Latest / STAR FM Rocktalk / Campino: Du singst zu schief
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- Der Star FM Rock Talk, heute mit Campino und 10 Songs für ein Halleluja. Willkommen zurück. In 10 Kapiteln geht es durch die Geschichte der Toten Hosen vom ersten bis zum letzten Album. Und natürlich können wir in dieser Podcast 3 jetzt nicht jedes einzelne Detail, jede einzelne Geschichte aufarbeiten, aber es sind so schöne rausgekommen, Ganz ehrlich, ich wusste im Vorfeld ja auch nicht wirklich, was da zusammenkommt, was da von Campino kommt. Wie viel weiß man denn überhaupt noch, gerade aus den 80ern, als es ja wirklich sehr wild zuging bei den Toten Hosen. Aber es hat so viel Spaß gemacht, mit ihm da einzutauchen. Wir haben ja wirklich lange gesprochen, hatten auch lange überlegt, wie wir das überhaupt machen. Nimmt man jetzt pro Woche eine Folge auf, aber das ging terminlich bei Campino natürlich nicht. Also haben wir das ganze Ding, die ganzen zehn Folgen am Stück durchgeballert. Ein langes Interview, das quasi die Grundlage ist für diese Reihe. Und ganz ehrlich, das war auch für mich was Besonderes, denn Interviews mit Rockstars, let's face it, zu 90 Prozent geht es um das neue Album, um die neue Tour. Das ist alles okay, das macht schon Spaß, aber die spulen natürlich auch häufig ihre Promotexte runter und sind manchmal auch ein bisschen gelangweilt, weil sie von Interview zu Interview mehr oder weniger immer das Gleiche sagen müssen. Und jetzt mal so die Chance zu haben, mit jemandem in der Größenordnung Campino so völlig befreit von Promosätzen einfach die Hosengeschichte durchzugehen, ist wirklich was Besonderes. Absolut nicht selbstverständlich, dass er sich die Zeit genommen hat, da ein paar Stunden investiert hat. Und Campino hatte auch Spaß, hat man gemerkt, hat da hinten raus auch nochmal bestätigt. Verstehe ich auch. Ist doch eben auch als Musiker schön, weil eben nicht diese fünf Promosätze runterbeten zu müssen. Mein Name ist Wolfi und ja, ich hoffe, du hattest Spaß mit Folge 1 und hast die jetzt auch mit Folge 2. Wir machen einen Sprung nach 1986, kümmern uns gleich um das Album Damenwahl. Euch gab es damals schon ein paar Jahre, erste Erfahrungen gemacht, erste Touren, Ausland geschnuppert und ich bin da über diese eine Story aus London gestoßen. Ich kannte sie nicht. Es geht um eine, ich zitiere, idiotisch hohe Taxispesenrechnung aus London und die Konsequenz, dass eure Plattenfirma damals gesagt hat, nö, machen wir nicht mehr mit. Klär mich auf, was war da los? Da ging es darum, dass wir eingeladen waren zur. Londoner John Peel Session. Eine große Ehre, dass die BBC und John Peel mit uns in London Aufnahmen machen wollten fürs Radio. Und wir waren zu der Zeit bei EMI unter Vertrag. Die haben gesagt, sie übernehmen die Reisekosten, dass wir dorthin kommen. Und wir wurden da von einer Betreuerun in Empfang genommen und haben bemerkt, dass ihr die Accountkarte von Emi aus der Tasche gefallen ist und haben die dann aufgehoben und haben gedacht, das ist ja super. Können wir jetzt ein bisschen Spaß mithaben in London. Und dann ist Trini... Auf die Idee gekommen, als wir im Hotel waren, das unweit vom Flughafen Heathrow war. Mensch, lasst uns doch einfach in die Innenstadt fahren und Pommes essen gehen. Dann sind wir auf die Idee gekommen, wir machen da ein Wettrennen hin. Dann hatten wir halt fünf Taxis. Jeder saß in einem anderen Taxi, um in die Innenstadt zum Pommes essen zu fahren und auch wieder zurück. Und das ist irgendwann der Rechnungsstelle bei Emi aufgefallen. Das fanden die