Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 30
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- 0:01Kapitel 30 der Kriegsrat Anteos Küchentisch hatte jahrelang ein
- 0:06Stuhl zu viel gestanden. Es war marlenes Stuhl gewesen,
- 0:10der Vierte an einem Tisch für 4, an dem seit 3 Jahren nur noch
- 0:14einer Saß, und Theo hatte ihn nie weggestellt, hatte ihn dort
- 0:18gelassen, wo er immer gewesen war, leer, ein Möbel und ein
- 0:21Grab zugleich. An diesem Abend war der Stuhl
- 0:24besetzt, und nicht nur er. Theo hatte aus dem Schlafzimmer
- 0:28den Hocker geholt und aus dem Flur den wackligen Klappstuhl,
- 0:32den er für Gäste aufhob, die nie kamen und zum ersten Mal seit
- 0:35Marlenes Tod war der Tisch voll, voller, als er je gewesen war,
- 0:39und Theo, der am Kopfende saß, mit dem Tee, den er trinken
- 0:42durfte, und dem Blick auf die Versammelten, spürte etwas, das
- 0:46er sich nicht erlaubte zu benennen, weil es zu groß war
- 0:48für einen alten Mann mit einem reparierten Herzen.
- 0:52Lena saß zu seiner Rechten mit den ausgedruckten Seiten vor
- 0:55sich. Die Story, das, was nicht
- 0:56erschienen war, sie hatte 2 schwere Tage hinter sich, und
- 1:00man sah sie ihr an, die Schatten unter den Augen, die Vorsicht in
- 1:03den Bewegungen eines Menschen, der gerade gelernt hat, dass der
- 1:06Boden, auf dem er steht, dünner ist als gedacht, aber sie war
- 1:10hier, das war das entscheidende, sie war aufgestanden und
- 1:13hergekommen, und das Aufstehen, wusste, Theo, war oft der ganze
- 1:17Sieg. Ihr gegenüber saß der junge Mann
- 1:20Niklas steif fehl am Platz. Ein Mensch, der nicht gewöhnt
- 1:24war, an Tischen zu sitzen, an denen man ihn erwartete.
- 1:27Er hatte die Hände um eine Teetasse gelegt, die er nicht
- 1:30trank, und sah niemanden direkt an, und Theo erkannte den Typus,
- 1:34hatte ihn 40 Jahre lang in seinen Klassen gehabt, den
- 1:37Jungen, dem niemand je gesagt hatte, dass er klug war und der
- 1:40deshalb glaubte, er sei es nicht.
- 1:43Neben ihm ein wenig abseits, als gehöre sie noch nicht ganz dazu,
- 1:46saß Jasmin, die Pflegefachkraft mit dem schwarzen Heft auf dem
- 1:50Schoß, beide Hände darauf, als müsse sie es schützen.
- 1:54Theo kannte sie, sie hatte ihn gepflegt, nach dem Infarkt,
- 1:58hatte ihn aufgerichtet, als er glaubte, sein Körper habe ihn
- 2:01endgültig verraten, und jetzt saß sie an seinem Tisch und der
- 2:05Kreis, den das Schicksal um sie alle gezogen hatte, schloss sich
- 2:09ein weiteres Stück, und am Fußende, dem Kopfende gegenüber.
- 2:13Auf Marlenes altem Stuhl saß Halmstedt, der pensionierte
- 2:16Richter, Theos ältester Freund, mit den Händen, die ihm seit
- 2:20Jahren zitterten und die er auf der Tischplatte ruhen ließ,
- 2:23damit man es nicht sah. Er hatte die juristischen
- 2:26Unterlagen mitgebracht, dünn, sauber, geordnet, in einer
- 2:29Mappe, die er nicht öffnete, weil er den Inhalt auswendig
- 2:32kannte, also sagte Theo, und seine Stimme trug eine
- 2:36Festigkeit, die ihn selbst überraschte, dann fangen wir an.
- 2:40Er hatte sie zusammengerufen, jeden Einzelnen mit Anrufen, die
- 2:44ihn Kraft gekostet hatten, und er hatte nicht genau gewusst,
- 2:47was er tat, als er es tat, hatte nur gewusst, dass es getan
- 2:51werden musste, dass die Fäden, die einzeln in der Stadt
- 2:53herumlagen, jeder für sich zu schwach zusammengeführt werden
- 2:57mussten, an einen Tisch, in ein Zimmer, damit aus den einzelnen
- 3:00Schwächen eine Stärke wurde. Er war kein Stratege, er war ein
- 3:04alter Geschichtslehrer, der zu viel gelesen hatte über das, was
- 3:07geschieht, wenn die Anständigen vereinzelt bleiben.
