Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Viertes Hauptstück - 201-209
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- 0:00Unterkapitel 201 schlechte Schriftsteller notwendig
- 0:05Nietzsche verteidigt hier die Existenz von schlechten
- 0:08Schriftstellern. Er sagt, dass es sie geben muss,
- 0:11weil sie einer bestimmten Zielgruppe entsprechen.
- 0:14Es gibt immer Menschen, die noch unentwickelt und unreif sind,
- 0:18Nietzsche nennt das unreife Altersklassen, diese Menschen
- 0:22haben genauso ein Bedürfnis nach Lesestoff wie die Reifen und
- 0:25gebildeten Menschen. Würden die Menschen sehr alt
- 0:28werden, wären die Reifen vielleicht in der Mehrheit, aber
- 0:31da die meisten Menschen jung sterben oder geistig jung
- 0:33bleiben, gibt es immer viel mehr unentwickelte Köpfe mit
- 0:36schlechtem Geschmack. Diese unreifen Leser verlangen
- 0:40mit großer Heftigkeit nach Befriedigung ihrer Bedürfnisse,
- 0:43sie wollen Bücher, die sie verstehen und die ihrem
- 0:46Geschmack entsprechen und genau deshalb erzwingen sie sich die
- 0:49Existenz von schlechten Autoren, die genau das liefern.
- 0:53Schlechte Bücher sind also notwendig, um die Bedürfnisse
- 0:55der breiten Masse zu stillen. Unterkapitel 202 zu nah und zu
- 1:02fern hier beschreibt Nietzsche ein Missverständnis zwischen dem
- 1:07Autor und dem Leser, das oft vorkommt.
- 1:10Der Autor kennt sein Thema meistens extrem gut, er hat sich
- 1:14lange damit beschäftigt, deshalb erscheinen ihm viele Details und
- 1:17Beispiele langweilig, weil er sie schon hunderte Male
- 1:20durchdacht hat. Er lässt diese Beispiele dann
- 1:23beim Schreiben weg, weil er denkt, das sei alles
- 1:25selbstverständlich. Er ist zu nah an seinem Thema
- 1:29der Leser hingegen ist dem Thema zu fern, ihm fehlt das
- 1:33Hintergrundwissen, wenn der Autor nun die Beispiele
- 1:36weglässt, findet der Leser die Aussagen des Autors schlecht
- 1:39begründet, er kann dem Gedankengang nicht folgen, das
- 1:43Ergebnis ist, dass der Leser den Text nicht versteht oder
- 1:46ablehnt, einfach weil der Autor vergessen hat.
- 1:49Dass der Leser nicht denselben Wissensstand hat wie er selbst.
- 1:54Unterkapitel 203 eine verschwundene Vorbereitung zur
- 1:58Kunst Nietzsche blickt hier zurück auf die alte
- 2:02Schulbildung, das Gymnasium und lobt etwas, das zu seiner Zeit
- 2:06bereits verloren ging. Die Übung im lateinischen Stil.
- 2:10Er sagt, früher war es das Wertvollste am Gymnasium, dass
- 2:13man lernte, Latein gut und stilvoll zu schreiben, das war
- 2:16eine reine Kunstübung. Es ging dabei nicht so sehr um
- 2:19den Inhalt, also um das Wissen, sondern um die Form, also wie
- 2:23man etwas ausdrückt. Man bekam einen Inhalt
- 2:26vorgegeben und musste ihn auf verschiedene elegante Arten
- 2:29darstellen. Nietzsche kritisiert, dass man
- 2:32stattdessen den deutschen Aufsatz in den Mittelpunkt
- 2:34gestellt hat, er nennt das Barbarei, warum, weil es für den
- 2:40deutschen Aufsatz kein Festes, strenges Vorbild gibt, wie es
- 2:44das für Latein gab. Wenn man Schüler zwingt, im
- 2:47deutschen Aufsatz selbstständig über Inhalte nachzudenken und
- 2:50diese darzustellen, vermischt man das Denken mit dem
- 2:53darstellen. Die alte Übung im Lateinischen
- 2:56Schulte das Gefühl für Sprache, für Feinheiten und für das
- 3:00Gehör. Nietzsche glaubt, dass jeder,
- 3:03der früher gut in einer modernen Sprache schreiben konnte, das
- 3:06dieser strengen lateinischen Schulung verdankte, man lernte
- 3:09dort, wie schwierig und hochstehend eine gute Form ist.