jetzt echt nicht gut. Und hinzu kam natürlich der Moment, dass wir in der Phase unseren Freund Norbert Händel aus Berlin gebeten hatten, seine Heino-Persiflage bei uns immer im Vorprogramm zu bringen. Er trat also als Heino auf. Das hat den echten Heino sehr, sehr verstört, der ebenfalls bei EMI war. Und der hat der Plattenfirma wohl mehr oder weniger ein Ultimatum gesetzt und gesagt, also entweder die oder ich, aber das lasse ich auf keinen Fall zu, dass ich mich hier so veräppeln lasse und ihr stützt das auch noch, indem die Band bei euch einen Plattenvertrag hat. Ich vermute mal, das war euch aber relativ egal zu dem Zeitpunkt, weil ich meine, es ist ja fast schon ein Ritterschlag, wenn jemand wie Heino dann gegen euch vorgeht. Klar, das war für uns ein gefundenes Ding. Wir haben uns natürlich darüber totgelacht und unser Ding weiter durchgezogen. Aber tatsächlich sind wir rausgeflogen bei Amy und mussten zusehen, dass wir woanders unterkommen. Und das war der Moment, wo Virgin Records uns irgendwie gesigned hat. Und so konnten wir unser zweites Album unter falscher Flagge rausbringen und. Dann dementsprechend später das Album Damenwahl einspielen. Und das war dann für uns schon die Zeit einer Orientierungsfrage. Wir wussten in diesem Moment nicht, wo wir uns hindrehen sollen. Überall wurde geungt, Punkrock ist zu Ende und das bringt das alles nicht mehr. Und wir standen ein bisschen ratlos da, wo wir selber mit uns hinwollten. Sollte es mehr Richtung Popsound gehen, sollte es härter werden. Wir saßen da zwischen allen Stühlen und es kam zum ersten Mal so ein seltsamer Leistungsdruck auf, dass es dann hieß, Campino, du singst zu schief, du musst das jetzt gerade singen und so. Ich wusste überhaupt nicht, was die von mir wollen. Davon war jahrelang nicht die Rede gewesen. und plötzlich sollte ich da so eine professionelle Leistung abrufen. Das hat mich sehr bedrückt. Und hat mich absolut gestresst und ich fand die Aufnahmen zu Damenwahl echt nicht schön. Und genau so ging das unserem Drummer Wally, der war gerade neu in der Band, der hatte auch eine schwere Zeit hinter seinem Schlagzeug, weil er ständig aufgefordert wurde, noch andere Breaks und Rolls anzubieten oder Rhythmen. Und so haben wir das, glaube ich, beide als eine sehr nervige Zeit empfunden und ich glaube, es hat der Platte auch nicht gut getan. Die war so ein bisschen gezähmt. Da sind eine Menge ganz gute Stücke drauf, aber die haben nicht diese Rotzigkeit von den ersten beiden Platten. Und das hat bei mir so eine Schelle ausgelöst, dass ich gedacht habe, also so kann das jetzt auch nicht gehen und das muss unbedingt korrigiert werden. Wir sind so nicht wie dieses Ergebnis. Und aus dieser Reaktion raus haben wir dann die Roten Rosen gegründet und quasi so die Axt im deutschen Schlagerwald gespielt und alles umgemäht, was uns in den Weg kam, mit einer entsprechend rotzigen Produktion, wo überhaupt nichts mehr besonders gefiltert wurde oder so. Und das war eigentlich unsere Reaktion auf unsere eigene Enttäuschtheit über dieses Album Damenwahl. Ist ja vielleicht auch nicht ganz gewöhnlich für eine Band in so einem relativ jungen Stadion noch, dass man überhaupt die Möglichkeit hat, sich selbst so ein Ventil zu geben. Das lag sicherlich nicht daran, dass wir jetzt finanziell besser aufgestellt gewesen wären als andere. Wir hatten damals kein Geld. Extrem knapp am Konkurs vorbeigewandert. Wir brauchten Hilfe und haben teilweise bei Musikverlagen unterschrieben und die Rechte an unseren eigenen Songs weggegeben, nur um kurzfristig ein bisschen Geld in die