Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 5 - 348-352
Transcript
- 0:00Unterkapitel 348 von der Herkunft der Gelehrten in diesem
- 0:07Kapitel untersucht Nietzsche die soziale und psychologische
- 0:09Herkunft von Gelehrten und wie diese ihre Denkweise prägt.
- 0:13Er stellt fest, dass der Gelehrte in Europa aus allen
- 0:16möglichen Gesellschaftsschichten stammt und somit eine Art
- 0:19demokratische Pflanze ist, die keinen speziellen Nährboden
- 0:22braucht, doch gerade diese Herkunft, so Nietzsche,
- 0:26hinterlässt deutliche Spuren in der Art.
- 0:28Wie ein Gelehrter denkt und arbeitet, wenn man ein gelehrtes
- 0:32Buch genau betrachtet, kann man fast immer die Vorgeschichte des
- 0:35Autors erkennen, also seine familiäre Herkunft und
- 0:39insbesondere die Berufe seiner Vorfahren, das Gefühl, mit dem
- 0:43ein Gelehrter sagt, das ist nun bewiesen, hiermit bin ich
- 0:46fertig, verrät oft den Instinkt seiner Vorfahren, der Glaube an
- 0:51einen endgültigen Beweis ist für Nietzsche ein Zeichen dafür.
- 0:54Dass man aus einem Geschlecht von Handwerkern stammt, für die
- 0:57eine gemachte Arbeit als gute Arbeit gilt.
- 1:00Nietzsche untermauert dies mit mehreren Beispielen, die Söhne
- 1:04von Beamten und Büroschreibern ihre Hauptaufgabe war es immer,
- 1:08Material zuordnen und zu schematisieren, wenn sie zu
- 1:12gelehrten werden, neigen sie dazu, ein Problem schon dann als
- 1:15gelöst zu betrachten, wenn sie es in ein Schema oder eine
- 1:17Kategorie eingeordnet haben. Ihr denken bleibt an der
- 1:21formalen Ordnung hängen. Der Sohn eines Anwalts auch als
- 1:26Forscher wird er wie ein Anwalt agieren.
- 1:28Sein oberstes Ziel ist es, mit seiner Sache recht zu behalten.
- 1:32An zweiter Stelle kommt vielleicht das Ziel, tatsächlich
- 1:35Recht zu haben, die Söhne von protestantischen Geistlichen und
- 1:39Lehrern, sie zeichnen sich durch eine naive Sicherheit aus, sie
- 1:43präsentieren ihre Sache mit Wärme und glauben, sie sei damit
- 1:46schon bewiesen, sie sind es von ihren Vätern gewohnt, dass man
- 1:49ihnen einfach glaubt, das Gehörte zum Handwerk.
- 1:53Der jüdische Gelehrte im Gegensatz dazu ist der Jude
- 1:57aufgrund seiner Geschichte am wenigsten daran gewöhnt, dass
- 2:00man ihm einfach glaubt. Jüdische Gelehrte legen daher
- 2:04großen Wert auf Logik und das Erzwingen von Zustimmung durch
- 2:07Gründe. Sie wissen, dass sie selbst dann
- 2:10siegen müssen, wenn man ihnen aus Vorurteilen heraus nicht
- 2:13glauben will. Die Logik, so Nietzsche, ist
- 2:16demokratisch, denn sie kennt keine Person an und akzeptiert
- 2:19auch krumme Nasen als gerade. Er fügt hinzu, dass Europa den
- 2:23Juden viel für die Schulung in Logischem und klarem Denken zu
- 2:26verdanken hat. Insbesondere die Deutschen, die
- 2:29er als eine beklagenswert unvernünftige Rasse bezeichnet,
- 2:32der man immer erst den Kopf waschen müsse.
- 2:34Die Aufgabe der Juden sei es immer gewesen, ein Volk zur
- 2:38Vernunft zu bringen, Unterkapitel 349 noch einmal die
- 2:44Herkunft der Gelehrten. Nietzsche führt seine Gedanken
- 2:48aus dem vorherigen Kapitel weiter und vertieft die Idee,
- 2:51dass der Antrieb vieler Gelehrter und Philosophen aus
- 2:54einer Notsituation stammt. Der Drang, sich selbst zu
- 2:57erhalten, ist für ihn Ausdruck einer Notlage und eine
- 3:00Einschränkung des eigentlichen Lebensgrundtriebes dieser
- 3:04Urtrieb zielt nicht nur auf Erhaltung, sondern auf
- 3:06Machterweiterung und ist bereit, dafür sogar die Selbsterhaltung
- 3:10zu opfern. Es ist für ihn symptomatisch,
- 3:12dass gerade Philosophen wie der Schwindsüchtige Spinoza.