- 3:10Aber er wusste genug, um zu wissen, dass dies der Moment
- 3:13war, der eine, an dem sich entschied, ob aus all dem etwas
- 3:17wurde oder nichts. Ihr kennt euch nicht, sagte er,
- 3:22die meisten von euch, aber ihr habt alle dasselbe gesehen, von
- 3:26verschiedenen Seiten und keiner von euch hat genug, um es allein
- 3:29zu beweisen. Das ist kein Zufall, das ist so
- 3:32gebaut, die Sache funktioniert nur solange die, die sie
- 3:35durchschauen, jeder für sich in seiner Ecke sitzen und denken,
- 3:38Sie seien verrückt oder allein. Heute Abend hören wir damit auf.
- 3:42Er sah in die Runde von Gesicht zu Gesicht und in jedem las er
- 3:45dasselbe unter den Unterschieden die Erschöpfung von Menschen,
- 3:48die zu lange etwas getragen hatten, das zu schwer war für
- 3:50einen allein. Jasmin hat die Fälle, sagte er,
- 3:54die Menschen, was auf den Stationen passiert, dokumentiert
- 3:57mit Namen, mit Daten, ärztlich, Niklas hat das, was sie gebaut
- 4:02haben, die verborgene Schicht fotografiert mit dem Namen des
- 4:06Dienstleisters. Lena hat die Zahlen, die nicht
- 4:09zur offiziellen Formel passen, und sie hat das Handwerk aus all
- 4:12dem eine Geschichte zu machen, die steht und Halmstedt Theo
- 4:17nickte zu seinem Freund am anderen Ende des Tisches,
- 4:20Halmstedt hat den Hebel, das Gesetz, an dem man die Sache
- 4:23aufhängt, wenn der Beweis erst öffentlich ist.
- 4:26Halmstedt räusperte sich, und als er sprach, war seine Stimme
- 4:30die eines Mannes, der ein Leben lang in Sälen gesprochen hatte,
- 4:33in denen jedes Wort zählte. Ich will eines klarstellen,
- 4:37bevor wir weitergehen, sagte er. Damit hier niemand mit falschen
- 4:40Hoffnungen aus diesem Zimmer geht, was wir hier haben, stürzt
- 4:43keine Regierung, es bringt keinen ins Gefängnis, jedenfalls
- 4:47nicht so schnell, wie sie es sich wünschen, was es kann, wenn
- 4:50alles hält, wenn der Beweis wasserdicht ist, wenn die
- 4:53Veröffentlichung sauber läuft, ist eines, es kann ein Gericht
- 4:56dazu bringen, die Durchführungsverordnung zu
- 4:58suspendieren, die verborgene Gewichtung.
- 5:01Den Teil, der die Menschen sortiert, nicht mehr, aber auch
- 5:05nicht weniger. Das reicht, sagte Jasmin Leise.
- 5:09Das Erste, was sie an diesem Abend sagte, und alle sahen sie
- 5:12an, sie hob den Blick von ihrem Heft, wenn die Verordnung weg
- 5:16ist, rutscht niemand mehr nach hinten, weil er alt ist oder
- 5:19krank oder von woanders, dann zählt wieder, wie dringend es
- 5:22ist und nicht, was einer Wert ist.
- 5:24Das reicht, das ist alles. Es wurde still am Tisch und in
- 5:29der Stille lag eine Zustimmung, die niemand aussprechen musste.
- 5:33Es klingelte, als sie gerade über das wie Sprachen, über den
- 5:36Weg zum Recherchebüro, und Theo sah auf die Uhr und dann zu Lena
- 5:40und in beiden Stand dieselbe Frage, denn sie erwarteten
- 5:43niemanden mehr, Lena ging zur Tür.
