Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Ecce Homo - 2: Warum ich so klug bin. 2
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- 0:00Echse homo, wie man wird, was man ist.
- 0:03Kapitel 2 warum ich so klug bin Abschnitt 2 Nietzsche beginnt
- 0:11diesen Abschnitt damit, dass er einen direkten Zusammenhang
- 0:14zwischen der richtigen Ernährung und der Wahl des richtigen
- 0:16Wohnortes sowie des passenden Klimas herstellt.
- 0:20Für ihn sind der Ort und das Wetter keine unwichtigen
- 0:22Nebensächlichkeiten, er betont sehr deutlich, dass niemand
- 0:26wirklich die absolute Freiheit hat, einfach überall zu leben.
- 0:29Besonders Menschen, die im Leben große Aufgaben zu erfüllen
- 0:32haben, für die sie ihre gesamte Kraft benötigen, haben bei der
- 0:35Wahl ihres Wohnortes nur sehr wenig Spielraum.
- 0:39Der Grund dafür ist der enorme Einfluss, den das Klima auf den
- 0:42menschlichen Stoffwechsel hat, unter dem Begriff Stoffwechsel
- 0:46versteht man die Vorgänge im Körper, bei denen Nahrung
- 0:48verarbeitet und in körperliche Energie umgewandelt wird.
- 0:52Nietzsche ist der festen Überzeugung, dass das Klima
- 0:55diesen Stoffwechsel entweder stark abbremsen oder aber
- 0:58beschleunigen kann. Wenn ein Mensch den falschen Ort
- 1:02oder das falsche Klima wählt, kann das so weitreichende Folgen
- 1:05haben, dass er seiner eigentlichen Lebensaufgabe
- 1:08völlig entfremdet wird. Schlimmer noch, die falsche
- 1:11Umgebung kann dazu führen, dass ein Mensch seine wahre
- 1:14Bestimmung niemals überhaupt erst erkennt, ohne das richtige
- 1:18Klima, so erklärt Nietzsche, kann sich die animalische Vigor
- 1:22in einem Menschen niemals ausreichend entwickeln.
- 1:25Mit diesem Begriff der animalischen Vigor meint
- 1:28Nietzsche die rein tierische körperliche Lebenskraft und
- 1:31Energie. Nur wenn diese körperliche
- 1:34Grundenergie im Überfluss vorhanden ist, kann sie sich in
- 1:37die geistige Welt ergießen. Erst dieser Überfluss an Energie
- 1:40führt zu einer absoluten geistigen Freiheit in diesem
- 1:44Zustand höchster Freiheit erkennt ein Mensch dann voller
- 1:47Selbstbewusstsein, dass nur er allein fähig ist, bestimmte
- 1:50große Dinge zu leisten. Nietzsche geht sogar soweit zu
- 1:54sagen, dass schon eine Kleine, zur Gewohnheit gewordene
- 1:57Trägheit der Verdauung, also der Eingeweide, völlig ausreicht, um
- 2:02aus einem angeborenen Genie einen bloßen
- 2:04Durchschnittsmenschen zu machen. Unter dem Begriff Genie versteht
- 2:08Nietzsche dabei einen Menschen mit außergewöhnlicher
- 2:11schöpferischer und geistiger Überlegenheit, spöttisch
- 2:14bezeichnet er diesen Zustand der Mittelmäßigkeit als etwas
- 2:17typisch deutsches. Das deutsche Klima allein, so
- 2:21behauptet er. Ist deprimierend und schlecht
- 2:23genug, um selbst die stärksten und mutigsten körperlichen
- 2:26Anlagen eines Menschen zu entmutigen und zu schwächen.
- 2:29Für Nietzsche stehen der Körper und der Verstand in einer
- 2:32unzertrennlichen Verbindung, das Tempo des körperlichen
- 2:35Stoffwechsels bestimmt für ihn ganz genau, wie beweglich oder
- 2:39wie Lahm der Geist eines Menschen ist.
