Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 33
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- 0:01Kapitel 33 die Aussetzung. Sie wurde an einem Dienstag ins
- 0:06Büro der Pflegedienstleitung bestellt und sie ging hin mit
- 0:09der Ruhe eines Menschen, der das Schlimmste schon hinter sich hat
- 0:13und deshalb nichts mehr fürchtet.
- 0:15Das war neu an Jasmin in diesen Wochen und sie bemerkte es an
- 0:18sich mit einer fast wissenschaftlichen Distanz.
- 0:21Dass die Angst weg war, die sie jahrelang begleitet hatte.
- 0:24Die Angst, die in dem Wort gerade sie gewohnt hatte, in den
- 0:27Blicken, in der Frage nach dem wirklich, in der Verwarnung, die
- 0:30in ihrer Akte lag. Sie hatte ein Jahr lang den Kopf
- 0:34unten gehalten aus Angst, und dann war eine Frau unter ihren
- 0:37Händen gestorben, an einem Aufschub, und Jasmin hatte ihren
- 0:40Namen in ein Heft geschrieben und das Heft einer Journalistin
- 0:43gegeben, und damit hatte sie die eine Sache getan, vor der die
- 0:46Angst sie schützen sollte, und sie hatte überlebt.
- 0:49Nicht unbeschädigt, aber sie hatte überlebt und auf der
- 0:52anderen Seite der Angst. Das lernte sie jetzt, war etwas,
- 0:55das fast wie Freiheit aussah, nichts mehr zu verbergen.
- 0:59Sie spürte es körperlich, diese neue Angstfreiheit an einer
- 1:02Stelle, an der die Angst jahrelang gesessen hatte, hoch
- 1:04im Brustkorb, dort, wo sich bei jeder Verwarnung, bei jedem
- 1:08prüfenden Blick, bei jedem gerade sie etwas zusammengezogen
- 1:11hatte, ein Muskel, der sich nie ganz löste, jetzt war er gelöst.
- 1:16Sie hatte das Schlimmste getan, das eine Pflegekraft tun kann,
- 1:20die ihren Platz behalten will. Sie hatte gegen das Haus
- 1:23ausgesagt, gegen die Vorgesetzten, gegen die Hand,
- 1:26die sie bezahlte, und das schlimmste war geschehen, und
- 1:29sie atmete noch und mit dem Atmen kam die Erkenntnis, dass
- 1:32die Angst, die sie ein Jahr lang regiert hatte, immer größer
- 1:35gewesen war als das, wovor sie sich fürchtete.
- 1:39Man fürchtet das Springen mehr als den Boden.
- 1:42Erst wenn man unten ist, merkt man, dass der Boden härter war
- 1:45als gedacht und doch zu überleben und dass die ganze
- 1:48Angst dem Fallen gegolten hatte, das nun vorüber war.
- 1:52Reichert die Pflegedienstleitung saß hinter ihrem Schreibtisch,
- 1:56und neben ihr saß ein Mann, den Jasmin nicht kannte, in einem
- 2:00Anzug, der nicht ins Krankenhaus gehörte, mit einer Mappe vor
- 2:03sich und Jasmin Verstand in der Sekunde, in der sie den Anzug
- 2:06sah, dass dies kein Personalgespräch war, sondern
- 2:09etwas anderes, etwas Größeres, etwas, das von oben kam.
- 2:14Frau Demir sagte, Reichert und ihre Stimme hatte einen Ton, den
- 2:18Jasmin von ihr nicht kannte. Einen vorsichtigen, fast
- 2:20beflissenen Ton, den Ton eines Menschen, der nicht mehr weiß,
- 2:24wo er steht. Setzen Sie sich.
- 2:26Jasmin setzte sich sie wissen, sagte Reichert, das ist eine,
- 2:30dass in der Presse Dinge stehen über die Initiative, über
- 2:34Vorgänge, die auch unser Haus betreffen.