- 5:46Theo hörte das Öffnen, hörte eine Stimme, eine Frauenstimme,
- 5:50die er nicht kannte, knapp kontrolliert, mit einem
- 5:53Unterdrückten etwas darunter. Und dann kam Lena zurück und
- 5:57hinter ihr in der Tür des kleinen Zimmers, stand eine Frau
- 6:00Ende 40 in einer Jacke, die nach Arbeit aussah, mit einem
- 6:04Gesicht, in dem die Müdigkeit eine andere war als bei den
- 6:06übrigen, eine härtere, eine, die aus Zahlen kam und aus
- 6:10Verantwortung und aus zu vielen Jahren, in denen sie allein
- 6:13entschieden hatte. Das ist Carla Veit, sagte Lena,
- 6:16und in ihrer Stimme war etwas vorsichtiges, etwas ungläubiges,
- 6:20weil diese Frau die Quelle war, auf die sie gewartet und die sie
- 6:23schon aufgegeben hatte. Die Frau, die ihr die Tür
- 6:25zugeschlagen hatte, höflich, kühl vor Wochen, ich habe sie
- 6:30nicht, ich wusste nicht, dass sie kommt, ich wusste es selbst.
- 6:34Bis vor 2 Stunden nicht, sagte Carla Veit, sie blieb in der Tür
- 6:38stehen, sah die Runde an, die Gesichter, den vollen Tisch.
- 6:41Und Theo sah, wie sie rechnete, wie sie Abschätzte, in wen sie
- 6:45da hineingeraten war mit dem schnellen, misstrauischen Blick
- 6:48eines Menschen, der gelernt hat, jeden Raum zuerst auf seine
- 6:51Risiken zu prüfen. Eine Journalistin hat mir vor
- 6:54Wochen Fragen gestellt, die ich nicht beantworten wollte, ich
- 6:57habe sie weggeschickt, ich dachte, das sei das Klügste,
- 7:00eine Pause, ich rufe sie heute an, um zu sagen, dass ich doch
- 7:04reden will, und sie sagt mir, ich solle herkommen an diese
- 7:07Adresse, ich wusste nicht, dass es ein was ist, das hier.
- 7:12Ein Kriegsrat, sagte Theo, bevor er es sich verbieten konnte und
- 7:17zu seiner Überraschung zuckte etwas um Karla Waids Mund, das
- 7:20fast ein Lächeln war. Das erste Weiche in diesem
- 7:22harten Gesicht. Setzen Sie sich, sagte er, es
- 7:27ist noch ein Stuhl da. Sie setzte sich steif auf den
- 7:30wackligen Klappstuhl und legte eine Mappe vor sich auf den
- 7:33Tisch, eine dünne, und legte die Hand darauf sowie Jasmin, die
- 7:37Hand auf ihr Heft legte, dieselbe Geste, der Schutz
- 7:40dessen, was man trägt. Und dann erzählte sie knapp,
- 7:43ohne Umschweife in der nüchternen Sprache einer Frau,
- 7:46die Pathos verachtete, was sie hergebracht hatte.
- 7:49Sie erzählte von dem Auftrag, der ihre Firma gerettet hätte,
- 7:52von der Standortpartnerschaft, von der Datenklausel, die
- 7:56Belegschaftsdaten in das System speiste, von dem sie inzwischen
- 7:59wusste, was es war, von der Frist, die man ihr gesetzt
- 8:02hatte, Ende des Monats zur vollen Unterschrift.
- 8:05Von den 80 Leuten, die an ihrer Entscheidung hingen und davon,
- 8:09dass der amerikanische Kunde weggebrochen war und der
- 8:11Landauftrag wie die einzige Rettung gewirkt hatte.
- 8:14Die letzte offene Tür heute Mittag sagte sie, kam ein Anruf,
- 8:19die Bank, sie wollen wissen, wie es weitergeht, Sie wissen von
- 8:22der Frist, sie haben mir freundlich erklärt, dass sie
- 8:25eine Verlängerung meiner Linie ungleich leichter prüfen können,
- 8:28wenn die, sie haben es nicht so genannt, aber das war es, wenn
- 8:31die Partnerschaft mit dem Land steht, sie sah auf ihre Hände.
- 8:35Das heißt, alle wussten es. Die Bank wusste von der Frist.
- 8:39Die ganze Stadt hängt an demselben Faden und an dem Faden
- 8:42zieht eine Hand und sie haben unterschrieben, sagte Lena
- 8:46Leise, und es war keine Anklage. Es war die Frage eines Menschen,
- 8:49der das Schlimmste erwartet, weil er gelernt hat, es zu
- 8:52erwarten. Nein, sagte Carla Veit.