- 2:41Er formuliert hier den radikalen Gedanken, dass der sogenannte
- 2:44Geist. Also der menschliche Verstand
- 2:47und die Seele letztlich nichts anderes ist als eine bestimmte
- 2:50Ausdrucksform dieses körperlichen Stoffwechsels.
- 2:53Um diese Theorie zu beweisen, fordert Nietzsche seine Leser
- 2:56auf, sich die Orte auf der Weltflucht anzusehen, die immer
- 2:59wieder besonders geistreiche Menschen hervorgebracht haben,
- 3:03er meint Orte, an denen Witz, feiner Geschmack und eine
- 3:06gewisse freche Klugheit fast schon natürlicherweise zu Hause
- 3:10sind, er nennt hier als Beispiele berühmte Städte und
- 3:13Regionen wie Paris. Die Provence in Südfrankreich,
- 3:17Florenz, Jerusalem und Athen, all diese Orte haben laut
- 3:21Nietzsche eine entscheidende Gemeinsamkeit.
- 3:24Sie zeichnen sich durch eine hervorragend trockene Luft und
- 3:27einen klaren Himmel aus. Daraus schließt er, dass ein
- 3:30Genie absolut abhängig von trockener Luft ist.
- 3:33Denn trockene Luft sorgt für einen schnellen Stoffwechsel und
- 3:36ein schneller Stoffwechsel gibt dem Menschen die Möglichkeit,
- 3:39sich immer wieder riesige Mengen an Kraft und Energie zuzuführen.
- 3:43Nietzsche erzählt dann von einem Bekannten, den er vor Augen hat.
- 3:47Dieser Mann hatte eigentlich einen großartigen und freien
- 3:50Geist, aber weil ihm der feine Instinkt dafür fehlte, das
- 3:54richtige Klima für sich zu wählen, Verkroch er sich, wurde
- 3:57engstirnig, ein reiner Fachidiot und letztlich ein verbitterter
- 4:01Mensch. Nietzsche gibt offen zu, dass
- 4:04ihm selbst beinahe genau dasselbe Schicksal widerfahren
- 4:07wäre, was Nietzsche davor bewahrte, ein ebenso
- 4:10verbitterter Mensch zu werden. War paradoxerweise seine eigene
- 4:14schwere Krankheit. Diese Krankheit zwang ihn
- 4:17endlich dazu, vernünftig zu werden und über die Realität
- 4:20seines Körpers nachzudenken. Heute, so berichtet er, hat er
- 4:24durch lange Übung gelernt, die Auswirkungen von Klima und
- 4:26Wetter an sich selbst zu spüren, er vergleicht seinen Körper mit
- 4:30einem extrem feinen und zuverlässigen Messinstrument
- 4:34schon bei einer kurzen Reise zum Beispiel von Turin nach Mailand
- 4:37kann er die Veränderung der Luftfeuchtigkeit körperlich
- 4:40genau spüren. Und berechnen, wenn Nietzsche
- 4:43nun auf sein Leben zurückblickt, erfüllt es ihn mit Schrecken,
- 4:46dass er fast sein gesamtes Leben mit Ausnahme der letzten 10
- 4:50Jahre an völlig falschen Orten verbracht hat.
- 4:53Er nennt diese Orte regelrecht verboten für seine feine
- 4:56körperliche Natur. Naumburg, die Schule,
- 4:59schulpforter, die ganze Region, Thüringen, Leipzig und Basel,
- 5:04all dies waren für ihn Orte des Unglücks, weil das Klima dort
- 5:07überhaupt nicht zu seinem Körper passte.
- 5:10Er erinnert sich daran, dass er an seine gesamte Kindheit und
- 5:13Jugend keine einzige schöne Erinnerung hat.