- 2:38Sie suchte nach Worten und das Suchen verriet sie, weil
- 2:41Reichert sonst nie nach Worten suchte, weil Reichert eine Frau
- 2:44war, die ein Jahr lang die Papiere von oben mit der glatten
- 2:47Sicherheit eines Menschen verteilt hatte, der nicht fragt,
- 2:50was er verteilt. Es hat sich eine Untersuchung,
- 2:53es ist eine Prüfung eingeleitet worden von außen, die
- 2:56Aufsichtsbehörde, und sie sah zu dem Mann im Anzug, als suche sie
- 3:00halt und ihr Name ist gefallen, in welchem Zusammenhang sagte
- 3:04Jasmin als Zeugin, sagte der Mann im Anzug.
- 3:08Er hatte eine ruhige, sachliche Stimme.
- 3:10Frau Demir, mein Name tut nichts zur Sache, ich vertrete die
- 3:14Stelle, die mit der Aufklärung betraut ist, in den
- 3:16veröffentlichten Unterlagen werden Aufzeichnungen zitiert,
- 3:20detaillierte datierte Aufzeichnungen über
- 3:22Priorisierungsentscheidungen und ihre Folgen, geführt von einer
- 3:26Pflegekraft auf einer Intensivstation dieses Hauses.
- 3:29Jasmin las den Satz Dreimal und beim dritten Mal blieb sie an
- 3:32dem Wort hängen, das nicht stimmte.
- 3:35Sie arbeitete nicht auf der Intensivstation, sie gehörte zur
- 3:38Inneren und wurde geholt, wo es brannte.
- 3:40Und genau das war der Grund, warum es die Aufzeichnungen
- 3:42überhaupt gab. Eine Intensivpflegerin hätte das
- 3:45Muster nie sehen können, weil eine Intensivpflegerin auf ihrer
- 3:48Station bleibt, es war eine winzige Ungenauigkeit, niemandem
- 3:52vorzuwerfen, entstanden aus dem Bedürfnis, eine Zeile
- 3:55verständlich zu machen, sie merkte sich trotzdem, wie
- 3:57schnell es gegangen war. 4 Tage und aus der Wahrheit war eine
- 4:01glattere Version geworden, kürzer, griffiger, falsch.
- 4:04An einer Stelle, an der es scheinbar nicht darauf ankam,
- 4:08sie würde später noch sehen, wohin dieser Vorgang führen
- 4:10konnte, wenn er sich an einer Toten verging statt an einer
- 4:13Berufsbezeichnung. Wir haben Grund zu der Annahme,
- 4:16dass diese Aufzeichnungen von ihnen stammen, Jasmin sah ihn
- 4:20an, und dann sah sie Reichert an und in reicherts Gesicht las sie
- 4:23alles, was Sie wissen musste. Die Angst, die jetzt bei der
- 4:26anderen saß, die nackte Angst eines Menschen, der ein Jahr
- 4:29lang die Papiere verteilt hatte und der jetzt Begriff, dass die
- 4:32Papiere eine Spur hatten, die zu ihm zurückführte.
- 4:36Reichert hatte den Priorisierungsleitfaden
- 4:38ausgegeben, höflich, mit dem Hinweis, es sei eine Vorgabe von
- 4:42oben, nichts Persönliches. Reichert hatte Jasmin verwarnt,
- 4:46damals, weil sie eine Regel gebogen hatte, um zu helfen.
- 4:50Reichert hatte ein Jahr lang den Kopf eingezogen und die
- 4:52Anweisungen weitergereicht und sich dabei gesagt, sie tue nur
- 4:56ihre Arbeit, sie habe keine Wahl, sie sei nur ein Glied, und
- 5:00jetzt saß sie da mit der Angst im Gesicht, und Jasmin empfand
- 5:04zu ihrer eigenen Überraschung keinen Triumph, sondern etwas
- 5:08kühleres, klareres. Das erkennen, dass die Banalität
- 5:11ein Gesicht hatte und dass es kein Monstergesicht war, sondern
- 5:15ein müdes, gewöhnliches, ängstliches Gesicht, das Gesicht
- 5:18eines Menschen, der nie nein gesagt hatte, weil das Nein
- 5:21sagen unbequem war und das Weiterreichen leicht.
