheit für die Welt gegeben hat, deutlich zur Entspannung beigetragen hat.
- 2:26Und es war eine große, große Enttäuschung, als die Amerikaner 2018 in der ersten Amtszeit von Präsident Trump aus diesem Abkommen ausgeschlagen sind.
- 2:35Das heißt, das war eine klare Verhandlung, die zur Entspannung und zum Frieden beigetragen hat.
- 2:41Sie ist aufgelöst worden.
- 2:43Wir haben jetzt gesehen, es hat jetzt dazu beigetragen, dass nun die iranischen nuclear Anlagen bombardiert wurden.
- 2:50Wir haben ja am Anfang des Gesprächs ein paar Kriege und Konflikte aufgezählt.
- 2:54Da könnte man denken, dass eigentlich gar nicht mehr gesprochen wird, sondern Sie haben die Bombattierung gerade erwähnt, dass man lieber gleich die Waffen sprechen lässt.
- 3:02Es fragt sich trotzdem, ob das eigentlich so stimmt oder ob eigentlich auch aktuell jetzt in den Hinterzimmern und abseits der Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit mehr in Sachen Diplomatie passiert, als man gemeinhin so denkt.
- 3:16Sie haben den Krieg in der Ukraine erwähnt.
- 3:18Das ist ein Angrieckskrieg Russlands gegen die Ukraine.
- 3:22Aber natürlich selbst in diesem Angrieckskrieg gibt es Dialogkanäle, gibt es Gespräche.
- 3:28Wir hören immer mal wieder vom Austausch von Kriegsgefunden.
- 3:32Wir sehen immer mal wieder und jetzt zuletzt von amerikanischer Seite Ansätze für Friedensverhandlungen.
- 3:39Das heißt, die Gesprächskanäle guckt es weiterhin.
- 3:42Es gibt weiterhin Versuche zu überlegen, wie ein Schweigen der Waffen aussehen könnte, wie ein Weg in einen Frieden hinein aussehen könnte.
- 3:52Nun muss man aber sagen, ein Weg in einen nachhaltigen Frieden hinein, das muss auch ein fairer Frieden sein, es muss ein gerechter Friede sein.
- 4:01Und wir sehen jetzt im Moment doch eher eine Tendenz auf der amerikanischen Seite,
- 4:05russische Wünsche nach territorial Gewinn zu akzeptieren, die aber die ukrainischen Sicherheitsbedürfnisse in keiner Weise aufnimmt,
- 4:14also den ukrainischen Wunsch, der NATO beizutreten oder Sicherheitsgarantien zu haben.
- 4:19Das wird und kann nicht zu einem nachhaltigen Fähren und deshalb auch sicheren Lanken ihren Frieden führen.
- 4:26Insofern Verhandlungen ja, aber Verhandlungen müssen auch wirklich auf ein Ergebnis zielen, was nachher für alle ein gewisses Meer, eine Sicherheit bietet, für alle einen Gewinn bietet.
- 4:38Ja, es finde ich interessant, dass Sie das so ansprechen beim Ukrainekrieg, ein Angriffskrieg und selbst da gibt es aber trotzdem noch Gesprächskanäle.
- 4:46Was würden Sie denn sagen aus Ihrer Erfahrung heraus?
- 4:48Sie haben jahrelang Gespräche und Verhandlungen begleitet.
- 4:51Inwieweit bedingen sich auch Diplomatie und militärische Gewalt?
- 4:55Manche sagen, dass eine bedingt das andere, man kann gar nicht ohne einander sozusagen.
- 4:59Ist auch Diplomatie nur mit dem militärischen Gewaltmittel in der Hinterhand erfolgreich?
- 5:04Das ist etwas, was mich in Deutschland, im deutschen Kontext auch immer erstaunt.
- 5:09In Deutschland wird natürlich auch aus gutem Grund immer mehr Diplomatie gefordert.
- 5:14Das streben nach einer politischen Lösung, einer friedlichen Lösung.
- 5:17Und das hat natürlich auch mit unserer Vergangenheit zu tun und alles, was Waffen zum Schweigen bringt,
- 5:23wird bei uns als positiv empfunden und alles, was mit Waffen produzieren oder Waffen liefern zu tun hat,
- 5:30wird als Verlängerung von Leiden und Krieg empfunden.
