Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 5 - 380-383
Transcript
- 0:00Unterkapitel 380 der Wanderer redet in diesem Abschnitt
- 0:07spricht Nietzsche aus der Perspektive einer Figur, die er
- 0:10den Wanderer nennt. Stell dir einen Wanderer vor,
- 0:13der eine Stadt verlässt und auf einen Berg steigt.
- 0:17Erst von dieser Entfernung aus kann er die ganze Stadt mit all
- 0:20ihren Türmen und ihrer wahren Form überblicken, solange er in
- 0:24den Gassen der Stadt Umherläuft, sieht er immer nur einen kleinen
- 0:27Ausschnitt. Nietzsche überträgt dieses Bild
- 0:30auf die Moral. Die meisten Menschen leben ihr
- 0:33ganzes Leben in der Stadt, ihrer gewohnten Moral, ohne sie jemals
- 0:37zu hinterfragen. Sie folgenden Regeln von Gut und
- 0:41Böse, die Ihnen beigebracht wurden, der Wanderer aber ist
- 0:45ein Philosoph, ein freier Geist, der diese vertraute Welt der
- 0:48Moral verlässt. Er will die Moral von außen
- 0:51betrachten, um sie wirklich zu verstehen, um das zu können,
- 0:56muss man eine Position. Jenseits von Gut und Böse
- 0:59einnehmen, das bedeutet nicht, dass man ein schlechter oder
- 1:02unmoralischer Mensch wird. Es bedeutet, dass man aufhört,
- 1:06die Welt nur durch die Brille der gewohnten Moral zu sehen,
- 1:09man fragt stattdessen, warum halten wir bestimmte Dinge für
- 1:13gut und andere für böse, woher kommen diese Regeln, sind sie
- 1:18wirklich so unumstößlich, wie wir immer dachten, dieser
- 1:21Schritt erfordert Mut und eine besondere geistige Haltung.
- 1:25Nietzsche sagt, Man muss seine spezifische Schwere überwinden.
- 1:29Damit meint er das geistige Gewicht all der Vorurteile,
- 1:33Gewohnheiten und festgefahrenen Meinungen, die wir mit uns
- 1:36herumtragen. Man muss leicht werden, um über
- 1:40die eigene Zeit und ihre Werte hinausblicken zu können, man
- 1:43muss die eigene Zeit, das eigene Leiden und sogar die eigenen
- 1:47Wünsche überwinden, nur so kann man die Moral wirklich kritisch
- 1:51untersuchen und verstehen, anstatt nur blind in ihr
- 1:54gefangen zu sein. Unterkapitel 381 zur Frage der
- 2:00Verständlichkeit hier spricht Nietzsche über seinen eigenen,
- 2:05oft schwierigen Schreibstil. Er erklärt, dass er gar nicht
- 2:09von jedem verstanden werden möchte und dies sogar Absicht
- 2:13ist. Ein vornehmer und
- 2:14anspruchsvoller Geist wählt sich seine Zuhörer sorgfältig aus,
- 2:18sein Stil ist wie eine unsichtbare Mauer, die
- 2:21unerwünschte Leser fernhält. Und nur diejenigen einlässt, die
- 2:24ihm geistig verwandt sind. Er vergleicht seine Art mit
- 2:28tiefen und schweren Problemen umzugehen, mit einem Sprung ins
- 2:31kalte Wasser. Man zögert nicht lange, taucht
- 2:35schnell ein und kommt schnell wieder heraus, man bleibt nicht
- 2:39ewig im Problem stecken, diese schnelle, entschlossene Art zu
- 2:42denken ist für ihn ein Zeichen von geistiger Gesundheit, er
- 2:47will damit sagen, dass man Wahrheiten blitzschnell berühren
- 2:50und erfassen kann. Ohne lange darüber brüten zu
- 2:52müssen, so wie es manche Gelehrte tun.
- 2:55Nietzsche bezeichnet sich selbst als Immoralisten, auch hier ist
- 2:59es wichtig zu verstehen, was er meint.
- 3:01Ein Immoralist ist für ihn nicht jemand ohne Moral, sondern
- 3:05jemand, der die herrschende Moral kritisiert, er steht
- 3:08außerhalb der Normen, um sie besser analysieren zu können,
- 3:12weil seine Gedanken so radikal sind, sagt er mit einer gewissen
- 3:15Ironie, er müsse vorsichtig sein, um die Unschuld nicht zu
- 3:19verderben. Mit dieser Unschuld meint er die
- 3:22einfachen, unkritischen Menschen.
- 3:23Er nennt sie die Esel und die alten Jungfern beiderlei
- 3:27Geschlechts, die in ihrer heilen Welt der einfachen Moral leben.
- 3:31Seine Schriften, so sagt er, sollen diese Menschen nicht
- 3:34einfach nur schockieren, sondern sie zu einer neuen Art von
- 3:37Tugend und Stärke ermutigen und erheben seine Kürze im Ausdruck
- 3:42hat also auch den Zweck, seine gefährlichen Gedanken so zu
- 3:44verpacken, dass sie erst von denen verstanden werden, die
- 3:47dafür bereit sind. Unterkapitel 382 die große
- 3:53Gesundheit in diesem Kapitel stellt Nietzsche sein Ideal
- 3:57einer neuen Art von Gesundheit vor.