- 5:24Ja, sagte Jasmin, die Aufzeichnungen sind von mir.
- 5:29Sie sagte es ruhig, ohne Zögern, und sie sah, wie es bei beiden
- 5:33ankam. Bei dem Mann im Anzug als
- 5:35sachliche Bestätigung, die er notierte, bei Reichert als etwas
- 5:38anderes als ein Erschrecken, weil Reichert das Verstand,
- 5:41Jasmin jetzt insgeheim gehofft hatte, Jasmin würde es leugnen,
- 5:45würde sich klein machen, würde den Kopf unten halten wie immer,
- 5:48weil das allen das Leben leichter gemacht hätte.
- 5:50Aber Jasmin machte den Kopf nicht mehr unten, das war
- 5:53vorbei, das war an dem Bett vorbei, an dem sie eine Hand
- 5:57gehalten hatte, die nicht hätte sterben müssen.
- 5:59Als sie ging an Reichert vorbei, hielt sie einen Moment inne und
- 6:03etwas in ihr, wollte etwas sagen, etwas hartes, etwas, das
- 6:06ein Jahr Verwarnungen und eingezogene Köpfe und gerade sie
- 6:09aufwog sie sagte es nicht, nicht aus Großmut.
- 6:13Jasmin war nicht großmütig, sie war müde und genau, sondern weil
- 6:17sie, als sie reichert ansah, Begriff, dass die Frau hinter
- 6:20dem Schreibtisch kein Gegner war, der einen Triumph
- 6:23verdiente, sondern ein weiterer Mensch in der Kette, ängstlicher
- 6:26als die meisten, schwächer als die meisten.
- 6:29Eine, die nie ein Glied geschmiedet hatte, das sie nicht
- 6:31hätte schmieden müssen und nie eines verweigert hatte, das sie
- 6:34hätte verweigern können. Reichert würde mit ihrer Angst
- 6:38leben müssen mit der Untersuchung, mit den Fragen,
- 6:41die jetzt an sie gestellt würden, und das war Strafe
- 6:43genug, eine, die Jasmin ihr nicht wünschte und nicht
- 6:46ersparte, sondern einfach geschehen ließ, wie man ein
- 6:49Wetter geschehen lässt. Sie nickte ihr zu, knapp, fast
- 6:53freundlich, und ging, die Untersuchung lief in den Wochen
- 6:57darauf an. Langsam, gründlich, mit der
- 7:00Bedächtigen Schwerfälligkeit, die solche Verfahren haben.
- 7:03Und Jasmin sagte Aus, mehrmals in Räumen, die nicht nach
- 7:07Krankenhaus Rochen, vor Menschen, die ihre Sprache nicht
- 7:10sprachen, die Vorgänge sagten und Kausalität und
- 7:13Verfahrensfehler, wo Jasmin Namen sah und Hände und Atem
- 7:16kurven, sie musste lernen zu übersetzen in diesen Räumen aus
- 7:20ihrer Sprache, in deren Sprache, und es war eine mühsame
- 7:23Übersetzung, weil zwischen den beiden Sprachen ein Mensch
- 7:26verloren ging. Was bei Jasmin eine Frau 50 3
- 7:29Kinder, die nachts nach ihrer Mutter rief hieß, hieß bei Ihnen
- 7:32ein Fall, was bei Jasmin die Hand, die kalt wurde, während
- 7:35ich sie hielt, hieß, hieß bei ihnen Exitus, dokumentiert, um
- 7:39sie verstand, dass die Übersetzung nötig war, dass ein
- 7:42Verfahren ihre Sprache nicht ertrug, dass man die Wucht eines
- 7:45Sterbens nicht vor eine Aufsichtsbehörde tragen kann,
- 7:48ohne sie in das kühle Vokabular zu pressen, das solche Stellen
- 7:51brauchen, um nicht selbst zu zerbrechen an dem, was sie
- 7:54prüfen. Aber sie hielt, während sie
- 7:56übersetzte, im Inneren die andere Sprache fest.