- 5:33Das ist vom Gefühl her sicher verständlich, aber stimmt nicht immer.
- 5:37Denn wie wir eben gesagt haben, Frieden ohne Gerechtigkeit führt zu keiner nachreitigen Lösung.
- 5:43Und mit Verhandeln ist es ja oft nicht getan.
- 5:46Selbst wenn wir ein Verhandlungsergebnis haben, müssen wir es umsetzen, müssen wir es kontrollieren.
- 5:52Wie macht man das ohne den Einsatz von Macht in irgendeiner Form?
- 5:57Oder aber, wenn wir in einer Verhandlung keine wirksame Drohung, Androhung von Sanktionen,
- 6:05von gegebenenfalls auch militärischer Gewalt machen, dann können wir oft kein Verhandlungsergebnis erzeugen.
- 6:12Es wird in Deutschland oft verkannt, dass zum Beispiel die Ostpolitik von Willy Brandt
- 6:18entstanden ist vor dem Hintergrund einer deutlichen Aufrüstung Deutschlands.
- 6:23Also Deutschland hatte zu dem Zeitpunkt 3,5 Prozent der Sozialprodukt in militärischer Aufrüstung investiert.
- 6:32Das heißt, aus einer Position der Stärke war die Verhandlung und war der Aufbau von Vertrauen
- 6:39durchaus besser möglich als ohne das.
- 6:42Wenn ich das noch mal ein bisschen zuspitzen darf, Vorsprach, was da die aktuelle Debatte in Deutschland
- 6:47ist, Waffen oder Frieden, das ist ja sehr polarisiert.
- 6:50Das empfinden Sie auch so, gerade als Ex-Diplomaten?
- 6:53Ich finde das sehr polarisiert und wie gesagt auch sehr verständlichen Gründen.
- 6:57Der Gegensatz zwischen Militär und Diplomatie, der bei uns sehr im Bewusstsein steht,
- 7:03zeigt sich ja auch zum Beispiel in dieser Debatte, die in der SPD geführt wurde über dieses Manifest in der SPD.
- 7:09Sind wir für einen Frieden, der aus Stärke, auch aus militärischer Stärke gemacht wird?
- 7:16Oder wollen wir Dialog um jeden Preis?
- 7:19Und das sind wirklich schwierige Debatten, die zu führen sind.
- 7:23Aber aus meiner Erfahrung ist es tatsächlich so, dass man aus einer Position der Stärke
- 7:29doch die besseren Verhandlungsergebnisse erzielt.
- 7:31Ich glaube, es war auch Mark Obama, der gesagt hat, eine gewaltfreie Bewegung hätte Hitlers Armee nichts entgegensetzen können.
- 7:39Das heißt, manchmal braucht man die Stärke, um dann einen Frieden zu erzäulen.
- 7:44Wenn Sie sagen, aus einer Position der Stärke heraus,
- 7:51wir beobachten ja gerade, vor allem mit Blick auf US-Präsident Donald Trump,
- 7:55der so eine Strategie von die Macht des Stärkeren auch eigentlich umsetzt.
- 8:00Inwiefern beeinflusst das die diplomatischen Bemühungen?
- 8:03Und es funktioniert ja auch, muss man ja auch sagen bis zum bestimmten Punkt.
- 8:07Also dieses, das Recht des Stärkeren durchsetzen oder diese Diplomatie des Stilmähkungen,
- 8:13der Dominanz, auch der physischen Dominanz sozusagen, eine Art Shakedown-Diplomatie,
- 8:18bringt ja Resultate, sie hält alle in Atem, sie hält die Welt in den Schrecken, wenn man so will.
- 8:24Aber ich meine, niemand anders mit anderen Methoden hätte,
- 8:27wahrscheinlich das 5%-Ergebnis für die NATO nicht erreicht werden können.
- 8:33Das muss man durchaus so sehen.
- 8:34Mit dieser Art der Diplomatie müssen wir jetzt umgehen.
- 8:37Und wir alle haben jetzt beobachtet, wie zum Beispiel der NATO-Generalsekretär,
- 8:42der gerade wieder in Washington war, damit umgeht.
- 8:45Das heißt, mit einer gewissen Unterwerfung, mit viel Schmeichelei,
- 8:49das mag man nicht gerne sehen so zu diesem Punkt.