- 4:00Die große Gesundheit. Das ist viel mehr als nur die
- 4:04Abwesenheit von Krankheit, es ist ein Zustand von
- 4:06außergewöhnlicher Stärke, Widerstandsfähigkeit und
- 4:10Lebensfreude, ein Mensch mit dieser großen Gesundheit ist wie
- 4:14ein Entdecker, der alle Küsten des idealen Mittelmeers bereist
- 4:18hat. Das bedeutet, er hat sich mit
- 4:20allen möglichen Werten, Ideen und Weltanschauungen
- 4:23auseinandergesetzt, die es bisher gab.
- 4:26Er hat alles erlebt und durchdacht, vom Künstler über
- 4:29den Heiligen bis hin zum Wissenschaftler und dem
- 4:32Gesetzgeber, diese Gesundheit ist nichts, was man einfach
- 4:35besitzt, man muss sie sich immer wieder neu erobern, sie entsteht
- 4:40gerade dadurch, dass man schwere Krisen, Krankheiten und Zweifel
- 4:44durchlebt und gestärkt daraus hervorgeht.
- 4:47Ein Mensch mit großer Gesundheit kann sogar Schiffbruch erleiden
- 4:51und trotzdem gefährlich gesund, immer wieder gesund sein.
- 4:55Er ist in der Lage, leid nicht nur zu ertragen, sondern es als
- 4:59Teil des Lebens anzunehmen und daran zu wachsen, diese neue,
- 5:03stärkere Gesundheit ist für Nietzsche die Voraussetzung für
- 5:06die Menschen der Zukunft, er nennt diese Menschen namenlose
- 5:09und Frühgeburten einer noch unbewiesenen Zukunft.
- 5:13Sie sind die Vorboten eines neuen Zeitalters, die stark
- 5:16genug sind, ohne die alten Sicherheiten und den alten
- 5:19Glauben zu leben. Ihr Durst nach Erkenntnis ist so
- 5:22groß, dass sie sich nicht mit dem zufrieden geben, was die
- 5:25Gegenwart zu bieten hat. Sie streben nach einem neuen
- 5:28Ideal, einem Ideal von einem Geist, der so stark und
- 5:32überfließend ist, dass er spielerisch mit allem umgeht,
- 5:34was bisher als heilig galt. Dieses Ideal ist das Ziel, für
- 5:39das man die große Gesundheit braucht, Unterkapitel. 383
- 5:45Epilog dieses letzte Kapitel ist ein sehr persönlicher und
- 5:50poetischer Abschluss des Buches. Nietzsche blickt auf sein Werk
- 5:54zurück und beschreibt es so, als würde er ein düsteres
- 5:57Fragezeichen in die Welt malen. Er denkt über die Kunst des
- 6:01richtigen Lesens nach, als er plötzlich von den Geistern
- 6:04seines Buches unterbrochen wird, die ihn auslachen.
- 6:07Diese Geister sind eine Personifikation des fröhlichen,
- 6:10leichten und lebensbejahenden teils seiner eigenen
- 6:13Philosophie, der Fin, Fröhlichen Wissenschaft selbst.
- 6:17Sie machen sich über seinen Ernst lustig und nennen seine
- 6:20tiefgründige, schwere Philosophie eine rabenschwarze
- 6:24Musik. Sie fragen ihn, warum er nicht
- 6:26fröhlichere Lieder spielt, Lieder, die so leicht sind, dass
- 6:29sie nicht einmal die Grillen verscheuchen, sondern sie zum
- 6:32Mitsingen und Mittanzen einladen.
- 6:35Sie wollen lieber den Klang eines einfachen Dudelsacks hören
- 6:38als die düsteren Unkenrufe eines Philosophen.
- 6:41Nietzsche nimmt diese Kritik seiner eigenen Geister an, er
- 6:45erkennt, dass es in seiner Philosophie immer eine Spannung
- 6:48gibt zwischen den schweren, tragischen Erkenntnissen wie dem
- 6:51Tod Gottes und der Aufforderung, das Leben trotzdem leicht und
- 6:55tanzend anzunehmen, am Ende akzeptiert er, dass es der Fluch
- 6:59des Sängers ist, missverstanden zu werden.
- 7:02Er weiß, dass nicht jeder die tiefere Bedeutung seiner Musik
- 7:05verstehen wird. Trotzdem fordert er seine Leser
- 7:08auf, wollt ihr das also wollt ihr trotzdem versuchen, nach
- 7:13meiner Pfeife zu tanzen, damit meint er sich auf seine Gedanken
- 7:16einzulassen und zu versuchen, das Leben trotz aller Schwere
- 7:20mit einer neuen, fröhlichen und tänzerischen Leichtigkeit zu
- 7:24leben. Es ist ein letzter Aufruf zur
- 7:27Lebensbejahung.