- 7:59Die Wahre, die mit den Namen, weil sie wusste, dass die kühle
- 8:02Sprache zwar das Verfahren trug, aber dass am Grund jedes Falles
- 8:05ein Mensch lag, der eine Hand gehabt hatte, und dass sie es
- 8:08war, die einzige in diesen Räumen, die diese Hand noch
- 8:11gespürt hatte. Sie hatte Angst gehabt, dass man
- 8:14ihr nicht glauben würde. Dass man sie als das hinstellen
- 8:17würde, was die einfachste Verteidigung aus ihr machen
- 8:20musste. Eine verbitterte Pflegekraft
- 8:22überlastet, übermüdet, mit einem Groll gegen das System, die aus
- 8:27Frust Dinge aufgeschrieben und aufgebauscht hatte.
- 8:30Sie hatte sich darauf vorbereitet, hatte den Angriff
- 8:32erwartet, die Demontage ihrer Glaubwürdigkeit, die Frage nach
- 8:36der Verwarnung in ihrer Akte, die man gegen sie wenden würde,
- 8:39der Angriff kam nicht oder jedenfalls nicht so, wie sie ihn
- 8:42gefürchtet hatte, und der Grund dafür war das Heft.
- 8:45Denn das Heft war kein Frust. Das war es, was Jasmin in diesen
- 8:49Wochen langsam Begriff. Während die Untersuchung ihrer
- 8:52Aufzeichnungen Eintrag für Eintrag Durchging und an den
- 8:55Akten prüfte. Dass die Methode, die sie sich
- 8:58vor Monaten auferlegt hatte, die kühle Disziplin, nur das
- 9:01nachweisbare aufzuschreiben, niemals das Gefühl, sich jetzt
- 9:05auszahlte, mit einer Wucht, die sie selbst nicht vorausgesehen
- 9:08hatte. Jeder Eintrag ließ sich an einer
- 9:10Akte verankern. Jedes Datum stimmte, jede
- 9:13Verschiebung, die sie notiert hatte, fand sich im System
- 9:16wieder, mit demselben Datum, derselben Formulierung.
- 9:19Sie hatte keine Anklage geschrieben, sie hatte ein
- 9:22Protokoll geführt, und ein Protokoll ließ sich nicht als
- 9:26Groll abtun, ein Protokoll war das Gegenteil von Groll, es war
- 9:30die Abwesenheit von Gefühl, die nackte, geduldige Aufzeichnung
- 9:33dessen, was war, und gerade diese Abwesenheit machte es
- 9:36unangreifbar. Was die Untersuchung zutage
- 9:39förderte, war nicht ein Monster, das war die Lehre dieser Wochen,
- 9:43die Jasmin am tiefsten traf. Tiefer als jede Empörung es
- 9:47gekonnt hätte, dass am Ende der Kette, die zu Petra Roths Tod
- 9:50und zu vielen anderen geführt hatte, kein Bösewicht stand,
- 9:54kein Mensch, der den Tod gewollt hatte.
- 9:56Es standen lauter Reicherts. Lauter Menschen, die ein Papier
- 10:00weitergereicht hatten, das ein anderer verfasst hatte, der es
- 10:03von einem Dritten bekommen hatte, der eine Vorgabe
- 10:06umgesetzt hatte, die in einer Verordnung stand, die ein
- 10:09Beamter geschrieben hatte, der eine politische Vorgabe in
- 10:12Paragraphen gegossen hatte. Jeder hatte nur sein kleines
- 10:16Glied der Kette geschmiedet, jeder hatte nur seine Arbeit
- 10:19getan, jeder hatte sich auf den vor ihm und den über ihn berufen
- 10:22und nirgendwo, an keiner Stelle der ganzen Kette, hatte ein
- 10:26einzelner Mensch dagestanden und gesagt.
- 10:28Das hier tötet Menschen und ich mache es trotzdem.
