Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 2. Theil - 15 - Von der unbefleckten Erkenntniss
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- 0:00Unter Kapitel 15 von der Unbefleckten Erkenntnis
- 0:05Zarathustra beginnt dieses Kapitel mit einer Beobachtung
- 0:08des Himmels und nutzt diese für einen bildhaften Vergleich.
- 0:12Er erzählt, wie er am Abend zuvor den Mond aufgehen sah, der
- 0:16Mond wirkte so groß und rund, dass Zarathustra für einen
- 0:19Moment dachte, der Mond sei schwanger und würde bald eine
- 0:22Sonne gebären, doch er erkennt schnell, dass dies eine
- 0:25Täuschung ist. Der Mond bringt kein neues Leben
- 0:28hervor. Zarathustra nennt ihn einen
- 0:31Lügner, denn der Mond ist in Wirklichkeit kalt, unfruchtbar
- 0:34und schleicht wie ein scheuer Nachtschwärmer oder ein Kater
- 0:37über die Dächer. Er blickt zwar auf die Erde
- 0:40herab, aber er tut dies heimlich und voller Neid auf die echten
- 0:43Freuden und Leidenschaften des Lebens mit diesem Bild des
- 0:47Mondes meint Zarathustra eine ganz bestimmte Art von Menschen,
- 0:50die er die Reinerkennenden nennt, damit meint Nietzsche.
- 0:55Gelehrte, Wissenschaftler oder Philosophen, die behaupten, die
- 0:59Welt völlig objektiv, emotionslos und rein
- 1:02verstandesmäßig zu betrachten. Sie brüsten sich damit, eine
- 1:06unbefleckte Erkenntnis zu besitzen.
- 1:08Der Begriff Unbefleckte Erkenntnis bedeutet in diesem
- 1:11Zusammenhang den Versuch, die Welt ganz ohne eigenes wollen,
- 1:15ohne persönliche Gefühle und ohne menschliche Leidenschaften
- 1:18zu erforschen. Diese Menschen wollen wie ein
- 1:21Spiegel sein, der die Dinge nur passiv betrachtet.
- 1:23Ohne selbst in das Leben einzugreifen.
- 1:26Zarathustra greift diese Einstellung scharf an.
- 1:29Er nennt diese Gelehrten Heuchler und vergleicht sie
- 1:32direkt mit dem kalten Mond, er durchschaut sie und sagt ihnen
- 1:35ins Gesicht, dass ihre angebliche Reinheit nur eine
- 1:38Lüge ist. In Wahrheit haben auch sie ein
- 1:41starkes Verlangen nach dem irdischen Leben, aber sie
- 1:44schämen sich dafür, sie haben ein schlechtes Gewissen
- 1:47gegenüber ihren eigenen natürlichen Trieben.
- 1:50Nietzsche verwendet hier oft das derbe Wort Eingeweide, um die
- 1:53tiefsten Instinkthaften und körperlichen Bedürfnisse des
- 1:57Menschen zu beschreiben. Die Reinerkennenden haben
- 2:00gelernt, ihren eigenen Körper und die Erde zu verachten, doch
- 2:03ihre körperlichen Triebe sind nach wie vor das Stärkste in
- 2:05ihnen, aus Scham über diese Triebe verstecken sie sich
- 2:09hinter großen, edlen Worten. Diese Gelehrten reden sich
- 2:13selbst ein, es sei der höchste Zustand des Geistes, das Leben
- 2:16ohne jegliches Begehren anzuschauen.
- 2:19Sie wollen die Welt mit einem quasi abgestorbenen Willen
- 2:22betrachten, ohne selbstsüchtig danach zugreifen.
- 2:25Sie nennen dieses Entmannte Feige, beobachten
- 2:28Beschaulichkeit und bezeichnen es als schön.
- 2:32Zarathustra sagt jedoch, dass sie die wahren Begriffe von
- 2:34Unschuld und Schönheit völlig verdrehen.
- 2:37Für Zarathustra gibt es keine echte Erkenntnis ohne
- 2:40Leidenschaft, er erklärt, was wahre Unschuld ist.
- 2:44Unschuld findet sich dort, wo der Wille zur Erschaffung neuen
- 2:47Lebens vorhanden ist. Den reinsten Willen hat für ihn
- 2:50der Mensch, der den tiefen Wunsch hat, etwas zu erschaffen,
- 2:53das über ihn selbst hinausgeht und wahre Schönheit bedeutet für
- 2:57ihn nicht das passive beobachten, sondern ein starkes
- 3:01wollen. Wer etwas als schön empfindet,
- 3:03der muss es mit seinem ganzen Willen begehren, der muss lieben
- 3:06und bereit sein für diese Liebe auch unterzugehen, damit das
- 3:10erträumte Bild Wirklichkeit wird, weil den Reinerkennenden
- 3:13dieser Mut und diese Lebenskraft fehlen, verläumten sie das
- 3:16Begehren an sich. Sie haben nicht die Kraft für
- 3:19echte Leidenschaft, also erklären sie die
- 3:22Leidenschaftslosigkeit zur höchsten Tugend.
- 3:25Zarathustra verflucht diese Einstellung, er prophezeit
- 3:28Ihnen, dass sie niemals etwas Neues oder Großes hervorbringen
- 3:31werden, selbst wenn Sie sich noch so sehr mit edlen Worten
- 3:35aufblasen und wie der Mond schwanger wirken, sie betrügen
- 3:38sich selbst, wenn sie glauben, dass ihre distanzierte Haltung
- 3:41von Wahrheitsliebe zeugt. In Wahrheit versteckt sich
- 3:44hinter ihrer Maske der Göttlichkeit und Reinheit nur
- 3:47ein kranker, ekelhafter Geist als Gegenbild zum kalten Mond
- 3:52und den falschen Gelehrten beschreibt Zarathustra am Ende
- 3:55des Kapitels die aufgehende Sonne.
- 3:58Der Tag bricht an und beendet die Täuschung der Nacht, die
- 4:01Sonne kommt nicht kalt und distanziert wie der Mond,
- 4:04sondern glühend und voller Liebe zur Erde.
- 4:07Diese Sonnenliebe ist für Zarathustra das Sinnbild für die
- 4:10wahre Schöpferkraft und die wahre Erkenntnis.
- 4:14Die Sonne schaut nicht nur passiv auf das Meer hinab, sie
- 4:17kommt mit einem brennenden Durst.
- 4:20Sie will das Meer anziehen, sie will die Tiefe in die Höhe
- 4:23saugen, durch die Kraft der Sonne beginnt das Meer förmlich
- 4:26zu atmen und sich ihr Entgegenzustrecken, als würde es
- 4:29mit 1000 brüsten der Sonne entgegenkommen, um von ihr
- 4:33geküsst und aufgesaugt zu werden.
- 4:35Das Wasser will selbst zu Licht und Höhe werden Zarathustra
- 4:39schließt mit den Worten, dass er das Leben.
- 4:41Und die tiefen Meere genauso liebt wie die Sonne es tut.
- 4:45Für ihn bedeutet wahre Erkenntnis genau das, er will
- 4:48alles, was tief verborgen und irdisch ist, ans Licht holen und
- 4:52zu seiner eigenen Höhe hinaufziehen.
- 4:55Echte Erkenntnis ist für ihn also kein Kaltes Beobachten,
- 4:58sondern ein leidenschaftlicher aktiver Prozess, der das Leben
- 5:02umarmt und Emporhebt.