Kasse zu kriegen, um weiter erlaufen zu können. Also das war keine gloriose Zeit. Wir waren viel, viel bekannter und beliebter, als unsere finanzielle Situation ausdrücken würde. Also das war so, das war ein Klammermoment, die Zeit um Damenwahl. Das hat sich letztendlich alles erst gedreht mit dem Album ein kleines bisschen Horrorshow. Bis dahin waren wir finanziell immer im Engpass. Lag das einfach auch, naja, mit an der Zeit, mit an dem eigenen Alter und mit daran, dass man, ich behaupte jetzt mal, in der Zeit halt einfach auch sehr viel Spaß haben wollte, viel Quatsch machen wollte und viel unterwegs war? Es lag ein wenig daran, dass wir gar nicht mehr erwartet haben von Leben. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass wir damit je wirklich Geld verdienen würden. Das war unser Hobby. Das war nicht das Gefühl, dass wir da berufen sind, um Musik zu machen und uns damit durchs Leben zu schlagen. Das war Ausbruch aus dem Alltag. Ich bin zu Zeiten der Opel-Gang noch zur Schule gegangen. Breitig und ich haben in dieser Phase nachts die Aufnahmen für das Album gemacht und tagsüber unsere Abiturarbeiten geschrieben. Und danach waren wir im Zivildienst, haben beide in der Landesklinik, in der Nervenheilanstalt gearbeitet und als die Damenwahl erschien. Das wird wohl so die erste Zeit gewesen sein, wo ich aus dieser Sache raus war, und versucht habe, mich irgendwo als Student durchzuschlagen, obwohl ich nie bei irgendeiner Lesung war. Das ist so, das ist die Zeit gewesen. Wir haben plakatiert für andere Bands, wir haben Roadie-Jobs gemacht, so haben wir uns über Wasser gehalten. Und die Vorstellung, wir könnten selber was verdienen, die war gar nicht da. Von daher gab es auch gar keinen Druck, dass wir es irgendwie schaffen müssten oder so. Es ging uns eigentlich nur um die Akzeptanz innerhalb unserer eigenen Szene und dass wir für uns selber halt gute Musik machen wollten. Überschrift über dieser Folge ist noch das Lied Wort zum Sonntag. Ein paar Worte zu dem Song. Das ist eigentlich schon so eine erste klare Verortung, wo wir uns sehen. Und man kann an dem Lied erkennen, was uns damals beschäftigt hat. Letztendlich war es eine Reaktion darauf, dass die ganze Welt behauptete, Punk ist tot. Das ist vorbei. Wer sich jetzt noch damit auffällt, ist ein ewig Gestriger. Das wird nichts mehr. Die Zeitungen haben die Bewegung runtergeschrieben, viele Wellenreiter sind zur nächsten Bewegung oder zur nächsten heißen Mode rübergeschwappt und. Wir waren plötzlich nicht mehr die Avantgarde der Szene und die Lieblinge vom NMI Sounds oder hier in Deutschland dem Musikexpress und auch dem deutschen Sounds, sondern das Thema war durch. Es gab jetzt die neue deutsche Welle und alles, was sich da weiterentwickelte. Aber die, die bei den Wurzeln geblieben sind, die wurden mehr oder weniger belächelt. Und in diesem Lied nehmen wir ja ganz klar Stellung. Also solange Johnny Thunders lebt, bleib ich ein Punk. Und das Ende setzen wir uns selbst auch in diesen Bezug. Auch wenn die Wellenreiter lästern, das kümmert uns nicht, wir haben uns und das reicht. So ungefähr geht das Lied. Und es ist also etwas, was uns sehr, sehr beschäftigt hat und mit dem wir uns. Tag für Tag auseinandergesetzt haben. Die ganze Punk-Philosophie und Ideologie und alles, was sich darum drehte, das hat uns wirklich jeden Tag beschäftigt und war uns einfach wichtig. Warum hat das gerade Johnny Thunders in das Lied reingeschafft? Johnny Thunders und die Heartbreakers sind für uns eine ganz wichtige Band gewesen. Sie haben auch die Londoner Szene stark inspiriert, Als