- 3:16Den Selbsterhaltungstrieb als das wichtigste ansahen.
- 3:19Sie mussten es so sehen, denn sie befanden sich selbst in
- 3:22einer Notsituation. Diese Perspektive der Notlage
- 3:25sieht Nietzsche auch in den modernen Naturwissenschaften,
- 3:28insbesondere im Darwinismus, die einseitige Lehre vom Kampf ums
- 3:32Dasein erklärt sich für ihn aus der Herkunft der meisten
- 3:35Naturforscher, sie gehören zum Volk, ihre Vorfahren waren Arme
- 3:39und geringe Leute, die die Schwierigkeiten des Überlebens
- 3:42nur allzu gut kannten. Um den englischen Darwinismus
- 3:46herum, so schreibt er bildhaft, liegt eine
- 3:48übervölkerungsstickluft und der Geruch von kleinen Leuten von
- 3:52Not und Enge. Ein Naturforscher sollte jedoch
- 3:56aus diesem menschlichen Blickwinkel heraustreten, in der
- 3:59Natur sunnitsches Gegenposition herrscht nicht die Notlage,
- 4:03sondern der Überfluss und die Verschwendung sogar bis ins
- 4:07unsinnige, der Kampf ums Dasein ist für ihn nur eine Ausnahme,
- 4:11eine zeitweilige Einschränkung des Lebenswillens.
- 4:14Der eigentliche große und kleine Kampf im Leben dreht sich nicht
- 4:18um das bloße Überleben, sondern um Übergewicht, um Wachstum,
- 4:22Ausbreitung und macht. Dies alles entspricht dem Willen
- 4:26zur Macht, der für Nietzsche der eigentliche Wille des Lebens
- 4:29ist. Unterkapitel 350 zu Ehren der
- 4:35Homines Religiosi in diesem Kapitel beschreibt Nietzsche den
- 4:40Kampf gegen die Kirche als einen vielschichtigen Konflikt.
- 4:44Er ist unter anderem der Kampf von einfacheren Lebensfroheren
- 4:48und oberflächlicheren Naturen gegen die Herrschaft von
- 4:51schwereren, tieferen und argwöhnischeren Menschen.
- 4:54Diese Homines Religiosi, lateinisch für religiöse
- 4:58Menschen, sind diejenigen, die lange über den Wert des Daseins
- 5:02und auch über ihren eigenen Wert grübeln, der gemeine Instinkt
- 5:06des Volkes, seine Lebenslust und sein gutes Herz, so Nietzsche,
- 5:10empören sich gegen diese Grüblerischen und oft auch
- 5:12boshaften Naturen. Die gesamte römische Kirche, so
- 5:16seine These, beruht auf einem südländischen Argwohn gegenüber
- 5:20der Natur des Menschen. Dieser Argwohn wurde vom Norden
- 5:24Europas immer falsch verstanden, der europäische Süden hat hier
- 5:28das Erbe des tiefen, geheimnisvollen Orients und
- 5:30seiner nach innen gerichteten kontemplativen Kultur
- 5:33angetreten, der Protestantismus war in diesem Sinne ein
- 5:36Bauernaufstand des Geistes, ein Volksaufstand zugunsten der
- 5:40biederen, Treuherzigen und oberflächlichen.
- 5:44Der Norden war immer schon gutmütiger und flacher als der
- 5:47Süden. Die französische Revolution hat
- 5:49diese Entwicklung auf die Spitze getrieben und dem guten Menschen
- 5:53endgültig die Macht gegeben. Nietzsche beschreibt diesen
- 5:57guten Menschen sarkastisch als scharf, Esel und Gans als alles,
- 6:02was unheilbar flach und Schreihals und reif für das
- 6:05Narrenhaus der modernen Ideen ist.
- 6:08Unterkapitel 351. Zu Ehren der priesterlichen
- 6:14Naturen hier unterscheidet Nietzsche zwischen dem, was das
- 6:19Volk unter Weisheit versteht, und dem, was Weisheit für einen
- 6:22Philosophen bedeutet. Das Volk.
- 6:24Und Nietzsche betont, dass heute fast jeder zum Volk gehört,
- 6:28versteht unter Weisheit eine kluge, ruhige und sanfte
- 6:31Gemütsart, wie man sie bei einem Landpfarrer findet, eine
- 6:35Weisheit, die auf der Wiese liegt und dem Leben Wiederkäuend
- 6:38zuschaut. Von dieser Art von Weisheit
- 6:41haben sich die Philosophen immer am weitesten entfernt gefühlt,
- 6:44weil sie eben nicht Volk genug waren.