- 5:16Aber er weigert sich strikt, dafür sogenannte moralische
- 5:20Gründe verantwortlich zu machen. Er glaubt zum Beispiel nicht,
- 5:24dass er unglücklich war, weil ihm die richtige Gesellschaft
- 5:26fehlte, er sagt, er hätte auch in schlechter Gesellschaft
- 5:29fröhlich und mutig sein Können, der wahre Grund für sein
- 5:33jahrelanges Unglück war einzig und allein seine tiefe
- 5:36Unwissenheit über seinen eigenen Körper.
- 5:38Diese lebensfeindliche Unwissenheit über den eigenen
- 5:41Körper nennt Nietzsche hier Idealismus.
- 5:44Unter dem Begriff Idealismus versteht er eine philosophische
- 5:48oder moralische Einstellung, die nur die Seele oder geistige
- 5:51Werte wichtig nimmt und die körperliche, physische Realität
- 5:54völlig ausblendet oder sogar verachtet.
- 5:58Dieser Idealismus war das eigentliche Verhängnis seines
- 6:00Lebens, er bezeichnet ihn als dumm und überflüssig.
- 6:04Als etwas, aus dem absolut nichts Gutes entstehen kann und
- 6:07für das es später im Leben auch keinen Ausgleich mehr gibt.
- 6:10Aus diesem fehlerhaften Idealismus heraus erklärt sich
- 6:13Nietzsche heute all die falschen Entscheidungen und großen Abwege
- 6:17in seinem Leben, die ihn von seiner wahren Aufgabe ablenkten.
- 6:22Zum Beispiel bereut er es sehr, dass er ausgerechnet Philologe
- 6:25geworden ist. Ein Philologe ist ein
- 6:27Sprachwissenschaftler, der sich vor allem mit alten Texten und
- 6:30Toten Sprachen beschäftigt. Nietzsche fragt sich im
- 6:34Nachhinein, warum er nicht wenigstens Arzt geworden ist
- 6:36oder einen anderen Beruf gewählt hat, der ihm die Augen für die
- 6:39Natur und den Körper geöffnet hätte.
- 6:42Besonders kritisch blickt er auf seine Zeit als Professorin Basel
- 6:45zurück, er beschreibt seinen damaligen Lebensstil und seine
- 6:49geistige Arbeit als einen völlig sinnlosen Missbrauch seiner
- 6:52außergewöhnlichen Kräfte, er hat seine Energie rücksichtslos
- 6:56verbraucht, ohne jemals darüber nachzudenken.
- 6:59Wie er seinem Körper diese verlorene Energie wieder
- 7:01zurückgeben könnte. Es fehlte ihm an einer gesunden
- 7:05Selbstfürsorge und an einem starken inneren Instinkt, der
- 7:08ihm befohlen hätte, auf sich aufzupassen.
- 7:10Stattdessen versuchte er, wie alle anderen zu sein, er vergaß,
- 7:14dass er als außergewöhnlicher Mensch Abstand zu anderen
- 7:17brauchte, er lebte in einer völlig falschen Selbstlosigkeit,
- 7:22der Begriff Selbstlosigkeit wird normalerweise als etwas Gutes
- 7:26verstanden, wenn man anderen hilft.
- 7:28Und sich selbst zurücknimmt. Für Nietzsche war diese
- 7:31Selbstlosigkeit in seinem Fall aber eine zerstörerische
- 7:34Schwäche, die er sich selbst niemals verzeihen kann.
- 7:37Am Ende dieses Abschnitts fasst Nietzsche zusammen, dass erst
- 7:40der völlige körperliche Zusammenbruch ihn zum Nachdenken
- 7:43brachte, weil er durch seine falsche Lebensweise fast am Ende
- 7:47seiner Kräfte war, begann er diesen schädlichen Idealismus
- 7:50und die große Unvernunft in seinem Leben zu hinterfragen, es
- 7:54war letztlich seine schwere Krankheit, die ihn aufweckte.
- 7:57Und ihn überhaupt erst zur wahren Vernunft brachte.