Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Viertes Hauptstück - 164-168
Transcript
- 0:00Unter Kapitel 164 Gefahr und Gewinn im Kultus des Genius in
- 0:07diesem Abschnitt untersucht Nietzsche, was passiert, wenn
- 0:10wir an das Genie als etwas Übernatürliches glauben.
- 0:14Er wägt ab, ob dieser Glaube nützlich oder schädlich ist.
- 0:18Viele Menschen glauben noch immer, dass große Geister einen
- 0:20göttlichen Ursprung haben, sie denken, diese Geister hätten
- 0:24fast magische Fähigkeiten und könnten die Wahrheit auf einem
- 0:26ganz anderen Weg finden als normale Menschen.
- 0:29Man glaubt, sie könnten durch einen Blick in das Wesen der
- 0:32Welt Dinge erkennen, ohne die mühsame und strenge Arbeit der
- 0:36Wissenschaft leisten zu müssen. Solange es Menschen gibt, die an
- 0:40solche Wunder glauben, kann dieser Glaube für die Anhänger
- 0:42sogar einen Nutzen haben, sie ordnen sich dem großen Geist
- 0:46unter und lernen dadurch Disziplin, sie verschaffen sich
- 0:50eine gute Schule für ihre eigene Entwicklung, indem sie dem Genie
- 0:54folgen. Aber für das Genie selbst ist
- 0:57dieser Aberglaube gefährlich. Nietzsche fragt, ob es für den
- 1:01großen Geist gut ist, wenn er selbst glaubt, er sei etwas
- 1:04Göttliches, das ist ein gefährliches Zeichen, es ist,
- 1:09als würde ihm der Geruch der Opfergaben, die man ihm bringt,
- 1:12in den Kopf steigen, er fängt an zu schwanken und hält sich
- 1:16selbst für übermenschlich. Die Folgen davon sind langsam,
- 1:19aber schlimm, der Künstler oder Denker fühlt sich nicht mehr
- 1:23verantwortlich. Er glaubt, er habe besondere
- 1:25Rechte und stehe über dem Gesetz.
- 1:28Er wird wütend, wenn man ihn mit anderen vergleicht oder seine
- 1:31Werke kritisiert, er hört auf, sich selbst zu kritisieren,
- 1:35dadurch verliert er am Ende seine Fähigkeiten, seine Kraft
- 1:39lässt nach wie Federn, die einem Vogel ausfallen.
- 1:43Dieser Aberglaube zerstört die Wurzel seiner Kraft, vielleicht
- 1:46wird er sogar zum Heuchler, wenn seine echte Kraft weg ist, er
- 1:50aber weiterhin so tun will, als sei er ein Genie.
- 1:53Nietzsche meint, es ist für große Geister viel gesünder,
- 1:56wenn sie verstehen, woher ihre Kraft wirklich kommt.
- 2:00Sie sollten begreifen, dass ihre Größe aus rein menschlichen
- 2:03Eigenschaften entstanden ist, aus Energie, Willenskraft,
- 2:06Ausdauer, Mut und einer guten Erziehung und Glücksumständen
- 2:11wenn ein Genie aber das Ziel hat, eine möglichst große
- 2:14Wirkung auf die Massen zu erzielen, dann hilft ihm eine
- 2:16gewisse Unklarheit über sich selbst und ein bisschen
- 2:19Wahnsinn. Die Menschen haben schon immer
- 2:22die Kraft bewundert, mit der jemand andere willenlos macht
- 2:25und sie dazu bringt, an übernatürliche Führer zu
- 2:27glauben. Es begeistert die Menschen, wenn
- 2:29sie glauben, jemand besitze übernatürliche Kräfte, aber
- 2:33dieser Wahnsinn ist auch ein Gift.
- 2:35Am Ende zeigt sich das Gift, wenn das Genie alt wird.
- 2:39Nietzsche nennt Napoleon Bonaparte als Beispiel Napoleon
- 2:43war ein mächtiger Mensch, der durch seinen Glauben an sich
- 2:46selbst und seinen Stern, also sein Schicksal.
- 2:49Zu einer Einheit Zusammenwuchs, die ihn über alle anderen
- 2:52Menschen hinaushob. Aber am Ende verwandelte sich
- 2:56dieser Glaube in einen fast wahnsinnigen Fatalismus.