- 10:31Es hatte sich auf so viele Schultern verteilt, dass keine
- 10:34einzelne Schulter die Last spürte, das war die
- 10:37Konstruktion, das war ihre Bosheit, nicht ein großer Täter,
- 10:41sondern 1000 kleine, von denen jeder sich für unschuldig hielt,
- 10:45und jeder hatte Recht im Kleinen und zusammen hatten sie eine
- 10:48Maschine am Laufen gehalten, die Menschen sortierte, bis sie
- 10:51starben, gebaut hatte sie keiner von ihnen.
- 10:54Sie war gekauft worden, angeschlossen und in Betrieb
- 10:56genommen. Und das einzige, was all diese
- 10:58Menschen wirklich getan hatten, war nicht hineinzusehen, was
- 11:02keine Tat ist und deshalb in keinem Protokoll erscheint.
- 11:06Der Chefarzt der Abteilung, ein Mann, den Jasmin seit Jahren
- 11:09kannte und der ihr nie etwas getan hatte, der freundlich war
- 11:12im Vorbeigehen und die Visiten zügig führte und abends nach
- 11:16Hause ging zu seiner Familie, sagte in der Untersuchung aus,
- 11:19dass er von einer verborgenen Gewichtung nichts gewusst habe,
- 11:22dass er die Priorisierungsvorgaben für eine
- 11:24Ressourcensteuerung gehalten habe, wie es sie immer gegeben
- 11:26habe, dass er im Rahmen seiner Möglichkeiten stets versucht
- 11:29habe, medizinisch zu entscheiden.
- 11:32Und Jasmin, die seine Aussage später las, wusste, dass er
- 11:35nicht log, dass es genau so gewesen war, dass dieser Mann
- 11:38tatsächlich nicht gewusst hatte, was er tat, weil das System so
- 11:42gebaut war, dass man es nicht wissen musste, dass man seine
- 11:44Hände in Unschuld waschen konnte, indem man einfach nicht
- 11:47zu genau hinsah. Das war keine Entschuldigung,
- 11:50aber es war die Wahrheit, und die Wahrheit war schlimmer als
- 11:53eine Lüge, weil eine Lüge einen Schuldigen gehabt hätte, den man
- 11:56hätte bestrafen können. Und diese Wahrheit hatte keinen,
- 11:59nur eine endlose Reihe von Menschen, die weggesehen hatten,
- 12:02Jasmin sah hin. Das war am Ende ihr ganzer
- 12:05Beitrag und sie Begriff in diesen Wochen, dass es kein
- 12:08kleiner war, dass sie die einzige gewesen war, an dieser
- 12:11einen Stelle der Kette, die nicht weggesehen hatte, die
- 12:14hingesehen und aufgeschrieben hatte, was sie sah, und dass
- 12:16eine einzige Stelle, an der jemand hinsieht, genügt, um eine
- 12:19ganze Kette sichtbar zu machen, die im Dunkeln gehalten worden
- 12:22war. Sie hatte nichts Heroisches
- 12:24getan, sie hatte nur ihre Augen offen gehalten und einen Stift
- 12:27geführt, aber in einer Welt, die darauf gebaut war, dass alle
- 12:31Wegsahen, war das Hinsehen die Tat.
- 12:34Die Nachricht, dass der Verlässlichkeitsindex ausgesetzt
- 12:37wurde, kam an einem gewöhnlichen Vormittag.
- 12:40Während Jasmin Dienst hatte und sie kam nicht über die großen
- 12:43Kanäle, nicht als Triumph, sondern als eine knappe
- 12:46Mitteilung der Klinikleitung, die an die Stationen ging,
- 12:49sachlich, fast verlegen. Sie las sie am Stützpunkt
- 12:53zwischen 2 Patienten mit dem Blutdruckgerät noch in der Hand,
- 12:57mit sofortiger Wirkung, hieß es, würden die
- 12:59Priorisierungsvorgaben nach dem bisherigen Verfahren ausgesetzt.
