Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 3 - 120-125
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- 0:00Unterkapitel 120 die Gesundheit der Seele Nietzsche kritisiert
- 0:07hier die Idee einer allgemeingültigen Gesundheit der
- 0:10Seele und argumentiert, dass Gesundheit etwas zutiefst
- 0:14individuelles ist. Er beginnt mit einer alten
- 0:16Moralformel, die besagt, Tugend ist die Gesundheit der Seele.
- 0:21Diese Formel, so Nietzsche, muss dringend geändert werden, sie
- 0:25sollte lauten, deine Tugend ist die Gesundheit deiner Seele.
- 0:30Der Grund dafür ist einfach. Es gibt keine Gesundheit an
- 0:34sich. Alle versuche, eine universelle
- 0:36Definition von Gesundheit zu finden, sind kläglich
- 0:39gescheitert, was für einen Menschen Gesundheit bedeutet,
- 0:43hängt von vielen persönlichen Faktoren ab, von seinem Ziel,
- 0:47seinem Horizont, seinen Kräften, seinen Antrieben, seinen
- 0:51Irrtümern und sogar von den Idealen und Fantasien seiner
- 0:55Seele. Deshalb gibt es unzählige Arten
- 0:58von körperlicher Gesundheit. Je mehr wir dem Einzelnen
- 1:01erlauben, einzigartig und unvergleichlich zu sein und sich
- 1:05von der Masse abzuheben, desto mehr müssen wir auch die Idee
- 1:09einer einheitlichen Normalgesundheit aufgeben.
- 1:12Die Vorstellung, dass alle Menschen gleich sind, ist ein
- 1:15Dogma, das uns daran hindert, die Vielfalt der Gesundheit zu
- 1:18erkennen. Nietzsche geht sogar noch weiter
- 1:21und stellt die Frage, ob wir die Krankheit überhaupt missen
- 1:24könnten. Selbst für die Entwicklung
- 1:26unserer Tugend vielleicht, so spekuliert er, braucht unser
- 1:30Durst nach Erkenntnis und Selbsterkenntnis die kranke
- 1:33Seele genauso sehr wie die Gesunde.
- 1:36Er deutet an, dass der alleinige Wille zur Gesundheit am Ende nur
- 1:40ein Vorurteil, eine Form von Feigheit oder vielleicht sogar
- 1:43ein Zeichen von Rückständigkeit sein könnte.
- 1:47Unterkapitel 121 das Leben kein Argument.
- 1:54Dieses sehr kurze Kapitel enthält einen radikalen
- 1:57Gedanken. Das Leben selbst beweist nichts.
- 2:00Nietzsche sagt, Wir haben uns eine Welt zurechtgemacht, in der
- 2:04wir leben können, diese Welt basiert auf bestimmten Annahmen,
- 2:07die wir für wahr halten, wir glauben an die Existenz von
- 2:11Körpern, Linien, Flächen, an Ursachen und Wirkungen, an
- 2:15Bewegung und Ruhe, an Form und Inhalt.
- 2:19Ohne diese Glaubensartikel könnten wir das Leben nicht
- 2:22aushalten. Doch nur weil diese Annahmen für
- 2:25uns lebensnotwendig sind, bedeutet das nicht, dass sie
- 2:28auch wahr sind. Hier kommt der Kern des Kapitels
- 2:32das Leben ist kein Argument, die Bedingungen, unter denen wir
- 2:36leben könnten, genauso gut auf einem fundamentalen Irrtum
- 2:39beruhen, anders gesagt, dass eine Idee oder ein Glaube uns
- 2:44hilft zu überleben, macht sie nicht automatisch wahr, es
- 2:48könnte sein, dass der Irrtum eine notwendige Bedingung des
- 2:51Lebens ist. Wir dürfen also nicht vom
- 2:54Überleben auf die Wahrheit schließen.
- 2:57Unterkapitel 122 die moralische Skepsis im Christentum Nietzsche
- 3:05schreibt hier dem Christentum eine überraschende Rolle zu.
- 3:09Es habe einen großen Beitrag zur Aufklärung geleistet, indem es
- 3:12eine besondere Form der moralischen Skepsis lehrte.
- 3:16Diese christliche Skepsis war eindringlich, wirksam, anklagend
- 3:20und verbitternd. Aber auch unermüdlich, geduldig
- 3:24und fein. Sie hat in jedem einzelnen
- 3:26Menschen den Glauben an seine eigenen Tugenden zerstört, die
- 3:31Großen von sich selbst überzeugten Tugendhelden der
- 3:33Antike, die stolz wie Stierkämpfer durchs Leben
- 3:36schritten, wurden durch das Christentum für immer von der
- 3:39Erde verdrängt, wenn wir heute erzogen in dieser christlichen
- 3:43Schule der Skepsis die moralischen Bücher der antiken
- 3:46Philosophen wie Seneca oder Epiktet lesen.