- 2:59Fatalismus bedeutet hier, dass er glaubte, das Schicksal sei
- 3:02unabänderlich vorherbestimmt, dadurch verlor er seinen
- 3:06schnellen und scharfen Blick für die Realität, und das war die
- 3:09Ursache für seinen Untergang unter Kapitel 165 Gefahr und
- 3:17Gewinn im Kult des Genies. In diesem sehr ausführlichen
- 3:22Abschnitt beschäftigt sich Nietzsche mit der Art und Weise,
- 3:25wie wir außergewöhnliche Menschen, also Genies, verehren
- 3:28und welche Folgen das hat. Er untersucht den Glauben daran,
- 3:32dass große Geister wie berühmte Künstler oder Denker
- 3:35übernatürliche Fähigkeiten hätten.
- 3:37Nietzsche stellt fest, dass viele Menschen glauben, Genies
- 3:40seien nicht einfach nur talentierte Menschen, sondern
- 3:43hätten einen fast göttlichen Ursprung.
- 3:46Man schreibt ihnen zu, dass sie einen direkten Blick in das
- 3:49Wesen der Welt haben, so als ob sie durch ein Loch im Vorhang
- 3:52der Realität schauen könnten. Man glaubt, sie müssten sich
- 3:56nicht wie normale Menschen mit harter Arbeit und strenger
- 3:59Wissenschaft abmühen, sondern bekämen ihre Erkenntnisse durch
- 4:02eine wunderbare Gabe einfach so mitgeteilt.
- 4:06Nietzsche fragt nun, ob dieser Glaube nützlich oder schädlich
- 4:09ist. Ergibt zu, dass dieser
- 4:11Aberglaube für die Anhänger des Genies einen Vorteil haben kann.
- 4:15Wenn sich Menschen einem großen Geist bedingungslos unterordnen,
- 4:19lernen sie Disziplin und werden gut geschult.
- 4:22Das ist immer Gewinn für die Anhänger, aber für das Genie
- 4:26selbst ist dieser Kult gefährlich, wenn ein Mensch
- 4:29anfängt zu glauben, er sei etwas Übermenschliches, verliert er
- 4:33die Bodenhaftung. Nietzsche beschreibt dies als
- 4:36ein gefährliches Anzeichen, wenn das Genie, den er Weihrauch,
- 4:40also das übertriebene Lob, das eigentlich Göttern gebührt, zu
- 4:43ernst nimmt. Beginnt es zu schwanken?
- 4:46Es hält sich selbst für unverantwortlich und glaubt,
- 4:49Sonderrechte zu haben. Die Folgen sind fatal.
- 4:52Das Genie verliert die Fähigkeit, sich selbst zu
- 4:54kritisieren, es meint allein der Umgang mit ihm sei schon eine
- 4:58Gnade für andere, wenn jemand wagt, das Genie zu kritisieren
- 5:02oder mit anderen zu vergleichen, reagiert es mit wütendem Hass.
- 5:06Das Ergebnis ist, dass das Genie langsam seine eigentliche Kraft
- 5:10verliert, so als ob einem Vogel nacheinander die Federn
- 5:12ausfallen. Um seine Position zu halten,
- 5:15wird das Genie dann oft zum Heuchler, der Stärke vortäuscht,
- 5:19obwohl er sie nicht mehr hat. Nietzsche schlägt vor, dass es
- 5:22für große Geister gesünder wäre zu verstehen, woher ihre Kraft
- 5:26wirklich kommt, es ist keine Magie, sondern eine Mischung aus
- 5:30menschlichen Eigenschaften und glücklichen Umständen, dazu
- 5:34gehören zum Beispiel viel Energie, ein fester Wille,
- 5:36persönliche Ziele, Mut und Glück bei der Erziehung und den
- 5:40Lehrern. Natürlich gibt Nietzsche zu,
- 5:43dass ein bisschen Wahnsinn oder Unklarheit über sich selbst dem
- 5:46Genie helfen kann, eine enorme Wirkung auf andere zu haben.
- 5:50Die Menschen lieben es, an übernatürliche Führer zu
- 5:53glauben, aber dieser Glaube wirkt wie ein Gift, wenn das
- 5:57Genie alt wird und immer noch an seine eigene Göttlichkeit
- 6:00glaubt, wird dieses Gift gefährlich.