- 13:03Bis auf weiteres gelte für die Zuteilung planbarer Leistungen
- 13:07wieder die medizinische Dringlichkeit als alleiniges
- 13:10Kriterium. Es war in der glatten,
- 13:12subjektlosen Sprache verfasst, die Jasmin inzwischen las wie
- 13:16eine zweite Muttersprache der Sprache, die nie sagte, Wer
- 13:19etwas tat, werden ausgesetzt, nicht wir setzen aus.
- 13:23Und doch stand in den dürren Zeilen etwas, das Jasmin für
- 13:26einen Moment die Hände stillhalten ließ, das Gerät
- 13:29vergessen ließ, das sie noch hielt, sie hatten es geschafft.
- 13:33Nicht ganz, nicht für immer, bis auf Weiteres, das wusste sie,
- 13:37hieß bei diesen auch, dass man es zurückholen würde, wenn der
- 13:40Lärm sich legte, wenn die Aufmerksamkeit weiterzog.
- 13:44Es war eine Aussetzung, keine Abschaffung, ein Innehalten der
- 13:47Maschine, kein zerschlagen, aber für die Menschen, die jetzt auf
- 13:51den Wartelisten standen, für die alten und die Kranken und die
- 13:54von woanders, die seit einem Jahr nach hinten gerutscht
- 13:57waren, bedeutete bis auf weiteres etwas sehr konkretes.
- 14:01Das ab heute wieder zählte, wie dringend es war und nicht was
- 14:05einer Wert war. Dass ab heute niemand mehr
- 14:07starb, weil eine verborgene Spalte ihn als nicht mehr
- 14:10brauchbar führte. Jasmin dachte an Petra Roth, sie
- 14:14dachte an die graue schwielige Hand, die sie gehalten hatte,
- 14:16bis das letzte aus ihr gewichen war, und sie dachte daran, dass
- 14:19diese Aussetzung für Petra Roths zu spät kam.
- 14:22Ein Jahr zu spät dass keine Mitteilung der Klinikleitung je
- 14:25eine Tote zurückholte. Das war die Wahrheit, die sie
- 14:28sich nicht schön redete. Der Sieg, wenn es einer war, kam
- 14:32über einen Leichnam. Er machte den Tod nicht
- 14:35ungeschehen, aber er machte ihn zu etwas anderem als einem
- 14:38sinnlosen Tod, zu einem Tod, an dem sich etwas entzündet hatte,
- 14:42einem Tod, der eine Hand bewegt hatte, die nicht mehr schwieg,
- 14:45und einen Sohn, der nicht mehr schwieg und eine Maschine zum
- 14:48Stehen gebracht hatte, für eine Weile, vielleicht für länger,
- 14:52das war nicht nichts. In Jasmins Beruf lernte man,
- 14:55dass es zwischen dem alles und dem nichts ein weites Land gab
- 14:58und dass die meiste Arbeit dort geschah, in diesem Land, wo man
- 15:02nicht alle rettete, aber manche, wo man nicht den Tod besiegte,
- 15:05aber das Sterben würdiger machte.
- 15:07Die Aussetzung war ein solcher Ort, kein alles, aber weit, weit
- 15:12entfernt vom nichts, was Jasmin in den Tagen nach der Aussetzung
- 15:15am meisten Beschäftigte, war nicht die Maschine, es waren die
- 15:19Menschen. Denn niemand gab etwas zurück.
- 15:22Der Leitfaden verschwand vom Stützpunkt, lautlos, wie er
- 15:25gekommen war, als hätte er nie auf dem guten, matten Papier
- 15:28dort gelegen, und niemand von denen, die ein Jahr lang die
- 15:31Felder ausgefüllt hatten, sagte ein Wort.
- 15:34Keiner der Vorgezogenen meldete sich, kein Herr Wolter dieser
- 15:37Stadt, keiner von denen, deren Plätze in 2 Tagen gekommen
- 15:40waren, deren Töchter Pralinen gebracht hatten, trat vor und
- 15:43sagte, Ich bin an jemandem vorbeigeschoben worden, der es
- 15:46nötiger hatte, und ich habe es genommen.
