Latest / STAR FM Rocktalk / Campino: Der schlimmste Moment der Bandgeschichte
Transcript
- Der Starfm Rocktalk, heute mit Campino und 10 Songs für ein Halleluja. Also ganz ehrlich, ich wusste erst gar nicht, wie wir in diese Folge hier rein starten sollen. Ich hatte auch kurz überlegt, ob wir es überhaupt reinnehmen, aber nicht thematisieren wäre irgendwie auch Quatsch. Genau wie die ganzen Top-Singles, Alben, Erfolgstourneen und die ganzen lustigen Anekdoten. Der Teil gehört einfach auch dazu, wenn wir uns hier durch die Toten Hosen-Geschichte spielen. Und am Ende hat es mir Campino auch sehr einfach gemacht, weil er, ich glaube, sieben Minuten lang oder so am Stück diese Geschichte noch einmal hochgeholt hat. Übrigens grundsätzlich mal an dieser Stelle, danke an Campino, dass wir über wirklich jedes Kapitel der Toten Hosengeschichte so entspannt reden konnten. Da gab es nicht ein einziges Mal ein will ich nicht, möchte ich nicht, habe ich keinen Bock oder so, ist auch nicht selbstverständlich. Ich bin Wolfi. Hallo noch einmal, wir sprechen jetzt über das 1000. Konzert der Toten Hosen. Juli 1997. Er sollte ein Höhepunkt werden, der Höhepunkt werden. 60.000 Menschen im Düsseldorfer Rheinstadion. Am Ende eine Tragödie, die 16-jährige Rieke starb im Gedränge vor der Bühne. Um eine Massenpanik zu verhindern, habt ihr weitergespielt, das Konzert zu Ende gebracht. So was muss einen völlig aus der Bahn werfen, oder? Und das hat es auch getan. Also es ist ganz klar und eindeutig der schlimmste Moment, den wir so als Band erlebt haben. Es hat dazu keine vergleichbaren Situationen. In dem Moment auf der Bühne, als wir dort gespielt haben, erinnere ich mich, dass Kiki an der Bühnenseite aufgetaucht ist und hektische Winkbewegungen zu mir machte. Ich solle mal eben zu ihm kommen. Und er schrie mir ins Ohr, da unten ist ein Riesenchaos. Eine Person ist in jedem Fall gestorben, vielleicht sind es auch mehrere. Wir haben gerade keinen Überblick. Und in dem Moment der totalen Euphorie, Ich war ja völlig in dieser Welt, dieses Konzert da zu spielen. Plötzlich so auf den Boden gezogen zu werden und da umzuschalten, da fehlen mir heute noch die Worte für. Ich erinnere mich aber noch, dass wir quasi reagiert haben, wie man das vielleicht von einem Verkehrsunfall auf der Autobahn kennt. Man sieht was, man sieht ein Unglück und man funktioniert. Man fährt ran, ruft vielleicht den Notruf und schaut, ob man da irgendwas tun kann. Und so ist es auch mit uns gewesen. Wir haben zunächst abgebrochen. Haben die Leute pauschal beruhigt und gesagt, alle mal sich umgucken und schauen, dass alles in Ordnung ist. Aber wir haben natürlich nicht verkündet, was genau geschehen war. Und dann gab es eine Krisenbesprechung hinter der Bühne. Katastrophenschutz, Feuerwehr, Polizei, alle haben da auf uns eingeredet und in diesem Moment auch gesagt, ihr müsst da jetzt wieder rausgehen, weil niemand darauf vorbereitet ist, dass 60.000 Leute jetzt rauslaufen und schon gar nicht, wenn die hören, was hier passiert ist, dann kann das alles noch viel schlimmer werden. Seht einfach zu, dass ihr die Stimmung. Etwas ruhig gestaltet, aber lasst euch nichts anmerken. Und so sind wir dann zurückgekehrt und haben dann bei eingeschaltetem Flutlicht diese Veranstaltung irgendwie zu Ende gebracht. Und als das alles vorüber war, sind wir in die Garderobe und dann kam natürlich auch bei uns der Zusammenbruch. Und die Frage, was eigentlich genau geschehen war, warum das geschehen war und ob man das hätte verhindern können. Das ist natürlich viel Stoff und das braucht eine Menge Tage, um das aufzuarbeiten. Das Justizministerium hatte sich dann eingeschaltet, den Fall intensiv untersucht. Man wollte wissen, ob zu viele Zuschauer in dem vorderen Bereich waren, ob wir unserer Sorgepflicht gerecht geworden sind, war genug Security da und so weiter und so fort. Am Ende sind wir da entlastet worden, mehr noch. Wir sind gelobt worden von Feuerwehr und Polizei für unser Verhalten und man hat uns bestätigt, dass wir alles getan haben, um da Schlimmeres zu verhindern. Aber abgesehen davon war das für uns eine große Belastung. und. Sie hinterließ Ratlosigkeit. Uns war, irgendwie nicht klar, wie wir weitermachen wollten, ob unsere Art Musik, unser Gestus überhaupt für große Konzerte gedacht war oder ob man zusehen sollte, dass man das lieber im kleinen Rahmen hält. Ich war immer der Meinung, wir müssen sofort wieder aufs Pferd, wie so ein Jockey, wir sind runtergefallen, wir müssen weiterspielen