Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 5 - 361-365
Transcript
- 0:00Unterkapitel 361 Formprobleme des Schauspielers in diesem
- 0:06Kapitel beschäftigt sich Nietzsche mit dem Schauspieler.
- 0:09Damit meint er nicht nur den Beruf auf der Bühne, sondern
- 0:12einen bestimmten Menschentyp, der in der modernen Welt immer
- 0:16häufiger wird. Der Schauspieler ist für
- 0:18Nietzsche jemand, der eine Falschheit besitzt, für die er
- 0:21sich nicht schämt, sondern die er mit gutem Gewissen lebt, er
- 0:25hat Freude daran, sich zu verstellen, in verschiedene
- 0:28Rollen zu schlüpfen. Und seine Masken zu wechseln.
- 0:31Er ist ein Meister der Anpassung.
- 0:34Nietzsche fragt sich, woher dieser Instinkt kommt, er
- 0:37vermutet, dass er aus den unteren Schichten der
- 0:39Gesellschaft stammt, aus Familien, die über Generationen
- 0:42hinweg unter Druck und in Abhängigkeit leben mussten, um
- 0:46zu überleben, mussten sie sich ständig anpassen, sich nach der
- 0:49Decke strecken und immer wieder neue Rollen spielen, um ihren
- 0:52Herren zu gefallen, sie wurden zu meistern der Mimikri sowie
- 0:56Tiere, die sich tarnen, um zu überleben.
- 0:59Dieser Instinkt, so Nietzsche, wird irgendwann so stark, dass
- 1:02er sich nicht mehr nur zum Überleben einsetzt, sondern zu
- 1:05einer Art Kunst wird. So entstehen die Künstler, die
- 1:09Gaukler, die Spaßmacher, die Dichter auch in den höheren
- 1:14Gesellschaftsschichten entwickelt sich dieser Instinkt,
- 1:16zum Beispiel beim Diplomaten, der ebenfalls verschiedene
- 1:19Rollen spielen muss. Das Problem, dass Nietzsche
- 1:22sieht, ist, dass in der modernen Zeit fast jeder Mensch zu einem
- 1:26Schauspieler wird. Wir entdecken, wie sehr wir
- 1:28Rollen spielen und wie anpassungsfähig wir sein können.
- 1:32Das macht das Leben zwar interessant und vielfältig, aber
- 1:35es hat auch eine gefährliche Kehrseite, denn es gibt eine
- 1:39andere Art von Mensch, die Nietzsche, die Bobo der
- 1:41Baumeister nennt, das sind Menschen, die große, langlebige
- 1:45Werke schaffen, zum Beispiel Staaten oder Kulturen.
- 1:49Solche Baumeister können keine Schauspieler sein, sie müssen
- 1:53fest sein, solide und verlässlich.
- 1:56Wie ein Stein in einem großen Gebäude.
- 1:58Ein Schauspieler hingegen ist biegsam und unbeständig, die
- 2:02Gefahr ist also, dass eine Welt voller Schauspieler keine großen
- 2:06Baumeister mehr hervorbringt. Die Kraft, die man braucht, um
- 2:09Pläne für Jahrtausende zu schmieden, geht verloren, die
- 2:13Gesellschaft selbst wird dadurch unbeständig, alles Feste löst
- 2:17sich auf, am Ende des Kapitels spottet Nietzsche über die Idee
- 2:20der Sozialisten, von einer freien Gesellschaft.
- 2:23Er meint, dass eine Gesellschaft, die von modernen
- 2:26Menschen, also von Schauspielern, gebaut wird, so
- 2:29widersprüchlich ist wie hölzernes Eisen, das Material.
- 2:33Der Mensch selbst ist einfach nicht mehr fest und stark genug,
- 2:36um ein stabiles, dauerhaftes Gebäude zu errichten.
- 2:40Unterkapitel 362 Unser Glaube an eine Vermännlichung Europas hier
- 2:48entwickelt Nietzsche eine provokante These über die
- 2:51Entwicklung Europas. Er behauptet, dass wir einer
- 2:54bestimmten historischen Figur, nämlich Napoleon, eine positive
- 2:58Entwicklung zu verdanken haben. Die Vermännlichung Europas er
- 3:02stellt klar, dass er damit nicht die französische Revolution
- 3:05meint, die seiner Ansicht nach auf einer sentimentalen Idee von
- 3:09Brüderlichkeit beruhte. Stattdessen habe Napoleon ein
- 3:13neues, klassisches Zeitalter des Krieges eingeleitet.
- 3:16Dieser kriegerische Geist habe den Mann in Europa wieder
- 3:18gestärkt und ihm die Herrschaft über andere Typen zurückgegeben.
- 3:22Den Kaufmann, den engstirnigen Spießbürger und auch das Weib.