sie ihre ersten Besuche im UK, in Großbritannien unternommen haben, sind sie eingeschlagen wie ein Blitz. Sie waren wild, sie waren lebhaft, sie haben auf der Bühne getobt, sie hatten was Androgynes, was sehr gut angekommen ist. Leider haben sie auch das Heroin mit in die Szene gebracht aus New York. Es waren ja bekennende Junkies und sie wurden in der Londoner Jugendszene so behimmelt und bewundert, dass man sie nachgemacht hat, dass man auch so cool sein wollte wie die Heartbreakers. Und so ist letztendlich Sid Vicious von den Sex Whistles auch in diese ganze Heroin-Tragik geraten und am Schluss ja auch so zu Tode gekommen. Das war jetzt ein bitteres Ende von einer Sache, die sehr glorios losging. Und Johnny Thunders war eine funkelnde Figur. Da war der große Rocktyp mit den tollen Melodien entgegen. Der sich sozusagen weggeballert hat, aber offensichtlich das Leben trotzdem unter Kontrolle hatte. Stellte sich nachher ja als fürchterlicher Fehler raus, aber so hat man das in dem Moment geglaubt. Und deshalb gibt es auch diese Zeile, solange Johnny Thunders lebt, solange bleibe ich ein Punk. Dann haben wir ihn ja kennengelernt und später mit ihm auch eins seiner bekanntesten Lieder eingesungen, Born to Lose. Und zwei Tage nach dieser Aufnahme, wir haben ihn selber noch zum Flughafen gebracht. Er ist zurückgeflogen in die USA, nach New Orleans, ist dort in ein Hotel gegangen und ist in dieser Nacht gestorben. Also die letzte Fotografie, die es von Johnny Thunders gibt, das ist ein Bild mit uns. Verrückt, oder? Das ist wirklich verrückt. Kann man gar nicht in Worte fassen, als wir diesen Anruf bekommen haben. Ja, hier ist der Manager von Johnny. Ich wollte euch nochmal sagen, vielen Dank, dass ihr den letzte Woche so gut betreut habt und so. Und ich muss euch leider sagen, dass er heute in der Nacht gestorben ist. Das war damals ein Schock für uns. Hat das dich oder euch dann auch längerfristig beeinflusst in irgendeiner Art und Weise? Hat uns nachdenklich gemacht. Eben auch dieses Glorifizieren von dem Tanz am Abgrund. Was bleibt eigentlich von so einer Sache? Ich weiß, dass wir dann nochmal von seinem Management und seiner Familie gebeten wurden, teilzunehmen an so einem Johnny-Thunders-Tribute. Da wurden die ganzen Einnahmen der Familie gespendet. Das haben wir gerne getan und wir haben auch versucht, sein Lied besonders zu würdigen, indem wir damals auf dem Album, auf dem das Lied erschien, Learning English, wir haben alle anderen Künstler, die an der Platte teilgenommen haben, gebeten, auch bei diesem Lied mitzumachen und das zu singen. Also letztendlich war das so eine Verneigung vor Johnny Thunders, aber da waren, glaube ich, 15 verschiedene Liedsänger drauf. Der Star FM Rock Talk, heute mit Campino und 10 Songs für ein Halleluja. Hör dir die Playlist an, hör dir die Songs an zur Podcast-Reihe mit Campino. Über die Geschichte der Toten Hosen haben wir dir in der Caption verlinkt. In der nächsten Folge kümmern wir uns um den ganz großen Durchbruch der Band. Hier kommt Alex, ein kleines bisschen Horrorschau und ja, um die Keimzelle der alten Die-Ärzte-Die-Toten-Hosen-Rivalität, die ja zumindest in den Medien gerne mal sehr breit getreten wurde. Wir waren genervt, weil im selben Moment die Ärzte zeitgleich rauskamen und die waren immer ein, zwei Positionen über uns. Uns hat wenig interessiert, aber das hat uns genervt. Und deshalb war das irgendwo eher so die Frage, wieso ist das jetzt nur auf Platz 4 und die sind auf 1 oder 2, das kann jetzt nicht wahr sein. Das hat uns so ein bisschen den Spaß vergählt.