- 3:13Heute, so meint er. Fehlt diese Vorbereitung auf die
- 3:16Kunst des Schreibens? Unterkapitel, 204, Dunkles und
- 3:22Überhelles nebeneinander in diesem kurzen Abschnitt
- 3:26kritisiert Nietzsche Schriftsteller, die nicht klar
- 3:29denken oder schreiben können, Autoren, die nicht in der Lage
- 3:32sind, ihre Gedanken deutlich und verständlich zu formulieren,
- 3:35greifen oft zu einem Trick, sie benutzen im Detail extrem starke
- 3:40Wörter, Übertreibungen und sogenannte Superlative.
- 3:44Das sind Wortformen wie das Größte, das Schlimmste, das
- 3:48Allerheiligste. Nietzsche vergleicht den Effekt,
- 3:51der dabei entsteht, mit einer Fackelbeleuchtung in einem Wald.
- 3:55Es gibt Bereiche, die extrem hell und grell beleuchtet sind,
- 3:58durch die starken Worte aber direkt daneben ist alles dunkel
- 4:01und unklar, weil der eigentliche Gedanke wirr ist.
- 4:04Es fehlt die gleichmäßige, klare Beleuchtung, es ist ein
- 4:07Stilmittel, um Schwächen im Denken zu vertuschen,
- 4:11Unterkapitel 205. Schriftstellerisches Malertum
- 4:17zum Schluss dieses Abschnitts spricht Nietzsche darüber, wie
- 4:20man einen Gegenstand oder eine Sache am besten beschreibt.
- 4:24Er nennt das Malertum, meint aber das Schreiben.
- 4:28Er sagt, wenn man etwas Bedeutendes darstellen will,
- 4:31soll man nicht einfach seine eigene Farbe darüber pinseln,
- 4:34stattdessen soll man wie ein Chemiker vorgehen, man soll die
- 4:38Farben, also die Eigenschaften und das Wesen.
- 4:42Aus dem Gegenstand selbst herausnehmen, dann soll man
- 4:46diese gewonnenen Eigenschaften wie ein Künstler verwenden, um
- 4:49das Bild zu malen. Das Ziel ist, dass die
- 4:52Beschreibung so wirkt, als würde sie direkt aus dem Gegenstand
- 4:55herauswachsen, die Grenzen und Übergänge sollen natürlich
- 4:58wirken, auf diese Weise bekommt die Beschreibung etwas von dem
- 5:02hinreißenden Naturelement des Gegenstandes selbst.
- 5:05Man zwingt dem Gegenstand keinen fremden Stil auf, sondern lässt
- 5:09ihn in seinem eigenen Wesen leuchten.
- 5:12Unterkapitel 206 Bücher, welche Tanzen, Lehren in diesem
- 5:19Abschnitt beschreibt Nietzsche eine bestimmte Art von
- 5:21Schriftstellern und deren Werke. Er spricht von Autoren, die in
- 5:25ihren Büchern Dinge darstellen, die eigentlich unmöglich sind,
- 5:29sie aber so beschreiben, als wären sie möglich.
- 5:32Diese Schriftsteller behandeln Themen wie Moral oder Genialität
- 5:36nicht als starre Gesetze, sondern als etwas Spielerisches,
- 5:39als eine bloße Laune. Oder ein freies Belieben?
- 5:43Nietzsche sagt, dass solche Bücher beim Leser ein ganz
- 5:46besonderes Gefühl erzeugen, ein Gefühl von Übermütiger Freiheit.
- 5:50Er vergleicht dieses Gefühl mit dem körperlichen Zustand, wenn
- 5:54ein Mensch sich auf die Zehenspitzen stellt und vor
- 5:56lauter innerer Freude tanzen möchte.
- 5:59Diese Bücher lehren den Geist, also sich leicht und frei zu
- 6:02bewegen, anstatt schwerfällig und ernst zu sein, sie bringen
- 6:06eine spielerische Leichtigkeit in das Denken.
- 6:09Unterkapitel 207 nicht fertig gewordene Gedanken Nietzsche
- 6:16vergleicht hier die Entwicklung von Gedanken mit den
- 6:18Lebensphasen eines Menschen. Er sagt, dass wir nicht nur das
- 6:22Erwachsenenalter wertschätzen sollten, auch die Jugend und die
- 6:25Kindheit haben einen eigenen Wert und sind nicht bloß
- 6:28Übergänge oder Brücken zum Erwachsensein, genauso verhält
- 6:31es sich mit Gedanken, auch Gedanken, die noch nicht fertig
- 6:34sind, die noch nicht vollständig zu Ende gedacht wurden, haben
- 6:38ihren eigenen Wert. Deshalb sollte man dichter nicht
- 6:41damit quälen, ihre Werke bis ins kleinste Detail auszulegen oder
- 6:45zu erklären. Man sollte sich stattdessen
- 6:47daran erfreuen, dass der Horizont des Dichters noch
- 6:50unsicher und offen ist. Es ist so, als stünde der Weg zu
- 6:53vielen verschiedenen Gedanken noch offen, Nietzsche nutzt hier
- 6:57ein schönes Bild, man steht an der Schwelle wie bei einer
- 7:00Schatzsuche, kurz bevor man einen tiefsinnigen Fund macht,
- 7:04der Dichter nimmt dabei einen Teil der Freude vorweg.