- 3:49Fühlen wir eine gewisse Überlegenheit?
- 3:52Es ist, als ob ein Kind einem alten Mann zuhört oder eine
- 3:55junge Schwärmerin den illusionslosen Schriften von La
- 3:58Roche Foucault lauscht, wir glauben zu wissen, was Tugend
- 4:02wirklich ist, nämlich etwas zerbrechliches und
- 4:06Zweifelhaftes. Nietzsche argumentiert, dass wir
- 4:09diese tiefsitzende Skepsis, die uns das Christentum gelehrt hat,
- 4:12schließlich auch auf alle religiösen Zustände und Vorgänge
- 4:16angewendet haben. Wir haben gelernt, in Phänomene
- 4:19wie Sünde, Reue, Gnade und Heiligung Hineinzugraben und den
- 4:23Wurm des Zweifels zu entdecken. Dadurch verstehen wir heute
- 4:27religiöse Gefühle besser als je zuvor, die Zeit ist nun reif,
- 4:31sagt Nietzsche, dieses Wissen zu nutzen, die alten Frommen
- 4:35Sterben aus, und wir sollten ihr Wesen und ihre Gefühle bewahren,
- 4:39nicht aus Frömmigkeit, sondern für die Erkenntnis Unterkapitel
- 4:44123. Erkenntnis mehr als ein Mittel
- 4:50in diesem Kapitel beschreibt Nietzsche, wie sich die Rolle
- 4:53der Wissenschaft und der Erkenntnis verändert hat.
- 4:56Er argumentiert, dass die Wissenschaft auch ohne eine
- 4:58leidenschaftliche Hingabe an die Wahrheit gewachsen wäre, der
- 5:02gute Glaube an die Wissenschaft, der heute in unseren Staaten
- 5:05herrscht, beruht darauf, dass der unbedingte Drang nach
- 5:08Erkenntnis selten ist. Wissenschaft wird oft nicht als
- 5:12Leidenschaft betrieben, sondern als ein Zustand oder eine
- 5:15Haltung. Ein Ethos oft genügt schon die
- 5:19reine Neugierde, die Eitelkeit oder die Gewohnheit, verbunden
- 5:23mit der Aussicht auf Ehre und ein gutes Einkommen für viele
- 5:27Menschen, die mit ihrer Freizeit nichts anzufangen wissen, ist
- 5:30Wissenschaft nur ein Mittel gegen Langeweile, sie lesen,
- 5:34sammeln, ordnen und beobachten, ihr wissenschaftlicher Trieb ist
- 5:39in Wahrheit nur ihre Langeweile. Nietzsche zitiert Papst Leo, den
- 5:4410., der die Wissenschaft als schönen Schmuck und größten
- 5:47Stolz des Lebens pries. Doch selbst dieser Papst, ein
- 5:51Freund der Künste, verschweigt sein letztes Urteil.
- 5:55Für ihn steht die geoffenbarte Wahrheit und das ewige Heil der
- 5:58Seele weit über jeder Wissenschaft, die Wissenschaft
- 6:02ist aus dieser Perspektive etwas von zweitem Rang, nichts
- 6:05endgültiges, kein Gegenstand der Leidenschaft im Altertum, so
- 6:10Nietzsche, war es ähnlich. Der Wert der Erkenntnis wurde
- 6:13dadurch gemindert, dass selbst ihre eifrigsten Anhänger sie nur
- 6:17als das beste Mittel zur Tugend ansahen.
- 6:20Die entscheidende Wende in der Geschichte ist für Nietzsche,
- 6:23dass die Erkenntnis heute mehr sein will als nur ein Mittel,
- 6:27sie wird selbst zum Ziel und zur Leidenschaft.
- 6:32Unterkapitel 124 im Horizont des Unendlichen.
- 6:38Dieses Kapitel ist eine poetische Metapher für den
- 6:41Aufbruch des modernen Menschen in eine Welt ohne die alten
- 6:44Sicherheiten. Nietzsche beschreibt uns als
- 6:47Menschen, die das feste Land verlassen und mit einem Schiff
- 6:50aufs Meer hinausgefahren sind. Wir haben nicht nur die Brücke
- 6:54hinter uns gelassen, sondern das Land selbst abgebrochen, es gibt
- 6:58kein Zurück mehr. Nun warnt er das Schifflein,
- 7:02Sieh dich vor, der Ozean, der uns umgibt, ist nicht immer
- 7:06stürmisch. Manchmal liegt er da wie Seide
- 7:09und Gold, eine Träumerei der Güte.