- 8:53Auf der anderen Seite ist es wahrscheinlich das, was im Moment erforderlich ist.
- 8:58Damit müssen wir wahrscheinlich leben.
- 9:00Auf der anderen Seite ist es die beste Methode, um auf Dauer für ein Land
- 9:06größeren Einfluss, größere Macht zu gewinnen.
- 9:09Also dieses Make America Great Again wird es auf Dauer am besten erzeugt,
- 9:16indem man mit dieser Methode, mit der Hammer-Methode quasi Diplomatie betreibt.
- 9:22Das war nicht zu bezweifeln.
- 9:24Ich sitze jetzt im Moment hier in Kanada.
- 9:26Kanada war der beste Freund der USA oder wir können auch das Beispiel Grönland nehmen.
- 9:31Die USA oder der US-Präsident hat beide mit Annexionsforderungen überzogen.
- 9:38Das hat sowohl in Grönland die Bevölkerung wie auch in Kanada
- 9:42die Bevölkerung maximal antagonisiert.
- 9:45Zuvor wäre es ein leichtes gewesen für die Amerikaner,
- 9:49viele neue Basen in Grönland zu haben.
- 9:52Wäre es ein leichtes gewesen für die Amerikaner,
- 9:55hier unsere Zusammenarbeit und tiefe Integration auch im Bereich Energie und Rohstoffe mit Kanada zu haben.
- 10:03So wie es jetzt ist, ist das Misstrauen enorm,
- 10:06ist die Bereitschaft, sich auf die Amerikaner zuzubewegen und einzulassen,
- 10:12viel, viel geringer geworden.
- 10:14Und so sehen wir das ja auch in vielen anderen Bereichen.
- 10:17Europa versucht sich unabhängiger zu machen.
- 10:19Die USA hatten wirkliche Superkräfte als Magnet für Talent in der Welt,
- 10:25als Softpower, die viele Menschen angezogen hat,
- 10:30viele Menschen auch gerettet hat und vielen Menschen auch das Gefühl gegeben hat,
- 10:35die Amerikaner unterstützen uns, also USA zum Beispiel.
- 10:39Das sind alles Superpower, die diese Politik, der Macht, der puren, reinen Dominanz und Machtausübung
- 10:46und nur das zu tun, was für ein Selbstgut ist.
- 10:49Jetzt unterminiert, das gilt auch für Handelsbeziehungen.
- 10:53Insofern, glaube ich, dauerhaft ist eine solche Politik abträglich und schadet, der Macht.
- 10:59Das heißt, wir sehen jetzt wahrscheinlich den Anfang von einem Abschluss.
- 11:03stieg der USA im internationalen? Lassen Sie uns doch einen Moment bei Donald Trump und den USA bleiben.
- 11:10Sie haben gerade gesagt, damit muss man leben, damit muss man irgendwie umgehen. Und es ist ja so,
- 11:15dass Trump eine eigene Social Media-Plattform hat, über die droht er anderen Staatschefs ganz direkt,
- 11:20er macht sich über sie lustig, ändert seinen Standpunkt die ganze Zeit und auch so sehr heiklend
- 11:25heben wie zu Waffenlieferungen oder zu Zöllen. Frage wie sehr belastet so was eigentlich die
- 11:31Arbeit von Diplomat*innen hinter verschlossen Türen? Sie haben ja langjährige Erfahrungen. Das
- 11:36stelle ich mir nicht so einfach vor. Ja, da hat sich viel im Ton geändert. Da hat sich sehr
- 11:41viel im Ton geändert. Und Diplomatie ist von der, sagen wir mal, vom Herkommen eher eine leise Kunst.
- 11:50Also man spricht miteinander nicht so viel übereinander. Und natürlich wird jetzt durch
- 11:56Truth oder Twitter oder Ex-Diplomatie und dieses Megafon wird es oft sehr erschwert,
- 12:03noch gute Lösungen und gesichtswahrende Lösungen für alle zu finden. Im Grunde ist ja das Win-Win,
- 12:08die große Kunst der Diplomatie. Also für alle etwas herauszuholen, etwas zu erzeugen,
- 12:15womit alle Seiten leben können, in Frieden legen können. Durch diese Art der Diplomatie wird
- 12:22ein Null-Summspiel erzeugt. Das heißt, einer muss gewinnen und er muss gesehen, dass er gewinnt.