- 8:55Sie öffnete die Mappe, darin lag ein Vertrag, mehrere Seiten und
- 8:59über die Seiten zog sich quer in blauer Tinte, ein einziges Wort
- 9:03mit der Hand geschrieben und darunter ein Datum und eine
- 9:06Unterschrift. Theo konnte es von seinem Platz
- 9:08aus nicht lesen, aber er sah die Form, die Endgültigkeit des
- 9:11Strichs, und er wusste, was es war, bevor sie es sagte, ich
- 9:15habe gekündigt, sagte Carla Veit, den Auftrag heute
- 9:18Nachmittag, eine Stunde, nachdem die Bank angerufen hat.
- 9:22Ich habe es Ihnen schriftlich geschickt, dass ich die
- 9:24Standortpartnerschaft nicht unterschreibe und den
- 9:27Liefervertrag nicht verlängere. Beides, sie sah in die Runde und
- 9:32in ihrem Gesicht war keine Erleichterung, kein Triumph, nur
- 9:35die kalte Klarheit eines Menschen, der gerade etwas getan
- 9:38hat, das ihn vielleicht alles kostet.
- 9:41Ich weiß nicht, ob meine Firma das überlebt, wahrscheinlich
- 9:44nicht 80 Leute, ich habe es trotzdem getan.
- 9:48Und ich kann Ihnen nicht einmal gut erklären, warum, außer dass
- 9:51ich es nicht mehr ausgehalten habe, das Ding zu
- 9:53unterschreiben, das eine Frau umbringt, die für mich arbeitet.
- 9:57Oh Lena, sagte Theo Leise, weil er den Namen kannte von Lena,
- 10:02weil sich auch dieser Faden jetzt in das Gewebe legte, und
- 10:05Carla Veit sah ihn überrascht an, dass er ihn kannte und
- 10:08nickte knapp ein einziges Mal. Wenn ich schon untergehe, sagte
- 10:13sie dann nicht leise, dann will ich, dass es einen Sinn hat.
- 10:17Ich kenne den Vertrag, ich kenne die Klausel, ich weiß werden
- 10:20Index baut, weil meine Firma die Teile dafür liefert, geliefert
- 10:24hat. Ich kann bezeugen, wie das
- 10:25Geschäft funktioniert, von innen mit Namen, mit Daten, sie sah
- 10:30Lena an, sie wollten eine Quelle für den Bau, sie haben Sie.
- 10:35Mich und Theo, der am Kopfende saß und zusah, wie sich das
- 10:39letzte Stück einfügte, das letzte Bein, das die Geschichte
- 10:42vom Verdacht zur Gewissheit machte, spürte etwas in seiner
- 10:45Brust, das nicht sein krankes Herz war, sondern etwas älteres,
- 10:49fast vergessenes, etwas, das er für tot gehalten hatte, seit
- 10:53Marlene gestorben war und er angefangen hatte, im Stehen zu
- 10:56essen. Die schiere, ungläubige Wucht
- 10:59des Augenblicks. In dem fremde Menschen aufhören,
- 11:01fremd zu sein, weil sie sich entschieden haben, füreinander
- 11:05einzustehen. Er hatte in 40 Jahren vieles
- 11:07gesehen und gelehrt, hatte die großen Erzählungen weitergegeben
- 11:11von den Revolutionen und den Widerständen, den Helden, die
- 11:14man in Bücher schrieb, aber er hatte auch gelernt mit den
- 11:17Jahren, dass die Bücher Logen, nicht in dem, was sie sagten,
- 11:20sondern in dem, was sie wegließen.
- 11:22Dass der wirkliche Mut fast nie laut war, fast nie schön, dass
- 11:26er meist so aussah wie diese Frau auf dem wackligen
- 11:29Klappstuhl, müde, hart, ohne Pathos, eine, die nicht für eine
- 11:33Idee handelte und nicht für die Geschichte, sondern weil sie es
- 11:36eines morgens nicht mehr ausgehalten hatte, das Falsche
- 11:39zu tun. Das war die Sorte Mut, die in
- 11:42keinem Buch stand und die die Welt trotzdem bewegte,
- 11:45Zentimeter um Zentimeter gegen den Strom der Mut eines
- 11:48einzelnen Menschen, der gegen den eigenen Vorteil handelt,
- 11:51ohne dass jemand zusieht, ohne dass es sich lohnt, allein weil
- 11:55es richtig ist. Theo hatte ihn selten gesehen,
- 11:57so selten, dass er begonnen hatte, an ihm zu zweifeln.
- 12:01Jetzt saß er an seinem Tisch in einer Arbeitsjacke und
- 12:04unterschrieb mit blauer Tinte sein eigenes mögliches Ende.