und. Dürfen dem keinen Platz geben, dürfen das nicht wachsen lassen. Breitio und Andi waren völlig anderer Meinung und wir waren irgendwie bewegungsunfähig. Glücklicherweise kam in diesen Tagen ein Fax aus den USA, wo uns die Veranstalter der Warp-Tour eingeladen haben, ein Tournee zu fahren in Australien, Neuseeland und Japan. Diese Warp-Tour, das ist ein Festival, was in den USA sehr bekannt und etabliert ist. Da spielen zwischen 10 und 15 Bands und jeden Tag wechselt der Headliner. Es wird dem Publikum nie bekannt gegeben, wer als erstes, wer als letztes spielt. Also als Fan muss man von mittags bis abends im Bühnenbereich stehen, wenn du deine Lieblingsband mitbekommen willst. Also alles sehr, sehr nett und sozial. Und vor allen Dingen für uns die Chance, am anderen Ende der Welt, wo man uns nicht groß kannte und auch diese Geschichte vom tausendsten Konzert nicht kannte, dort wieder einzusteigen und zu versuchen, vor Publikum zu spielen, das wild und sorglos feiert und das Stagediving macht und. Dass wir uns wieder daran gewöhnen. Und so ist das auch gewesen. Wir fuhren nach Australien und haben den Umgang mit dem Publikum wieder erlernt. Vor allen Dingen, wenn es trotzdem heftig ist vor der Bühne. Und das hat uns sozusagen neues Leben eingehaucht. Und um für uns einen Soundtrack zu diesem Abenteuer zu haben, haben wir dieses Lied Pushed Again geschrieben. Auch auf Englisch, weil wir ja nach Australien gefahren waren. Es hat uns auch gereizt, eine Zeit lang englische Lieder zu bringen, weil wir ja auch in Südamerika gespielt haben und weil wir diese Versuche von Anfang an so ein bisschen gestartet hatten. Auch auf der Opel Gang ist mit Agent X und versucht was auf Englisch zu Radebrechen. Die John Peel Session hatte teilweise englische Übersetzungen und durch unsere enge Verbundenheit zu Freunden in England war das immer wieder ein Thema. T.V. Smith, einer der ganz großen Liedermacher der Punkbewegung, der früher bei den AdWords gespielt hat, der hat mit mir das Lied Pushed Again zusammengeschrieben und das war. Sozusagen unsere musik zu diesem abenteuer nach australien wir haben das kurz vorher veröffentlicht in deutschland und ich weiß noch, wie wir eines morgens vom feiern zurück in unser zeltlager gekommen sind irgendwo an der golden coast an einem strand war war, die ganze warptour untergebracht in zelten, Und dieser Rezeptionist, der dieses Zeltlager betreute, der kam mit einem Fax aus Deutschland auf uns zugelaufen und sagte, das ist gerade eingetroffen. Und wir lasen auf diesem Zettel, Pushed Again ist auf Platz 4 in den deutschen Charts eingestiegen. Und da haben wir uns sofort in dem Campingshop nochmal ein paar Flaschen Wein besorgt und bis 11 Uhr vormittags dann gefeiert. Ja, Totenhosen haben weitergemacht nach dem Schicksalsschlag. Ich habe auch mal ein Interview mit Eddie Vedder von Pearl Jam gesehen. Sie hatten ja ein ähnliches Unglück gehabt in Roskilde. Ich glaube, neun Menschen sind damals ums Leben gekommen und er wurde eben auch gefragt, weil es eben auch im Raum stand, ob sie weitermachen wollen oder sollen oder nicht. Er meint, sie müssen ja so oder so alle damit leben. Sie können es nicht vergessen, sie wollen es nicht vergessen. Es ist egal, ob man dabei Musik macht oder nicht. Man kann sie nur dafür einsetzen, dass die Sicherheit bei Konzerten so hoch wie nur irgendwie möglich ist. Das war so sein Satz zu der Thematik. Ich habe das Unglück bei Pearl Jam natürlich sehr genau zur Kenntnis genommen. Es geschah nach unserem. Und insofern hat mich das natürlich sofort wieder getriggert. Und ich kann mir die Verzweiflung hinter der Bühne und bei der Band absolut vorstellen. Hör dir die Playlist an, hör dir die Songs an zur Podcast-Reihe mit Campino. Über die Geschichte der Toten Hosen haben wir dir in der Caption verlinkt. Nächste Folge hat die Acht als Überschrift. Wir sind dann in den frühen 2000ern. Eine Zeit, in der sich durch das Breitband-Internet, File-Sharing-Dienste und so weiter die Musikindustrie radikal geändert hat. Und eine Zeit, in der die Künstler anfangen mussten, sich mit einem neuen Phänomen auseinanderzusetzen. Social Media. Gerade was über Campino in den Kommentarspalten zu lesen ist, untragbar zum Teil. Die Feindbilder sind so klar verteilt, da lässt sich kaum jemand mehr überzeugen, dass er vielleicht seine Meinung ändert oder so. Das sind mittlerweile ausgesprochene Mantras. Die toten Hosen sind doof oder sie sind gut und beteilige mich an der Diskussion einfach nicht.