- 7:07Die ein Denker hat, wenn er einen Hauptgedanken findet.
- 7:10Dadurch macht der Dichter uns Begehrlich nach diesem Gedanken,
- 7:14aber der Gedanke selbst gaukelt nur an uns vorbei, er zeigt uns,
- 7:18wie ein Schmetterling seine schönsten Flügel entwischt, uns
- 7:22dann aber doch, das bedeutet, der Reiz liegt gerade darin,
- 7:26dass der Gedanke nicht starr und fertig ist, sondern flüchtig und
- 7:29schön. Unterkapitel 208 das Buch Fast
- 7:35zum Menschen geworden. Nietzsche beschreibt hier die
- 7:39Überraschung, die jeder Schriftsteller erlebt, wenn er
- 7:41ein Buch fertiggestellt und veröffentlicht hat.
- 7:44Sobald das Buch geschrieben ist, löst es sich von seinem Autor,
- 7:48es beginnt, ein eigenes Leben zu führen, Nietzsche vergleicht
- 7:51dies mit einem Insekt, von dem ein Teil abgetrennt wurde und
- 7:54nun eigenständig weiterläuft, der Autor vergisst das Buch
- 7:58vielleicht fast ganz, er entwickelt sich weiter und
- 8:01erhebt sich möglicherweise sogar über die Ansichten, die er in
- 8:04dem Buch aufgeschrieben hat. Vielleicht versteht er sein
- 8:07eigenes früheres Werk gar nicht mehr und hat die geistigen
- 8:10Schwingen verloren, auf denen er damals flog, als er das Buch
- 8:13erdachte. Während der Autor sich also
- 8:15verändert, sucht sich das Buch seine eigenen Leser, es
- 8:19entzündet bei diesen Lesern neues Leben, es macht sie
- 8:22glücklich oder erschreckt sie, es sorgt dafür, dass neue Werke
- 8:25entstehen, das Buch wird zur Seele von neuen Vorsätzen und
- 8:29Handlungen bei anderen Menschen, kurz gesagt.
- 8:33Das Buch lebt weiter wie ein Wesen, das Geist und Seele hat,
- 8:37obwohl es doch kein Mensch ist. Nietzsche spricht dann vom
- 8:40glücklichsten los, das ein Autor haben kann.
- 8:43Das ist der Fall, wenn ein Autor als alter Mann sagen kann, dass
- 8:47alles gute, Kräftigende und erhebende, was einst in ihm war,
- 8:51nun in seinen Schriften weiterlebt.
- 8:54Er selbst ist im Alter nur noch wie graue Asche, aber das Feuer
- 8:57seines Geistes wurde gerettet und wird überallhin
- 9:00weitergetragen. Wenn man bedenkt, dass jede
- 9:03Handlung eines Menschen und jedes Buch Anlass zu neuen
- 9:06Handlungen und Gedanken gibt, erkennt man eine wirkliche
- 9:09Unsterblichkeit. Das ist die Unsterblichkeit der
- 9:12Bewegung, was einmal bewegt wurde, bleibt im großen
- 9:15Zusammenhang aller Dinge bestehen, wie ein Insekt, das
- 9:18für immer in Bernstein eingeschlossen ist.
- 9:21Unterkapitel 209 Freude im Alter.
- 9:27In diesem kurzen Abschnitt beschreibt Nietzsche die Gefühle
- 9:30eines Denkers oder Künstlers im Alter.
- 9:33Wenn ein solcher Mensch seine besten Ideen und sein Bestes
- 9:35selbst in seine Werke geflüchtet hat, also seine Arbeit
- 9:39vollbracht hat, empfindet er eine fast boshafte Freude beim
- 9:42Älterwerden, er sieht zu, wie sein Körper und sein Geist
- 9:46langsam von der Zeit zerstört und zerbrochen werden, aber das
- 9:50macht ihm nichts aus. Es ist für ihn so, als würde er
- 9:54aus einem sicheren Winkel heraus einen Dieb beobachten, der
- 9:57versucht, seinen Geldschrank aufzubrechen.
- 10:00Der Künstler weiß aber, dass der Geldschrank leer ist, weil alle
- 10:03Schätze bereits gerettet und in seinen Werken sicher sind.