Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 3. Theil - 7 - Vom Vorübergehen
Transcript
- 0:00Also sprach Zarathustra ein Buch für alle und keinen dritter Teil
- 0:05Unterkapitel 7 vom Vorübergehen Zarathustra befindet sich auf
- 0:12dem Rückweg, er ist durch viele Städte und Menschenmengen
- 0:14gewandert und sehnt sich gierig danach, endlich wieder zu seinem
- 0:18Gebirge und in seine einsame Höhle zurückzukehren.
- 0:21Auf diesem Weg kommt er unversehens an das große
- 0:23Stadttor der sogenannten großen Stadt.
- 0:26Diese große Stadt steht bei Nietzsche sinnbildlich für die
- 0:29moderne, zivilisierte Gesellschaft.
- 0:32Es ist ein Ort der Oberflächlichkeit, des Lärms und
- 0:35des moralischen Verfalls, fernab von der reinen Natur und der
- 0:38geistigen Größe. Direkt am Tor springt ihm
- 0:41plötzlich ein schäumender Narr mit ausgebreiteten Armen
- 0:44entgegen und versperrt ihm den Weg, das Volk nennt diesen
- 0:48Narren den Affen zarathustras das Wort Affe verwendet
- 0:53Nietzsche hier ganz bewusst. Ein Affe ist ein Tier, das den
- 0:56Menschen nachahmt, ohne aber die Handlungen wirklich zu
- 0:59verstehen. Genauso ahmt dieser nach
- 1:02Zarathustra nach, er benutzt zarathustras kritische Worte, er
- 1:06übernimmt seinen Satzbau und gibt sich als weiser Richter
- 1:09über die Gesellschaft, aber er ist nur eine billige, hohle
- 1:12Kopie, ihm fehlt die tiefe Liebe zum Leben, die Zarathustras
- 1:16eigene Kritik antreibt. Der Narr beginnt sofort,
- 1:20Zarathustra eindringlich davor zu warnen, die große Stadt zu
- 1:23betreten. Er sagt, Zarathustra habe hier
- 1:26nichts zu suchen und werde hier alles verlieren.
- 1:30Er solle lieber vor das Stadttor spucken und umkehren.
- 1:33Der Narr beschreibt die Stadt in den schwärzesten und ekligsten
- 1:36Farben, er nennt sie einen Sumpf und die Hölle für alle tiefen
- 1:40einsiedlerischen Gedanken, große Gefühle würden hier zerkocht und
- 1:45nur noch klapperdürre kleine Gefühle blieben übrig, der Narr
- 1:49benutzt sehr starke, abstoßende Bilder, er spricht von den
- 1:53Schla. Schlachthäusern und Garküchen
- 1:55des Geistes damit meint er, dass der wahre, tiefe Intellekt in
- 1:59der modernen Gesellschaft getötet und zu leicht
- 2:02konsumierbarem Einheitsbrei verarbeitet wird.
- 2:04Er behauptet, dass die Seelen der Menschen in dieser Stadt wie
- 2:07schmutzige Lumpen herumhängen und dass aus diesen Lumpen sogar
- 2:10noch Zeitungen gemacht werden, hier formuliert Nietzsche eine
- 2:14sehr scharfe Kritik an der Massenpresse und den Medien
- 2:17seiner Zeit, die in seinen Augen nur schmutzigen Tratsch und
- 2:20oberflächliches Geschwätz. Also Wort Spüllicht verbreiten.
- 2:25Weiter schimpft der Narr über die Menschen in der Stadt, er
- 2:28sagt, sie hetzen einander, ohne zu wissen, wohin, sie suchen
- 2:32Wärme bei eisigen Geistern und sind alle süchtig nach der
- 2:36öffentlichen Meinung. Er prangert auch die
- 2:38scheinheiligen, braven Bürger an, er verspottet ihre
- 2:42angestellte Tugend, womit er meint, dass sie nur aus
- 2:45Gehorsam, Faulheit und dem Wunsch nach einer guten Position
- 2:48brav sind. Sie schleimen sich bei den
- 2:51Mächtigen und reichen ein, um selbst einen kleinen Vorteil zu
- 2:54erlangen. Sie alle beten das Geld an all
- 2:58das sei so widerlich, dass Zarathustra sofort umkehren und
- 3:02auf die Stadt spucken solle. Bis hierher klingt der Narr fast
- 3:06genau wie Zarathustra selbst. In seinen dunkelsten Momenten,
- 3:09doch Zarathustra reagiert völlig anders, als der Narr es
- 3:12erwartet, er stimmt ihm nicht zu.