- 6:47Das Volk wiederum, so Nietzsche, wird niemals verstehen, was dem
- 6:51Philosophen am nächsten liegt, die große Leidenschaft des
- 6:54Erkennens, die ihn dazu zwingt, beständig in der Gewitterwolke
- 6:58der höchsten Probleme und der schwersten Verantwortlichkeiten
- 7:01zu leben. Der Philosoph ist alles andere
- 7:04als ein passiver Zuschauer, er ist nicht sicher oder objektiv.
- 7:08Das Volk verehrt eine ganz andere Art von Mensch.
- 7:10Wenn es sich sein Ideal eines Weisen schafft.
- 7:13Es huldigt den milden, ernsten und keuschen priesterlichen
- 7:17Naturen, und das, so Nietzsche, mit vollem Recht, denn diese
- 7:22Menschen gehören zum Volk, kommen aus ihm, opfern sich aber
- 7:25für das Wohl des Volkes auf. Sie selbst glauben, sich Gott zu
- 7:29Opfern, bei ihnen kann das Volk sein Herz ausschütten und seine
- 7:33Sorgen loswerden, denn so ein wichtiger psychologischer
- 7:37Einblick Nietzsches. Der Mensch, der sich mitteilt,
- 7:40wird sich selber los und wer bekannt hat, vergisst.
- 7:44Es gibt also eine große Notwendigkeit für solche
- 7:46Abzugsgräben für den seelischen Unrat.
- 7:50Es braucht Ströme der Liebe und demütige, reine Herzen, die sich
- 7:53für diesen Dienst an der nichtöffentlichen
- 7:55Gesundheitspflege opfern, denn es ist eine Opferung, ein
- 7:59Priester ist und bleibt ein Menschenopfer, das Volk spürt,
- 8:03dass diese geopferten, stillgewordenen und ernsten
- 8:06Menschen wissend sind. Und empfindet eine Ehrfurcht vor
- 8:09ihrer Art von Weisheit. Im Gegensatz dazu steht der
- 8:12Philosoph, er gilt dem Priester immer noch als Volk, als nicht
- 8:17wissend, weil er nicht an Wissende im religiösen Sinne
- 8:20glaubt. Die Bescheidenheit, so
- 8:22Nietzsche, war es, die in Griechenland das Wort Philosoph,
- 8:26Freund der Weisheit erfunden hat, die anmaßende Bezeichnung
- 8:30Weiser überließ man den Schauspielern des Geistes, den
- 8:33großen, selbstherrlichen Figuren.
- 8:36Wie Pythagoras oder Plato Unterkapitel 352 inwiefern Moral
- 8:43kaum entbehrlich ist Nietzsche beginnt dieses Kapitel mit einer
- 8:48provokanten Vorstellung. Was wäre, wenn eine fröhliche
- 8:52Gesellschaft plötzlich all ihrer Kleider beraubt würde?
- 8:55Er glaubt, dass nicht nur die Fröhlichkeit und der Appetit
- 8:58verschwinden würden, es scheint, so seine Folgerung, dass wir
- 9:02Europäer diese Maskerade der Kleidung nicht entbehren können.
- 9:06Diesen Gedanken überträgt er auf die Moral, die Verkleidung des
- 9:10moralischen Menschen, seine Verhüllung unter moralischen
- 9:12Formeln wie Pflicht, Tugend oder Gemeinsinn hat ebenso gute
- 9:17Gründe. Nietzsche meint damit aber
- 9:19nicht, dass darunter die menschliche Bosheit das wilde
- 9:22Tier, verborgen wird, sein Gedanke ist das genaue
- 9:26Gegenteil, wir sind gerade als zahme Tiere schön.
- 9:30Der moderne Europäer verkleidet sich in die Moral, weil er ein
- 9:33krankes, Kränkliches und krüppelhaftes Tier geworden ist.
- 9:37Er hat gute Gründe, zahm zu sein, weil er beinahe eine
- 9:40Missgeburt ist. Etwas halbes, schwaches,
- 9:43Unfertiges. Es ist nicht die Furchtbarkeit
- 9:46des Raubtiers, die eine moralische Verkleidung nötig
- 9:48macht. Ein Raubtier braucht keine
- 9:50Moral. Es ist das Herdentier mit seiner
- 9:53tiefen Mittelmäßigkeit, seiner Angst und seiner Langeweile, das
- 9:57die Moral braucht. Die Moral, so schließt er, putzt
- 10:01den Europäer auf, sie lässt ihn vornehmer, bedeutender,
- 10:05ansehnlicher erscheinen, sie macht ihn göttlich.
- 10:10Die Moral ist also eine Art notwendige und verschönernde
- 10:13Verkleidung für ein im Grunde schwaches und unansehnliches
- 10:16Wesen.