- 7:12Aber es werden Stunden kommen, in denen wir erkennen, dass er
- 7:14unendlich ist und dass es nichts furchtbareres gibt als die
- 7:18Unendlichkeit. Er vergleicht den Zustand des
- 7:21modernen Menschen mit dem eines Vogels, der sich frei gefühlt
- 7:24hat, nun aber gegen die Wände seines Käfigs stößt, ein
- 7:28schmerzhaftes Heimweh nach dem Land kann uns überkommen, ein
- 7:32Heimweh nach einer Zeit, in der es scheinbar mehr Freiheit gab.
- 7:36Doch Nietzsche macht klar, es gibt kein Land mehr.
- 7:40Die alten Gewissheiten, die uns halt gaben, sind für immer
- 7:43verschwunden. Wir sind auf dem offenen,
- 7:46Unendlichen Meer und wir müssen lernen, mit dieser neuen,
- 7:50furchterregenden und zugleich befreienden Situation zu leben.
- 7:54Unterkapitel 125 der tolle Mensch dies ist eines der
- 8:02berühmtesten Kapitel in Nietzsches Werk.
- 8:05Es erzählt die Geschichte eines tollen Menschen, der am
- 8:07hellichten Tag mit einer Laterne auf den Marktplatz läuft und
- 8:10schreit, ich suche Gott, ich suche Gott da auf dem Markt
- 8:16viele Menschen versammelt sind, die nicht an Gott glauben,
- 8:19erntet er nur Gelächter. Sie verspotten ihn, hat er sich
- 8:23verlaufen wie ein Kind, hält er sich versteckt oder ist er
- 8:27ausgewandert? Plötzlich springt der tolle
- 8:30Mensch in ihre Mitte und durchbohrt sie mit seinen
- 8:33Blicken. Er ruft, Wohin ist Gott, ich
- 8:37will es euch sagen, wir haben ihn getötet, ihr und ich, wir
- 8:43alle sind seine Mörder. Dann stellt er eine Reihe von
- 8:46dramatischen Fragen um die ungeheure Dimension dieser Tat
- 8:50zu verdeutlichen. Wie konnten wir das Meer
- 8:53austrinken, wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont
- 8:57wegzuwischen, was haben wir getan, als wir die Erde von
- 9:00Ihrer Sonne losgekettet haben. Wohin bewegen wir uns jetzt?
- 9:05Stürzen wir nicht fortwährend ins Leere, ist es nicht kälter
- 9:09geworden, kommt nicht ständig die Nacht, die Menschen auf dem
- 9:13Markt schweigen und blicken ihn befremdet an, da wirft der tolle
- 9:17Mensch seine Laterne auf den Boden, wo sie zerbricht und
- 9:21erlischt, er erkennt, ich komme zu früh, meine Zeit ist noch
- 9:26nicht da, er erklärt, dass dieses ungeheure Ereignis.
- 9:30Der Tod Gottes noch unterwegs ist und noch nicht zu den Ohren
- 9:34der Menschen gedrungen ist. Taten brauchen Zeit, um gesehen
- 9:38und gehört zu werden, selbst nachdem sie geschehen sind.
- 9:42Diese Tat ist ihnen ferner als die fernsten Sterne, und doch
- 9:46haben sie sie selbst vollbracht. Man erzählt sich, dass der tolle
- 9:50Mensch an diesem Tag noch in verschiedene Kirchen ging und
- 9:53dort sein Requiem Eternam Deo, Ewige Ruhe für Gott sang.
- 10:00Als man ihn zur Rede stellte, antwortete er nur.
- 10:03Was sind diese Kirchen denn noch, wenn sie nicht die Grüfte
- 10:06und Grabmäler Gottes sind? Der tolle Mensch ist hier ein
- 10:10Prophet, der die Konsequenzen des wachsenden Unglaubens in
- 10:14Europa erkennt, lange bevor die meisten Menschen es tun.
- 10:18Seine Tollheit besteht darin, dass er die Wahrheit zu früh
- 10:22ausspricht, der Tod Gottes bedeutet für Nietzsche nicht,
- 10:26dass Gott buchstäblich gestorben ist.
- 10:28Sondern dass der Glaube an den christlichen Gott als absolute
- 10:31Grundlage für Moral, Sinn und Ordnung in der westlichen Welt
- 10:35seine Glaubwürdigkeit verloren hat.
- 10:38Die Menschheit steht nun vor der gewaltigen Aufgabe, ohne diese
- 10:41Grundlage leben zu müssen.