- 6:03Nietzsche nennt Napoleon als Beispiel Napoleon wuchs durch
- 6:07den Glauben an seinen Stern zu einer mächtigen Einheit
- 6:09zusammen. Und erhob sich über alle
- 6:11anderen. Aber am Ende führte genau dieser
- 6:14fast wahnsinnige Schicksalsglaube dazu, dass er
- 6:17seinen scharfen Verstand verlor und unterging.
- 6:22Unterkapitel 166 das Publikum hier analysiert Nietzsche den
- 6:28Unterschied zwischen dem normalen Publikum und dem
- 6:31Künstler selbst, wenn es um Kunstwerke wie eine Tragödie,
- 6:34also ein trauriges Theaterstück, geht.
- 6:37Das Volk, also das normale Publikum, möchte eigentlich nur
- 6:41eines. Es will gerührt werden, es
- 6:44möchte im Theater weinen und Gefühle herauslassen können.
- 6:48Der Künstler hingegen, der im Publikum sitzt und das neue
- 6:52Stück eines anderen Künstlers ansieht, achtet auf ganz andere
- 6:55Dinge, er hat Freude an der technischen Machart, er achtet
- 6:59auf die geistreichen Erfindungen, die Kunstgriffe,
- 7:02wie der Stoff verteilt ist und wie alte Motive neu verpackt
- 7:05wurden. Seine Haltung ist eine
- 7:07ästhetische und schöpferische Haltung.
- 7:10Nietzsche sagt also, es gibt eine Kluft, das Volk schaut nur
- 7:14auf den Inhalt und den Stoff, um Gefühle zu haben, der Künstler
- 7:18schaut auf die Form und die Technik und die Menschen, die
- 7:21dazwischen stehen, also weder einfaches Volk noch Künstler
- 7:24sind, wissen oft gar nicht, was sie eigentlich wollen und haben
- 7:28deshalb auch nur wenig Freude an der Kunst.
- 7:32Unterkapitel 167. Künstlerische Erziehung des
- 7:36Publikums Nietzsche erklärt, wie man das Publikum dazu bringen
- 7:41kann, Kunst wie ein Experte zu genießen, wenn ein bestimmtes
- 7:45Motiv oder eine Geschichte nicht nur einmal, sondern hundertfach
- 7:48von verschiedenen Meistern bearbeitet wird, ändert sich die
- 7:51Wahrnehmung des Publikums am Anfang, interessiert sich das
- 7:54Publikum nur für den Stoff, also für die Geschichte selbst.
- 7:58Zum Beispiel, Wer kriegt wen oder wer stirbt.
- 8:03Wenn sie die Geschichte aber schon in und auswendig kennen,
- 8:05weil sie sie so oft gesehen haben, verlieren sie das
- 8:08Interesse an der bloßen Spannung.
- 8:10Dann fangen Sie an, auf die Feinheiten zu achten, Sie
- 8:13genießen die Nuancen, die kleinen neuen Erfindungen und
- 8:17wie der Künstler das bekannte Thema diesmal anders behandelt
- 8:20hat, so lernt das Publikum durch Wiederholung die Kunst nicht
- 8:24mehr wegen der Spannung, sondern wegen der künstlerischen Machart
- 8:27zu schätzen. Unterkapitel 168.
- 8:32Künstler und sein Gefolge müssen Schritt halten in diesem
- 8:36Abschnitt geht es um die Entwicklung des Kunststils.
- 8:40Nietzsche sagt, dass sich der Stil einer Kunstform immer nur
- 8:43langsam von einer Stufe zur nächsten entwickeln darf.
- 8:46Warum ist das so? Nicht nur der Künstler muss sich
- 8:49entwickeln, sondern auch die Zuhörer und Zuschauer müssen
- 8:52diesen Weg mitgehen und verstehen können, wenn der
- 8:55Künstler einen zu großen Sprung macht.
- 8:57Und plötzlich, auf einer einsamen, hohen ebene Werke
- 9:00schafft, zu der das Publikum keinen Zugang mehr hat, entsteht
- 9:03eine Kluft. Das Publikum kann dem Künstler
- 9:06dann nicht mehr folgen, es wird unzufrieden und stürzt ab, das
- 9:11bedeutet, es fällt emotional und geschmacklich tiefer, als es
- 9:14vorher war. Nietzsche vergleicht das Genie
- 9:17hier mit einem Adler, der eine Schildkröte das Publikum in die
- 9:21Wolken trägt, wenn der Adler die Schildkröte fallen lässt, weil
- 9:24er zu hoch fliegt, stürzt sie in ihr Unglück.