- 3:15Stattdessen wird Zarathustra wütend, hält dem Schäumenden
- 3:18Narren den Mund zu und befiehlt ihm zu schweigen.
- 3:22Zarathustra sagt dem Narren, dass ihn diese Art zu reden nur
- 3:25noch anekelt er stellt ihm eine sehr entlarvende Frage, wenn
- 3:30diese Stadt wirklich ein so widerlicher Sumpf ist.
- 3:33Warum hat der Narr dann selbst so lange dort gelebt?
- 3:36Wer so lange im Sumpf lebt, so Zarathustra, der wird selbst zum
- 3:40Frosch oder zur Kröte, das bedeutet?
- 3:44Wer sich ständig nur im Schmutz der anderen wälzt und nur das
- 3:47Negative betrachtet, dessen eigenes Blut wird Faulig und
- 3:50schaumig. Zarathustra fragt ihn, warum er
- 3:53nicht in den Wald gegangen ist oder die Erde gepflügt hat, wenn
- 3:56ihn die Stadt so sehr anwidert. An dieser Stelle erklärt
- 4:00Zarathustra den entscheidenden Unterschied zwischen sich selbst
- 4:03und seinem Nachahmer zarathustras Verachtung für die
- 4:07Menschen entspringt einer großen Liebe.
- 4:10Er kritisiert den Menschen, weil er ihn überwinden will, hin zum
- 4:14Übermenschen. Der Übermensch ist bei Nietzsche
- 4:17die Vision eines zukünftigen Menschen, der frei von alten
- 4:20Moralvorstellungen ist, aus eigener Kraft neue Werte
- 4:23erschafft und das Leben absolut bejaht.
- 4:26Zarathustra verachtet also nur das Schwache, weil er das starke
- 4:30und große so sehr liebt, der Narr hingegen kritisiert nicht
- 4:33aus Liebe, Zarathustra deckt die wahren Motive des Narren auf.
- 4:38Der Narr schimpft und grunzt wie ein Schwein, weil die Menschen
- 4:41in der Stadt ihm nicht genug geschmeichelt haben.
- 4:44Seine Kritik entspringt nur seiner eigenen verletzten
- 4:47Eitelkeit, hier greift Nietzsche das Konzept des Ressentiments
- 4:51auf, Ressentiment beschreibt ein psychologisches Gift, es ist die
- 4:56tiefsitzende Feindseligkeit, der Neid und die Verbitterung von
- 4:59Menschen, die sich selbst unterlegen fühlen, weil sie
- 5:02selbst nichts Großes erschaffen können, machen sie alles andere
- 5:05schlecht. Zarathustra durchschaut diese
- 5:08Heuchelei. Er sagt dem Narren auf den Kopf
- 5:11zu, dass sein ganzes Schäumen und schimpfen nur Rache ist.
- 5:15Und selbst wenn der Narr mit seiner Beschreibung der Stadt
- 5:17inhaltlich recht hätte, so macht er durch seine giftige,
- 5:20rachsüchtige Art die Wahrheit selbst schlecht und
- 5:23unglaubwürdig. Zarathustra möchte nicht, dass
- 5:26seine Lehren von solchen verbitterten Menschen
- 5:28missbraucht werden, daher gibt Zarathustra dem Narren eine
- 5:31letzte, sehr berühmte Lehre mit auf den Weg, er sagt.
- 5:36Wo man nicht mehr lieben kann, da soll man vorübergehen.
- 5:40Dieser Satz ist die Kernaussage dieses Unterkapitels.
- 5:44Nietzsche zeigt hier, dass ewiges Nörgeln, Verbitterung und
- 5:48ein ständiges Wühlen im Schmutz der Gesellschaft die Seele
- 5:50zerstören, wenn man an einen Ort oder in eine Situation gerät,
- 5:54die so verdorben ist, dass man dort absolut nichts mehr finden
- 5:58kann, dass man lieben oder bejahen möchte, dann ist es
- 6:01falsch, stehen zu bleiben und Hass zu predigen.
- 6:05Der wahrhaft große und edle Mensch wendet sich ab.
- 6:08Er bewahrt seine eigene Reinheit und innere Ruhe, spart seine
- 6:12Energie für positive schöpferische Taten und geht
- 6:15einfach weiter. Genau das tut Zarathustra,
- 6:18nachdem er diese Worte gesprochen hat, geht er an dem
- 6:21Narren und an der großen Stadt einfach vorüber.