- 15:49Sie behielten ihre Rehawochen, ihre frühen Termine, ihre
- 15:52Wohnungen mit Balkon. Wie man einen Fund behält, nach
- 15:55dem niemand fragt, und binnen einer Woche war die ganze Stadt
- 15:58immer schon skeptisch gewesen, Jasmin hörte es in der
- 16:01Cafeteria, im Bus, an den Betten der Besucher, man habe ja gleich
- 16:05gedacht, dass da etwas nicht stimme, man habe das ja kommen
- 16:09sehen, man sei ja nie ganz wohl dabei gewesen.
- 16:12Dieselben Münder, die geklatscht hatten, als die Schlangen kürzer
- 16:15wurden, sprachen sich jetzt frei mit derselben Leichtigkeit, mit
- 16:18der sie geklatscht hatten, und die Empörung, die jetzt jeder
- 16:21trug wie einen neuen Mantel, kostete nichts, das war ihr
- 16:24ganzes Geheimnis, das Nein hätte damals etwas gekostet, einen
- 16:28Termin, einen Vorteil, eine Unbequemlichkeit im Treppenhaus,
- 16:32die Empörung von heute war gratis, und die Stadt griff zu,
- 16:35wie sie immer Zugriff, wenn etwas nichts kostete.
- 16:39Ein Unrecht, dachte Jasmin, während sie die
- 16:41Blutdruckmanschette anlegte, hat 1000 Nutznießer, solange es
- 16:45läuft und hinterher keinen einzigen.
- 16:47Es hatte von allein gemordet, und es hatte von allein genützt,
- 16:51und niemand war je dabei gewesen.
- 16:53Sie legte das Blutdruckgerät Weg und ging zu ihrem nächsten
- 16:56Patienten, einem alten Mann, der seit Tagen auf die Verlegung in
- 17:00eine Reha wartete, die immer wieder verschoben worden war.
- 17:03Und sie sah in seine Akte und zum ersten Mal seit einem Jahr
- 17:06stand dort kein nachrangig, kein zum gegebenen Zeitpunkt, es
- 17:09stand ein Datum, ein konkretes Datum, in der nächsten Woche,
- 17:13sie sah es an, das Datum und etwas in Ihr, das ein Jahr lang
- 17:16hart geworden war, gab für einen Moment nach nicht viel nur einen
- 17:20Spalt durch den etwas warmes kam.
- 17:23Man hatte sie umworben in diesen Wochen, das war die Ironie, die
- 17:27Jasmin nicht entging, dass dieselbe Welt, die sie ein Jahr
- 17:30lang gefragt hatte, woher sie wirklich komme, jetzt, da ihr
- 17:34Name in der Zeitung stand, da sie die Pflegekraft war, die das
- 17:37System Zufall gebracht hatte, plötzlich Türen öffnete.
- 17:41Eine Klinik in der Schweiz hatte angefragt, eine Stiftung wollte
- 17:45sie für ein Gremium, eine Gewerkschaft bot ihr eine Stelle
- 17:48raus aus der Schicht, raus aus der Nacht, hinein in die
- 17:51Sicherheit. Sie hätte gehen können, endlich,
- 17:53nach all den Jahren, in denen sie geblieben war, weil die
- 17:56Station ohne sie zusammenbrach. Sie hätte das Zusammenbrechende
- 17:59im Stich lassen können, mit erhobenem Kopf als Heldin, und
- 18:03niemand hätte ihr einen Vorwurf gemacht, sie blieb, sie traf die
- 18:06Entscheidung ohne Drama, wie sie alles traf, an einem Ende einer
- 18:10Nachtschicht. Im grauen Licht, als sie die
- 18:12Übergabe schrieb für die Frühschicht, und es war keine
- 18:15Entscheidung gegen die Angebote, sondern eine für etwas, das sie
- 18:18erst jetzt ganz verstand, dass ihr bleiben nie eine Falle
- 18:22gewesen war, nie nur die Unfähigkeit, das
- 18:24Zusammenbrechende loszulassen, sondern eine Tat, dieselbe Tat
- 18:28wie das Hinsehen, wie das Aufschreiben, wie das Halten
- 18:31einer Hand wegzugehen, jetzt, da man sie endlich rief, wäre
- 18:36leicht gewesen und beinahe verlockend.