- 12:07Danach ging es schnell auf die ruhige, sachliche Art, mit der
- 12:11wichtige Dinge geschehen, wenn sie endlich geschehen.
- 12:14Halmstedt legte den Weg dar mit der Genauigkeit eines Mannes,
- 12:17der 40 Jahre lang Urteile geschrieben hatte, die
- 12:20Veröffentlichung zuerst über das Recherchebüro gemeinnützig, ohne
- 12:25Anzeigenkunden, die man streichen, ohne Verleger, den
- 12:28man mürbe machen konnte. Lena würde den Text dorthin
- 12:31geben, mit allen Belegen, und das Büro würde ihn prüfen,
- 12:35juristisch absichern, drucken, online stellen.
- 12:38Und das war das Entscheidende an die überregionalen Häuser
- 12:41weiterreichen, die eine lokale Geschichte nicht recherchierten,
- 12:45aber gern übernahmen, wenn ein anderer das Risiko getragen
- 12:48hatte. Erst danach, wenn die verborgene
- 12:50Schicht öffentlich belegt war, kam der zweite Schritt, der
- 12:54juristische. Betroffene als Kläger und Theo
- 12:57sah, wie Niklas bei diesem Wort den Kopf hob, weil er Begriff,
- 13:01dass er einer war, dass seine tote Mutter ihm das Recht gab zu
- 13:04klagen. Ein Antrag auf Allrechtsschutz,
- 13:07eine Normenkontrolle gegen die Durchführungsverordnung, ein
- 13:10Gericht, das die verborgene Gewichtung suspendierte.
- 13:13Es ist eine Kette, sagte Halmstedt jedes Glied muss
- 13:17halten. Wenn die Veröffentlichung
- 13:19angreifbar ist, wenn ein einziger Beleg nicht trägt, dann
- 13:22nehmen sie uns auseinander und dann ist es schlimmer als
- 13:25vorher, weil ein verlorener Prozess das System panzert.
- 13:29Dann heißt es, es wurde geprüft, es war nichts dran, wir haben
- 13:33einen Versuch, einen, er muss sitzen, er sitzt, sagte Lena,
- 13:38und Theo hörte, dass ihre Stimme zurück war, die Feste, die er 2
- 13:41Tage lang nicht gehört hatte, die Stimme der Frau, die er
- 13:44großgezogen hatte, 3 Quellen, die einander nicht kennen.
- 13:47Eine Pflegekraft, ein Zeuge aus dem Inneren, eine Unternehmerin,
- 13:51die den Bau bezeugt, dazu die Statistik und die Akten, das
- 13:54hält, das hält vor jedem Gericht.
- 13:57Sie verabredeten das konkrete, die Termine, die Reihenfolge,
- 14:01wer was wann tat. Und während sie es taten,
- 14:04während die 5 fremden Menschen an seinem Küchentisch zu etwas
- 14:07wurden, das eine Aufgabe teilte, saß Theo am Kopfende und spürte
- 14:11zum ersten Mal seit langem die Zeit nicht als Feind, sondern
- 14:15als das, was sie war, knapp, denn das war die Wahrheit unter
- 14:19der Hoffnung, und er sprach sie aus, weil es seine Aufgabe war,
- 14:22der Älteste zu sein, der, der die unbequemen Dinge sagt.
- 14:26Wir haben nicht ewig, sagte er. Ich will, dass das jedem klar
- 14:29ist. Bevor er heute nach Hause geht.
- 14:31Die Regierung wird, sobald sie merkt, was kommt, alles tun, um
- 14:34es zu begraben, nicht laut. Sie schicken niemanden, das ist
- 14:37nicht ihre Art, aber sie haben Anwälte und Geduld und 1000
- 14:40Möglichkeiten, eine Sache verschwinden zu lassen, bevor
- 14:43sie greift. Olenas Status ist unsicher, das
- 14:46kann jederzeit kippen, und dann verlieren wir eine Zeugin und
- 14:50einen Menschen zugleich und ich. Er machte eine Pause und er
- 14:54sagte es ohne Selbstmitleid, nüchtern, wie man eine Tatsache
- 14:57sagt. Ich habe ein Herz, auf das kein
- 14:59Verlass mehr ist. Ich sage das nicht um Mitleid,
- 15:02ich sage es, damit niemand glaubt, wir hätten Zeit, wir
- 15:05haben Wochen, vielleicht, wir müssen schnell sein und wir
- 15:08müssen genau sein, und das ist ein Widerspruch, mit dem wir
- 15:10leben müssen, niemand sagte etwas.