- 3:27Nietzsche meint, dass die Frau durch das Christentum und die
- 3:30modernen Ideen verhätschelt und verweichlicht worden sei.
- 3:35Napoleon sah in diesen modernen Ideen und der Zivilisation
- 3:38seiner Zeit einen persönlichen Feind, für Nietzsche war er
- 3:42deshalb kein moderner Mensch, sondern eine Art Fortsetzer der
- 3:46Renaissance, ein Mensch aus antikem Granit.
- 3:49Er verkörperte eine ältere, stärkere und härtere Form des
- 3:52Menschseins. Nietzsche hofft, dass dieser
- 3:55Wiedererweckte starke und kriegerische Geist, den er
- 3:59Vermännlichung nennt, letztendlich über die nationalen
- 4:02Bewegungen und kleinen Nationalstaaten triumphieren
- 4:05wird. Diese nationalen Bewegungen sind
- 4:08für ihn nur eine Art Nachbeben von Napoleons wirken, sein
- 4:12eigentliches Erbe, so hofft Nietzsche, wird ein geeintes
- 4:15Europa sein, das von einem gemeinsamen starken Willen
- 4:18geprägt ist Dieses Europa soll nicht mehr aus vielen kleinen
- 4:22Nationen bestehen, sondern eine einzige Macht sein, die Herrin
- 4:25der Erde ist. Zusammengefasst sieht Nietzsche
- 4:28in Napoleon die Wiedergeburt eines starken männlichen und
- 4:31kriegerischen Geistes, der Europa aus seiner
- 4:34Verweichlichung reißt und es auf den Weg zu einer neuen, geeinten
- 4:38und herrschenden Macht führt. Unterkapitel 363 wie jedes
- 4:44Geschlecht über die Liebe sein Vorurteil hat.
- 4:48In diesem Kapitel beschreibt Nietzsche die Liebe als ein Feld
- 4:51fundamentaler Missverständnisse zwischen Mann und Frau.
- 4:55Er lehnt die Idee von gleichen Rechten in der Liebe ab, weil
- 4:58Männer und Frauen seiner Meinung nach unter Liebe etwas völlig
- 5:01anderes verstehen. Für die Frau, so Nietzsche,
- 5:05bedeutet Liebe vollkommene Hingabe, es ist eine restlose
- 5:08Aufgabe ihrer selbst, mit Seele und Leib, ohne Vorbehalte und
- 5:12Bedingungen. Ihre Liebe ist wie ein Glaube,
- 5:15indem sie sich ganz einem anderen Menschen überlässt.
- 5:19Der Mann hingegen versteht Liebe anders.
- 5:22Wenn ein Mann eine Frau liebt, dann wünscht er sich genau diese
- 5:25bedingungslose Hingabe von ihr, aber genau dieser Wunsch, diese
- 5:29Art von Liebe besitzen zu wollen, zeigt, dass er selbst
- 5:32nicht zu derselben Art von Hingabe fähig ist.
- 5:35Die Voraussetzung der weiblichen Liebe ist ihm fremd.
- 5:39Nietzsche spitzt diesen Gedanken zu, ein Mann, der liebt wie eine
- 5:42Frau, also sich vollkommen hingibt, wird zum Sklaven.
- 5:47Eine Frau hingegen, die liebt wie eine Frau, wird dadurch zu
- 5:50einer vollkommeneren Frau. Sie erfüllt ihr Wesen.
- 5:53Der grundlegende Unterschied ist für ihn, die Frau gibt sich weg,
- 5:57der Mann hingegen nimmt durch die Liebe der Frau wird der Mann
- 6:01reicher an sich selbst, er gewinnt an Kraft, Glück und
- 6:04Glaube, die Liebe der Frau ist eingeben, die des Mannes ein
- 6:08Habenwollen, ein besitzen, dieser Drang des Mannes zu
- 6:12besitzen, ist nach Nietzsche auch das, was seine Liebe am
- 6:15Leben erhält. Selbst nachdem die Frau sich ihm
- 6:18hingegeben hat, endet sein Verlangen nicht, denn sein
- 6:21Feinerer und Misstrauischerer besitzdurst lässt ihn nicht
- 6:24leicht zugeben, dass eine Frau ihm nichts mehr zu geben hätte.
- 6:28Zusammenfassend sieht Nietzsche in der Liebe einen natürlichen
- 6:31Gegensatz zwischen den Geschlechtern, weibliche Liebe
- 6:34ist selbstloses geben, männliche Liebe ist egoistisches nehmen
- 6:38und Besitzenwollen dieses Spannungsverhältnis ist für ihn
- 6:42ein Unausweichlicher und unmoralischer Teil der Natur der
- 6:45Liebe. Unterkapitel 364 der Einsiedler
- 6:52redet in diesem sehr kurzen und sarkastischen Abschnitt, gibt
- 6:57ein Einsiedler Ratschläge, wie man den Umgang mit anderen
- 6:59Menschen ertragen kann. Die Kunst des Umgangs mit
- 7:03Menschen ist für ihn eine unangenehme Notwendigkeit, für
- 7:06die man bestimmte Techniken erlernen muss.