- 18:38Zu bleiben an dem Ort, an dem es weh tat, an dem die Station
- 18:42immer noch zu wenige waren und die Nächte immer noch zu lang
- 18:45war. Das schwerere und das schwerere
- 18:47war hier das richtige, sie gehörte hierher, nicht, weil man
- 18:51es ihr erlaubte, nicht weil sie es bewiesen hatte, sondern weil
- 18:55sie sich dafür entschied, und das war, hatte sie gelernt, die
- 18:59einzige Art von Zugehörigkeit, die niemand einem nehmen kann.
- 19:03Die, die man selbst wählt. Sie dachte an ihren Vater, der
- 19:0640 Jahre lang die Busse dieser Stadt gefahren hatte, jede
- 19:09Linie, jede Schicht, durch jeden Winter ein Mann, der nie gefragt
- 19:13hatte, ob er dazu gehörte, der einfach gefahren war, Tag um
- 19:17Tag, und der erst spät, als er alt war, von denselben Leuten
- 19:20gefragt wurde, woher er wirklich komme, als hätte das Fahren der
- 19:24Busse das halbe Leben in ihrem Dienst nicht längst geantwortet.
- 19:28Jasmin hatte das als Kind nicht verstanden, hatte sich für ihn
- 19:30geschämt, manchmal für seinen Akzent, für seine Geduld, für
- 19:34das Stille hinnehmen. Und sie hatte ihm nie gesagt, in
- 19:38all den Jahren, nicht, dass sie es nicht wegen ihm gelassen
- 19:41hatte. Er glaubte das nämlich, sie
- 19:44wusste es, obwohl er es nie ausgesprochen hatte, sie sah es
- 19:47an der Art, wie er das Wort Medizin umging, wenn im
- 19:50Fernsehen ein Arzt vorkam wie ein Mann, der um eine Stelle im
- 19:54Boden herumgeht, weil er weiß, dass die Diele dort nachgibt.
- 19:58Er dachte, er habe ihr etwas verbaut.
- 20:00Dabei hatte er nichts getan, als in einem Land Busse zu fahren,
- 20:03in dem ein Busfahrergehalt für vieles reicht und für ein Zimmer
- 20:06in einer Universitätsstadt und 6 Jahre ohne Verdienst eben nicht
- 20:10und niemand hatte das entschieden und deshalb konnte
- 20:13man auch niemandem etwas vorwerfen und deshalb trug er es
- 20:15allein. Vielleicht, dachte sie, war das
- 20:18der ganze Unterschied zwischen ihnen, dass ihr Vater das
- 20:21Schweigen gewählt hatte und sie das Heft.
- 20:24Er hatte hingenommen, was keinen Absender hatte.
- 20:27Sie hatte angefangen, es aufzuschreiben, bis ein Absender
- 20:30daraus wurde. Jetzt verstand sie ihn, er hatte
- 20:33nie um die Zugehörigkeit gebeten, weil man um etwas nicht
- 20:37bittet, das man sich nimmt, indem man bleibt und tut, was
- 20:40getan werden muss. Sie war seine Tochter, sie würde
- 20:43es genauso machen, nicht beweisen, dass sie hierher
- 20:45gehörte, bleiben, bis die Frage von selbst lächerlich wurde,
- 20:49draußen wurde es hell. Das dünne Herbstlicht über den
- 20:52Dächern und Jasmin schrieb die Übergabe zu Ende.
- 20:55Jeden Patienten, jeden Wert, jede Hand, die zu halten sein
- 20:59würde. In der kommenden Schicht.
- 21:01Und dann zog sie die Jacke an und ging hinaus in den Kalten
- 21:04Morgen, müde wie immer, aber mit einer Müdigkeit, die ihr
- 21:07gehörte, die sie gewählt hatte, und ging nach Hause, um zu
- 21:10schlafen und morgen wiederzukommen und übermorgen
- 21:13und so lange, wie es nötig war.