- 15:13Aber Theo sah, wie es ankam, wie es sich in jedem festsetzte.
- 15:16Die Uhr, die jetzt für sie alle lief, und er sah auch, dass es
- 15:19sie nicht lähmte, sondern das Gegenteil, dass es sie
- 15:22zusammenschloss sowie eine gemeinsame Frist Menschen
- 15:25zusammenschließt, die sonst nichts teilen.
- 15:28Es war spät, als sie gingen, Jasmin zuerst zur Nachtschicht,
- 15:33das Heft wieder in der Tasche, und sie blieb an der Tür kurz
- 15:36stehen und sah Theo an. Und zwischen ihnen war das
- 15:39Wissen dessen, der den anderen einmal aus dem Schatten geholt
- 15:42hat, ein Wissen ohne Worte. Dann Niklas, der nicht wusste,
- 15:46wie man sich verabschiedet von Menschen, die einen aufgenommen
- 15:49haben und es mit einem knappen Nicken tat, an der Tür aber noch
- 15:52einmal stehen blieb und zu Lena sagte leise, dass er Aussagen
- 15:56werde mit Namen, dass ihm egal sei, was sie mit ihm machten.
- 16:01Dann Carla Veit, die ging, wie sie gekommen war, knapp
- 16:04kontrolliert, aber an der Tür drehte sie sich noch einmal um
- 16:07und sah in das Kleine, überfüllte Zimmer und in ihrem
- 16:10harten Gesicht war etwas, das Theo Verstand, weil er es
- 16:13kannte, das Staunen eines einsamen Menschen, der gerade
- 16:16entdeckt hat, dass er nicht der einzige ist.
- 16:18Halmstedt blieb am längsten, wie immer, und als auch er gegangen
- 16:22war mit seiner Mappe und seinen zitternden Händen, die er auf
- 16:24der Treppe am Geländer festhielt, blieben Theo und Lena
- 16:27allein zurück in der Küche, zwischen den leeren Tassen und
- 16:30den zusammengeschobenen Stühlen, dem vollen Tisch, der jetzt
- 16:33wieder leer war. Du hast das gemacht, sagte Lena,
- 16:36Du hast sie alle zusammengeholt, ich habe nur die Stühle
- 16:39hingestellt, sagte Theo, hingesetzt haben sie sich
- 16:43selbst. Sie standen einen Moment Vater
- 16:46und Tochter in der Küche, in der einmal 4 gesessen hatten und
- 16:49dann einer. Und an diesem Abend so viele.
- 16:51Und Theo ging zu der Schublade, in der er die Liste aufbewahrte,
- 16:55das alte Heft mit den leisen Verbesserungen, und er nahm es
- 16:58heraus, und er schrieb unter all die Jahre einen neuen Eintrag
- 17:02und diesmal ohne Fragezeichen. Zum ersten Mal seit langem ohne
- 17:05Fragezeichen, ein einziger Satz mit der Hand heute saßen 6
- 17:09Menschen an meinem Tisch, die einander nicht kannten, und
- 17:12beschlossen, dass es so nicht weitergeht.
- 17:15Er klappte das Heft zu und legte es auf den Tisch.
- 17:18Fuhr Lena nicht in die Schublade zurück und sie sah es an und sie
- 17:22verstand, dass das ein Anfang war, eine Geste, deren ganze
- 17:25Bedeutung erst später kommen würde.
- 17:28Draußen über der Stadt war der Herbsthimmel klar und kalt und
- 17:31irgendwo in den Plattenbauten und den sanierten Altbauten und
- 17:34den halbleeren Hallen schliefen die Menschen, die nichts von
- 17:37diesem Abend wussten und über ihnen in den dunklen Fenstern
- 17:41stand kein blaues Licht mehr, weil die Bildschirme aus waren,
- 17:44weil es Nacht war, aber in einer Küche. 3 Stockwerke hoch brannte
- 17:49noch Licht und an einem Tisch, der zu lange leer gewesen war,
- 17:52lag ein altes Heft mit einem neuen Eintrag.
- 17:55Und das war, dachte Theo, vielleicht nicht viel, gemessen
- 17:58an dem, was ihnen bevorstand an der Frist, an der Maschine, an
- 18:01seinem müden Herzen. Aber es war etwas, es war ein
- 18:05Fenster, das jemand geöffnet hatte und durch ein offenes
- 18:08Fenster kommt, früher oder später die Luft.