- 7:08Das erste Prinzip ist eine Art Abhärtung, man soll sich dem
- 7:11Umgang mit anderen mutig stellen, so als ob man einem
- 7:14Unglück begegnet. Man soll tapfer zugreifen, den
- 7:18eigenen Widerwillen herunterschlucken und sich dabei
- 7:21selbst bewundern. Dass man diese unangenehme
- 7:23Aufgabe meistert. Das zweite Prinzip ist die
- 7:26Manipulation, man soll seinen Mitmenschen verbessern, indem
- 7:30man ihm zum Beispiel schmeichelt, dadurch fühlt sich
- 7:34der andere wohl und wird leichter zu ertragen, man lässt
- 7:37ihn sozusagen in seinem eigenen Glück über sich selbst
- 7:40schwitzen, damit er einen in Ruhe lässt.
- 7:44Das dritte Prinzip nennt Nietzsche Selbsthypnotisierung
- 7:48man soll sein gegenüber anstarren wie einen gläsernen
- 7:50Knopf, also völlig emotionslos und distanziert.
- 7:54Man fixiert ihn so lange, bis man selbst nichts mehr fühlt,
- 7:58weder Freude noch leid, man wird innerlich starr und unbeteiligt.
- 8:03Dieses Abstumpfen der eigenen Gefühle, diese erzwungene innere
- 8:06Ruhe nennt man im Volksmund, so der Einsiedler, Geduld.
- 8:11Der Unterton des gesamten Kapitels ist zutiefst
- 8:14menschenfeindlich und ironisch. Der Einsiedler beschreibt den
- 8:17sozialen Umgang nicht als etwas Erfreuliches, sondern als eine
- 8:20lästige Pflicht, die man nur mit zynischen Tricks und innerer
- 8:23Distanz überstehen kann. Unterkapitel 365 der Einsiedler
- 8:30spricht noch einmal. Der Einsiedler führt seine
- 8:34Gedanken über den Umgang mit Menschen fort.
- 8:37Er beginnt mit der Feststellung, dass wir alle in der
- 8:39Gesellschaft Kleider tragen, also Masken und Rollen spielen,
- 8:43um unsere wahre Natur zu verbergen und um von anderen auf
- 8:46eine bestimmte Weise gesehen zu werden.
- 8:49Aber es gibt noch andere, radikalere Methoden, um mit
- 8:52Menschen umzugehen und sich von ihnen fernzuhalten.
- 8:55Eine davon ist, sich wie ein Gespenst zu verhalten, ein
- 8:59Gespenst ist ungreifbar und unheimlich, es macht den
- 9:02Menschen Angst und sorgt dafür, dass sie einen in Ruhe lassen.
- 9:06Man kann wie ein Gespenst durch geschlossene Türen kommen, also
- 9:09unerwartet und auf unkonventionelle Weise
- 9:12auftauchen. Oder man agiert im Verborgenen,
- 9:14wenn alle Lichter ausgelöscht sind, die Vollkommenste und
- 9:18extremste Form dieser Distanz ist jedoch ein posthumer Mensch
- 9:22zu werden, posthum bedeutet nach dem Tod ein posthumer Mensch ist
- 9:28also jemand, der schon zu Lebzeiten so lebt, als wäre er
- 9:30bereits gestorben. Er hat sich von der Welt, ihren
- 9:34Sorgen und Freuden komplett losgelöst.
- 9:37Der Einsiedler zitiert einen solchen posthumen Menschen, der
- 9:40sagt, dass er diese kalte, stille, grabesähnliche
- 9:43Einsamkeit nur deshalb ertragen kann, weil er weiß, dass sein
- 9:47wahres Leben und wirken erst nach seinem Tod beginnt, erst
- 9:51nach dem Tod, so glaubt dieser Mensch, wird er wirklich
- 9:54lebendig sein. Diese Haltung ist eine extreme
- 9:57Form der Entfremdung von der Gesellschaft.
- 9:59Der posthume Mensch zieht seine Kraft nicht aus der Anerkennung
- 10:02seiner Zeitgenossen, sondern aus dem Glauben an seine zukünftige
- 10:06Bedeutung. Er lebt in einer selbstgewählten
- 10:08Isolation, die für andere wie der Tod aussieht, für ihn aber
- 10:12die Voraussetzung für sein eigentliches zukünftiges Leben
- 10:15ist.