- 12:27Und ich habe damals auch erlebt, wie sehr das schockiert, als Trumps erster Amtszeit war. Da
- 12:35ist er zum ersten G7-Gipfel nach Kanada gekommen, nach Lamal B. Es war damals dieser Gipfel, wo dann
- 12:41das Bild entstand, dass sie vielleicht alle auch noch im Kopf haben, wo Angela Merkel auf ihn
- 12:46einredet und wo sie so mit den Händen auf der Tischplatte nach vorne bräuchten, vor ihm steht
- 12:53und versucht ihn zu überzeugen. Also das war so ein Moment, das war sein erster Gipfel, wo die
- 12:59anderen Staatschefs probiert haben, ihn wirklich noch einzubinden und zu versuchen, mit ihm zusammen
- 13:06diesen G7-Prozess zu führen. Das war eine ganz lange Nacht der Verhandlungen. Am Ende kam ein
- 13:12Kommunikär raus. Donald Trump ist dann früher abgereist in sein Flugzeug gestiegen und hat
- 13:18aus dem Flugzeug dann mit einem Tweet das ganze Ergebnis dieses Gipfels zerschossen. Das sind
- 13:25natürlich Dinge, die kann man sich nicht vorbereiten, die kann man auch kaum noch einheben, sondern man
- 13:30muss einfach dann das aushalten mit dem Leben, was man bekommt und im Grunde versuchen, die Dinge
- 13:37zu kontrollieren, die man selbst kontrollieren kann. Sie haben jetzt, finde ich ganz schön, noch mal
- 13:42dieses Bild von Angela Merkel, die versucht irgendwie was auf der menschlichen Ebene auch
- 13:47zu erreichen, noch mal in Erinnerung gerufen. Ich habe am Anfang das aufgezählt mit Helmut Kohle
- 13:51und dem Saumarken. Also diplomativ passiert ja auch auf so einer menschlichen emotionalen Ebene,
- 13:56ihre Erfahrung nach, welche Voraussetzungen braucht es dafür, dass diese Ebene überhaupt gegeben
- 14:01ist oder gelingen kann. Ich glaube die größte Währung, die Diplomatie hat, ist Vertrauen. Macht
- 14:07gehört natürlich auch dazu, aber ich glaube die wichtigste Währung ist Vertrauen. Und das
- 14:13Vertrauen erzeugt man, indem man einander trifft, miteinander spricht, aber eben auch belastbar
- 14:20Vereinbarungen trifft und sich daran hält. Wenn man ständig seine Meinung ändert, ständig die
- 14:26Dinge wieder zerbricht, die man vereinbart hat, dann entsteht kein Vertrauen und vor allen Dingen
- 14:31dann entsteht in einem Machtgefälle, so wie es im Moment sehen auch in der Beziehung zu den USA,
- 14:37dann entsteht eigentlich großes Chaos. Und das ist für internationale Beziehung ebenso wie für
- 14:44jedes Unternehmen, für jede planbare Aktivität auf der Welt ist das Gift. Sie waren ja von 2015
- 14:56bis 2017 Sonderbeauftragte der Bundesregierung für Afghanistan und Pakistan. Sie haben also das
- 15:01diplomatische Engagement in Deutschland in diesen Ländern koordiniert. Nehmen Sie uns doch bitte
- 15:05mal ganz konkret mit, wie funktioniert denn der Austausch zwischen Vertreterinnen und Vertretern,
- 15:10die in Krisensituationen vor Ort sind, zwischen denen und der Bundesregierung in Berlin? Wie muss
- 15:16man sich das vorstellen? Wir hatten damals zwei Vertretungen. Wir hatten eine Botschaft in Kabul
- 15:22und ein Konsulat in Masari Sharif, wo auch ein großes Kontingent der Bundeswehr stationiert war.
- 15:28Wir hatten eigentlich einen täglichen ständigen Kontakt zwischen dem Lagezentrum im Auswärtigen
- 15:34Amt, zwischen den Fachreparaten, zwischen dem Auswärtigen Amt, aber natürlich auch zwischen
- 15:40der Bundeswehr und ihren Soldaten. Das heißt, da finden stetige Informationsflüsse statt. Ich
- 15:47erinnere aus dieser Zeit als besonders belastend und eigentlich auch dramatisch in vieler Hinsicht,
- 15:53dass uns damals unser Konsulat in Masari Sharif in die Luft besprengt worden ist und nur mit
- 15:59ganz großen Glück keiner von unseren Kolleginnen und Kollegen ums Leben gekommen ist. Das war
- 16:04sehr dramatisch. Das war eine sehr, sehr schwierige Zeit, sehr schwierige Entscheidung, die zu treffen
- 16:11waren. Am Ende, denke ich, haben wir zu spät gesehen, was nicht mehr möglich war und haben uns
- 16:17auch ein bisschen dem Wunschdenken ergeben, dass wir mit den Amerikanern zusammen reingegangen sind
- 16:24und wir würden nur mit den Amerikanern zusammen rausgehen. Also eine sehr schwierige, eine sehr
- 16:29gefährliche Situation auch für Sie vor Ort. Was hat das bei Ihnen ausgelöst mit dem Blick auf die
- 16:35Diplomatie? Gab es da Momente, wo Sie gedacht haben, irgendwie funktioniert die eben doch nicht immer
- 16:40oder haben Sie an Ihrer Mission gezweifelt? Ich habe sicher gezweifelt daran, ob wir wirklich noch
- 16:46das Richtige alles Richtige tun, weil es ja so offensichtlich allein durch diese Explosionen,
- 16:52diese Angriffe auf unseren Vertretungen, weil so offensichtlich da unsere Arbeitsbedingungen
- 16:57nicht mehr gegeben waren. Ich habe daran gezweifelt, ob wir unser Engagement nicht verändern müssten,
- 17:03aber das sind natürlich auch sehr, sehr große Tanker, die man da bewegt. Ich habe nie an der
- 17:08ganz großen Mission gezweifelt, dass wir unseren Alliierten da in dieser Situation nach einer Level
- 17:16auch Solidarität geschuldet haben. Haben wir die Mission zu groß und zu umfangreich angelegt?
- 17:22Waren wir zu ambitionieren? Das kann man alles diskutieren, aber die Tatsache, dass wir mit den
- 17:29Amerikanern damals solidarisch gewesen sind und diese Solidarität auch im Artikel 5 der NATO
- 17:36offeriert haben, das habe ich nie zweifelt. Es ist eine Zeit ganz, ganz großer Veränderungen. Ich
- 17:41greife nur drei Stichworte raus, Social Media, die Rolle der USA, die Art des Umgangs generell. Wenn
- 17:47Sie nach vorne gucken, vorsparen, welchen Rat würden Sie denn angehenden Diplomatinnen und
- 17:53Diplomaten an die Hand geben? Ich glaube, das größte Talent, dass junge Diplomatinnen und
- 17:59Diplomaten und alle anderen, die in die Welt hinausgehend haben müssen, ist Resilienz. Ist
- 18:06die Fähigkeit, diese großen Veränderungen anzunehmen und auch nach Niederlagen und schwierigen
- 18:11Situationen wieder zurückzuspringen? Ich glaube, es ist sehr viel härter geworden, der Druck ist
- 18:16härter geworden, auch durch Social Media, auch durch die Schnelllebigkeit, die wir erleben. Die
- 18:22Bedrohungen sind größer geworden, auch die Ängste, die Menschen haben, sind größer geworden. Das heißt,
- 18:27die Fähigkeit, sich selbst auch wieder zu beruhigen und wieder zu regenerieren, ist, glaube ich,
- 18:33eines der größten Talente. Ansonsten würde ich junge Leuten empfehlen, sich auch zu spezialisieren,
- 18:39zu versuchen, mehr zu verstehen. Das heißt, wir haben als Diplomaten eigentlich immer
- 18:45eingestellt nach dem Generalistenprinzip. Das habe ich schon damals, ich war zwischendrin auch mal
- 18:51Ausbildunggleiterin, das habe ich schon damals bezweifelt. Wir brauchen Leute, die auch sehr,
- 18:56sehr tief in der Lage sind, in so Dinge wie Technologien einzusteigen. Wir müssen verstehen,
- 19:02was kann Quantum Computing eigentlich leisten, auch damit wir es einbauen können und in unsere
- 19:10außenpolitischen Überlegungen oder wir müssen auch einsehen können, was zum Beispiel die
- 19:15ganzen Machtkonzentrationen in den Tech Companies bedeutet, auch für unsere außenpolitischen
- 19:22Überlegungen und dafür brauchen wir auch Leute, die spezialisiert sind. Das heißt, ich würde schon
- 19:27sagen, geht tiefer, lernt tiefer und spezialisiert euch durchaus in Gebieten, wo wir Kompetenzen
- 19:35brauchen. Sagt die ehemalige Diplomatin Sabine Sparwasser. Sie war Deutschlands Botschafterin
- 19:40in Kanada und Sonderbeauftragte für Afghanistan und Pakistan. Vielen Dank, Frau Sparwasser.
- 19:45Vielen Dank eben. Wenn wir wie immer am Ende einer Episode, das gerade gehörte nochmal kurz Revue
- 19:55passieren lassen, dann sind mir ein paar Dinge besonders im Gedächtnis geblieben, ein paar
- 19:59Formulierungen und Zusammenhänge. Einmal fand ich es sehr interessant, als wir da über die Wechselwirkung
- 20:04von Diplomatie und militärischer Gewalt gesprochen haben, nochmal diesen Punkt, dass ein Verhandlungsergebnis
- 20:10natürlich auch gesichert und kontrolliert werden muss. Das ist ja gerade im Fall der Ukraine
- 20:14auch so ein Knackpunkt, dass dann die Frage ist, selbst wenn man sich jetzt auf einen Frieden
- 20:18einigen würde, wer sichert diesen Frieden eigentlich, also welche militärischen Truppen. Ich fand
- 20:23schön die Formulierung die Diplomatie mit der Hammermethode, wie sie Donald Trump beschrieb und
- 20:28dass die eben langfristig ihrer Überzeugung nach nicht von Erfolg sein wird. Das werde ich
- 20:34gespannt beobachten, ob sie damit recht behält. Und ganz wichtig den Punkt, dass die größte
- 20:39Währung der Diplomatie Vertrauen ist. Das fand ich auch nochmal sehr wichtig, sich das vor Augen
- 20:43zu führen. Martin, wie ging's dir? Ich kann gar nicht so viel ergänzen, aber ein paar Begriffen,
- 20:48die ich ganz einigstvoll fand. Diplomatie ist die leise Kunst. Das fand ich eine sehr schöne
- 20:53Formulierung und dass die große Kunst eben dieses Win-Win, sei diese Situation herzustellen. Es ist
- 20:59viel härter geworden, hat Frau Sparwasser gesagt. Jemand, der da so lange dabei war in dem Betrieb,
- 21:04der kann das glaube ich wirklich beurteilen. Ich fand es angenehm, fand es immer angenehm,
- 21:08wenn jemand Rückblick nicht sagt, es doch alles Spitze gewesen, sondern auch durchaus Selbstkritik.
- 21:13Übte und sagt, ja, aber vielleicht nicht alles richtig. Und nach vorne gedreht, mit Blick auf
- 21:17nachfolgende Generationen, der fast drängende Rat spezialisiert euch, bohrt ganz tief rein,
- 21:22kümmert euch um die Themen wirklich, wirklich richtig tief. Das fand ich auch ziemlich eindrucksvoll.
- 21:28Das hat Spaß gemacht, das Gespräch. Die Resilienz, das fand ich noch einen wichtigen Punkt, die
- 21:31brauchen ja glaube ich nicht nur Diplomaten und Diplomaten. In der Tat in diesen Tagen. Wohl warm.
- 21:36Das war's für den Moment. Wir sind am Ende der heutigen Folge von "Pott und die Welt",
- 21:45die nächste Episode ihres außenpolitischen Updates hören Sie ab dem 31. Juli.
- 21:50Die nächste Folge wird dann die letzte vor einer kurzen Sommerpause sein. Wir freuen uns,
- 21:55wenn Sie wieder dabei sind. Jetzt erstmal vielen Dank fürs Zuhören. Ich bin Katharina Peetz.
- 21:59Und ich bin Martin Bielecki. Danke auch von mir und bis zum nächsten Mal.